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Handel Einkaufen ohne Schlangestehen: Trigo macht Supermarktkassen überflüssig

Rewe testet einen Supermarkt, in dem Einkäufe automatisch abgerechnet werden, ohne dass man an die Kasse muss. Möglich macht das ein israelisches Start-up.
12.07.2021 - 12:18 Uhr 1 Kommentar
Nach seiner Zeit bei der Armee nahm er sich vor, Technologie und den Bezahlvorgang im Supermarkt zu verbinden – er gründete Trigo. Quelle: Rewe
Michael Gabay

Nach seiner Zeit bei der Armee nahm er sich vor, Technologie und den Bezahlvorgang im Supermarkt zu verbinden – er gründete Trigo.

(Foto: Rewe)

Tel Aviv Während seines Armeedienstes beschäftigte sich Michael Gabay zwölf Jahre lang in einer Elitegeheimdiensteinheit mit Zukunftstechnologien. Doch wenn er im Urlaub als frisch gebackener Familienvater einkaufen ging, erschreckte ihn die Kluft zwischen der Technologie, die er in der Armee anwandte und dem traditionellen, zeitraubenden Bezahlvorgang im Supermarkt. Er konnte nicht begreifen, dass in einem Hightech-Pionierland wie Israel das Anstehen an der Kasse noch nötig sei. Und er nahm sich vor: „Ich werde diese Kluft schließen.“

Nach seinem Austritt aus der Armee wartete Gabay nicht lange. Zusammen mit seinem Bruder, der ebenfalls in einer Elite-Tech-Einheit der Armee gedient hatte, gründete er 2018 das Start-up Trigo, das mit Computer-Vision-Technologie und Künstlicher Intelligenz die Kassen im Einzelhandel überflüssig machen will, um autonomes Shopping zu ermöglichen.

In seinen Geschäftsräumen im Zentrum von Tel Aviv, wo derzeit 120 und bis Ende des Jahres bis zu 200 Techniker und Computerspezialisten an der Zukunft des Shoppings arbeiten, hat Gabay einen Demoladen eingerichtet. Zugang zum Geschäft verschafft man sich durch das Scannen eines QR-Codes.

Von diesem Moment an registrieren Algorithmen jede Bewegung des Kunden: Wie er ein Produkt vom Gestell nimmt und in den Einkaufswagen legt oder ob er es später wieder zurücklegt.

Mehr als das: Die Algorithmen erlauben es zum Beispiel, zwischen fünf- und zehnprozentigen Fetadosen zu unterscheiden, ohne auf Strichcodes angewiesen zu sein, auch wenn die Packungen dieselbe Form und dieselbe Farbe haben. Sobald der Kunde die Filiale verlässt, wird der Betrag dem Konto des Kunden belastet.

Zusammenarbeit mit Tesco und Rewe

Inzwischen haben sich bereits drei Ketten entschlossen, Trigos „Pick & Go“-Technologie eine Chance zu geben. Israels größte Supermarktkette Shufersal hat einen Versuch laufen, ebenso Tesco, einer der weltweit größten Supermarktbetreiber mit 6800 Filialen.

Mit dabei ist seit Kurzem auch Rewe, das derzeit einen ersten Testlauf mit Mitarbeitern durchführt. Im Spätsommer sollen auch Rewe-Kunden in einer Filiale der Kölner Innenstadt die neue Technik testen können.

„Wir prüfen derzeit das System auf Herz und Nieren“, sagt eine Rewe-Sprecherin. Beim Testmarkt in der Kölner Zeppelinstraße werde es sich um ein „hybrides“ System handeln: Kunden werden weiterhin die Option haben, an der Kasse zu bezahlen, wenn sie nicht auf Pick & Go zurückgreifen wollen.

„Bei den heutigen rasanten technologischen Entwicklungen ist es entscheidend, die richtigen Partner zu finden“, sagt Christoph Eltze, Bereichsvorstand der Rewe-Group. „Trigo hat sich als eines der führenden Unternehmen im Bereich der Computer-Vision-Technologien für Smart Stores etabliert“, lobt er.

Inzwischen hat Gabay stolze Expansionspläne. „Wir arbeiten mit fünf der weltweit zehn größten Lebensmittelketten zusammen“, sagt er, ohne Namen zu nennen. Im nächsten Jahr, ist er überzeugt, werde Trigo insgesamt Dutzende von Filialen mit der Technologie ausrüsten, die das mühsame Anstehen an der Kasse überflüssig machen soll, und 2023 sollen es bereits „Hunderte“ sein.

Preiswertere Lösung für Händler als Amazon Go

Das Marktpotenzial ist „gewaltig“, schwärmt Gabay. Bis 2025 werde das Verkaufsvolumen in autonomen Geschäften annähernd 400 Milliarden Dollar betragen, schätzt das Marktforschungsinstitut Juniper Research.

Trigo nimmt es mit einem potenten Konkurrenten auf: Amazon Go, die amerikanische Supermarktkette des Tech-Giganten, die auf Registrierkassen oder SB-Kassen verzichtet. Amazon ist mit dem Konzept „Supermärkte ohne Kassen“ seit März auch in Europa vertreten. Ein erstes Geschäft wurde in London unter dem Markennamen Amazon Fresh eröffnet.

Doch, meint Gabay selbstbewusst, Trigo biete im Vergleich zu Amazon Go zahlreiche Kostenvorteile. Erstens könne Trigo seine Technologie in bestehenden Läden installieren, während die Amazon-Tochter das autonome Einkaufen nur in neuen Geschäften realisieren kann. Zudem setze Trigo eine kostengünstige Hardware ein: Pro Quadratmeter Ladenfläche wird eine einfache Kamera installiert.

Der Tech-Riese setzt ebenfalls auf das autonome Einkaufen. Quelle: AP
Amazon Go

Der Tech-Riese setzt ebenfalls auf das autonome Einkaufen.

(Foto: AP)

Laut Tesco kostet das israelische System nur ein Zehntel der Konkurrenzsysteme, weil das bestehende Geschäft neu ausgerüstet, aber nicht von Grund auf neu gebaut werden muss. Innerhalb von einem bis anderthalb Jahren zahle sich die Investition bereits zurück, sagt Gabay. Die „Pick & Go“-Technologie ermögliche ein im Vergleich zu heute entspannteres Shoppingerlebnis und eine Verbesserung des Kundendienstes: Statt an der Kasse zu sitzen, könne das Personal die Konsumenten beraten.

Zudem ließen sich bis zu 30 Prozent der Ladenfläche hinzugewinnen, wenn die Kassen abgeschafft werden. Auch das Diebstahlproblem werde durch Pick & Pay weitgehend gelöst. Ladendiebe haben keine Chance, weil ihr Einkauf überwacht und registriert wird.

Trigo nimmt Datenschutz ernst

Kunden könnten indessen genau das kritisieren: dass ihre Bewegungen im Geschäft von Kameras aufgenommen werden. Doch Gabay wiegelt ab: Trotz der zahlreichen Kameras an der Decke sei die Privatsphäre garantiert, versichert er und spricht von „Privacy by Design“.

„Wir wissen nichts über den Kunden“, sagt Gabay. Erstens seien die Gesichter, die die Kameras aufnehmen, unscharf und verschwommen. Zweitens würden keine biometrischen Daten erfasst. Drittens sei die Identität des Kunden nur dem Detailhändler bekannt.

Während bei Amazon Fresh die Informationen bis zu 30 Tagen mit dem entsprechenden Kundenkonto von Amazon verknüpft bleiben, kenne Trigo bloß eine Zufallsnummer, die jedes Mal neu generiert werde. Und schließlich sei bei den Algorithmen die Datenschutz-Grundverordnung DSGVO berücksichtigt. Rewe stehe zudem „in engem Austausch mit der Datenschutzaufsichtsbehörde in NRW“, sagt die Sprecherin der Supermarktkette.
Um gegenüber Amazon und dessen AWS-Wolke unabhängig zu sein, hat Trigo soeben ein Abkommen mit Google Cloud abgeschlossen. Damit werden KI-gestützte Lösungen von Trigo in der Google Cloud verfügbar gemacht, damit der Lebensmittelhandel seine digitale Transformation in autonomen Läden beschleunigen kann.

Am Kapital dürfte es nicht fehlen. Das Start-up hat bisher 104 Millionen Dollar eingesammelt. Als strategischer Investor hat sich neulich auch Rewe an Trigo beteiligt. Die Israeli versprechen sich davon ein starkes Wachstum, da Rewe über 3700 Märkte verfüge. Zuvor war bereits Tesco als strategischer Investor bei Trigo eingestiegen.

Mehr: Start-up-Projekt: Lebensmittelhändler Rewe baut Tech-Einhorn auf

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1 Kommentar zu "Handel: Einkaufen ohne Schlangestehen: Trigo macht Supermarktkassen überflüssig"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • und von was sollen die nicht mehr gebrauchten Kassiererinnen ihren Lebensunterhalt bestreiten ? Hört sich ja alles schön an. Aber der Wirtschaftskreislauf, der unser System am Laufen hält, wird mit solchen und ähnlichen Produkten empfindlich gestört. Bald braucht man keine Menschen mehr, nur noch ein paar KI-Programmierer. Keine Taxifahrer mehr, nicht mal Hamburger-Brater, die sind teilweise auch schon ersetzt durch Roboter. Auch die Paketfahrer werden irgendwann ersetzt durch Drohnen.

    Da bin ich mal gespannt, wo das alles noch hinführt. Derweil ich nicht mehr ganz der Jüngste bin, kucke ich demnächst von der Seitenlinie und hoffe, dass das System bis an mein Lebensende halbwegs noch hält. Und erzähle dann den Jungen unglaubliche Geschichten von der guten alten Zeit, als man noch ins Restaurant essen ging, anstatt von einer fliegenden Drohne ein Essenspaket in den Garten geworfen bekommt.

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