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Geschäftsbericht Trotz steigender Schulden schüttet Otto Rekordsummen aus

Die Otto-Gruppe will 100 Millionen Euro zusätzlich in die Modernisierung des Onlinehandels stecken. Doch fast genauso viel Geld fließt an die Inhaberfamilie.
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90 Millionen Euro flossen nach Angaben eines Sprechers im vergangenen Geschäftsjahr in die Stiftungskasse sowie direkt an Familienmitglieder. Quelle: dpa
Michael Otto

90 Millionen Euro flossen nach Angaben eines Sprechers im vergangenen Geschäftsjahr in die Stiftungskasse sowie direkt an Familienmitglieder.

(Foto: dpa)

HamburgMichael Otto ist nicht von ungefähr Ehrenbürger seiner Heimatstadt Hamburg: Die Stiftungen des Chefaufsehers der Otto-Gruppe haben viele Millionen Euro in gemeinnützige Aktivitäten gesteckt. Vor vier Jahren brachte er sogar seine gesamten Firmenanteile in eine neu gegründete soziale Stiftung ein, die vor allem Kinder und Jugendliche unterstützen soll.

Doch was der Jugend hilft, belastet das Unternehmen. Denn die Stiftung braucht Ausschüttungen, um endlich mit ihrer Arbeit beginnen zu können. Zugleich muss auch das Unternehmen hohe Investitionen stemmen, um den dringend notwendigen Umbau des einstigen Versandhauses zum Digitalkonzern zu bewältigen.

Zuletzt hat sich Michael Otto in dem Zielkonflikt offenbar zugunsten der Stiftung entschieden: 90 Millionen Euro flossen nach Angaben eines Sprechers im vergangenen Geschäftsjahr in die Stiftungskasse sowie direkt an Familienmitglieder. Das ist kaum weniger als die angekündigten 100 Millionen Euro Zusatzausgaben für die Modernisierung von Otto.de, das digitale Kernprojekt des Konzerns.

An anderer Stelle muss sich das Unternehmen das Geld zurückholen – in Form von Bankkrediten und recht hoch verzinsten Anleihen. Eine Folge: Die Nettofinanzverschuldung ist deutlich um 9,2 Prozent auf 2,74 Milliarden Euro gestiegen.

Insgesamt hat die Otto-Gruppe im vergangenen Geschäftsjahr sogar so viel Geld an ihre Gesellschafter ausgeschüttet wie seit mindestens neun Jahren nicht – darunter auch an einen französischen Partner und eine familieneigene Grundstücksgesellschaft. Das zeigt der Geschäftsbericht, den das Familienunternehmen in dieser Woche veröffentlicht hat.

Denn nicht nur die Familie profitiert: 27 Millionen Euro flossen an Mitarbeiter und sonstige Berechtigte. Weitere Ausschüttungen von 37,6 Millionen Euro gingen für Mieten und Verkäufe an eine Grundstücksgesellschaft, die laut dem Firmenverzeichnis „Markus“ von Michael Ottos ökologisch engagierter Umweltstiftung kontrolliert wird.

Zudem flossen weitere 58,8 Millionen Euro als Gewinnausschüttung an ein französisches Gemeinschaftsunternehmen mit der Industriellenfamilie Mulliez. Insgesamt summierten sich die Ausschüttungen, die die Otto-Gruppe verkraften musste, auf 212,8 Millionen Euro. Das sind rund neun Millionen Euro mehr als im Vorjahr und deutliche 147 Millionen Euro mehr als im vorletzten Jahr.

Ein Sprecher betonte, die Familie Otto habe zwei Jahre auf Ausschüttungen verzichtet, als das inzwischen verkaufte Frankreich-Geschäft Verluste verursachte: „In den Jahren 2015/16 und 2016/17 wurden keine Bar-Ausschüttungen an die Otto-Gesellschafter geleistet wegen der Sondersituation, dass die aufgegebenen Geschäftsbereiche in Frankreich Verluste aufwiesen.“ Anschließend habe sich in den vergangenen beiden Jahren das Ausschüttungsverhalten schlichtweg wieder normalisiert.

Insgesamt sei die Ausschüttungspolitik „moderat“, die Gesellschafter achteten stets darauf, dass sie nicht zu viel entnähmen, sagte der Sprecher. Berechnungsgrundlage der Rekordausschüttung sei das Jahr 2017/18, in dem der Teilverkauf des Modehändlers About You das Ergebnis getrieben hat – ein Sondereffekt.

Die künftigen Zinslasten wachsen

Allerdings: Die zuletzt außergewöhnlich hohe Ausschüttung belastete direkt das Eigenkapital, eine viel beachtete Kennzahl für die Finanzkraft. Offenbar sah die Gruppe Handlungsbedarf: 2018 polsterte Otto die Kennzahl mit einer aufwändigen Operation um 300 Millionen auf. Das Unternehmen hat dazu eine recht hoch verzinste Wandelanleihe begeben, die so speziell ausgestaltet ist, dass sie zum Eigenkapital zählt.

Die erfolgreiche Platzierung sollte laut Geschäftsbericht auch ein Signal an die Banker sein, die Eigenkapitalquote stieg leicht auf 17,7 Prozent. Zugleich wuchsen jedoch die künftigen Zinslasten.

Dabei ist das Unternehmen renditeschwach. Nur eine der drei Gruppen-Sparten läuft derzeit operativ gut: die vergleichsweise kleine Finanzsparte mit dem Inkassodienstleister EOS. Operativ (Ebit) verdiente der Bereich im abgelaufenen Geschäftsjahr 322 Millionen Euro. Die beiden anderen Sparten sind mitten um strategischen Umbau: Im Einzelhandel kamen trotz über zehn Milliarden Euro Umsatz nur magere 25 Millionen Euro Betriebsgewinn zusammen, in der dritten Sparte um den Paketlogistiker Hermes fiel sogar ein operativer Verlust von 33 Millionen Euro an.

Auch der freie Cash-Flow der Gruppe spricht nicht für weitere hohe Ausschüttungen: Die Kennzahl, die die freien erwirtschafteten Mittel angibt und ein Indikator für die operative Leistungsfähigkeit ist, rutschte im abgelaufenen Geschäftsjahr mit 213 Millionen Euro deutlich ins Minus. Im Vorjahr war der Wert noch positiv mit 243 Millionen Euro.

Das erhöht das Verlangen, frisches Geld heranzuholen: Im noch jungen laufenden Geschäftsjahr hat Otto bereits 250 Millionen Euro über eine weitere, herkömmliche Anleihe aufgenommen. Zudem kommt Geld in die Kasse durch einen vor einer Woche vollzogenen Verkauf eines Mehrheitsanteils an einem Fonds des Otto-Start-up-Entwicklers eVentures.

Der auf den letzten Tag des Geschäftsjahres 2018/19 datierte Deal mit Industry Ventures aus San Francisco sicherte bereits im abgelaufenen Geschäftsjahr bilanziell den größten Teil des Jahresüberschusses von 177 Millionen Euro. Finanzchefin Petra Scharner-Wolff konnte nämlich dank der Vereinbarung den Fonds neu bewerten und so den ausgewiesenen Konzerngewinn um 133 Millionen Euro hochschrauben.

Der kalifornische Käufer der Fondsanteile sieht sich laut Selbstbeschreibung als „Lieferant für flexible Kapital-Lösungen im Venture-Ökosystem“. Ohne sein unerwartetes Hinzukommen sowie weitere anstehende Verkäufe hätte die Gruppe nur einen deutlich geringeren Jahresüberschuss im zweistelligen Millionenbereich ausweisen können – im Vergleich zum Umsatz von 13,4 Milliarden Euro fast nichts.

Entlastung bringt auch, dass der Online-Modehändler About You seit dem Teilverkauf vor zwei Jahren nicht mehr voll ins Konzernergebnis eingeht. Der junge Mode-Shop schrieb 2018/19 unverändert rund 115 Millionen Euro Verlust.

Die Herausforderungen in der Gruppe bleiben hoch, der Investitionsbedarf auch – und die Mittel knapp. Aktuell will sich die Familie wieder mit geringeren Zahlungen begnügen. Die Gruppe plane für die noch im Mai anstehende Ausschüttung nur noch einen „unteren zweistelligen Millionenbetrag“ ein, sagte der Sprecher.

Mehr: Überall dabei, nirgends vorn: Otto droht sich an der Digitalisierung zu verheben

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