Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kontroverse Werbeaktion mit Colin Kaepernick Nike wagt den Aufstand gegen Donald Trump

Kurz vor dem Start der NFL-Footballsaison stehen die Zeichen zwischen Trump und sozialen Aktivisten auf Sturm. Nike mischt sich ein - mit einer spektakulären Werbeaktion.
Update: 05.09.2018 - 23:53 Uhr Kommentieren
Der Nike-Flagshipstore in San Francisco. Das kontroverse Plakat mit dem umstrittenen Football-Star Colin Kaepernick auf dem Dach des Hauses beherrscht seit heute das Touristen-Highlight Union Square (Foto von A. Postinett).
Colin Kaepernick

Der Nike-Flagshipstore in San Francisco. Das kontroverse Plakat mit dem umstrittenen Football-Star Colin Kaepernick auf dem Dach des Hauses beherrscht seit heute das Touristen-Highlight Union Square (Foto von A. Postinett).

San Francisco Es ist schon von weitem zu sehen. Ein riesiges Schwarz-Weiß-Plakat auf einem Häuserdach, ein hartes Männergesicht mit unbewegter Miene, umrahmt von schwarzem Haar. Darauf der Satz: „Glaube an etwas, auch wenn es bedeutet, dass du alles verlierst.“ Und darunter der Slogan „Just Do It“ von Nike.

Das Plakat mit dem Bild des früheren Quarterbacks des Football-Teams 49ers aus San Francisco beherrscht seit Mittwoch den Union Square in San Francisco, eine der großen Touristenattraktionen der Stadt an der Bay. Hier gibt sich alles die Klinke in die Hand, was Sagen hat in der Luxusindustrie. Tiffany’s, Saks Fifth Avenue, Macy's, Apple und auch Nike, das hier auf vier luftigen Etagen ihr Vorzeige-Ladenlokal an der Westküste betreibt. Selbst an diesem verhangenen trüben Mittwochmorgen in Kalifornien wirkt das ernste Plakat noch deplatziert in der munteren Konsumwelt einer der reichsten Städte der USA.

Touristen mögen achtlos vorbeigehen, doch jeder Amerikaner weiß genau um die Sprengkraft, die von dieser Werbung ausgeht. Colin Kaepernick war Anfang 2016 noch der Superstar der amerikanischen Football-Liga NFL, jetzt ist er arbeitslos. Kein Team will ihn mehr einstellen, seit er Amerika mit einer aufsehenerregenden Aktion Ende 2016 gespalten hat.

Um gegen Polizeigewalt gegen schwarze und farbige US-Bürger zu protestieren kniete der schwarze Athlet während des traditionellen Singens der Nationalhymne, statt aufrecht zu stehen. Ein Sturm der Entrüstung ging durch den überwiegend weißen Blätterwald, die TV-Sender überschlugen sich, politische Kommentatoren griffen die Aktion auf, erste Kaepernick-T-Shirts gingen in Flammen auf.

Vor allem rechte Kreise der weißen Bevölkerung in den USA nahmen vehement Anstoß an der Aktion und deuteten sie in Respektlosigkeit gegen die Flagge und den Staat um, statt einen dezidierten Aufruf gegen Gewalt darin zu sehen. Sie bekamen bald einen prominenten Befürworter: Donald Trump, heute 45. Präsident der USA. Er übte immer wieder Druck auf die Eigentümer der NFL-Teams aus, Spieler, die während der Hymne knien, zu feuern oder zu sperren. Zur jüngsten Werbeaktion von Nike twitterte er am Mittwoch: „Nike wird untergehen in Wut und Boykotten. Ich weiß nicht, ob die sich darüber im Klaren sind.“

Nike selber scheint jedoch ganz anderer Meinung zu sein. Wie der Sportsender ESPN nach dem Tweet des Präsidenten berichtete, wird ein Nike-Werbespot mit Kaepernick am Donnerstag während des Eröffnungsspiels der NFL-Saison gezeigt werden. Damit ist die Basis für eine explosive Football-Saison gelegt. Ein zweiminütiges Video zu der Aktion stellten Kaepernick und Nike schon einmal online.

Obwohl Kaepernick keinen NFL-Vertrag hat, hält Nike seit Jahren an ihm als Werbeträger fest. Aktuell ist es das 30-Jahr, in dem der Sportkonzern mit dem Slogan „Just Do It“ an den Start geht. Kaepernick wird eine tragende Rolle spielen neben anderen Sportstars wie Serena Williams oder LeBron James.

Bislang ist die Kontroverse Kaepernick vs. NFL und Trump anders ausgegangen als erwartet. Obwohl ein Footballer üblicherweise von der Bildfläche und aus den Medien verschwindet, wenn er zwei Saisons hintereinander keinen Vertrag mehr hat, ist Kaepernick präsenter denn je und zu einem der einflussreichsten Sportler der USA geworden.

Teilweise deshalb, weil er sich in der Öffentlichkeit extrem zurückhält. Ab und zu erscheint er unangemeldet auf einem Sportevent, wo er von frenetischem Applaus begrüßt wird, sobald die Stadionkameras auf seinen Sitz schwenken. Selten hält er kurze öffentliche Reden, gibt praktisch keine Interviews. Und vor allem eines: Er ignoriert Donald Trump. Dessen wuterfüllten Tweets mit Ausdrücken teilweise unter der Gürtellinie („sons of bitches“) lässt er einfach unkommentiert.

Klage gegen die NFL läuft

Einen kleinen Erfolg hat er vergangene Woche errungen: Der Profi-Sportler hatte den Verband NFL verklagt, weil sie sich illegal miteinander verbündet hätten, ihm keinen Vertrag mehr zu geben. Tatsächlich hatten Football-Kommentatoren zu Beginn der Saison 2017 noch entsetzt die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als reihenweise Footballer rekrutiert wurde, die deutlich schlechtere Leistung als Kaepernick an den Tag gelegt hatten. Der hatte sein Team, die 49ers, 2013 sogar ins Superbowl-Finale geführt. Dann wurde es irgendwie normal, dass jeder Nachwuchsspieler einen Vertrag bekam, nur er nicht.

Der Verband hatte Beschwerde gegen die Klage eingelegt und, da völlig unbegründet, ihre Abweisung verlangt. Doch dem wurde nicht stattgegeben. Kaepernicks Anwälte können mit der Prozessvorbereitung weitermachen.

Alle Augen sind jetzt auf Donnerstag gerichtet. Mit dem Eröffnungsspiel müssen der Verband und die NFL-Spieler sich auf eine neue Regelung für das Singen der Nationalhymne einigen. Doch es sieht so aus, als ob es in der ersten Woche noch nicht passieren wird.

Als mögliche Lösungen werden die Optionen gehandelt, stehend teilzunehmen oder während der Hymne in der Kabine zu bleiben. Aber beides ist noch umstritten. Die Senderketten CBS und ESPN haben angekündigt, erst einmal komplett auf die Ausstrahlung der Nationalhymne vor einem Spiel zu verzichten, was ihnen Kritik von Präsident Trump eingebracht hat.

Einer kann die ganze Aufregung nicht verstehen, Nate Boyer. Das frühere Mitglied der „Green Beret“-Spezialeinheiten war 2016 Berater von Kaepernick, als er seine Aktion vorbereitete. Kaepernick wollte während der Hymne sitzen, er wollte ihn stehend, erklärte er dem TV-Sender ABC7news in einem Telefoninterview. Man habe sich auf kniend geeinigt.

„Wir knien, um zu beten, wir knien, wenn wir um die Hand anhalten, wir knien, wenn wir den Ritterschlag bekommen. Noch nie in der Geschichte war Knien ein Zeichen der Respektlosigkeit“, sagte zu den Beweggründen. Doch das war, bevor Donald Trump erschien.

Für alle Parteien, für Colin Kaepernick, den Verband NFL, die Sportsender und auch Nike ist die aktuelle Debatte ein Ritt auf der Rasierklinge. Kaepernick könnte doch noch den Rückhalt der Fans verlieren, wenn er einfach nicht mehr auf dem Schirm präsent ist und ein Team nach vorne peitscht. Der Verband könnte als Verein opportunistischer, alter weißer Club-Eigentümer abgestempelt werden, obwohl er gerade erst ein Statement herausgegeben hat, die sozialen Anliegen von Colin Kaepernick verdienten „Aufmerksamkeit und Handeln“. Nur einen Vertrag bekommt er halt nicht.

Donald Trump setzt auf den harten Kern der nationalistisch-patriotischen Football-Fans im ländlichen Amerika, von denen er viele als seine Wähler sieht. Doch er könnte zugleich viele andere moderate Wähler verprellen. Die Sportsender kämpfen ohnehin schon mit fallenden Quoten bei großen Football-Spielen und die zunehmende Politisierung des Sports hilft da nicht.

Nike zum Schluss setzt auf das soziale Bewusstsein seiner Käufer für Gerechtigkeit und Gleichheit. Eine Modekollektion mit Kaepernick ist geplant und andere Aktionen auch. Zumindest noch hat Trump in einem Punkt nicht Recht behalten: Die Nike-Aktie, die am Dienstag zurückgefallen war, erholte sich am Mittwoch nach den Trump-Tweets zumindest leicht.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Fassung hieß es fälschlicherweise, Kaepernick habe die 49ers zum Superbowl-Gewinn geführt. Richtig ist: Er führte die Mannschaft bis in den Superbowl, das Finalspiel gegen die Baltimore Ravens im Jahr 2013 verloren die 49ers.

Startseite

Mehr zu: Kontroverse Werbeaktion mit Colin Kaepernick - Nike wagt den Aufstand gegen Donald Trump

0 Kommentare zu "Kontroverse Werbeaktion mit Colin Kaepernick: Nike wagt den Aufstand gegen Donald Trump"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote