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Intertabac Erhitzen oder Dampfen – Tabakbranche sucht nach Alternativen zur Zigarette

Weil immer weniger Zigaretten verkauft werden, suchen die Unternehmen nach Alternativen. Unklar ist, welche sich durchsetzen wird.
23.09.2019 - 14:08 Uhr Kommentieren
Philip Morris ist bislang der einzige Tabakkonzern, der auf dem deutschen Markt mit einem Tabakerhitzer vertreten ist. Quelle: Reuters
Iqos

Philip Morris ist bislang der einzige Tabakkonzern, der auf dem deutschen Markt mit einem Tabakerhitzer vertreten ist.

(Foto: Reuters)

Dortmund Schon zur Eröffnung der weltgrößten Tabakmesse Intertabac in Dortmund geht es hoch her. Auf dem Podium streiten sich die Vertreter der Nischenverbände für Zigarren und losen Tabak mit den Mitgliedern des erst Anfang September gegründeten Spitzenverbandes der Tabakindustrie, dem BVTE.

Die kleinen Verbände fürchten: Die Zigarettenhersteller, die für einen Großteil des Branchenumsatzes stehen und den neuen Verband dominieren, könnten zu viel Macht ausüben und die anderen Produkte in den Hintergrund drängen.

Der neue Spitzenverband argumentiert, dass Tabakprodukte immer allgemeiner reguliert würden, sodass alle Firmen mit einer Stimme sprechen müssten. „Diese Kakofonie muss beendet werden“, sagt etwa BVTE-Mitglied Jan Mücke und bezog sich auf die teilweise harsch formulierten Mitteilungen, die einige Hersteller von Zigarren und Pfeifentabak im Vorfeld der Messe verschickt hatten.

Sein Sitznachbar Patrick Engels, dessen Firma Pöschl Tabak unter anderem losen Tabak vertreibt, schüttelt dabei nur den Kopf. Diese öffentliche Konfrontation zeigt, wie groß die Unruhe innerhalb der Tabakbranche ist. Zwar sinkt die Zahl der hierzulande gerauchten Zigaretten seit einigen Jahren nicht mehr so stark, wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen.

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    Betrachtet man jedoch den Zeitraum zwischen 2001 und 2019, so zeigt sich, dass die Zahl der abgesetzten Zigaretten hierzulande von mehr als 100 Milliarden auf knapp unter 75 Milliarden zurückgegangen ist. Ebenso stark gesunken ist die Zahl der Raucher: Mit 24,5 Prozent raucht heute weniger als ein Viertel der Deutschen, während es 1995 noch 35,6 Prozent waren.

    Angesichts der zurückgehenden Absatzzahlen sucht die Branche deshalb nach Wegen, Ersatzprodukte für die Zigarette zu vermarkten. Vielversprechend sind dabei vor allem die Wachstumszahlen des E-Zigaretten-Markts. Zwar machen die Hersteller von Verdampfern und den dazugehörigen Flüssigkeiten bislang nur einen Bruchteil des gesamten Branchenumsatzes aus, doch Schätzungen der Branchenverbände gehen in den kommenden Jahren von hohen Zuwachsraten aus.

    Zwischen 570 und 650 Millionen Euro werde man in diesem Jahr in Deutschland mit E-Zigaretten umsetzen, schätzt der Verband des E-Zigarettenhandels (VDEH). Das würde ein Plus von mindestens 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeuten.

    Trotz vieler Meldungen über Todesfälle und drohende Verkaufsverbote in den USA und Asien geben sich die Händler auf der Messe kämpferisch. „Diese Vorfälle haben nichts mit der E-Zigarette an sich zu tun“, sagt VDEH-Sprecher Horst Winkler. 

    Die amerikanischen Probleme seien auf verunreinigte Flüssigkeiten zurückzuführen, die auf dem Schwarzmarkt mit Marihuana-Zusätzen verkauft würden. Tatsächlich haben US-Behörden einen bestimmten Zusatzstoff im Visier, der das Vitamin E enthält und für die Lungenerkrankungen verantwortlich sein soll.

    Strenge Regulierung in Europa

    Dieser ist innerhalb der EU verboten. Auch das vollständige Verkaufsverbot in Indien schade deutschen Firmen kaum, so der Verbandssprecher. Die Herstellung von E-Zigaretten und Liquids sei in Europa sehr streng reguliert, sagt Winkler. Deshalb sei das Risiko weitaus geringer. „Wir mahnen alle Unternehmen ab, die sich nicht an die Regeln halten“, betont er. Das gelte besonders für beworbene Produkte.

    Dass einzelne Unternehmen innerhalb der Branche befürchten, ein Regelverstoß einer einzigen Firma könnte alle E-Zigaretten-Hersteller in Verruf bringen, zeigt ein Rechtsstreit, der zum Teil auf der Messe ausgetragen wird. Die Firma Nikoliquids erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen den Marktführer Juul, weil dieser falsch gekennzeichnete Nikotin-Flüssigkeiten verkauft haben soll.

    Das Landgericht Düsseldorf untersucht nun, ob die Juul-Produkte tatsächlich gegen Marktbestimmungen verstoßen haben. Die Messestände beider Firmen liegen direkt nebeneinander. Noch am Freitag hatten Nikoliquids-Vertreter das gerichtliche Schreiben am Juul-Stand überbracht.

    Ebenso für Aufsehen sorgt der Auftritt des weltgrößten Tabakkonzerns Philip Morris. Während die anderen Unternehmen vorrangig ihre bekannten Zigarettenmarken präsentieren, findet sich am Stand von Philip Morris kein Hinweis auf die weltweit meistverkaufte Marke Marlboro.

    Der Branchenprimus konzentriert sich stattdessen auf „Iqos“, einen Tabakerhitzer, bei dem kurze Kartuschen weit weniger erhitzt werden als eine normale Zigarette. Dadurch entstehen weniger Schadstoffe, wie das zuständige Bundesinstitut für Risikobewertung bestätigt. 

    Philip Morris ist bislang der einzige Tabakkonzern, der auf dem deutschen Markt mit einem Tabakerhitzer vertreten ist. Ob andere Branchengrößen wie British American Tobacco nachziehen wollen, ist bisher nicht bekannt. Der Weltmarktführer spricht seit einigen Jahren davon, eine „rauchfreie Zukunft“ anzustreben.

    Tabakerhitzer sorgen für knapp ein Fünftel der Umsätze

    Tatsächlich macht der Tabakerhitzer, der seit 2016 in einer wachsenden Zahl von Ländern verkauft wird, nach Konzernangaben bereits etwa 19 Prozent der weltweiten Umsätze aus. Mehr als sechs Milliarden US-Dollar seien in die Entwicklung des Produkts geflossen, sagt Claudia Oeking, Mitglied der Geschäftsführung.

    Das Unternehmen spricht von 400 Millionen verkauften Tabaksticks in der ersten Jahreshälfte. Damit habe man die Verkäufe im Vergleich zum Vorjahr etwa verdoppelt. Hohe Kosten entstehen vor allem durch den großen Marketingaufwand, der die Marke „Iqos“ in Deutschland bekannt machen soll. „Wir müssen den Kunden das Produkt erklären“, sagt Oeking.

    Sie sieht den Tabakerhitzer gegenüber der E-Zigarette im Vorteil: Ritual und Geschmack seien der herkömmlichen Zigarette viel ähnlicher, sodass Raucher sich eher für den erhitzten Tabak entschieden. Weil außerdem das Gesundheitsrisiko geringer als bei normalen Zigaretten sei, plädiert Oeking für eine Informationskampagne öffentlicher Stellen.

    Wie in Großbritannien sollten Ärzte und Behörden über weniger schädliche Alternativen zur Zigarette informieren. Ob E-Zigarette oder Tabakerhitzer, beide Alternativen enthalten Nikotin und machen Raucher abhängig. Ganz ohne Nikotin könnte dagegen die Zigarette der Zukunft auskommen.

    Eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Biochemiker Felix Stehle von der TU Dortmund hat erstmals eine fast nikotinfreie Tabakpflanze gezüchtet, die ohne Geschmackseinbußen für die Zigarettenherstellung verwendet werden kann. Mithilfe moderner Gentechnik-Verfahren haben die Forscher die Gene der Pflanze so verändert, dass sie statt der üblichen 16 Milligramm Nikotin nur noch 0,04 Milligramm pro Gramm Tabak enthält. 

    Zwar betont Stehle, dass er auf der Messe nur seine Forschung präsentiere und nicht mit Zigarettenherstellern in Kontakt sei. Doch mit dem von ihm gezüchteten Tabak könnten Zigaretten mit geringerem Nikotingehalt hergestellt werden. „Bei weniger Nikotin werden auch weniger Zigaretten pro Tag geraucht“, erklärt Stehle.

    Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte in einem Papier bereits gefordert, Tabakmischungen mit weniger Nikotin zu verwenden und die Rauchentwöhnung so zu erleichtern. Doch Stehle, selbst seit acht Jahren Nichtraucher, weiß, dass die Tabakkonzerne vermutlich wenig Interesse daran haben dürften, durch neuen Tabak ihre Kunden zu Nichtrauchern zu machen.

    Aber: „Der Tabak kann einen Beitrag zu geringeren Raucherzahlen leisten“, hofft er. In den USA läuft aktuell ein Zulassungsverfahren für nikotinarme Zigaretten der Firma 22nd Century. Diese sollen ab 2020 als „weniger schädlich“ vermarktet werden dürfen.

    Mehr: Die Tabakindustrie hat im ersten Halbjahr 2018 mehr Umsatz gemacht als im Vorjahr – obwohl die Zahl der Raucher stagniert und Alternativen boomen.

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