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Folgen der Inflation Warum der türkische Staat jetzt Gemüse verkauft

Im Kampf gegen hohe Lebensmittelpreise hat Erdogans Regierung eigene Verkaufsstellen für Gemüse eingerichtet. Doch das macht die Lage für Bauern und Händler noch schlimmer.
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In einem von der Stadt aufgestellten Zelt wird günstiges Gemüse verkauft. Quelle: AFP/Getty Images
Istanbul

In einem von der Stadt aufgestellten Zelt wird günstiges Gemüse verkauft.

(Foto: AFP/Getty Images)

IstanbulDer Istanbuler Taksimplatz ist berühmt für seine Demonstrationen, Aufstände und Protestaktionen. Doch in diesen Tagen bietet der zentrale Knotenpunkt in der türkischen Metropole am Bosporus die Kulisse für eine ganz besondere Art Protest: Der Staat rügt die hohen Gemüsepreise im Land – und wird deswegen selbst zum Lebensmittelhändler.

Die Türkei leidet seit fast einem Jahr unter einer hohen Inflation. Im Schnitt steigen die Preise pro Jahr um 20 Prozent. Die Preise für frische Lebensmittel sind teilweise um bis zu 90 Prozent angestiegen. Und das in einem Land, das wegen seiner fruchtbaren Böden und des guten Klimas mehr Lebensmittel produziert, als die Türken essen können.

Mitten auf dem Taksimplatz hat die Regierung ein großes Zelt aufstellen lassen, betrieben von der Verwaltung Istanbuls. Jeder kann sich dort mit den wichtigsten Zutaten der türkischen Küche eindecken: Tomaten für drei Lira (ca. 0,50 Euro) pro Kilogramm, Kartoffeln für zwei Lira (0,33 Euro), Auberginen für 4,50 Lira (0,75 Euro), Zwiebeln für zwei Lira (0,33 Euro) und Paprika für sechs Lira (ein Euro). „Die Ware ist auch noch frischer als im Discounter“, sagt ein älterer Mann, der gerade mit einer großen Tüte Auberginen die kleine Markthalle am Taksimplatz verlässt.

In Supermärkten kostet die Ware mitunter das Doppelte. Etwa in Antalya, wo nach einem verheerenden Sturm ein Teil der Ernte in Gewächshäusern verloren ging. Auberginen kosten dort nach Angaben der lokalen Vereinigung für Frischwaren bis zu zwölf Lira je Kilo.

Im Schnitt haben die Lebensmittelpreise nach Angaben des türkischen Statistikinstituts Tüik binnen eines Jahres um 30 Prozent zugelegt, das ist der höchste Anstieg seit 2004. Alleine der Tomatenpreis ist im Januar im Vergleich zum Vormonat um 39 Prozent gestiegen. Gurken haben sich demnach binnen 30 Tagen um 53 Prozent verteuert, Auberginen gar um 81 Prozent.

Präsident Erdogan warf Lebensmittelhändlern wiederholt vor, die hohe Inflation auszunutzen und erst recht Wucherpreise zu verlangen. „Wir werden diesen Mördern eine osmanische Ohrfeige verpassen“, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters Erdogan vor wenigen Tagen.

Bußgelder in Höhe von 350.000 Euro

Erdogan kündigte außerdem an, die Regierung werde die „Lebensmittelterroristen“ genauso jagen wie „diejenigen Terroristen, die sich in den Höhlen verstecken“ – eine Anspielung auf den jahrzehntelangen Kampf gegen die Terrororganisation PKK im Land.

Bisher hat der Staat Bußgelder gegen 88 Unternehmen verhängt, die Lebensmittel zu teuer verkauft haben sollen. Die Summe der Bußgelder beträgt laut Handelsministerin Ruhsan Pekcan über zwei Millionen türkische Lira, etwa 350.000 Euro.

Doch die Aktion hat einen großen Haken: Sie kann die Inflationsprobleme nicht lösen. Der Ursprung der Preisexplosion sind nicht hohe Margen, die es zu bekämpfen gilt, sondern hohe Kosten für die Landwirte.

Die Lira hat alleine im Jahr 2018 im Vergleich zum Euro und Dollar rund ein Drittel an Wert verloren. Das bedeutet, dass die Preise für Traktordiesel, importierte Düngemittel und andere in die Türkei eingeführte Maschinen für türkische Landwirte um ein Drittel gestiegen sind.

Yusuf Yilmaz von der Vereinigung der Lebensmittelhändler im südtürkischen Serik – einem der Hauptanbaugebiete für Tomaten – weiß, wozu das führt. Die Tomatenbauern müssten wegen der hohen Produktionspreise ihre Ware für 3,80 Lira pro Kilo an die Händler und den Staat verkaufen, erklärte er kürzlich.

Das heißt: Der Staat macht Verluste, wenn er die Tomaten am Taksim für drei Lira je Kilo veräußert. Der Staat macht Verluste, oder anders ausgedrückt: Der Staat bezahlt die reduzierten Lebensmittel mit den Steuern, die er von den Bürgern einnimmt.

Analysten sind daher skeptisch: „Ich hoffe, dass dies eine Maßnahme ist, die bloß bis zu den Kommunalwahlen bestehen wird, um die Regierung vor einer Wahlschlappe zu schützen“, sagt Inan Demir, führender Volkswirt für Schwellenländer bei Nomura.

Die Aktion ist auf Istanbul und Ankara beschränkt, dort stehen insgesamt 66 Verkaufsstellen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kündigte aber bereits an, künftig das ganze Land zu beliefern. „Nach den Wahlen könnten wir den letzten Winkel des Landes mit Gemüse beliefern“, warnte Erdogan kürzlich vor Händlern.

Mehrere Supermärkte haben bereits nachgezogen und bieten inzwischen dieselben Preise an wie die staatlichen Verkaufsstände, etwa die Discountketten Sok, A101 und BIM, wie die Unternehmen auf ihren Internetseiten bekanntgaben. Wenn die Supermarktketten allerdings ebenfalls billiger verkaufen müssen, als sie die Frischware einkaufen, geht die Aktion nach hinten los.

Die Botschaft aus Ankara ist klar: Wenn die Großmarktverkäufer und Supermärkte nicht mit den Preisen runtergehen, wird der Staat die Preise drücken.

Mehr: Warum eine Rezession in der Türkei immer wahrscheinlicher wird, erklärt Handelsblatt-Korrespondent Ozan Demircan in der Video-Analyse.

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