Kasper Rorsted im Interview Warum Adidas weiter auf Russland setzt – und nicht vom DFB-Team abhängig ist

Adidas-Chef Rorsted erklärt im Interview, warum er am Russland-Geschäft festhält, er die Fifa nicht fallen lässt und die Kanzlerin zur WM reisen sollte.
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Adidas-Chef Kasper Rorsted: „Frau Merkel sollte nach Russland reisen“ Quelle: picture alliance / GES/Thomas Ei
Kasper Rorsted in Moskau

Überzeugt, dass Deutschland die Vorrunde übersteht.

(Foto: picture alliance / GES/Thomas Ei)

MoskauFrisch geduscht betritt Kasper Rorsted, 56, den Besprechungsraum und schnappt sich erst einmal ein Gemüse-Sandwich. Die letzte Stunde hat sich der Adidas-Chef im firmeneigenen Fitnessstudio ausgetobt. Der Däne ist begeistert vom Gym in der neuen Russlandzentrale am Stadtrand von Moskau. Entspannt stellt er sich anschließend den Fragen des Handelsblatts.

Herr Rorsted, dies ist Ihre erste Fußball-Weltmeisterschaft als Adidas-Chef. Wie gefällt es Ihnen?
Es macht einen Riesenspaß, wirklich. Gleichzeitig habe ich großen Respekt vor meinen Adidas-Kollegen, denn ich habe gesehen, welch enorme Vorbereitung so ein Turnier braucht.

Wie fühlt es sich an, auf einmal so nahe am Geschehen dran zu sein?
Ich war schon öfter auf großen Turnieren, zum ersten Mal 1984 bei der EM in Frankreich. Aber jetzt bin ich mittendrin. Das war auch ein Grund für meinen Wechsel zu Adidas.

Sie haben die deutsche Nationalmannschaft in deren Quartier besucht, waren beim Mittagessen dabei und unterhielten sich mit Spielern.
Ein Erlebnis, das sich nicht mit Gold aufwiegen lässt. Zu Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff habe ich zwar schon länger einen guten Draht. Jetzt habe ich aber zum ersten Mal vor Ort gesehen, wie der DFB so ein großes Projekt angeht.

Können Sie als Chef eines Konzerns von einem Fußballteam lernen?
Natürlich, ich kann von jedem einzelnen Spieler etwas lernen. Letztlich setzt sich ja im Fußball selten der Talentierteste durch, sondern meistens der mit dem größten Willen. Das lässt sich auch auf eine Firma übertragen. Die muss nicht die Beste sein in allem, aber insgesamt den Anspruch haben, ganz vorne mitzuspielen.

Adidas sieht sich als führende Fußballmarke. Gleichzeitig hat der Fußballanteil an Umsatz abgenommen. Wie passt das zusammen?
Adidas ist ein Unternehmen, das vom Fußball und Laufen herkommt. Das sind die Sportarten, die weltweit die Trends setzen. Fußball zahlt besonders auf die Marke ein, hat gewaltigen Einfluss auf unser Image. In den vergangenen Jahren ist das Geschäft mit Läufern und Fitness-Begeisterten allerdings stärker gewachsen, Fußball hat relativ abgenommen, obwohl auch hier die Umsätze stiegen.

Hilft die enge Verbindung mit dem ins Zwielicht geratenen Weltfußball-Verband Fifa wirklich, ein positives Bild von Adidas zu verbreiten?
Ich schaue mir ganz nüchtern die Zahlen an, das Engagement lohnt sich für uns. Zudem kommt die Fifa mit ihren Reformen voran. Persönlich habe ich allerdings keinen engen Draht zu den Funktionären und suche diese Nähe auch nicht.

Ist es denkbar, den Vertrag mit der Fifa zu kündigen, obwohl Adidas seit Jahrzehnten dabei ist?
Natürlich, und ich muss ja nicht alles gut finden, was die Fifa so macht. Die Entscheidung, dass künftig 48 Teams bei der WM antreten, finde ich katastrophal. Ich betrachte das Engagement bei der Fifa rein wirtschaftlich und ganz nüchtern.

Was ist mit dem Image der Fifa? Immer wieder gibt es Skandale, es geht um Korruption, Untreue und so weiter.
Wie gesagt: Die Fifa kommt mit ihren Reformen voran. Ein gutes Beispiel ist, dass die WM-Vergabe 2026 nicht mehr hinter verschlossenen Türen stattfand, sondern offen abgestimmt wurde.

Wie sieht es mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) aus?
Auch diese Partnerschaft muss sich natürlich rechnen, aber da ist zusätzlich viel Leidenschaft dabei. Als größtes deutsches Sportunternehmen und Nummer zwei in der Welt müssen der DFB und wir doch geradezu zusammenarbeiten. Die Nationalmannschaft ist ein Aushängeschild für Deutschland, und wir als erfolgreiches Unternehmen sind es auch.

Glauben Sie, dass Deutschland in Russland noch die Kurve kriegt?
Ich bin fest davon überzeugt, dass sich Qualität durchsetzt und dass Deutschland weiterkommt. Bisher hat die Mannschaft erst einmal gespielt. Mit Siegen in den nächsten beiden Spielen werden sie die nächste Runde erreichen. Wir drücken dem deutschen Team auf jeden Fall die Daumen.

Sie waren vor Ort: Was meinen Sie, woher kommt die Schwäche des deutschen Teams?
Ich habe während meines Besuchs die Atmosphäre als entspannt und die Stimmung als gut wahrgenommen. Die Mannschaft wirkte konzentriert und motiviert. Lassen Sie uns das Team nicht vorschnell abschreiben, noch ist alles drin.

Was würde es für Adidas bedeuten, wenn die deutsche Nationalmannschaft in der Vorrunde scheitert?
Wir würden uns natürlich freuen, wenn es die deutsche Mannschaft möglichst weit schafft. Gleichzeitig rüsten wir aber elf weitere Nationen bei dieser WM aus. Als globales Unternehmen sind wir nicht abhängig vom Erfolg einer Mannschaft.

Welchen Eindruck haben Sie von Russland gewonnen?
Ich war beim Eröffnungsspiel in Moskau. Nach dem 5:0 gegen Saudi-Arabien war regelrecht spürbar, wie die Anspannung wegfiel. Insgesamt hat Russland das Turnier prima organisiert! Die Stimmung in der Stadt ist phänomenal, mit Zehntausenden von Fans aus der ganzen Welt.

Russland war einst einer der wichtigsten Märkte von Adidas, aber auch von vielen anderen westlichen Marken. Das ist schon lange vorbei. Was läuft schief in dem Land?
Wir dürfen uns nicht von den glitzernden Fassaden in Moskau oder St. Petersburg blenden lassen. Die großen Städte sind in den vergangenen Jahren gewachsen und reicher geworden. Die ländlichen Gegenden dagegen werden immer ärmer. Das spüren wir.

Trotzdem betonen Sie häufig, wie wichtig Russland für Adidas ist.
Ja, und das sage ich nicht nur, so verhalte ich mich auch. In den knapp zwei Jahren bei Adidas bin ich jetzt schon zum vierten Mal hier. Ich mag das Team in Russland, es macht einen hervorragenden Job in einem schwierigen Umfeld. Zudem haben die 700 Mitarbeiter der Russlandzentrale in Moskau gerade ein hochmodernes neues Bürogebäude bezogen. Daran können Sie erkennen, wie ernst ich es meine.

Ist denn absehbar, dass es aufwärtsgeht in dem Land?
Sehen Sie, die Konsumenten haben ein langes Gedächtnis. Die merken sich, wenn eine Marke ein Land verlässt. Adidas ist seit Jahrzehnten in Russland, in guten wie in schlechten Zeiten, das hilft uns ungemein. Als große Firma können wir uns diesen langen Atem auch leisten, ein Vorteil für Adidas. Gerade haben wir den Vertrag mit der russischen Nationalmannschaft verlängert, das ist auch ein Bekenntnis zu dem Land.

Rechnen Sie wirklich damit, dass Russland auf die Beine kommt?
Ja, daran glaube ich fest. Hier leben 140 Millionen Menschen, es ist im Grunde ein attraktiver Markt. Ich würde es überdies sehr begrüßen, wenn der Westen und Russland wieder zusammenkommen würden.

Es wurde viel diskutiert, ob Kanzlerin Merkel nach Russland reisen soll. Kritiker sagen, sie solle zu Hause jubeln und so ein Zeichen setzen für Demokratie und gegen Putin. Was meinen Sie?
Ich finde, Frau Merkel sollte nach Russland reisen und die deutsche Mannschaft unterstützen. Aber das ist dann nicht der Tag für politische Verhandlungen. Der Sport sollte nicht als Politikbühne missbraucht werden.

Die WM 2026 findet in Mexiko, den USA und Kanada statt. Was halten Sie davon?
Zum ersten Mal hat ein Kontinent gewonnen, das ist eine schöne Sache. Was mir auch gefällt: Da existiert bereits eine gute Infrastruktur, viele Stadien stehen schon, andere sind gerade fertig geworden, in Los Angeles beispielsweise, in Miami wird gebaut. Das sind alles Arenen für die Profiliga MLS, mit rund 30.000 Plätzen. Die sind immer voll, und damit erübrigt sich auch die leidige Diskussion, was mit Stadien nach der WM passiert.

So richtige Fußballnationen sind die USA und Kanada aber nicht!
Da muss ich Ihnen widersprechen, die Fußballbegeisterung dort ist unglaublich groß. Das liegt nicht zuletzt an den vielen Hispanics, aber auch die Amerikaner interessieren sich zunehmend für Fußball. In den USA verkaufen wir zur WM eine Million Trikots, obwohl sich das Land gar nicht qualifiziert hat. Das sagt alles.

Bei den Zöllen liegen sich die USA mit Mexiko und Kanada in den Haaren. Vor allem aber mit China legt sich US-Präsident Trump an. Haben Sie Angst vor neuen Abgaben auf Schuhe und Shirts aus China?
Zunächst einmal würden Importzölle US-Konkurrenten stärker treffen, denn für die ist ihr Heimatmarkt wichtiger als für uns. Wir produzieren in China hauptsächlich für den lokalen Markt, die USA und andere Länder beliefern wir vor allem aus Vietnam und Indonesien.

Sie sehen den drohenden Handelskrieg also gelassen?
Die Strafzölle sind langfristig schädlich und könnten eine Wirtschaftskrise hervorrufen. Das würde uns dann natürlich genauso treffen wie die gesamte Weltwirtschaft.

Da Sie Russland so mögen: Kommen Sie im Verlauf der WM noch einmal hierher?
Wenn alles klappt wie geplant, bin ich bei einem Halbfinale und dem Endspiel dabei.

Ihr Tipp, wird es Deutschland ins Endspiel schaffen?
Ich wünsche es mir sehr und drücke die Daumen.

Herr Rorsted, danke für das Gespräch.

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