Leitz-Park Wetzlar

Für das neue Gebäude wurden rund 165 Millionen Euro verbaut.

Kamerahersteller Leica-Eigentümer Andreas Kaufmann eröffnet neue Firmenzentrale – und hat große Pläne

Der Ex-Waldorflehrer hat Leica gerettet und zu neuem Glanz verholfen. Nun wird der neue Firmensitz eröffnet – mit viel Glamour und großen Zukunftsplänen.
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DüsseldorfManche Dinge kann man nicht kaufen. Liebe zum Beispiel. Deshalb ist es für jede Firma der Welt schlicht unbezahlbar, dass ein Brooklyn Beckham sich deren Produkt auf den Oberarm tätowieren lässt. Der 19-Jährige ist der älteste Sohn von David und Victoria Beckham, was ihn qua Herkunft selbst zum Weltstar macht.

Und dieser Brooklyn hat nicht nur seine „Mum“ auf dem Oberarm großflächig verewigt, sondern auch, tja, einen Fotoapparat: die Leica-M.

Als Tattoo wirkt das Gerät so sexy wie eine Schuhschachtel. Aber es ist zugleich ein zweifaches Statement. Einerseits unterstreicht es die Fachkunde des passionierten Jung-Fotografen. Andererseits sagt das Motiv: Leica ist unfassbar jung und cool geworden, wenn es einem britischen It-Boy derart unter die Haut geht. Und das mit der Coolness war nun wirklich nicht immer so.

Bis vor einigen Jahren war das Unternehmen ähnlich angesagt wie der Schwäbische Albverein – große Geschichte, aber arg patiniert. Klar, Oskar Barnack hatte für Ernst Leitz und den Rest der Welt einst die Kleinbildkamera erfunden.

Und, richtig, das war über zwei Weltkriege und diverse Wirtschaftskrisen hinweg quasi der Goldstandard der Fotobranche. Aber dann kam auch bei der deutschen Firma die Digitalisierung an. Und noch 2004 sagte der damalige Vorstandschef Hanns-Peter Cohn, das Digitale sei „nur ein Intermezzo“. Er war dann nicht mehr lange Chef, Leica dafür quasi pleite.

„Leica hat in die alte Heimat zurückgefunden“

Von dem Drama macht sich keine Vorstellung mehr, wer an diesem Wochenende zur Einweihung der neuen Firmenzentrale am alten Stammsitz in Wetzlar vorbeischaut. Insgesamt wurden dort 165 Millionen Euro investiert. Architektonisch eher Leica-nüchtern aschgrau, inhaltlich aber ein optisches Paradies und zugleich neue Heimat für 1200 Mitarbeiter: Labors, Büros und Werkstätten, ein großer Store, gläserne Manufaktur, ein Museum und ein Hotel, das vollgehängt ist mit berühmten Leica-Fotos. Und natürlich wird es auf diesem Bilder-Berg künftig auch Workshops geben und Ausstellungen und Seminare für Profis und Fans der Marke.

„Unter reinen Portfolio-Gesichtspunkten könnte man das ganze Projekt vielleicht auch als etwas riskant ansehen“, sagt Firmeneigentümer Andreas Kaufmann. „Aber das ist ja mehr als eine Immobilie ...“ Der Leitz-Park Wetzlar solle „auch zeigen: Leica hat in die alte Heimat zurückgefunden und ist nach Jahren der Restrukturierung zugleich erwachsen geworden.“ Das wiederum verdankt die Firma ausgerechnet ihm, einem promovierten Politologen und ehemaligen Waldorflehrer.

Kamerahersteller: Leica-Eigentümer eröffnet neue Firmenzentrale Quelle: Bernd Roselieb für Handelsblatt
Andreas Kaufmann

„Leica hat in die Heimat zurückgefunden und ist nach Jahren der Restrukturierung erwachsen geworden.“

(Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt)

Kaufmann entstammt einer anthroposophischen Promi-Dynastie: Sein Vater war Manager bei den Naturkosmetikern von Weleda, Schwager Götz Rehn hat Alnatura aufgebaut, Schwippschwager Götz Werner gehört die Drogeriemarktkette dm. Kaufmann selbst war einst Gründungsmitglied der Grünen, eher antikapitalistisch sozialisiert – und irgendwann trotzdem sehr reich.

Eine Tante hatte ihm und seinen beiden Brüdern das österreichische Papier-Imperium Frantschach vererbt. Mit dem Geld, das dessen Verkauf brachte, wollte er vielleicht nicht die Welt retten, aber die eine oder andere unterbewertete Firma. Da kam ihm Leica 2004 gerade recht. Doch der Weg war wirklich steinig, nachdem Leica von der Börse genommen worden war.

Der (unter Aufsichtsratschef Kaufmann) aktuell amtierende Chef Matthias Harsch ist der siebte seit der Übernahme. In diesem Fall steht der schnelle Personalwechsel aber vielleicht eher für Konsequenz als für Chaos. Denn aus heutiger Sicht scheint die Wiedergeburt der Marke einem klaren Plan gefolgt zu sein.

Allen voran stand die Gewissheit, dass man auch in der Digitaltechnologie ganz vorne mitspielen musste. Zugleich mussten die Ikonen nicht nur abgestaubt, sondern neu erfunden werden. Im Fall Leica ist das die schon erwähnte M, die in der neuesten Digitalvariante knapp 7 000 Euro kostet. Ohne Objektiv. Das ist kein Wahnsinn, sondern Methode. Denn gerade dank derart kompromissloser Ideen wurde Leica wieder, was es immer sein wollte: der Porsche unter den Kamera-Marken.

Die M-Klassen-Familie sorgt übrigens für rund 50 Prozent des aktuellen Umsatzes von gut 410 Millionen Euro, der Kaufmann indes nie so wichtig war wie die Marge: „Und da sind wir auf einem guten Weg.“ Gemunkelt wird von 70 Millionen Euro Ebitda.

Investor Blackstone will aussteigen

Solche Erfolge sind ohne Partner kaum zu stemmen – was Technologie, aber auch Finanzkraft angeht. Seit 2011 hält der US-Finanzinvestor Blackstone einen 44-Prozent-Anteil an Leica. Dieses Jahr wollen die Amerikaner aussteigen, rufen aber offenbar exorbitante Preise auf. So leise die Partnerschaft lange war, so laut droht sie final zu werden. Kaufmann ist dennoch zuversichtlich: „Ich vermute, dass der Verkaufsprozess im Laufe des Spätsommers ein gutes Ende finden wird.“

Für den anstehenden Umbau sieht er drei Optionen: Er und seine Familie übernehmen die Anteile selbst. Ein neuer Investor steigt ein. Oder Leica wird mit Partner an die Börse zurückgebracht. „In jedem Fall werden meine Familie und ich das Schicksal der Firma weiterhin aktiv mitgestalten“, verspricht der Wahl-Salzburger, der sich nicht nur finanziell früh nach Verbündeten umgesehen hat.

Mit Panasonic etwa arbeitet man bei kleinen Kompaktkameras seit Jahren. 2016 wäre Kaufmann allerdings fast zum Antichristen aller Leica-Fans geworden, als er eine Kooperation mit Huawei verkündete. Der Konzern steht für China, Massenmarkt und Handys sowie das Geknipse damit. Aus den gleichen Gründen, die Huawei für viele Puristen unmöglich macht, vereinbarte Kaufmann die auf sieben Jahre angelegte Liaison: „Wir lernen. Und Huawei lernt. Insofern ist das eine für beide Seiten sehr fruchtbare Zusammenarbeit und Ehe auf Zeit.“

Die Chinesen machen nun eine Menge Reklame für den deutschen Partner, auf den sie stolz sind. Und Leica ist im Gegenzug gezwungen, sich mit den begrenzten optischen Möglichkeiten moderner Smartphones auseinanderzusetzen, die als wichtigster Schnappschuss-Lieferant nicht mehr wegzudenken sind. Also lieber mitmachen als blasiert danebenstehen. Zumal Kaufmann irgendwann gern ein Leica-Phone auf den Markt bringen würde: „Noch ist es ein Wunschtraum, aber mit einer Tendenz, doch tatsächlich Realität zu werden.“

Erste Armbanduhren von Leica

Was Nebengeschäfte mit der Marke angeht, hat er ohnehin einiges vor: Mit Novacel produziert man bereits hochwertige Brillengläser. Am Mittwoch präsentierte Kaufmann zudem die ersten Armbanduhren: „Die Modelle, die wir nun gemeinsam mit der Schwarzwälder Manufaktur Lehmann vorstellen, starten preislich bei etwa 10.000 Euro“, so Kaufmann. „Das Projekt ist zugleich der Beginn unserer Idee von vorsichtigen Line-Extensions, bei denen ich mir in den nächsten Jahren noch einiges vorstellen kann.“

Diese Offenheit kultiviert Leica auch gegenüber Trends, die durchaus Retro sein können: So bietet man mit Fuji eine Sofortbildkamera an: „Das läuft sehr gut, wir denken derzeit über eine neue Generation nach“, so Kaufmann, der da eher an Design-Innovationen denkt. „Und ich könnte mir vorstellen, dass wir das bisherige Sofortbildformat größer gestalten.“

Wenn man Constanze Clauß vom Photoindustrie-Verband fragt, wie sich der Gesamtmarkt entwickelt hat, schimmert durch, wie gerade Leica offenbar immer die richtigen Weichen gestellt hat: „Billigware hat ausgedient, die Kunden schauen viel eher nach extrem hochwertigem Equipment“, sagt sie. „Daneben gibt es neue Retro-Trends wie die Rückkehr der Sofortbildkamera und des analogen Films, den gerade jüngere Kunden wiederentdecken.“

Leica befinde sich nun „genau dort, wo der Fotomarkt als Reaktion aufs Smartphone hintendiert: am oberen Ende der Preis- und Technikskala“, lobt Frank Späth, Chefredakteur des Fachmagazins „Photographie“. „Die erfolgreiche Strategie des Mittelständers besteht in der Pflege und konsequenten Weiterbelebung einer der berühmtesten Kameramarken der Welt“ und schaffe „immer wieder Kameras mit ikonografischem Potenzial“.

Der Porsche unter den Kameras

Diese Wiederauferstehung verdankt sich auch dem starken Ansehen der Marke. Image ist nicht nur eine Technik- oder Geld-, sondern vor allem eine Kulturfrage. Und für die wiederum fühlt sich bei Leica Kaufmanns Frau Karin Rehn-Kaufmann mitverantwortlich, die sich um die aktuell 19 Leica-Galerien weltweit kümmert, zu denen dieses Jahr noch vier weitere kommen werden. „Es geht uns auch darum, in einer Ära der alles dominierenden Selfies und Schnappschüsse eine gewisse Verantwortung zu übernehmen für das Kulturgut Bild“, sagt sie. Um eine „Schule des Sehens“.

Immerhin seien Bild und Musik „die bedeutends‧ten nonverbalen Sprachen der Welt. Beide werden überall verstanden.“ Ihr Credo: „Ein Bild ist erst dann ein Bild, wenn es ausgedruckt ist. Der Rest sind Daten, die wir alle auf unseren Computern speichern. Aber das schaut man sich nicht an.“ Die Folge: Einerseits berät der Leica-Store in Los Angeles heute auch mal Laufkundschaft wie Brad Pitt. Andererseits wurde im Frühjahr bei einer Auktion der Leica-Prototyp 0-Serie Nr. 122 als teuerste Kamera der Welt versteigert: Für 2,4 Millionen Euro ging sie an einen asiatischen Sammler.

Kaufmann macht das alles mehr denn je Riesenspaß. Er sei „eh nicht der Typ, der gern das ganze Jahr auf Kreuzfahrt geht“. Ein Leica-Tattoo wie Brooklyn Beckham würde er sich aber wohl nicht stechen lassen. Das sei „eine Generationssache. Ich hab’s nicht so mit Tattoos.“

Manches schafft eben nicht mal die Liebe.

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