François Demachy

Die „Chefnase“ sieht sich selbst eher als Handwerker, weniger als Künstler.

(Foto: Dior)

François Demachy Wie Diors Chefparfümeur der Luxusmarke neues Leben einhauchte

François Demachy hat den Umbau von Christian Dior vorangetrieben. Sein Fokus liegt dabei ausgerechnet auf der Vergangenheit des Luxuskonzerns.
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DüsseldorfMit der Nase ist es so eine Sache. Der beste Moment, um zu riechen, ist früh morgens, vor dem Frühstück. François Demachy bestellt daher lieber ein Wasser, als er es sich in einer Berliner Hotellobby gemütlich macht. „Nach dem Kaffee ist der Geruchssinn ruiniert“, sagt der Franzose. „Auch wenn man verärgert ist, funktioniert die Nase nicht.“

Seine aber muss funktionieren. Täglich. Denn Demachy ist oberster Parfümkreateur von Christian Dior, die „Chefnase“. Seit zwölf Jahren entwickelt Demachy, Jahrgang 1949, die Düfte für die Pariser Luxusmarke, die noch immer den Namen ihres Gründers trägt. Der Mann, der einst vom Konkurrenten Chanel kam, hat Diors Parfümsparte seitdem grundlegend verändert.

Er überzeugte das Management davon, Diors alten Landsitz zu kaufen, ein neues Kreationslabor einzurichten, wieder selbst Blumen anzubauen und teure Luxuskollektionen aufzulegen. Er wollte selbst Herr darüber sein, welche Ingredienzen in die Düfte der Marke kommen, welche Rohstoffe verwendet werden, welche Partnerbetriebe zuliefern. Heute kommt alles aus Dior-Hand, Zulieferer gibt es nur noch sehr wenige und ausgewählte. Die Dior-Führung ließ sich darauf ein – es sollte ein Erfolg werden.

Die neueste Kreation von François Demachy Quelle: Dior
Sauvage

Die neueste Kreation von François Demachy

(Foto: Dior)

Demachys größter Clou war der Rückgriff auf die ruhmreiche Firmengeschichte. In Montauroux, eine halbe Autostunde von Grasse entfernt, steht das Château de La Colle Noire, ein mit Efeu bewachsenes Anwesen, umgeben von Rosenfeldern. Christian Dior kaufte die Villa 1951.

Nach seinem Tod 1957 wurde es als Ferienhaus vermietet, für Hochzeiten genutzt, war dann jahrelang verlassen. „Der Garten war wie ein Dschungel“, erinnert sich Demachy. 2013 kauft Dior das Anwesen zurück – auf Drängen Demachys. „Man kann nichts Neues erfinden, ohne seine Geschichte zu kennen“, sagt der Franzose.

Sein Vorstandschef Claude Martinez zögerte erst. Allein die Renovierung war teurer als der Kauf. Die Decke war in schlechtem Zustand, das Dach voller Asbest. Für Demachy aber war es ein Gesamtkunstwerk: das Schloss, ein neues Labor, die Blumenfelder. „Einige Millionen Euro sind da schon reingewandert“, sagt Demachy. „Aber es hat sich voll und ganz gelohnt.“

Die Nase trainiert er täglich

Seit der Umbau abgeschlossen ist, folgt ein Rekordjahr auf das nächste. Im Geschäftsjahr 2017 machte Diors Parfüm- und Kosmetiksparte 5,56 Milliarden Euro Umsatz – ein Plus von zwölf Prozent verglichen mit dem Vorjahr. Der Gewinn lag bei 600 Millionen Euro – ein Plus von neun Prozent.

Demachy kennt die Parfümerie von klein auf. Er wächst auf in Grasse, einer 50.000-Einwohner-Stadt im Hinterland der Côte d‘Azur. Seit dem Mittelalter ist der Ort fürs Gerberhandwerk bekannt, vor 400 Jahren begannen sie hier, duftende Handschuhe zu verkaufen – die Geburt des Parfümgeschäfts. Demachy, dessen Vater im Ort eine Apotheke führte, wird groß zwischen Blumenwiesen und Duftfabriken. „Als ich ein kleiner Junge war, drehte sich alles ums Parfüm“, erinnert er sich. „Jeder Schüler in Grasse hat damals in den Sommerferien auf den Feldern gearbeitet.“

Der Duft von Lavendel, Eichenmoos oder Anis – für den jungen François alltäglich. „Wenn ich als 17-Jähriger morgens aus der Disco kam, lief ich immer durch Jasminfelder“, erzählt er. Bei Charabot, einer der Fabriken, beginnt Demachy zu arbeiten, besucht später die International Perfumery School – natürlich sitzt auch die in Grasse. 1978 heuert er dann bei Chanel an, 1990 gelingt ihm mit „Égoïste“ ein Welterfolg. Demachy wird zur Supernase.

„Alles beginnt mit einer Idee“, sagt Demachy. Wenn er etwas rieche, versuche er es immer zu analysieren. „Es ist wie ein Reflex.“ Seine Nase, sein Geruchsgedächtnis trainiert er jeden Tag. Oft geht er dafür auf den Pariser Flohmarkt Saint-Ouen. Er liebt den Geruch der alten Möbel, verbringt viel Zeit in Museen, sammelt Zeichnungen und Skulpturen. „Kunst ist für mich sehr wichtig“, sagt Demachy, „sie ändert die Art und Weise, wie man etwas betrachtet.“ Das ist essenziell in seinem Job. „Wir wissen, wohin wir bei einem Duft gehen wollen. Aber manchmal ändern wir den Weg dorthin.“

Meist schreibt er Rezepte am Nachmittag auf, seine vier Mitarbeiter im Labor mischen die Formeln an. Am nächsten Morgen dann die Geruchsprobe. In Paris lagern bei Dior 2500 verschiedene Rohmaterialien. Mindestens 15 Tage lassen sie den fertigen Duftmix ruhen, er muss durchziehen, reifen. Danach erst kommen Alkohol und Farbstoffe dazu. Bis ein neues Parfüm auf den Markt kommt, vergehen etwa zwei Jahre, bis zu 20 Personen haben teil am Entwicklungsprozess. „Mein Part dauert meist um die sechs Monate“, sagt Demachy.

Die neueste Kreation des vierfachen Vaters heißt „Sauvage“, ein Männerduft. Er läuft erfolgreich, in nahezu jedem Flughafen-Duty-Free in Europa lächelt dem Besucher Werbefigur Johnny Depp entgegen. Gleichzeitig hat Demachy eine Luxus-Kollektion gestartet. Die 25 Düfte der „Collection Privée Christian Dior“ werden unisex verkauft, enthalten seltene Inhaltsstoffe – und starten bei 198 Euro für den 125-Milliliter-Flakon. Hochpreisig, aber auch höchst aufwendig: Für ein Kilogramm reinster Duftkonzentration werden bis zu 750 Kilogramm Rosenblätter benötigt.

Ende April, die Branche trifft sich bei den „Duftstars“, dem alljährlichen Klassentreffen in Berlin, im Tempelhofer Flughafen. Beim Flying Buffet kommt der Zitronenspritzer für das Roastbeef aus einem Flakon. 45 Minuten nach Beginn kommt Demachy hereinspaziert, läuft geduckt über den lila Teppich, setzt sich in die erste Reihe. Kurze Zeit später bekommt er den Preis als „Personality Parfumeur“, bei den Film-Oscars wäre es der fürs Lebenswerk.

Fast überrumpelt schaut Demachy aus, als er den Preis entgegennimmt, dabei war es keine Überraschung. Er winkt kurz in Richtung Publikum. Seine Frau Alexandrine kommt auf die Bühne – und übersetzt für ihn auf Deutsch, für die Straßburgerin ein Leichtes. „Ich bin sehr gerührt“, sagt Demachy. Vor zwei Jahren wurde er auch in Italien ausgezeichnet. Eine perfekte Repräsentation seiner Arbeit: „Italien ist die Fantasie, Deutschland die Technik“, sagt er. Eine gute Mischung. „So wie Ferrari und Porsche.“

Exklusive Blumenzüchter

Demachy will kein Künstler sein, er sieht sich selbst eher als Handwerker, als Koch, der die Zutaten zusammenmischt. Er steht nicht gern im Mittelpunkt, ist eine stille, bescheidene Person, so beschreiben ihn Kollegen. Aber auch jemand, der genau weiß, was er will. Eine von Demachys Bedingungen, als er zu Dior kam: nur noch das Beste. „Früher hatten wir auch Duftstoffe von Zulieferern“, sagt er. „Heute machen wir das nicht mehr, nehmen von extern nur noch das Rohmaterial.“ Mit sechs Blumenzüchtern arbeitet er in Grasse exklusiv zusammen.

Demachy schaut oft bei den Produzenten vorbei. Gern auch mit Jacques Cavallier zusammen, dem Parfümkreateur von Louis Vuitton. Denn die Parfüms von Dior gehören zur Luxusgruppe LVMH – und damit dem Milliardär Bernard Arnault, der im Jahr 2017 auch die restlichen Anteile von Diors Modelabel übernahm. Für Franz-Maximilian Schmid-Preissler war die neue Strategie überfällig. „Bernard Arnault hat die Marke alt werden lassen, sie vor sich hinleben lassen“, sagt der Berater und Luxus-Experte vom Tegernsee.

All die anderen Marken im LVMH-Reich habe Arnault viel strikter geführt und neu positioniert. „Bei Dior hat er die Zügel lockerer gelassen. Wohl auch, weil es für ihn eine der ersten Marken war, die er in den 80ern übernommen hat“, glaubt Schmid-Preissler. „Er konnte schwer loslassen und sein Baby dem Management anvertrauen.“ Der Rückgriff auf die Vergangenheit und die Premium-Parfüms seien kluge Schachzüge, findet Schmid-Preissler. „Es gibt nur wenige Marken, die so eine starke DNA haben – und sich solch einen Schritt erlauben können.“

Veränderungen, sie dauern im Parfüm-Business eben etwas länger. Als François Demachy noch bei Chanel arbeitete, sollte er etwas am Klassiker „No.5“ ändern. Alle Beteiligten waren davon überzeugt. „Aber am Ende, als die Entscheidung zu fällen war, wurde es nicht gemacht“, erzählt Demachy.

Wohl mit ein Grund, warum er zu Dior wechselte. So ruhig er nach außen auch wirkt, so sehr braucht er neue Herausforderungen. Viele Jahre fuhr er Autorennen, ist Finisher des New York Marathons, lief auch beim Marathon des Sables mit – einem Lauf in der Wüste Marokkos. Bei Dior fühlt er sich nun viel freier, kann tun und lassen, was er will. Eine Freiheit, die er zu nutzen weiß. „Das Einzige, was ich nicht in Unmengen habe“, sagt Demachy, „ist Zeit.“

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