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Interview mit Luftfahrtexperte Karl-Hans Hartwig „Der Alitalia-Niedergang lässt sich nicht aufhalten“

Der Luftfahrtexperte Karl Hans Hartwig ist überzeugt, dass die „unendlichen Geschichte“ der Alitalia weitergeht und die Übernahme-Verhandlungen mit Air France-KLM wieder aufgenommen werden. Im Handelsblatt-Interview erklärt der Verkehrswissenschaftler der Universität Münster, warum eine italienische Lösung keine Alternative ist und welche Folgen das Aus der Airline für den Wettbewerb hätte.
  • Melanie Stinn
Karl-Hans Hartwig ist Professor am Institut für Verkehrswissenschaft der Universität Münster Foto: pr

Karl-Hans Hartwig ist Professor am Institut für Verkehrswissenschaft der Universität Münster Foto: pr

Frage: Herr Hartwig, Sie beobachten das Tauziehen um die Alitalia schon seit einiger Zeit. Was glauben Sie wird passieren, jetzt, wo Air France-KLM die Verhandlungen über die Übernahme der maroden italienischen Airline abgebrochen hat?

Hartwig: Ich glaube, die unendliche Geschichte von der Übernahme der Alitalia wird weitergehen. Der italienische Staat hat eigentlich keine Möglichkeiten die Airline aus der Notlage zu befreien, da die EU-Kommission seit 2004 keine Finanzspritzen mehr erlaubt und angekündigt hat, auch gegenwärtig keine weiteren Beihilfen zu genehmigen. Die Verhandlungen mit Air France -KLM, die ja schon mit zwei Prozent an der Alitalia beteiligt ist, werden also wieder aufgenommen werden müssen.

Andere Interessenten gibt es ja auch nicht mehr. Was macht die Alitalia eigentlich so unattraktiv für eine Übernahme?

Alitalia hat zu viel Personal, das im Vergleich mit anderen europäischen Fluggesellschaften, zu viel verdient. Die Gehälter sind nicht mehr wettbewerbsfähig. Dazu kommen eine veraltete Flotte und der rasante Verfall der Marke. Es ist lange nichts mehr in dieser Richtung investiert worden. Alle zur Verfügung stehenden Mittel wurden aufgezerrt, um die Linie über Wasser zu halten.

Ein weiteres großes Problem ist Alitalia Servizi, die verlustreiche Ground Handling-Tochter von Alitalia. Air France-KLM hatte für den Fall einer Übernahme angekündigt, die unprofitablen Bodendienste abstoßen zu wollen. Diese Bedingung wird jedoch bislang von den Gewerkschaften blockiert.

Deren starke Stellung die Alitalia aus Käufer-Sicht nicht gerade interessanter macht?

Genau. Gewerkschaften sind in Italien traditionell, und gerade im staatlichen Bereich, sehr stark. Zudem besitzen sie gemeinsam mit Beschäftigten des Unternehmens und einigen anderen Anlegern ca. 48 Prozent der Fluglinie, was ihnen natürlich eine gewisse Verhandlungsmacht gibt. Zahlreiche Streiks haben der Alitalia in den letzten Jahren schwer zu schaffen gemacht.

Dann wäre da noch das Problem mit den beiden Hubs. Alitalia hat die Flughäfen Rom-Fiumicino und Mailand-Malpensa zu internationalen Drehkreuzen ausgebaut. So etwas leistet sich in Europa kaum eine Airline außer der Lufthansa und naturgedrungen Air France-KLM nach der Fusion. Letztere hatte ja dann auch angekündigt, nur Rom als Drehkreuz weiterführen zu wollen.

Warum sind die Gewerkschaften trotz der drohenden Insolvenz nicht zum Einlenken bereit?

Gewerkschaften sind eben Interessengruppen. Sie müssen demonstrieren, dass sie hart sind. Gelingt das nicht, müssen unter Umständen die Funktionäre ihren Hut nehmen. Außerdem hatten sie mit ihrem harten Kurs immer Erfolg. Der Staat hat weiter gezahlt, und schmerzhafte, aber unbedingt notwendige Anpassungen konnten unterbleiben, und zwar für viele Jahre. Es ist ja nicht erst seit gestern schlecht um die Alitalia bestellt.

Der ehemalige italienische Regierungschef Silvio Berlusconi hat sich gegen den Verkauf der Alitalia und für eine italienische Lösung ausgesprochen. Glauben Sie, dass eine von ihm favorisierte Übernahme die Airline retten kann?

Nein, letztlich nicht. Erstens haben sich ja bis jetzt auch keine italienische Investoren für Alitalia gefunden. Zweitens lässt sich selbst dann, wenn das gelänge, der Niedergang langfristig nicht aufhalten. Das haben ja auch Swissair und in gewissem Sinne auch Sabena gezeigt. In der Schweiz hatte die Politik gemeinsam mit privaten Investoren zunächst versucht, Swissair aus patriotisch motivierten Gründen zu retten und in eine Nachfolgegesellschaft umgewandelt. Doch die war kurze Zeit später bereits ebenfalls wieder in der Krise und wurde dann ja von der Lufthansa übernommen. Offensichtlich gingen die strukturellen Veränderungen unter dem Einfluss des Staates einfach nicht weit genug.

Und das ist auch das Problem von Alitalia. Vielleicht könnten es italienischen Investoren rund um Berlusconi schaffen, das Unternehmen kurzfristig am Leben zu erhalten. Langfristig kann das aber auch in Italien ohne eine radikale Restrukturierung nicht gehen. Nur ist gegenwärtig niemand zu sehen, der das angesichts der Widerstände bewältigen könnte. Dementsprechend ist auch niemand ernsthaft bereit, zu investieren.

Es gibt also nichts, was für eine italienische Lösung sprechen würde?

Was sollte dafür sprechen? Ein Land braucht heutzutage keinen eigenen Flugcarrier mehr, und Ängste, Italien würde dann nicht mehr angeflogen, sind unbegründet. Das Land ist sowohl aus touristischen als auch aus geschäftlichen Gründen hoch interessant. Denken Sie an das reiche Norditalien mit seinem hohen Pro-Kopf-Einkommen. Wenn es keine eigene Airline mehr gibt, dann wird das Land eben von anderen Airlines angeflogen. Das gilt ja auch für die Schweiz oder Belgien, wo man die staatliche Sabena aufgelöst und eine deutlich kleinere teilprivatisierte Nachfolgerin gegründet hat. Es ist sowieso erstaunlich, dass es weltweit noch immer so viele staatliche Airlines gibt, die aus Gründen des Nationalstolzes mit Subventionen am Leben gehalten werden. Dafür gibt es keinen ökonomisch gerechtfertigten Grund.

Selbst wenn keine Engpässe zu erwarten sind: Ist durch die Übernahme der Alitalia durch Air France-KLM mit negativen Folgen für den Wettbewerb im europäischen Luftverkehr zu rechnen?

Auf der Strecke zwischen Rom und Paris oder Rom und Amsterdam könnte der Wettbewerb zunächst nachlassen. Aber seit der Liberalisierung des europäischen Luftmarktes hat ja jede Airline das Recht von jedem europäischen Flughafen zu fliegen. Wenn Air France -KLM zu hohe Margen einfliegen würde, kämen schnell Konkurrenten in den Markt.

Angenommen, die Air France -KLM nimmt die Verhandlungen nicht wieder auf. Wie wäre aus volkswirtschaftlicher Sicht der Konkurs der Alitalia zu beurteilen?

Der italienische Steuerzahler müsste sich eigentlich freuen, wenn er mit seinem Geld nicht weiterhin ein marodes Unternehmen mitfinanzieren muss. Italienische Passagiere würden von einer effizienteren Linie mit höherer Qualität und einem wahrscheinlich größeren Steckennetz ebenfalls profitieren. Jahrelang hat eine vergleichsweise kleine Gruppe, nämlich die der Arbeitnehmer, von der Subventionierung der Alitalia profitiert, während der italienischen Steuerzahler über den Tisch gezogen wurde. Die Steuerzahler haben eben keine Lobby, weder in Italien noch sonst wo.

"Dieses Unternehmen ist verflucht. Nur ein Exorzist kann es retten", wurde der ehemalige Alitalia -Chef Maurizio Prato kurz vor seinem Rücktritt zitiert. Hat er Recht?

Ich denke schon. So wie die Alitalia jetzt aufgestellt ist, sehe ich keinen Ausweg. Ohne eine radikale Umstrukturierung, kann sie nicht gerettet werden.

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