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Lebensmittel Veggie-Boom bringt die Rügenwalder Mühle an Kapazitätsgrenzen

Der deutsche Marktführer für Fleischalternativen kommt mit der Produktion kaum nach. Der Firmenchef fürchtet, dass Rohstoffe wie Erbsen knapp werden.
15.04.2021 - 17:10 Uhr Kommentieren
Der Chef der Rügenwalder Mühle betont: „Die Verbraucher wollen keine ideologische Lagerbildung mehr zwischen Fleischessern und Veganern.“ Quelle:  Rügenwalder Mühle
Michael Hähnel

Der Chef der Rügenwalder Mühle betont: „Die Verbraucher wollen keine ideologische Lagerbildung mehr zwischen Fleischessern und Veganern.“

(Foto:  Rügenwalder Mühle)

Düsseldorf Bei der Rügenwalder Mühle in Bad Zwischenahn laufen die Maschinen seit einem Jahr auf Hochtouren. Veganes rohes Hack aus Sojaprotein ist ebenso ein Bestseller wie vegetarische Mortadella. „Nach dem Greta-Effekt profitieren wir nun vom Corona-Effekt. Die Menschen wollen sich in der Pandemie bewusster ernähren“, sagt Michael Hähnel, Vorsitzender der Geschäftsleitung des Familienunternehmens, dem Handelsblatt.

Um die hohe Nachfrage nach veganen Alternativen bedienen zu können, musste sogar die Produktion des Schinkenspickers aus Fleisch vorübergehend outgesourct werden.

Weil das niedersächsische Familienunternehmen an Kapazitätsgrenzen stößt, sucht es nun im Umkreis von 200 Kilometern zum Stammsitz intensiv nach einem weiteren Standort. „Wir müssen unsere Kapazitäten schnell weiter aufstocken“, erklärt Hähnel. Denn vegane Konkurrenzmarken wie Beyond Meat, Garden Gourmet von Nestlé oder The Vegetarian Butcher von Unilever drängen in die Regale.

Die Rügenwalder Mühle will ihre Stellung als deutscher Marktführer für veganen oder vegetarischen Fleisch-Ersatz halten. Der Marktanteil liegt laut dem Marktforscher IRI bei fast 40 Prozent. „Die Rügenwalder Mühle ist Wegbereiter von Fleischalternativen in Deutschland“, konstatiert Klaus-Martin Fischer, Partner der Beratung Ebner Stolz.

Erst vor sechs Jahren hatte der 1834 gegründete Wursthersteller den Einstieg in Veggie-Fleisch gewagt. Seit Juli nun macht die Rügenwalder Mühle mehr Umsatz mit vegetarischen und veganen Produkten als mit klassischer Wurst.

Im Gesamtjahr 2020 lagen beide Bereiche noch etwa gleichauf, wuchsen aber ganz unterschiedlich. Insgesamt steigerte das Unternehmen seinen Umsatz um 22 Prozent auf 233,7 Millionen Euro – erstmals wurde der Netto-Umsatz herangezogen. Wachstumstreiber waren pflanzliche Wurst- und Fleischalternativen. Sie legten laut IRI im Lebensmittelhandel um fast 73 Prozent zu und damit stärker als der Gesamtmarkt mit 65 Prozent.

Das Geschäft mit klassischen verpackten Wurstwaren der Rügenwalder Mühle wuchs nur um 2,4 Prozent, deutlich weniger als der Markt mit 11,5 Prozent. Ein Grund: Die Niedersachsen nahmen ihre „Mühlenwürstchen“ und anderes aus dem Programm, um Platz für die Produktion von veganen Alternativen zu schaffen.

Fleisch bleibt wichtiges Standbein

Langfristig will Rügenwalder Mühle zwei starke Standbeine mit Fleisch und Fleischalternativen behalten. „Vegane Produkte funktionieren bei uns nur so gut, weil die Menschen Vertrauen haben in unsere Kernkompetenz, Fleisch zu veredeln“, erklärt Hähnel.

„Die Marke wird als offen, modern und gemeinschaftsorientiert erlebt, weil sie geschmackvolle Produkte für alle anbiete – egal, ob Fleischliebhaber, Flexitarier oder Veganer“, sagt auch Jens Lönneker, Chef des Marktforschers Rheingold Salon, in einer Studie. „Die Rügenwalder Mühle holt alle an einen Tisch. Die Verbraucher wollen keine ideologische Lagerbildung mehr zwischen Fleischessern und Veganern“, betont Hähnel.

Noch ist vegane Wurst in Deutschland ein Nischenprodukt: 397 Millionen Euro Handelsumsatz 2020 standen laut Nielsen 10,8 Milliarden Euro Umsatz mit Wurst aus Fleisch gegenüber. Die Nachfrage nach alternativen Proteinen wächst jedoch weltweit rasant. Der globale Umsatz dürfte bis 2035 von heute 40 Milliarden auf 290 Milliarden Dollar steigen, prognostiziert die Beratung BCG.

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Die boomende Nachfrage führt bei Rügenwalder Mühle allerdings zu Wachstumsschmerzen. „Wenn man die Produktion in Excel plant, stößt man irgendwann an Grenzen“, sagt Hähnel. Der Ex-Deutschlandchef von Bahlsen und frühere Beiersdorf-Manager wechselte 2020 vom Aufsichtsrat an die Spitze. Der 54-Jährige sollte die Prozesse bei dem Mittelständler professionalisieren.

Als Erstes stoppte Hähnel die geplante Auslandsexpansion, um die Nachfrage in Deutschland bedienen zu können. „Früher geschah viel auf Zuruf. Nun haben wir Strukturen und Prozesse eingeführt“, sagt er.

Im Februar hatte überraschend Godo Röben, der langjährige Geschäftsführer für Marketing, Forschung & Entwicklung, das Haus verlassen. „Mut und Neugier haben die Rügenwalder Mühle groß gemacht. Heute brauchen wir neben Bauchgefühl auch Analytik“, sagt Hähnel zu seiner neuen Strategie.

Denn bisher schlägt sich der Erfolg als Vegan-Pionier kaum im Gewinn nieder. 2019 wurde ein Jahresergebnis von 4,7 Millionen Euro eingefahren. 2020 lag der Gewinn darüber, betont Hähnel, ohne Details zu nennen. Hohe Investitionen drücken das Ergebnis. Allein im vergangenen Jahr wurden 13,5 Millionen Euro im Werk investiert. Die Zahl der Mitarbeiter stieg von gut 600 Anfang 2019 auf heute 820.

Die Expansion finanziert das Familienunternehmen selbst. Gesellschafter Gunnar Rauffus vertritt als aktiver Aufsichtsrat in siebter Generation die Familie. „Die Rügenwalder Mühle will unabhängig bleiben“, betont Hähnel.

Dabei sind Vegan-Hersteller weltweit attraktive Anlageziele von Investoren. Allein 2020 flossen laut dem Good Food Institute über drei Milliarden Dollar in die Branche. Beyond Meat wird mit mehr als acht Milliarden Dollar bewertet, obwohl die US-Firma weiter Millionenverluste macht.

Markt für pflanzliche Proteine ist leer gefegt

Der Run auf pflanzliche Proteine hat Folgen: „Wir werden eine nie da gewesene Rohstoffknappheit erleben“, fürchtet Hähnel. Das Thema Rohstoffe werde von zwei Seiten befeuert: Aufgrund des Nachfragebooms ist der Markt leer gefegt – der Klimawandel führt zudem zu unkalkulierbareren Ernten.

Rügenwalder Mühle bezieht etwa die Erbsen aus Frankreich. „Wir konnten nur ein Viertel der Ernte verwenden, weil es viel zu trocken war“, so Hähnel. Deshalb wird für die Niedersachsen der regionale Anbau immer wichtiger. Der Sojaanbau in Deutschland wird ausgeweitet, um unabhängiger zu werden.

„Das Wachstum der Branche steht und fällt mit dem Aufbau einer landwirtschaftlichen Versorgungsbasis und industrieller Anlagen für Pflanzenprotein“, meint Experte Fischer. So muss die Rügenwalder Mühle Sojabohnen aus Deutschland zum Weiterverarbeiten in die Niederlande bringen.

Der traditionsreiche Hersteller hat inzwischen mehr vegetarische und vegane Produkte im Sortiment als klassische Fleischwaren. Quelle: Rügenwalder Mühle
Produkte der Rügenwalder Mühle

Der traditionsreiche Hersteller hat inzwischen mehr vegetarische und vegane Produkte im Sortiment als klassische Fleischwaren.

(Foto: Rügenwalder Mühle)

Die Niedersachsen spüren den wachsenden Wettbewerb bei Veggie-Fleisch nicht nur in der Lieferkette. „Anders als vor wenigen Jahren sind heute die Regalplätze umkämpft“, so Hähnel. Und nicht alles, was auf den Markt kommt, ist ein Erfolg. Produkttests mit tiefgekühlten Burgern und Fischstäbchen wurden nach dem zweiten Anlauf eingestellt.

Große Hoffnung setzt Rügenwalder Mühle indes auf den neuen „Mühlensnack“, eine vegetarische Mini-Salami mit oder ohne Teigmantel. „Snacking ist ein großer Trend – auch im Homeoffice“, ist Hähnel überzeugt. Der „Mühlensnack“ wird zunächst vegetarisch sein.

Heute hat die Rügenwalder Mühle neben 22 Wurst- und Fleischprodukten 17 vegane und zwölf vegetarische Alternativen im Sortiment. Wegen der Verwendung von Hühnereiweiß statt Fleisch steht das Unternehmen in der Kritik von Tierschützern. Für Hähnel steht aber fest. „Solange der Geschmack nicht überzeugt, stellen wir nicht auf vegan um.“

Mehr: Kommentar: Warum die pflanzliche Revolution unseren Planeten retten kann.

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