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Gesundheitsbranche Allianz gegen Amazon: Arzt, Apotheke und Abrechnung in einer App

Deutschlands größter Pharmahändler Phoenix entwickelt mit anderen Unternehmen ein zentrales Gesundheitsportal. Nutzer sollen Informationen, Medikamente und Dienstleistungen an einem Ort bekommen.
09.07.2020 - 06:16 Uhr Kommentieren
Auch das Angebot der Smartphone-App „Deine Apotheke“ des Pharmagroßhändlers Phoenix soll in das neue digitale Gesundheitsportal integriert werden. Quelle: Phoenix
Per Smartphone auf die Gesundheitsplattform

Auch das Angebot der Smartphone-App „Deine Apotheke“ des Pharmagroßhändlers Phoenix soll in das neue digitale Gesundheitsportal integriert werden.

(Foto: Phoenix)

Berlin, Frankfurt Onlinehandel, Videosprechstunde und elektronisches Rezept: Digitale Technologien verändern die Gesundheitsbranche, und zwar rasant. Für viele Anbieter im Markt ist es daher nur noch eine Frage der Zeit, dass internationale E-Commerce-Giganten wie Amazon und Alibaba auch hierzulande breit in den Markt einsteigen – etwa in den Handel mit rezeptfreien und verschreibungspflichtigen Medikamenten.

Um sich für dieses Szenario zu wappnen, haben sich führende Unternehmen aus Pharmahandel und Apothekenmarkt zusammengeschlossen. Sie wollen noch in diesem Jahr eine zentrales Gesundheitsportal für Deutschland an den Start bringen. „Wir wollen erstmals möglichst viele Leistungserbringer im Gesundheitsbereich über eine offene Plattform vernetzen und unter einer Website bündeln und so für Patienten und Nutzer echten Mehrwert schaffen“, sagt Phoenix-Deutschlandchef Marcus Freitag.

Der größte deutsche Pharmahändler Phoenix mit rund 26 Milliarden Euro Umsatz ist eines der Unternehmen hinter dem neuen Portal. Zweiter großer Partner ist die Apothekeninitiative Pro AvO. Das ist ein Zusammenschluss aus dem apothekeneigenen Warenwirtschafts- und Abrechnungsdienstleister Noventi, dem Warenlagerspezialisten Rowa, den beiden Pharmagroßhändlern Gehe und Sanacorp sowie dem Wort und Bild Verlag, der unter anderem die auflagenstarke Zeitung „Apotheken Umschau“ publiziert.

Phoenix und Pro AvO, ursprünglich Anbieter konkurrierender Plattformen, haben sich für die neue gemeinsame Kundenplattform zu einem Joint Venture zusammengeschlossen. Die Initiatoren des Projekts gehen davon aus, dass allein durch die Integration ihrer bestehenden digitalen Aktivitäten das Portal bereits zum Start die größte Gesundheitsplattform in Deutschland sein wird.

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    „Unser Ziel ist es, dass wir innerhalb eines Jahres einen Großteil der Apotheken, Ärzte, Pfleger und Heilberufe in Deutschland an unsere Plattform anbinden werden können“, sagt Phoenix-Deutschlandchef Freitag. Phoenix zähle auf seiner Apothekenplattform „Deine Apotheke“ bereits jetzt 5000 Pharmazeuten und eine sechsstellige Zahl an Nutzern an Bord. Und der Wort und Bild Verlag kam mit der „Apotheken Umschau“ im ersten Quartal dieses Jahres laut IVW auf eine Gesamtauflage von fast 8,3 Millionen Exemplaren und erzielt mit der Marke auch im Internet eine hohe Reichweite.

    „Unser Problem ist, was außerhalb passiert“

    Marcus Freitag vergleicht das Vorhaben mit der US-amerikanischen Serie „Game of Thrones“, in der Königreiche um die Macht kämpfen und ein riesiger Eiswall vor Gefahren von außen schützt. „Unser Problem ist nicht, was innerhalb der Mauer passiert – also innerhalb unserer Kernbranche – sondern das, was außerhalb passiert“, sagt er. „Dort sehen wir, dass globale Player mit aller Macht auf den Gesundheitsmarkt drängen.“ Deswegen ergebe es Sinn, dass sich Anbieter zusammentun, um eine Antwort darauf zu bieten.

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    Die neue Gesundheitsplattform, deren Name noch geheim ist, soll online und via Smartphone-App für jeden erreichbar sein. „Die App wird als zentrale Anlaufstelle für Nutzer fungieren“, sagt Noventi-Chef Hermann Sommer und gibt ein Beispiel. „Ein Patient möchte sich telemedizinisch beraten lassen und findet über unsere Plattform einen Arzt“, sagt er. Die App leite den Nutzer dann an den Telemedizin-Anbieter weiter. Im Anschluss schicke ihn das Programm wieder zurück auf die Plattform, um dort ein Medikament bei einer Apotheke seiner Wahl zu bestellen.

    Gleichzeitig könne der Arzt die Abrechnung mit der Krankenkasse ebenfalls über das System vornehmen. „Unser System wird damit im Grunde genommen eine Vereinigung bestehender komplementärer Systeme auf einer Plattform.“ Mit einem Log-in sollen Nutzer alle Leistungserbringer erreichen können und die Angebote der Partner nur noch im Hintergrund arbeiten. Die Plattform stehe dafür allen Anbietern offen.

    Mehr als 390 Milliarden Euro werden jährlich in Deutschland für Gesundheit ausgegeben. Allein der Apothekenmarkt steht zu Herstellerabgabepreisen gerechnet für rund 38 Milliarden Euro Umsatz und ist im vergangenen Jahr um sechs Prozent gewachsen. Seit Jahren legt allerdings der Onlinehandel mit Medikamenten schneller zu als der Verkauf in den rund 19.000 Vor-Ort-Apotheken.

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    Insbesondere die großen ausländischen Versandapotheken wie das zu der Zur Rose Gruppe gehörende Portal Doc Morris oder die Shop Apotheke haben sich mittlerweile mit jeweils einigen Hundert Millionen Euro Umsatz an die Spitze des Marktes gesetzt. Die größte Konkurrenz sieht Phoenix-Deutschlandchef Freitag aber nicht in den Versandapotheken, sondern „vielmehr in Amazon und Alibaba“, sagt er.

    Die Bedrohung, die von Amazon im Apothekenmarkt für etablierte Player ausgehen könnte, zeigen sich in der Einschätzung der Konsumenten: Nach einer Umfrage der Beratungsgesellschaft Sempora unter 1164 Konsumenten haben 86 Prozent der Befragten einen Amazon-Account. Ein Drittel hat bereits bei Amazon nach Medikamenten gesucht und 22 Prozent haben sie darüber auch schon gekauft. 43 Prozent der Befragten würden beim Medikamentenkauf Amazon sogar anderen Versandapotheken vorziehen.

    Keine Hürde für Amazon

    Aktuell ist Amazon im deutschen Medikamentenmarkt nicht selbst als Versandhändler aktiv, sondern gibt lokalen Apothekern auf seinem Marketplace Raum zum Handeln. Als Kapitalgesellschaft darf das Unternehmen keine Medikamente verkaufen, das ist nur approbierten Apothekern erlaubt. Allerdings wäre diese Hürde für den Multimilliardenkonzern mit einer Marktkapitalisierung von umgerechnet mehr als 1,3 Billionen Euro schnell zu überwinden, sei es durch den Kauf einer ausländischen Versandapotheke oder den Aufbau einer eigenen.

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    Ulrich Zander, geschäftsführender Gesellschafter der Beratungsgesellschaft Sempora, nennt Amazon das sogenannte „Dark Horse“, das unbekannte Pferd im Rennen. „Es wird viel spekuliert, wo es gerade steht – aber die meisten sind sich sicher, dass es das schnellste Pferd sein wird“, sagt er. Der Markt sei derzeit im Aufbruch, und die Teilnehmer hätten große Möglichkeiten. „Da ist es sehr sinnvoll, wenn Anbieter aus unterschiedlichen Wertschöpfungsstufen ihre Kräfte bündeln, um gemeinsam in neue Angebote zu investieren und so mehr zu erreichen“, sagt er mit Blick auf das Vorhaben von Phoenix und Pro AvO.

    Um bei der zunehmenden Digitalisierung der Branche und der geplanten Einführung des E-Rezepts im Markt nicht abgehängt zu werden, haben verschiedene etablierte Player in den vergangenen Monaten eigene digitale Apothekenplattformen gegründet.

    Neben Pro AvO, der Initiative „pro Apotheke vor Ort“ gibt es beispielsweise auch den „Zukunftspakt Apotheke“, in dem sich der genossenschaftliche Pharmahandel Noweda sowie die inhabergeführten Pharmahändler mit dem Medienkonzern Hubert Burda Media zusammengeschlossen haben, der unter anderem mit den Portalen Netdoktor und Jameda im Gesundheitsbereich aktiv ist. Auch die ausländischen Versandapotheken bauen ihren Medikamentenhandel zu Gesundheitsportalen aus.

    Telemedizin, Terminbuchung und Apotheke

    In dem Joint Venture von Phoenix und Pro AvO sollen die konkurrierenden Angebote nun ihre Eigenständigkeit verlieren. „Es wird eine einzige Marke geben, unter der all diese Produkte geführt werden“, sagt Phoenix-Deutschlandchef Freitag. Auf der bestehenden Technologie solle aufgebaut werden.

    Auf dem Pro-AvO-Portal Apora etwa, das nun unter dem neuen Plattform-Namen starten soll, können Nutzer Medikamente in den Warenkorb legen und daraufhin sehen, welche teilnehmenden Apotheken in ihrer Nähe sie zu welchen Preisen anbieten. Das Portal soll mit den Warenwirtschaftssystemen der Apotheken gekoppelt werden, damit Nutzer in Echtzeit prüfen können, welche Medikamente vorrätig sind.

    Offen ist derweil allerdings noch eine wesentliche Frage: Nämlich die, wie Mitglieder der Plattform vergütet werden. Es sei denkbar, dass das Joint Venture einen Monatspreis für die Leistungserbringer festlegt, eine Transaktionsgebühr verlangt oder beides, sagt Freitag. Für den Verbraucher soll die Plattform immer kostenlos bleiben. Auch nach welchem Modell Telemedizin-Anbieter an die Plattform angedockt werden könnten, ist noch offen.

    Denkbar ist, dass das Angebot von Noventi-Partner Zava dort integriert wird. „Unsere zweite Stärke ist, dass wir ein Angebot aus möglichst vielen komplementären Gesundheitsdienstleistungen wie Telemedizin, Terminbuchung und Apotheke bieten werden“, sagt Noventi-Chef Sommer. Auch Heilberufe, Pflegedienste und Sanitätshäuser sollen über die Plattform erreicht werden können. „Wir sind überzeugt, damit langfristig konkurrenzfähig zu sein.“

    Mehr: Shop-Apotheke startet Expressversand und digitalen Marktplatz

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