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Lebensmittelampeln Gesünderes Essen: Verbraucher sollen über Label für Lebensmittel entscheiden

Kunden verlangen Klarheit, welche Nährwerte in fertigen Lebensmitteln stecken. Nun sollen sie über eine von vier Kennzeichnungen entscheiden.
30.06.2019 - 16:11 Uhr Kommentieren
Wie viel Salz, Zucker und Fett stecken in unseren Lebensmitteln? Quelle: dpa
Einkaufen im Supermarkt

Wie viel Salz, Zucker und Fett stecken in unseren Lebensmitteln?

(Foto: dpa)

Düsseldorf Über den jahrelangen Hickhack um eine Lebensmittelampel kann Frosta-Chef Felix Ahlers nur den Kopf schütteln. Vor zehn Jahren schon hat der Marktführer für Tiefkühlgerichte eine Ampel vorn auf Packungen gedruckt. Die zeigte den Anteil von Fett, gesättigten Fetten, Salz und Zucker von Rot bis Grün an. „Weil kein anderer Hersteller mitzog, haben wir wieder aufgehört – schließlich lebt die Ampel vom Vergleich“, erzählt Ahlers resigniert.

Doch endlich kommt Bewegung in den Streit, ob ungesunde Inhaltsstoffe wie Zucker, Fett oder Salz auf der Packung klarer gekennzeichnet werden sollen. Auf Initiative von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sollen nun die Verbraucher entscheiden. Vier von weltweit rund 80 Modellen haben Vertreter der Koalition, Nahrungsmittelbranche und Verbraucherzentralen am Donnerstag ausgewählt.

Wie hilfreich diese Labels sind, sollen Gruppendiskussionen mit Konsumenten und repräsentative Befragungen bis August zeigen. Auf Grundlage der Ergebnisse empfiehlt die Bundesregierung im Herbst ein Modell. Die Nutzung ist für die Lebensmittelhersteller allerdings freiwillig.

Das Europaparlament lehnte 2010 ein Ampelsystem für Lebensmittel ab. Hersteller liefen dagegen Sturm. Einige befürchteten, durch die Farbe Rot Umsatz einzubüßen.

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    Doch der Druck auf die Hersteller wächst, gesunde und ungesunde Lebensmittel klarer zu kennzeichnen. Ist doch hierzulande mittlerweile jeder zweite Erwachsene und jedes fünfte Kind übergewichtig, Tendenz steigend. Ernährungsbedingte Krankheiten wie Diabetes, Schlaganfälle und Infarkte verursachen in Deutschland rund 70 Milliarden Euro Kosten.

    Tatsache ist: Die Deutschen kochen immer seltener und ernähren sich zunehmend von Fertiggerichten. Beim Kauf achten aber nur 16 Prozent darauf, ob solche Lebensmittel kalorienarm sind, ermittelte Marktforscher Nielsen.

    Auf den ersten Blick ähnliche Lebensmittel wie Tiefkühlpizza oder Erdbeerjoghurt weisen aber oft große Unterschiede bei Nährwerten wie Zucker, Fett und Co. auf, kritisiert der Verbraucherverein Foodwatch. Lebensmittelampeln wie der Nutriscore könnten das entlarven. Sie zeigten, welches Produkt ausgewogener sei.

    In anderen EU-Ländern gibt es längst freiwillige Kennzeichnungen – etwa in Skandinavien (Keyhole), Großbritannien sowie Frankreich, Belgien und Spanien (Nutriscore). Der deutsche Lebensmittelverband BLL und das staatliche Max-Rubner-Institut entwickelten eigene Modelle.

    Nutriscore wurde im Oktober 2017 von der französischen Regierung empfohlen. Die fünfstufige Ampel findet immer mehr Anhänger. Nach Danone, Bofrost, Iglo und Mestemacher hat nun auch der weltgrößte Lebensmittelkonzern Nestlé überraschend seinen Widerstand aufgegeben und sich am Mittwoch für den Nutriscore ausgesprochen.

    „Die Europäer sind immer interessierter daran, was in den Lebensmitteln und Getränken enthalten ist, die sie konsumieren“, begründete das Marco Settembri, Nestlé-Europachef. So soll der Anteil von Zucker in Nestlé-Produkten bis 2020 um fünf Prozent sinken, der von gesättigten Fettsäuren um zehn Prozent. Ministerin Klöckner war kürzlich in die Kritik geraten, weil sie den Konzern in einem Video für seine Fortschritte lobte.

    Nestlé will mit dem Nutriscore in Frankreich, Belgien und der Schweiz starten. In Deutschland wolle man die Skala „unverzüglich“ einführen, „sofern die rechtlichen Voraussetzungen hierfür geschaffen werden“.

    Hersteller Iglo hatte dies nicht abgewartet und den Nutriscore schon auf Packungen gedruckt. Der Tiefkühlspezialist kassierte dafür im April eine einstweilige Verfügung vom Landgericht Hamburg. Der Nutriscore sei eine Angabe im Sinne der „Health‧ Claims Verordnung“ und keine reine Nährwertkennzeichnung. Iglo kündigte Berufung an. Um Rechtssicherheit zu schaffen, braucht es eine Entscheidung der Politik.

    Die Nutriscore-Ampel ist jedoch nicht unumstritten. So schneiden Produkte, die als relativ gesund gelten wie Olivenöl oder Orangensaft, schlecht ab, weil sie naturgemäß viel Fett oder Zucker enthalten. Safthersteller Eckes-Granini meint deshalb: „Auf Produkten, die nur aus einer Zutat bestehen wie Fruchtsaft, ist der Nutriscore nicht wirklich hilfreich.“ Ampeln eigneten sich besser für komplex zusammengesetzte und stark verarbeitete Lebensmittel.

    Auch Godo Röben, Geschäftsführer der Rügenwalder Mühle, hat Bedenken. Ein Rotton signalisiere für Verbraucher: Das ist gefährlich, das darf ich nicht essen. „Da greift der Verbraucher lieber zur Cola mit Süßstoff als zum Fruchtsaft mit natürlich hohem Zuckergehalt“, fürchtet er. Zudem bestehe die Gefahr, dass einzelne Hersteller ihre Produkte durch Ersatzstoffe für die Ampel künstlich optimierten.

    „Es gibt immer schwarze Schafe“, weiß Röben. „Eine Ampel wäre schwierig, aber wir würden uns nicht dagegen sträuben“, meint der Fleischproduzent, der immer mehr vegetarische Produkte verkauft. Das könne nur ein Zwischenschritt sein zu absoluter Transparenz.

    Angst vor Umsatzeinbruch

    Auch Süßwaren und Gebäck würde eine Ampel besonders treffen, ist doch Zucker wichtiger Bestandteil. „Bei unseren Saisonartikeln wie Printen ist nach den Leitsätzen von Dauerbackwaren sogar ein Mindestzuckergehalt vorgeschrieben“, sagt Hermann Bühlbecker, Alleingesell- schafter der Lambertz-Gruppe. Der Gebäckproduzent ist trotzdem bemüht, den Zuckeranteil zu senken.

    So wurde etwa ein Bio-Haferkeks mit einem Drittel weniger Zucker entwickelt. Allerdings sei bei Süß- und Backwaren die Akzeptanz der Verbraucher für zuckerreduzierte Produkte und die Bereitschaft, einen höheren Preis zu akzeptieren, eher gering, bedauert Bühlbecker. „Das hat beim Handel bisher dazu geführt, die Produkte nicht einzulisten.“ Der Unternehmer plädiert auf alle Fälle für ein europaweites Label, um Verbraucher nicht zu verwirren.

    Die Sorge, Konsumenten könnten Produkte mit weniger Zucker oder Fett ablehnen, treibt viele Hersteller um, sind diese doch wichtige Geschmacksträger. Die Zufriedenheit der Kunden in puncto Geschmack und Produktqualität steht auch für Intersnack, deutscher Marktführer für salzige Snacks, an erster Stelle.

    Zugleich will Intersnack (Chio, Funny Frisch) den sich wandelnden Ernährungsbedürfnissen gerecht werden. Die Kölner entwickelten etwa Linsenchips mit 40 Prozent weniger Fett als klassische Kartoffelchips.

    Lebensmittelampeln könnten auch dazu verleiten, Zucker oder Fett durch ungesunde Zusatzstoffe zu ersetzen. „Ministerin Klöckner subventioniert mit Millionen, dass neue Zuckerersatzstoffe entwickelt werden“, kritisiert Frosta-Chef Ahlers, der auf Zusätze bewusst verzichtet.

    Viele Hersteller tricksten mit ungesunden Zusatzstoffen, diese müssten etwa beim Nutriscore in die Bewertung einfließen, fordert Ahlers. Insgesamt befürwortet er den Nutriscore: „Besser als nichts.“ Der Frosta-Chef plädiert jedoch für eine verpflichtende Einführung, denn er weiß: „In der Lebensmittelindustrie passiert freiwillig wenig.“

    Mehr: Verbraucherschützer Klaus Müller begrüßt die Einführung der Nutriscores. Doch er sieht nach wie vor Verbesserungspotenzial für gesündere Nahrung.

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