Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Juul-Gründer im Interview „Während wir sprechen, sterben sechs Menschen in Deutschland an den Folgen des Rauchens“

Die umstrittene E-Zigarette von Juul kommt nach Deutschland. Die beiden Gründer sprechen über ihre Ziele, Nikotinsucht und die Frage, ob sie ihr Produkt Freunden empfehlen würden.
13.12.2018 - 06:00 Uhr Kommentieren
Die beiden Gründer sprechen in einer Hamburger Hotel-Suite über ihre Mission, den Tabak überflüssig zu machen. Quelle: AFP
Die Gründer von Juul, Adam Bowen (links) und James Mosees (rechts)

Die beiden Gründer sprechen in einer Hamburger Hotel-Suite über ihre Mission, den Tabak überflüssig zu machen.

(Foto: AFP)

Hamburg Kommende Woche kommt die E-Zigarette Juul auf den deutschen Markt. Dahinter stehe zwei der momentan angesagtesten Gründer des Silicon Valley: James Monsees und Adam Bowen wollen den weltweiten Tabakkonzernen die Raucher mit einer risikoärmeren Alternative Kunden abjagen.

In den USA werden sie dafür sowohl gefeiert als auch angefeindet: Investoren bewerten das schnell wachsende Geschäft bereits zweieinhalb Jahre nach dem Marktstart mit gigantischen 15 Milliarden Dollar. Lehrer und Verbraucherschützer warnen derweil, der hochdosierte Juul-Liquid führe die amerikanische Jugend in die Nikotinabhängigkeit.

Die beiden Gründer sind von San Francisco nach Hamburg gereist, um den Start ihrer Deutschland-Zentrale zu feiern – und den Angriff auf den noch von kleineren Pionieren beherrschten deutschen E-Zigaretten-Markt zu starten. Sie sprechen in einer Hamburger Hotel-Suite über ihre Mission, den Tabak überflüssig zu machen.

In einem mitgebrachten Schaukasten hinter ihnen liegt der schmale silbrig glänzende Stab mit USB-Anschluss, der die Revolution Wirklichkeit werden lassen soll – und sie reich macht: die E-Zigarette Juul.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Herr Monsees, Herr Bowen, Juul ist mit seiner E-Zigarette noch schneller ein „Einhorn“ geworden als Facebook. Sie haben nicht einmal drei Jahre gebraucht, um eine Bewertung von einer Milliarde Dollar zu erreichen…
    Monsees: Irgendwer hat diesen Vergleich in die Welt gesetzt. Das ist nur richtig, wenn man unseren Marktstart im Sommer 2015 anschaut. Unser Unternehmen selbst existiert aber schon länger. Und zwar seit 2007, als wir unser Studium in Stanford beendet haben. Als damalige Raucher haben wir bereits in unserer Abschlussarbeit eine befriedigende Alternative zum Tabak gesucht.

    Was Juul von anderen Silicon-Valley-Unternehmen unterscheidet, ist das physische, reale Produkt.
    Bowen: Ja, das macht es oft schwieriger. Wir kämpfen nicht mit Software. Andere im Valley machen aber ja auch echte Produkte – und wir haben Talente von dort abgeworben: von Apple, Tesla, Fitbit. Wir bringen sie zusammen mit Leuten, die vorher in Pharma-Unternehmen gearbeitet haben. Wir sehen uns als Tech-Company, die eine Konsumbranche revolutioniert. In den USA ist der Zigarettenkonsum im vergangenen Jahr um acht Prozent gesunken. Das liegt auch an uns.

    Vielleicht ist noch beeindruckender als der Vergleich mit Facebook, dass Sie Big Tobacco, Weltkonzernen mit Zig-Milliarden-Umsätzen, das Geschäft streitig machen. Wieso haben die Tabakkonzerne mit ihren eigenen E-Zigaretten weniger Erfolg als Sie?
    Bowen: Als wir gestartet sind, drückten sie bereits E-Zigaretten über ihre Verkaufskanäle in den Markt. Aber sie konnten einfach nicht das Versprechen erfüllen, einen vollwertigen Ersatz für Zigaretten zu bieten.

    Das technologische Geheimnis ist doch, dass Sie einfach mehr Nikotingehalt bieten als andere E-Zigaretten, oder?
    Bowen: Die Nikotinkonzentration ist höher als bei anderen E-Zigaretten, aber pro Zug etwa so hoch wie bei einer Tabakzigarette.
    Monsees: Das allein reicht aber nicht. Einige der Liquids, die es für offene Systeme gibt, hatten schon immer so hohe Nikotingehalte. Adam und seine Entwickler haben spezielle Nikotinsalze entwickelt, die natürlichem Nikotin in Tabak sehr ähnlich sind. Außerdem muss der Verdampfer gut sein, damit die Qualität immer gleich ist. Der Rest lief über Mund-Propaganda unter Rauchern.

    Die EU-Regulierung verhindert, dass sie hier ebenso hohe Nikotingehalte anbieten können. Damit können Sie doch auf dem deutschen Markt ihr Produktversprechen gar nicht einhalten.
    Monsees: In den USA haben wir inzwischen auch unterschiedliche Stärken im Angebot. Es kann allerdings sein, dass für besonders starke Raucher in Deutschland der Umstieg ohne unser stärkstes Liquid schwieriger wird.
    Kritiker in Ihrer Heimat beschweren sich, dass Sie Minderjährige zum Rauchen verleiten. Juul soll unter College-Studenten regelrecht in Mode sein.
    Bowen: Unsere Zielgruppe sind ganz klar erwachsene Raucher, darauf richten wir unser gesamtes Marketing.
    Monsees:  Wir konzentrieren uns jetzt stärker auf den Online-Handel, wo Altersnachweise möglich sind.
    Gehen Sie dann in Deutschland nicht in Supermärkte oder Tabakläden?
    Monsees: Doch. Ab dem 19. Dezember sind wir in rund 1.000 Tabakfachgeschäften, in einigen Wochen auch Online.

    Warum verkaufen Sie nicht einfach über Apotheken, wenn es doch nur um Gesundheit geht?
    Monsees: Apotheken sind weltweit meist anders reguliert. Außerdem wollen wir Raucher dort erreichen, wo sie sonst auch kaufen. Zigaretten sind ein Gewohnheitsprodukt.

    Wie glaubwürdig ist Ihre Branche denn wirklich? Auch Philip Morris spricht bei seinem schadstoffreduzierten Tabak-Verdampfer Iqos öffentlich viel von Gesundheit. Bei der Launch-Party der neusten Generation des Geräts vor wenigen Wochen in Hamburg trat dann der Popstar Jason Derulo vor Influencern und dem deutschen Schauspieler Til Schweiger auf. Das sah überhaupt nicht nach nüchterner Gesundheitsbotschaft aus…
    Bowen: Ich kann nicht kommentieren, was unsere Konkurrenten machen. Ich versichere Ihnen aber, dass wir das anders machen. Unsere Botschafter in der Werbung sind ehemalige erwachsene Raucher ab 30 Jahren. Es geht nicht um einen Lifestyle.

    Andererseits: Wenn das Produkt wirklich nicht viel schädlicher ist als etwa der Konsum von rotem Fleisch und den Leuten Spaß bringt, warum laden Sie dann nicht auch Nichtraucher ein, es mal zu probieren?
    Bowen: Nikotin macht weiterhin stark abhängig. Das allein ist Grund für mich, meinen nicht-rauchenden Freunden und Verwandten von meinem Produkt abzuraten.

    Bereitet es Ihnen Kopfzerbrechen, dass Sie mit der Sucht Ihrer Kunden Geld verdienen?
    Monsees: Das ist das letzte, was wir wollen. Wir haben ein ganz anderes Geschäftsmodell als traditionellen Tabakkonzerne. Wir halten gerade mal ein halbes Prozent am weltweiten Tabakmarkt. In den USA haben wir 74 Prozent Marktanteil bei E-Zigaretten, aber nur vier bis fünf Prozent am gesamten US-Tabakmarkt. Wir haben also noch enormes Potenzial unter heutigen Rauchern. Dafür brauchen wir Vertrauen – etwas, das den großen Tabakkonzernen seit Jahrzehnten fehlt.

    Es heißt, der Marlboro-Hersteller Altria wolle für viel Geld bei Juul einsteigen
    Monsees: Das habe ich auch gelesen. Spekulationen kommentieren wir aber nicht.

    Wären Sie denn überhaupt offen für den Einstieg eines Tabakkonzerns – oder ist er der Feind?
    Monsees: Heute wollen wir über den deutschen Markt sprechen, nicht über Spekulationen.

    Na dann, wie bearbeiten Sie den deutschen Markt?
    Bowen: Wir starten hier mit Marketing-Teams. Produktion und Entwicklung bleiben zunächst in den USA, aber mit Wachstum erwägen wir eine lokale Produktion. In der deutschen Zentrale in Hamburg sind wir schon jetzt 30 Leute. Weltweit sind es knapp 1.500.

    Ich denke nicht mehr dauernd an Zigaretten – außer im Zusammenhang mit meiner Arbeit. James Monsees

    Auf welchen europäischen Märkten starten Sie noch?
    Bowen: Wir sind in Europa schon in Großbritannien, Frankreich, Russland und der Schweiz. Nächstes Jahr kommen weitere Länder hinzu. 95 Prozent der weltweiten Raucher leben außerhalb der USA. Hoffentlich wechseln bald auch in Deutschland mehrere Millionen Raucher zu uns.

    Auf dem deutschen Markt gibt es viele kleine Anbieter von E-Zigaretten. Sollten die Angst vor Ihnen haben?
    Bowen: Wir mögen Wettbewerb von Kleinen und Großen. Aber wir wollen die Standards bei Qualität und Service setzen und damit schnell Marktanteile gewinnen.

    Wie finanzieren Sie die internationale Expansion?
    Bowen: Wir hatten Anfang des Jahres eine erfolgreiche private Finanzierungsrunde. Außerdem sind wir profitabel und stecken den Gewinn in das Wachstum und in die Produktentwicklung.

    Was ist Ihr Ziel? Gibt es irgendwann einen Exit, etwa einen Börsengang? Oder vererben Sie Juul eines Tages an Ihre Kinder?
    Monsees: Wir sind ja nicht die einzigen Inhaber, sondern haben eine Reihe von Investoren, die uns treu sind und kein Geld rausziehen wollen. Das Wort Exit ist immer etwas komisch. Unser Unternehmen soll doch noch nicht mit irgendeiner Finanzaktion enden. Wir machen das normale Tagesgeschäft – dazu gehört sicher auch, Mitarbeiter für ihren Erfolg zu belohnen und Investoren der ersten Stunde am Erfolg teilhaben zu lassen. Aber nichts davon darf unsere Mission gefährden, Tabak weltweit überflüssig zu machen. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.

    Die Politik in Deutschland diskutiert über Werbeverbote für E-Zigaretten. Werden Sie als Lobbyisten in Berlin und Brüssel tätig werden?
    Bowen: Wir wollen auch die europäischen Politiker aufklären. Wir unterstützen vernünftige Regulierung, wollen aber nicht ebenso reguliert werden wie Tabak. Wir wollen den Rauchern sagen können, dass unser Produkt existiert und weniger gefährlich ist.

    Wie groß ist die Gefahr noch, dass die Regulierer E-Zigaretten doch noch ganz verbieten?
    Monsees: Das wäre ein großer Rückschlag für die öffentliche Gesundheit. Wir wissen, wie die Welt ohne Produkte wie Juul aussah: Es gab kaum Rückgänge bei den Toten durch Tabak. Allein in der halben Stunde, die wir jetzt gesprochen haben, sind in Deutschland sechs Menschen an den Folgen des Rauchens gestorben. Das ist eine echte Epidemie, die größte Ursache an vermeidbaren Todesfällen weltweit.
    Bowen: Die führenden Forschungsinstitute und Regulierer in der EU erkennen inzwischen an, dass E-Zigaretten weniger schädlich sind.

    Sie empfehlen aber Rauchern immer noch in erster Linie, ganz einfach aufzuhören.
    Monsees: Nikotin ist durch diese Empfehlung seit vielen Jahrzehnten nicht abzuschaffen gewesen. Viele von uns Abhängigen würden gern aufhören, schaffen es aber nicht. Für mich funktioniert Juul. Ich denke nicht mehr dauernd an Zigaretten – außer im Zusammenhang mit meiner Arbeit. Vielleicht ist es ein Silicon-Valley-Ansatz, aber ich bin überzeugt: Den Leuten gute Alternativen zu bieten, ist viel effektiver als Verbote oder Vorschriften.

    Wie hat der Erfolg von Juul Ihre Leben noch verändert?
    Monsees: Ich arbeite mehr als jemals zuvor.
    Bowen: Vor 14 Jahren waren wir Studenten, da haben wir schon zu Tabak-Alternativen geforscht. Das machen wir immer noch jeden Tag. Der größte Unterschied ist, dass wir weniger Zeit mit der Entwicklung von Produkten verbringen, dafür aber mehr Leute wie Sie treffen, um über die Mission unseres Unternehmens zu sprechen.

    Herr Monsees und Herr Bowen, vielen Dank für das Interview.

    Startseite
    Mehr zu: Juul-Gründer im Interview - „Während wir sprechen, sterben sechs Menschen in Deutschland an den Folgen des Rauchens“
    0 Kommentare zu "Juul-Gründer im Interview: „Während wir sprechen, sterben sechs Menschen in Deutschland an den Folgen des Rauchens“"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%