Hamburger Reeder Erck Rickmers „Wir hatten nicht mehr viel außer unserem Namen“

Erck Rickmers gehört zu den renommiertesten Vertretern der deutschen Schifffahrt und gibt nur selten Interviews. Mit dem Handelsblatt sprach der Hamburger Reeder über Familientradition, Rückschläge und die Fehler der Branche.
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Reeder Erck Rickmers: "Viele haben gedacht, die normalen Gesetze des Marktes seien außer Kraft gesetzt." Quelle: E.R. Rickmers

Reeder Erck Rickmers: "Viele haben gedacht, die normalen Gesetze des Marktes seien außer Kraft gesetzt."

Handelsblatt: Herr Rickmers, pro Jahr besuchen mehr als 140 000 Menschen das Museumsschiff „Rickmer Rickmers“ an den Hamburger Landungsbrücken. Empfinden Sie Ihren bekannten Namen im Alltag als Fluch oder Segen?

Erck Rickmers: Beides. Wenn ich mich irgendwo vorstelle, sagen die Leute meist: „Ach, wie das Schiff“. Ein traditionsreicher Name verpflichtet, das habe ich früh gelernt. Wenn ich mich in der Schule in Bremerhaven nicht wie gewünscht benahm, hieß es bei den Lehrern zuweilen: „Du meinst wohl, Du kannst Dir das leisten.“

Haben Sie darunter gelitten?

Ja. Unsere Mutter hat darauf geachtet, dass meine Geschwister und ich bescheiden bleiben. Sie hat uns animiert, auf Menschen zuzugehen, unabhängig von Rang und Namen.

Warum firmieren Sie nicht unter Ihrem Namen, sondern nutzen lediglich die Initialen E.R.?

Als mein Bruder Bertram und ich uns vor 14 Jahren unternehmerisch trennten, wollte ich etwas ganz Neues aufbauen. Die Rickmers-Linie gehörte damals zu Hapag-Lloyd und auch mein Bruder nutzte seinen Namen als Firma. Durch Professionalität und Zuverlässigkeit haben wir E.R. Schiffahrt im Laufe der Jahre zu einer eigenen Marke gemacht.

Sieg und Niederlage sind Ihnen vertraut. 1985 ging die Familienwerft Rickmers in Bremerhaven pleite. Eine unternehmerische Wunde, die Sie heilen wollten?

Die Rickmers-Linie war verkauft, die Werft insolvent. Menschen, die uns zuvor geschmeichelt hatten, wandten sich von uns ab. Die Werft hatte 1 300 Mitarbeiter in einer Stadt mit 130 000 Einwohnern – da können sie sich nicht verstecken. Wir hatten nicht mehr viel außer unserem Namen. Ich habe es am Anfang meiner unternehmerischen Karriere als Mission empfunden, diesen wieder aufzubauen.

Das war vor 18 Jahren. Heute sind Sie erfolgreich. Was gönnen Sie sich?

Ich segele sehr gern und habe bereits zweimal den Atlantik überquert. Ansonsten habe ich mir gerade ein Schiff bauen lassen, allerdings keine Jacht, sondern eine etwas kleinere Ausgabe eines Börteboots, wie es die Helgoländer traditionell nutzen. Das Boot war ein Kindheitstraum, ich habe die schweigsamen Fischer mit ihrer Piepe im Mundwinkel von klein auf bewundert.

Sie verbindet viel mit Helgoland?

Unsere Familie stammt aus Helgoland, wir haben dort unsere historischen Wurzeln. In den Kirchturm ist die Grabplatte eines 1702 gestorbenen Ahnen eingelassen, dem ich meinen Vornamen verdanke. Auf der Grabplatte des erst im 83. Lebensjahr verstorbenen „Schiffers und Commodiristen“ Erck Rickmer, stehen zwei Sätze, die mir viel bedeuten: „Ich habe die Welt überwunden mit vielen zwären Stunden. Ich bekomme doch zu Lohn die ewige Freudenkron.“

Was entnehmen Sie dieser Inschrift?

Dass räumlich und inhaltlich Grenzen überschritten werden müssen, wenn man sich weiter entwickeln will. Dass man dabei auch ,zwäre' – also schwere – Stunden ertragen muss. Dass man nicht aufhören darf, zuversichtlich nach vorn zu blicken. Aber auch: Jenseits unseres Lebens existiert eine andere Dimension. Das relativiert die Dinge und schafft eine innere Distanz.

Und was bedeutet das für Sie als Unternehmer?

Ich bin mir bewusst, dass unsere Branche riesig ist. Es gibt Tausende von Reedern. Wir dürfen uns nicht zu wichtig nehmen. Die Weltschifffahrt würde ohne die Rickmers weiterlaufen.

Als Reeder kennen Sie das Auf und Ab der Märkte. So tief wie 2009 ist die Schifffahrt nie zuvor eingebrochen. War nach Jahren des Booms kein Ende absehbar?

Der Erfolgszyklus war außerordentlich lang. Viele haben gedacht, die normalen Gesetze des Marktes seien außer Kraft gesetzt. Umso bitterer war das Erwachen.

Wie haben Sie reagiert?

Als sich die Krise im Oktober 2008 voll entfaltete, war ich mit der Familie auf Reisen. Ich hatte zwei Wochen frei, saß aber dauernd vor dem Computer und beobachtete, wie nahezu alle Märkte zusammenbrachen. Anschließend habe ich ein Konzept geschrieben, mit dessen Realisierung wir gleich nach meiner Rückkehr ins Büro angefangen haben. Drei Dinge waren entscheidend: Wir mussten unser Orderbuch entlasten, die Finanzierung sicherstellen und unsere Mitarbeiter auf einen harten und flexiblen Einsatz einschwören. Eine Krise fördert die Kreativität.

Wie sicherten sie die Finanzierung in der Krise?

Die haben wir zum Glück rechtzeitig in trockene Tücher gebracht. Um schnell Eigenkapital einzuwerben, haben wir auf dem Ende 2008 zusammenbrechenden Markt für Schiffsbeteiligungen unsere Vertriebskräfte gewaltig erhöht, indem wir Mitarbeiter aus anderen Bereichen hinzugezogen haben. Wir sicherten ihnen zu, keine betriebsbedingten Kündigungen vorzunehmen, haben dafür aber Flexibilität und vollen Einsatz verlangt.

Sie bauten auf einem zusammenbrechenden Markt den Vertrieb aus? Nicht gerade ein Rezept aus dem Lehrbuch.

Es hat geklappt. Während das eingeworbene Volumen bei Schiffen 2009 um 72 Prozent eingebrochen ist, haben wir 140 Mio. Euro eingesammelt und sind Marktführer geworden. Unsere Mitarbeiter haben sich reingehängt.

Und wir dachten, die Anleger mieden Schiffsbeteiligungen.

Das stimmt so nicht. Tausende von Anlegern sind seit Jahren investiert und kennen das zyklische Geschäft. Vergleichen Sie die Rendite dann mit ihren Aktien oder sonstigen Investments, fällt die in der Regel vorteilhaft aus.

Jetzt erholt sich die Schifffahrt zunehmend. Wie groß ist das Risiko eines Rückschlages?

Das Risiko ist nicht von der Hand zu weisen. Das Schlimmste liegt hinter uns. Aber viele Probleme, die der Weltfinanz- und Weltwirtschaftkrise zugrunde lagen, sind nicht gelöst und Strukturen nicht bereinigt. Sollte es einen weiteren größeren Rückschlag geben, wird es für die Branche schwierig. Die finanziellen Reserven vieler Reedereien sind abgeschmolzen.

Die Öffentlichkeit hat ein zwiespältiges Bild von Reedern. In der Boomphase wurde viel Geld verdient, in der Krise kam schnell der Ruf nach Staatshilfe. Ärgert Sie das schlechte Image?

Ich glaube, dass einzelne Reeder Fehler in der Kommunikation gemacht haben. Vor der Krise war das Image der Branche gut. Viele Politiker haben jetzt zu Unrecht das Gefühl: Die Reeder klagen auf hohem Niveau. Die bauen ihre Schiffe in Korea, fahren unter ausländischer Flagge und wollen zuhause auch noch Hilfe. Auch wenn es etwas dauern wird: Wir müssen dieses Bild wieder korrigieren. Das maritime Cluster in Deutschland ist eine Erfolgsstory mit hohem volkswirtschaftlichen Nutzen.

Das Geschäft mit Schiffen prägt seit fünf Generationen die Familie Rickmers

Die in Hamburg ansässige Unternehmensgruppe von Erck Rickmers befasst sich mit dem Verchartern von Schiffen und dem Fondsgeschäft. Mit 97 Schiffsfonds im Jahr 2009 und einem Investitionsvolumen in diesem Bereich von mehr als fünf Mrd. Euro gehört der Finanzarm Nordcapital zu den Branchengrößen.

Hierzulande hat sich das Unternehmen im Krisenjahr 2009 bei den Schiffsfonds ganz nach vorn geschoben, vorbei am Lokalrivalen HCI. Erstmals seit Monaten bringen die Hamburger einen Fonds auf den Markt. „Jetzt legen wir den ersten Fonds nach der Krise auf und sammeln rund 20 Mio. Euro für einen Bulker mit 56.000 Tonnen Tragfähigkeit ein“, sagt Rickmers.

Wie sehr sich der Wind in der maritimen Wirtschaft gedreht hat, zeigt das Motto der Tagung, die Nordcapital für seine Vertriebspartner ausgerichtet hat. Die Veranstaltung Ende Juni betitelte Rickmers mit „Zuversicht“. 2009 ging es auf dem Höhepunkt der maritimen Misere noch um „Vertrauen“.

Die Zuversicht wächst derzeit in der seit Herbst 2008 im Sog der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise von historischen Einbrüchen gebeutelten Schifffahrt. Nach Jahren des Booms, angefeuert von der Globalisierung und besonders dem Handel mit China, brachen die Fracht- und Charterraten in der Containerschifffahrt ein.

Die Reeder zogen Schiffe aus dem Verkehr, um wenigstens die Betriebskosten zu sparen. Neubestellungen aus den Glanzjahren drohten die Kapazität weiter zu erhöhen. Doch die Branche behielt weitgehend kühlen Kopf, unterstützt von den vorwiegend deutschen Schiffsbanken.

Reeder wie Rickmers stornierten Bestellungen, vorwiegend in Korea. Wo das nicht ging, wurden die Typen gewandelt – von den besonders betroffenen Containerschiffen in Transporter von Schüttgut und Öl.

Wettbewerb hat den Reeder schon immer angetrieben. Nach der geschäftlichen Trennung vom älteren Bruder Bertram war es anfangs die brüderliche Rivalität. Jeder wollte den anderen übertreffen. Heute gehen beide freundschaftlich miteinander um.

Schiffe prägen seit Generationen die Familie Rickmers, sie ist seit 175 Jahren im Geschäft. Weithin sichtbar im Hamburger Hafen ist das Museumsschiff „Rickmer Rickmers“, ein Symbol für die Reedertradition. Der Großsegler wurde 1896 gebaut und nach dem Enkel des Firmengründers benannt. Heute gehört es einer Stiftung, die das Museum ohne öffentliche Zuschüsse unterhält. Im Beirat der Stiftung fordert Nachfahre Erck Rickmers ein neues museales Konzept für das Segelschiff. Ihm schweben wechselnde Themen vor. Rickmers: „Das Schiff ist seit 20 Jahren ein Publikumsmagnet, aber der Effekt nutzt sich ab. Wir müssen uns neu erfinden.“

Der Unternehmer

Karrierebeginn

Erck Rickmers wird 1964 in Bremerhaven geboren. Nach dem Abitur im Internat Louisenlund und dem Militärdienst absolviert er eine Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann bei der Hamburger Reederei Ernst Russ. Danach arbeitet er als Schiffsmakler in London.

Schifffahrtgruppe

Im Alter von 27 Jahren, im Jahr 1992, gründete Erck Rickmers in Hamburg eine Unternehmensgruppe, die heute in den Bereichen Schifffahrt, Immobilien und Private Equity tätig ist. Sie besteht im Kern aus:

E.R. Schiffahrt

Das Unternehmen ist ein maritimer Dienstleister für die Container-, Massengut- und Offshore-Schifffahrt. Derzeit disponiert das Unternehmen 114 Schiffe in Fahrt und im Bau. Rund 2 600 Menschen sind bei der 1998 gegründeten Charterrrederei tätig.

Nordcapital

Unter dem Dach der Investmentgesellschaft wurde ein Investitionsvolumen von rund 6,2 Mrd. Euro im Bereich der geschlossenen Fonds realisiert. 55.000 Investoren haben 2,7 Mrd. Euro Eigenkapital in 128 Nordcapital-Fonds angelegt.

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