1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Handel + Konsumgüter
  4. Deutsche Bahn: Zugreisen so beliebt wie nie zuvor

Jahresbilanz Deutsche BahnICE fahren mit Rekordauslastung

Bahnchef Richard Lutz wertet 2017 eher als ein „durchwachsenes“ Jahr für den Staatskonzern. Technische Pannen, unpünktliche Züge und Unwetter verhageln die Bilanz. Dabei sind Bahnreisen derzeit so beliebt wie nie.Dieter Fockenbrock 23.01.2018 - 09:00 Uhr Artikel anhören

2018 sollen mindestens 82 Prozent der ICEs und ICs mit weniger als sechs Minuten Verspätung ankommen.

Foto: dpa

Berlin. Fernzüge der Deutschen Bahn sind im vergangenen Jahr mit der höchsten Auslastung seit Jahren gefahren. Vor allem die ICE-Flotte, bestehend aus etwa 260 Einheiten, erreichte nach Informationen des Handelsblatts einen Rekordwert von 58,5 Prozent, über drei Prozentpunkte mehr als ein Jahr zuvor. Auf den Rennstrecken wie Berlin-Rheinland oder Köln-Frankfurt liegt die Quote noch weitaus höher.

Auch für die im Dezember freigegebene neue Höchstgeschwindigkeitslinie Berlin-München erhofft sich der Staatskonzern Rekordwerte. Hier soll die Zahl der Fahrgäste auf 3,6 Millionen verdoppelt werden. In den ersten Wochen seit Inbetriebnahme im Dezember „waren deutlich mehr als doppelt so viele Fahrgäste“ als im Vorjahr zwischen den beiden Metropolen unterwegs, berichtete Bahnchef Richard Lutz am Montagabend in Berlin.

Weniger beliebt waren nach Handelsblatt-Informationen 2017 dagegen die langsameren IC-Züge, die nur auf 49,7 Prozent Auslastung kamen – nach 48,3 Prozent zuvor. Im Durchschnitt schafften alle Fernzüge der Bahn eine Rekordauslastung von 55,6 Prozent. Vor nicht allzu langer Zeit war der Staatskonzern froh, wenn die Züge zur Hälfte gebucht waren. Insgesamt dürfte die Bahn mindestens 141 Millionen Reisende gefahren haben, nach 139 Millionen im Vorjahr. Das wäre mehr, als der Vorstand selbst erwartet hatte.

Wegen des Erfolgs auf der Strecke Berlin-München hat sich die Bahn auch schon jetzt dazu entschlossen, mit dem nächsten Winterfahrplan ab Dezember 2018 statt täglich drei dann fünf ICE-Sprinter zwischen der Hauptstadt und der Bayernmetropole einzusetzen. Diese schnellen ICEs halten nicht so oft und fahren die maximale Geschwindigkeit von 300 Kilometern in der Stunde voll aus. Dadurch erreichen sie Fahrzeiten von etwa drei Stunden und machen Lufthansa und Easyjet schwer Konkurrenz auf der Strecke.

Lutz nannte das Geschäftsjahr 2017 trotz des Erfolgs im Fernverkehr „durchwachsen“. Das erste Halbjahr sei gut gestartet, im zweiten Halbjahr „sahen wir uns mit Rückschlägen konfrontiert“, räumte der langjährige Bahnfinanzchef, der seit März vergangenen Jahres auch an der Spitze des Vorstands steht, ein. Unter anderem verpatzte der Staatskonzern den groß angekündigten Start der Strecke Berlin-München durch technische Probleme mit der Zugsteuerung.

Die Bahn müsse „in Qualität und Pünktlichkeit insgesamt widerstandsfähiger und robuster werden“, forderte Lutz. Fernzüge waren 2017 nur zu 78,5 Prozent pünktlich, das Ziel des Bahnvorstands von 81 Prozent wurde klar verfehlt. Trotzdem kündigte Lutz an, 2018 sollen mindestens 82 Prozent der ICEs und ICs mit weniger als sechs Minuten Verspätung ankommen. Und: „Das langfristige Ziel bleibt 85 Prozent.“

Um die wachsende Nachfrage auf der Schiene bewältigen zu können, will die Bahn auch nicht mehr nur auf neue Züge warten. Lutz kündigte ein neues Programm mit dem Namen „Digitale Schiene Deutschland“ an. Durch die forcierte Digitalisierung soll 20 Prozent mehr Kapazität auf dem vorhandenen Schienennetz geschaffen werden – ohne Neubau oder Erweiterung von Strecken. Ziel sei es, 160.000 Signale und einen Großteil der 400.000 Kilometer umfassenden Verkabelung überflüssig zu machen. Stellwerke sollen digitalisiert, Weichen an eine Fernkontrolle angeschlossen werden – eine Art Weichen-EKG, das rechtzeitig Störungen meldet. Am Ende werden Züge ohne Lokführer fahren können. Das aber erwähnte Lutz nicht.

Verwandte Themen
Bahnverkehr
Deutschland
Verkehrspolitik
Das sind die Baustellen der Bahn
Gleich am ersten Tag hat sich die Bahn mit ihrer neue Strecke München-Berlin blamiert. Kaum mit einem Gala-Abend eröffnet, wurde ein ICE mit Ehrengästen vom Zugsicherungssystem ETCS ausgebremst, das alles vollautomatisch macht. Der Grund: Ein Raddurchmesser war in der Werkstatt falsch eingegeben worden. Das führte zu falschen Tempoberechnungen während der Fahrt, ETCS war verwirrt und ordnete eine Zwangsbremsung an.Auch andere Züge mussten wegen diverser Fehler mit der ETCS-Software langsamer fahren oder auf die alte Zugstrecke ausweichen. ETCS als Ganzes sei nicht das Problem und auch schon anderswo erprobt, sagt Fernverkehrschefin Birgit Bohle. Es seien „verschiedene, kleine Ursachen“, die Kopfzerbrechen machten. Zusammen mit Experten des ETCS-Hersteller Alstom sei man den Fehlern auf der Spur.
Die Bahn kann das häufigste Ärgernis für die Kunden nicht abstellen: verspätete Züge. Ein paar Minuten reichen manchmal, um vom Anschlusszug nur noch die Rücklichter zu sehen und damit auch mal ein oder zwei Stunden zu spät am Ziel anzukommen. Jeder vierte Fernzug war im Oktober zu spät - das heißt bei Bahn: sechs Minuten oder mehr nach Fahrplan am Ziel. Das lag auch an Herbststürmen und Baustellen, aber auch im Gesamtjahr wird die Bahn ihr Ziel von 81 Prozent pünktlicher Züge klar verfehlen.Bahnchef Lutz steckt in der Zwickmühle, wie er selbst sagt. Die Bahn muss das Netz sanieren, aber Baustelle bringen Verspätungen und Ausfälle. Baut sie nicht, läuft es eines Tages auf das gleiche hinaus. Das Langfristziel „85 Prozent pünktlich“ gibt Lutz aber nicht auf. Die Bahn will das Grün an den Strecken besser kontrollieren, damit bei Stürmen weniger Bäume auf Gleise und Oberleitungen fallen.
Der Tunnel in schwierigem Gestein, der Brandschutz im Tiefbahnhof, Eidechsen und Käfer, steigende Preise - es gibt viele Schwierigkeiten beim Bahnprojekt Stuttgart 21. Der Kopfbahnhof kommt weg, die unterirdische Durchgangsstation mit neuen Streckenabschnitten soll Fahrtzeiten verkürzen und Baugrund in der Stadt bringen. Seit 2010 wird gebaut, mindestens bis 2024. 7,6 Milliarden Euro soll das inzwischen kosten, worüber der Aufsichtsrat am Mittwoch diskutierte.„Ich bin finster entschlossen, dieses Projekt zu Ende zu führen, und zwar zu einem guten Ende“, hat Lutz vor Monaten verkündet. Aus Sicht von Kritikern ist es unnötiger Luxus - angesichts dessen, was anderswo zu tun ist.
Brücken, Weichen, Gleise - die Bahn hat jahrelang nicht genug saniert, nun stauen sich die Vorhaben. Die Sanierungsoffensive läuft: In diesem Jahr gab es im deutschen Netz bis zu 850 Baustellen gleichzeitig. Der Bundeskonzern investierte die Rekordsumme von 7,5 Milliarden Euro, davon 2,3 Milliarden Euro für den Neu- und Ausbau von Strecken. Der Großteil des Geldes kommt vom Bund, auch in den nächsten Jahren fließen Milliarden - doch bis sich Effekte zeigen, dauert es auch Jahre. Weil sie an die Schiene gebunden ist, ist die Bahn da deutlich schwerfälliger als ihre Wettbewerber.
Die Konkurrenz wächst. Seit einigen Jahren schon machen die Fernbusse der Bahn Beine - was Bahnkunden daran merken, dass es nun WLAN im ICE gibt und die Fahrkartenpreise nur noch wenig steigen.Nun dringt Easyjet auf den innerdeutschen Markt. Der Billigflieger verbindet künftig Berlin mit Düsseldorf, Frankfurt und Stuttgart. Und die Briten scheuen sich auch nicht, der Bahn über ihrer neuen Rennstrecke nach München Konkurrenz zu machen - zu Preisen ab 49 Euro. Zuvor hatte die Bahn nur auf der Strecke Schönefeld-Köln Billigflieger-Konkurrenz - von Ryanair.Und Flixbus ärgert die Bahn nun auch auf der Schiene. Die einzigen privaten Fernzüge Locomore und HKX sollen einen zweiten Frühling erleben, indem der Fernbus-Rivale die Fahrkarten verkauft und durch passende Busfahrten Fahrgäste bringt. In drei Monaten hat Flixbus 70 000 Zugfahrkarten verkauft - allerdings verkauft die Bahn im selben Zeitraum noch 500 Mal so viele Fernverkehrskarten.

Digitalisierung eröffne die Chance, so Lutz weiter, den Eisenbahnbetrieb ohne große zusätzliche Baumaßnahmen zu modernisieren. Das Programm werde in etwa zehn bis fünfzehn Jahren umgesetzt und koste natürlich „Geld, sehr viel Geld“, sagte der Bahnchef. „Darüber werden wir mit unserem Eigentümer reden.“ Die künftige Bundesregierung wird sich deshalb schon mal darauf einstellen dürfen, dass ihre größte Staatsbeteiligung trotz wirtschaftlichen Aufschwungs des Konzerns einmal mehr die Hand aufhält.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt