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Interview mit Hannes Ametsreiter und Thomas Storck „Preise werden in Zukunft von Algorithmen bestimmt“

Die Deutschland-Chefs von Vodafone und Metro erklären im Interview, wie sie den Handel digitalisieren und damit Amazon entgegentreten wollen.
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Die beiden Manager wollen die Digitalisierung des Handels beschleunigen – durch schnellere Netze und einen individuell angepassten Einkauf. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Vodafone-Chef Hannes Ametsreiter und Metro-Chef Thomas Storck

Die beiden Manager wollen die Digitalisierung des Handels beschleunigen – durch schnellere Netze und einen individuell angepassten Einkauf.

(Foto: Frank Beer für Handelsblatt)

DüsseldorfDer Handel in Deutschland wird sich nach Vorstellung der Deutschlandchefs von Vodafone und Metro grundlegend verändern. „Wir sind dabei, jeden Berührungspunkt mit unseren Kunden zu digitalisieren“, sagt Metro-Deutschlandchef Thomas Storck. „Bei einem Blick in die Zukunft werden die Preise vermutlich weitgehend von Algorithmen bestimmt.“

Um die Digitalisierung zu beschleunigen, hat Metro seine 103 Großmärkte in Deutschland vom Telekommunikationskonzern Vodafone mit schnellen Glasfaseranschlüssen versorgen lassen. „Infrastruktur initiiert Innovationen“, sagt Vodafone-Deutschlandchef Hannes Ametsreiter.

Zudem bereite Vodafone weitere Lösungen vor. „Wir testen gerade Produktregale mit Sensoren, Kameras und Monitoren“, sagt Ametsreiter. Sie sollten den Produktbestand überwachen und auf die Kunden zugeschnittene Angebote machen. Im kommenden Jahr sollen die Regale in Deutschland eingesetzt werden.

Lesen Sie nachfolgend das vollständige Interview:

Herr Ametsreiter, wie wollen Sie in zehn Jahren einkaufen?
Ametsreiter: Die eine Hälfte meiner Einkaufszeit werde ich nicht mehr einkaufen gehen. Weil triviale Konsumartikel per selbstlernendem System zu mir nach Hause kommen. Die andere Hälfte will ich mit Kauferlebnis verbringen. In Märkten, die Inspiration für mich sind. In denen ich fühlen, riechen, schmecken kann. Und die zugleich durchdigitalisiert sind. Mit passenden Menüvorschlägen am Eingang auf dem Smartphone, das mir gleich den Weg ins richtige Regal zu den Zutaten weist. Ich möchte per Hologramm den regionalen Biohof besuchen, wo mein Fleisch herkommt. Und ich möchte vor allem keine Schlangen mehr an der Kasse, mit Kleingeld zählenden Menschen vor mir. Was ich aus dem Regal nehme, wird registriert. Damit laufe ich durch den Check-out und zahle einfach virtuell.

Herr Storck, der neue Supermarkt Amazon Go in Seattle kommt dem Wunsch von Herrn Ametsreiter schon ziemlich nah. Sie können in den Laden gehen, die gewünschten Produkte nehmen – und gehen. Keine Schlangen, keine Kassen, Registrierung allein über das Smartphone. Warum hinkt Deutschland so weit hinterher?
Storck: Dass Deutschland da hinterherhinkt, sehe ich nicht so. Die erste Anlage zum Selbsteinscannen der Waren gab es bei Metro Deutschland schon vor zehn Jahren. Damals waren wir einfach noch zu früh. Jetzt führen wir diese Lösungen auf die Bedürfnisse unserer gewerbetreibenden Kunden zugeschnitten wieder ein.

Aber Einscannen ist doch auch von gestern. Bei Amazon Go verfolgt ein intelligentes System jede Bewegung des Kunden und erkennt, welche Produkte er in den Einkaufskorb legt.
Storck: Dass Amazon da weit vorn ist, bestreitet niemand. Aber wir sind ebenfalls dabei, jeden Berührungspunkt mit unseren Kunden zu digitalisieren.

Wie das?
Storck: Mit verschiedenen Ansätzen auf all unseren Distributionskanälen: im Store, mobil über unsere Belieferungs- und Kundenmanager-Flotte, aber auch online. Unsere Kunden sind Gewerbetreibende – die kaufen anders ein. Sie pflegen Orderlisten und haben meist feste Warenkörbe. Zukünftig sollen sie ihre Orderlisten mobil verwalten und erweitert um Selfscanning nutzen, um ihren Einkauf so schnell und effizient wie möglich zu gestalten. Dabei werden auch Warenverfügbarkeitsprüfungen am Regal zur Verfügung stehen. Wir experimentieren auch mit intelligenten Regalen, die Warenbestände kontrollieren und die Nachbestellung automatisieren – und Kunden können per Push-Nachricht informiert werden, wenn Waren wieder verfügbar sind oder mit Infos zum Produkt. Unsere Preisschilder am Regal sind bereits seit einigen Jahren elektronisch gesteuert. Bei einem Blick in die Zukunft werden die Preise vermutlich weitgehend von Algorithmen bestimmt.

Wie entscheidet der Algorithmus?
Storck: Wenn Kunden größere Mengen abnehmen, bekommen sie heute schon einen besseren Preis. Die Algorithmen werden uns helfen, den Zuschnitt auf Kunden noch genauer zu machen, mit individuellen Angeboten, die wir den Kunden über eine App ausspielen. Das bedarf neben der IT-Umgebung vor allem sehr guter Customer-Intelligence-Systeme (CI) mit kundengruppenspezifischen Trendanalysen. Beides haben wir vor einigen Jahren weiter ausgebaut und einen eigenen CI-Bereich ins Leben gerufen.

Werden Sie auch die Preisschilder im Laden in Echtzeit anpassen?
Storck: Noch ändern wir die Preise eher im Wochentakt. Nächste Schritte gehen sicher dahin, das etwas häufiger zu tun, eine tägliche Änderung ist aber nicht immer sinnvoll. Im Ultra-Frische-Bereich, wie Fisch und Fleisch, finden heute schon tägliche Preisaktualisierungen statt.

Wenn etwa ein Fisch raus muss, wird er billiger?
Storck: Genau. Meist hat das Fachpersonal das im Blick. Parallel laufen aber auch über unsere Datenbanken Analysen auf Basis von Algorithmen. Diese berechnen dann auf Basis des Einkaufspreises, der üblichen Preisentwicklung und der Abverkaufsprognosen sowie der Abverkaufszeiten in Zukunft den optimalen, sogar kundenindividuellen Preis. Großabnehmer bestellen oft ähnliche Produkte. Auf Basis dieser Daten können wir künftig individuelle Sonderangebote machen, die zu den Präferenzen des Kunden passen. Damit steigern wir unsere Auslastung und können damit Kosten reduzieren.

Werden wir künftig bei allen Händlern von Algorithmen gesteuerte Preise sehen?
Storck: Ja, ich glaube, das werden alle anwenden.

Herr Ametsreiter, Telekommunikationsanbieter waren zuletzt wenig innovativ. Das wäre jetzt Ihre Chance. Bislang hört man aber wenig von Vodafone.
Ametsreiter: Sie werden in Zukunft mehr hören. Zum einen bauen wir gerade mehr Software Kompetenz inhouse auf. Zum anderen tun wir uns immer stärker mit externen Programmier-Experten zusammen, verbinden das Beste aus beiden Welten. Infrastruktur initiiert Innovationen. Das sehen wir, indem wir hier jetzt schon 103 Metro-Märkte mit Glasfaser angeschlossen haben. Das sehen wir aber auch in vielen Pilotprojekten, die wir derzeit mit dem Handel laufen haben.

Zum Beispiel?
Ametsreiter: Wir testen gerade Produktregale mit Sensoren, Kameras und Monitoren, wie bei Amazon in den USA. Die Kameras überwachen, welche Produkte entnommen werden und informieren das Lager, sobald die Vorräte zur Neige gehen. Gleichzeitig erkennen die Regale, ob ein Mann oder eine Frau vor ihnen steht und können entsprechend Werbung für Produkte anzeigen. Die Regale sollen im Jahr 2019 an Einzelhändler verkauft werden.

Herr Storck, wie viel Geld wird Metro in den nächsten zehn Jahren in die Digitalisierung der Märkte stecken?
Storck: Die Digitalisierung unserer Prozesse und Services, aber auch digitale Lösungen für unsere Kunden sind ein wichtiges Element unserer strategischen Ausrichtung. Entsprechend werden wir investieren.

Herr Ametsreiter, Ihre ganze Branche steht vor großen Herausforderungen. Die Basis für das schnelle Internet der Zukunft soll Glasfaser sein. Aber bei den Hausanschlüssen hängt Deutschland in Europa zurück. Warum?
Ametsreiter: Weil Deutschland sich viel zu lange auf seiner Kupferader ausgeruht hat.

Buchen nicht zu wenige Kunden wirklich schnelle Leitungen?
Ametsreiter: Nein, 70 Prozent der Kunden bei uns buchen Geschwindigkeiten von 200 Megabit pro Sekunde und schneller. Wir haben gelernt: Wenn wir extrem schnelle Verbindungen anbieten, werden sie auch gekauft.
Storck: Geringe Bandbreiten sind ein riesiges Problem. Wir können erst jetzt dank Glasfaser unsere Produktanalyse und -steuerung auf Echtzeit umstellen. Auch ein Gastronom hat ein Problem, wenn bei ihm 40 Kunden parallel ins Internet gehen.

Warum bietet Vodafone dann überhaupt Brückentechniken wie Super Vectoring an, die noch etwas mehr Leistung aus alten Kupferkabeln rauskitzelt? Sie haben die Telekom dafür kritisiert, jetzt machen Sie es auch.
Ametsreiter: Mit der geplanten Übernahme von Unitymedia wollen wir deutschlandweit gigabitschnelles Internet auf Glasfaserkabelbasis. Aber nicht in allen Haushalten gibt es einen Kabelanschluss. Da sind wir dann eben auf Super Vectoring angewiesen.

Warum investieren Sie nicht gleich viel mehr ins Glasfasernetz? Die Telekom hat rund 500 000 Kilometer Glasfaser verlegt, Sie haben deutlich weniger.
Ametsreiter: Wir liegen bei 400.000 Kilometern, damit in ähnlicher Dimension. Aber kommt es auf die Länge an? Oder auf das, was beim Kunden ankommt? Das besagte 500.000-Kilometer-Netz liefert beim Kunden am Ende nur 100 bis maximal 250 Megabit. Bei uns sind es 500, in ersten Städten schon 1 Gigabit.

Dabei rechnen Sie jetzt aber Glasfaser und TV-Kabel zusammen. Die Telekom zählt wirkliche Glasfaser.
Ametsreiter: …und das ist so lang, weil sie Glasfaser bis zum Kabelverzweiger gebracht hat, aus dem dann zum Kunden doch wieder nur ein langsames Kupferkabel führt. Unser Glasfaseranteil im Kabelnetz ist rund 100.000 Kilometer, Tendenz steigend. Aber mal ehrlich: Den Kunden interessieren doch nicht Kilometer im Kabel, sondern Megabit, Gigabit aus der Dose. Und wer da mehr bringt, liegt auf der Hand. Die Telekom kommt mit derlei Speed nicht in den Häusern der Menschen an.

… Sie aber auch nicht.
Ametsreiter: Mit Kabel sehr wohl. Zudem: Wir investieren gleichzeitig in Glasfaser und den Ausbau des schnellen Internets auf Basis des Glasfaserkabels. Wenn wir Unitymedia übernehmen dürfen, wollen wir bis 2021 zwei Drittel der deutschen Haushalte mit einer Internetgeschwindigkeit von einem Gigabit pro Sekunde versorgen.

Derzeit wird viel über den künftigen Mobilfunkstandard 5G gesprochen. Sehen Sie über den Echtzeitmobilfunk auch neue Anwendungen für den Handel?
Ametsreiter: Das, was ich eingangs als Vision beschrieben habe, kann und wird 5G möglich machen: den Supermarkt, die Logistik der Zukunft. Die riesigen Datenmengen, die da nicht nur in Rechenzentren, sondern in Märkten mit ihren hochvernetzen Regalen, Produkten und Bezahlsystemen entstehen, müssen übertragen werden. In Echtzeit. Und dafür ist 5G genau die richtige Technologie.

Kann Ihr Netz denn leisten, was es verspricht? Beim letzten Festnetztest hat Vodafone als schlechtester Anbieter abgeschnitten.
Ametsreiter: Lesen Sie den Test genau. Der sagt eigentlich etwas anderes. Hinzu kam leider aber auch: Zu der Zeit des Tests wurde ein Update unserer Modems durchgeführt.

Das ist doch eine schwache Ausrede. Sie wissen doch, wann getestet wird.
Ametsreiter: Nein, das wussten wir nicht. Aber wenn wir auf den Test konkret eingehen wollen: Beim gleichzeitigen Down- und Upload lagen wir durch den Modem-Bug schlechter als sonst, das müssen wir das nächste Mal besser machen. Aber beim Vergleich der Anbieter bezüglich versprochener Download-Geschwindigkeit waren wir die Einzigen, die ihr Geschwindigkeitsversprechen bestmöglich halten konnten. Das bestätigen übrigens auch die Tests der Bundesnetzagentur.

Sie sprechen nur von „bis zu“. Wollen Sie nicht hier und jetzt ein Versprechen abgeben, dass die Kunden auch wirklich ein Gigabit pro Sekunde bekommen?
Ametsreiter: Wie der Mobilfunk ist auch Kabel ein „shared medium“. Die Maximalgeschwindigkeit hängt hier immer davon ab, wie viele Menschen in einem Segment gleichzeitig wie viel nutzen. Genauso können Endgeräte die Geschwindigkeit beeinträchtigen. Mit unseren neusten Tarifen surfen Kunden mit bis zu einem Gigabit. Und damit bis zu viermal schneller als mit der bestmöglichen Super-Vectoring-Geschwindigkeit. Und doppelt so günstig wie jeder Gigabit-Glasfaseranschluss im Land. Im Labor kann Kabel bereits 10 Gigabit, im Upload, wie im Download. Da kommt in Sachen Preis/Leistung erst recht keiner mehr mit.

Herr Storck, reicht Ihnen diese Aussage?
Storck: Für uns ist das Ergebnis, also das was in unseren Standorten ankommt, wichtig und das stimmt bisher.

Gehen Sie davon aus, dass es eine Killer-Applikation geben wird, durch die bald massenhaft schnelleres Internet nötig wird?
Ametsreiter: Nein. Wir müssen uns von der Idee einer einzigen Killer-Applikation verabschieden. Die brauchen wir auch nicht. Denn es wird ganz viele Anwendungen geben, die deutlich mehr Bandbreite erfordern. Und die werden dazu führen, dass wir schnelleres Internet brauchen. Wir werden immer mehr Geräte haben, die gleichzeitig auf das Internet zugreifen, wie die Kaffeemaschine, der Kühlschrank, aber auch Fahrräder und Autos. Mit schneller Infrastruktur bereiten wir nur den Boden, wir legen die Saat für noch nicht im Ansatz vorstellbare Innovationen. Das wird immer so sein und war auch immer schon so. Hätten Sie mit Ihrem Wap-Handy vor 18 Jahren gedacht, was Sie künftig alles damit anstellen können?

Herr Ametsreiter, Herr Storck, was werden Sie beide in den nächsten Jahren konkret unternehmen, um den Handel wirklich digital zu machen?
Ametsreiter: Wir werden immer schnellere Netze bauen – im Boden wie in der Luft. Wir werden mit Softwareexperten zusammenarbeiten, die darauf Lösungen fürs immer größere Internet der Dinge mit uns erdenken. Und wir werden uns Partner suchen, mit denen wir sie gemeinsam verwirklichen.
Storck: Lösungen entwickeln, die unseren Kunden einen kanalübergreifenden und auf die individuellen Bedürfnisse angepassten Einkauf ermöglichen. Unsere eigenen Prozesse mit digitalen und mobilen Anwendungen effizienter machen und unseren Kunden helfen, ihre Betriebe digital zu machen. Eine flächendeckende Glasfaser-Anbindung ist ein wichtiger Schritt für uns – und wir freuen uns auf weitere innovative Projekte mit Vodafone.

Herr Ametsreiter, Herr Storck, vielen Dank für das Interview.

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