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Josef Zotter Schokolade mit Insekten oder Schweineblut: Dieser Chocolatier erlebt einen Boom in der Krise

Traditionsunternehmer Josef Zotter kam mit seinen unkonventionellen Produkten sehr gut durch die Pandemie. Doch nun plagen ihn Zweifel.
12.07.2021 - 13:04 Uhr Kommentieren
Zotter Schokolade: Kommt nach dem Boom der Crash?
Josef Zotter in der Schokoladenproduktion

Der Unternehmer kam zwar gut durch die Krise, sorgt sich nun aber wegen Fachkräftemangel und Investitionen.

Wien Josef Zotter hat beruflich schon vieles erlebt, selbst einen Konkurs hat der Chocolatier aus Österreich hingelegt. Im Jahr 1996 ging sein Unternehmen mit Kaffeehäusern und Konditoreien bankrott. Trotzdem hat Zotter stets auf sein Bauchgefühl gehört, nicht auf das, was detaillierte Marktanalysen zeigen. Denn von diesen hält der 60-Jährige wenig. Vielmehr hält er den Markt für „blöd“. Dort würden vornehmlich Güter und Dienstleistungen nachgefragt, welche die Verbraucher bereits kennen. Ungewohntes hat es dagegen schwer.

Doch gerade dieser unkonventionelle Geschäftsstil von Zotter hat es problemlos durch die Krise geschafft. Das Onlinegeschäft boomte, und dieses Jahr soll sogar das beste seiner Geschäftszeit werden. Dennoch haben ihn die Verwerfungen der Pandemie derart ins Grübeln gebracht wie kein Ereignis zuvor in seinem Leben. „Ich mache mir wegen der Zukunft ein wenig Sorgen“, sagt er.

Das sind überraschende Töne für einen Unternehmer, der mit seinen Schokoladenkreationen immer wieder gern für Aufsehen sorgte und sich auch für Gags nie zu schade war. Von Zotter gab es schon Schokolade mit Insekten, Schweineblut oder Bergkäse. Während des Gesprächs reicht er seine neueste Schöpfung – Schokolade mit Balsamicoessig.

Vorreiter war der Unternehmer etwa mit dem Bau einer Schaufabrik, in der die Käufer bei der Herstellung von Schokolade zusehen können. Die großen Konkurrenten aus dem Nachbarland Schweiz, Läderach und Lindt & Sprüngli, verwirklichten erst Jahre später ähnliche Projekte.

Und diesen Vollblutunternehmer plagen plötzlich Zweifel, wie es wirtschaftlich und mit seiner Firma weitergehen soll? Sogar ihm selbst kommt diese Unsicherheit eigenartig vor. Es klinge blöd, wenn man ihn kenne, sagt er.

Eigentlich hatte Zotter geplant, in seinen Betrieb im steierischen Bergl rund 20 Millionen Euro zu investieren. Für ein Unternehmen mit 220 Mitarbeitern und 29 Millionen Euro Umsatz ist das eine beachtliche Summe – zumal Zotter sie ganz aus dem Cashflow finanziert. Nun zögert er die Investition aber hinaus, der Entscheid wird voraussichtlich erst im Herbst fallen. „Vor ein paar Jahren hätte ich mit einer solchen Investition kaum gewartet“, sagt er.

Zur Vorsicht mahnen den Unternehmer erstens die stark gestiegenen Baukosten. Eigentlich wollte er sein Projekt antizyklisch angehen, also im wirtschaftlichen Tief, um dann im Aufschwung durchzustarten. Dass ihm die Inflation in die Quere kommt, damit hat er nicht gerechnet.

Zweitens macht sich Zotter wegen des Fachkräftemangels Sorgen. Was passiert, wenn er seine Anlagen erweitert, danach aber die Angestellten nicht findet, um sie zu betreiben? Die Turbulenzen am Arbeitsmarkt sind derzeit das große Thema bei Österreichs Unternehmern. Es gibt zwar fast 300.000 Arbeitslose im Land. Aber Qualifikation und Anforderungen stehen teilweise in einem Missverhältnis zueinander – zumindest glauben das die Unternehmer.

Fachkräfte zu finden wird schwieriger

Dabei waren gerade die Firmen in der Oststeiermark, wo auch Zotters Betrieb angesiedelt ist, lange Zeit bevorzugt. Die Region liegt am Dreiländereck zu Ungarn und Slowenien, sodass sie ihren Fachkräftebedarf teilweise mit Berufspendlern aus diesen beiden Ländern decken konnten.

Aber die Lohndifferenz zu Österreich hat sich in den vergangenen Jahren vermindert. Wirtschaftlich haben Ungarn und Slowenien aufgeholt. Heute sei der Salärzuschlag in Österreich für gewisse Pendler wohl zu gering, um jeden Tag hin- und herzufahren sagt Zotter. Sie suchten sich deshalb eine Stelle im Heimatland.

Die Arbeitsmärkte seien in vielen Bereichen leer gesaugt, findet auch Ewald Verhounig, der Leiter des steierischen Instituts für Wirtschafts- und Standortentwicklung. Man müsse deshalb die in der Region ansässigen Arbeitskräfte weiterbilden und auf ein höheres Qualifikationsniveau heben.

Zotter glaubt dagegen, dass es gar nicht so einfach sei, einheimisches Fachpersonal zu rekrutieren. Seit der Pandemie würden die Menschen mehr auf ihre Work-Life-Balance achten – es sei eine Art neuer Lebensstil entstanden.

Dieser Trend spiegelt sich laut Zotter bei den Bewerbungen. Häufiger als früher legten die Jobanfänger auf eine Teilzeitarbeit Wert. „Wir haben es mit der Erbengeneration zu tun“, sagt er. Zudem sei es schwierig geworden, spezialisierte Ökonomen zu finden. „Wenn wir Hochschulabsolventen suchen, melden sich vor allem Marketingspezialisten“, sagt Zotter teils belustigt, teils resigniert.

Um dem Malaise am Arbeitsmarkt zu begegnen, überlegt es sich Zotter, öfter mit Leiharbeitsfirmen zusammenzuarbeiten. Und in der Produktion setzt er vermehrt auf Roboter. Einzelne dieser Maschinen sind bereits im Einsatz, weitere werden folgen, etwa um Plättchen aus Schokolade zu gießen.

Was die Geschäftszahlen angeht, hat Zotter allerdings keinen Grund zum Klagen. Das laufende Geschäftsjahr (auf Ende Juli) wird das beste der Firmengeschichte sein. Als die Regierung die Wirtschaft im März 2020 wegen der Pandemie fast vollständig lahmlegte, befürchtete Zotter zwar das Schlimmste. „Das gibt’s doch gar nicht“, schoss es ihm durch den Kopf. Rund ein Drittel der Angestellten setzte er auf Kurzarbeit. Aber schon nach drei Wochen normalisierte sich das Geschäft wieder.

Distanziertes Verhältnis zum Einzelhandel

Vor allem der Onlineabsatz erreichte einen Rekordwert. Fast die Hälfte des Umsatzes erzielt der Schokoladenproduzent über das Internet und den Laden auf dem Produktionsgelände in Bergl. Zotter kam zugute, dass er den Onlinekanal schon seit Langem pflegt. Zum mächtigen Einzelhandel dagegen hat er schon immer ein distanziertes Verhältnis gehabt. Aus den Rabattschlachten hält er sich raus.

Eine skeptische Haltung nimmt der Unternehmer mittlerweile auch gegenüber China ein. Seit 2013 ist Zotter im Land vertreten. Die Wachstumsaussichten dort erachtet er zwar weiterhin als intakt. „Noch immer sind Hunderte von Millionen Chinesen arm, haben aber den Willen, in die Mittelschicht aufzusteigen.“ Gleichzeitig habe die Rechtssicherheit im Land abgenommen, hat Zotter beobachtet. „Man weiß nicht mehr, was morgen gelten wird.“ Sein Unternehmen wird im Land präsent bleiben, aber vorerst die Aktivitäten nicht mehr ausbauen.

Aber kommt in solchen Zweifeln, die Zotter zu Schau stellt, vielleicht auch ein gewisser Generationenkonflikt zum Ausdruck? Er sei nun 60 Jahre alt, und vielleicht verliere man in diesem Alter etwas die Experimentierfreude, stimmt der Unternehmer zu.

Die Firmenübergabe an seine drei Kinder hat er jedenfalls eingeleitet. Fest steht, dass seine älteste Tochter die Unternehmensleitung übernehmen wird. Zudem sind sich seine Kinder in einer Frage einig: Der Ausbau von 20 Millionen Euro, der dem Vater Kopfzerbrechen bereitet, soll verwirklicht werden.

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