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Lebensmittelhersteller 20 Prozent Marge bis 2020 – Unilevers Rendite-Ziel steht in der Kritik

Der Betriebsrat warnt vor dem hohe Rendite-Ziel von Lebensmittelhersteller Unilever – und will den künftigen Konzernchef Alan Jope davon überzeugen, es zu senken.
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Der Lebensmittelkonzern will seine Marge bis 2020 deutlich erhöhen. Der Betriebsrat schlägt deswegen Alarm. Quelle: Reuters
Unilever

Der Lebensmittelkonzern will seine Marge bis 2020 deutlich erhöhen. Der Betriebsrat schlägt deswegen Alarm.

(Foto: Reuters)

Hamburg Der Unilever-Betriebsrat will den Chefwechsel nutzen, um die Debatte über den Sparkurs des Knorr-Herstellers neu zu entfachen. Die Arbeitnehmervertreter hoffen darauf, dass der künftige Vorstandschef Alan Jope das hochgeschraubte Gewinnziel seines scheidenden Vorgängers Paul Polman abmildert.

„Wir werden unsere Kampagne ‚Mensch vor Marge‘ natürlich fortsetzen und dazu das Gespräch mit Alan Jope suchen“, sagte Gesamtbetriebsratschef Hermann Soggeberg dem Handelsblatt. Allerdings dämpfte er die Erwartungen, dass es einen schnellen Strategiewechsel geben werde.

Der eigene Betriebsrat wirft dem deutschen Unilever-Chef Ulrich Gritzuhn schon seit Monaten vor, die Margenziele der Zentrale in Rotterdam seien zu hoch. Die Führung hat weltweit ein Ziel von 20 Prozent bis zum Jahr 2020 gesetzt. Das heißt: Für jeden Euro Umsatz sollen 20 Cent bereinigter operativer Gewinn anfallen. Ein ehrgeiziges Ziel: Im vergangenen Jahr waren es erst 17,5 Cent. In Deutschland macht Unilever mehr als die Hälfte seines Umsatzes mit Lebensmitteln wie Knorr-Suppen und Langnese-Eis. International hingegen macht der Konzern den Großteil seines Geschäfts mit Produkten wie Omo-Waschpulver und Dove-Seife.

Im Gespräch mit dem Handelsblatt verteidigte Gritzuhn vergangene Woche den Plan: „Eine Marge von 20 Prozent ist im Lebensmittelsektor alles andere als selten.“ Die runde Zahl sei daher ein angebrachtes Ziel. Betriebsratschef Soggeberg hielt dagegen: „Ein Profit von 20 Prozent mit Produkten des täglichen Bedarfs ist maßlos.“

Die öffentliche Diskussion um die Marge ist Resultat eines Schocks. Anfang 2017 startete der US-Konzern Kraft-Heinz einen Übernahme-Versuch: 115 Milliarden Pfund bot der Lebensmittelkonzern für den Knorr- und Axe-Hersteller. Doch Unilever lehnte ab. Seitdem jedoch hat sich bei Unilever einiges geändert – auch in Deutschland.

Sprach Konzernchef Polman bis dahin öffentlich vor allem über das Thema Nachhaltigkeit, geht es seitdem darum, den Konzern gegen neue Attacken abzusichern, indem die Aktionäre bei der Stange gehalten werden – über vorzeigbare Gewinne und mehr Dynamik.

An den internationalen Börsen kommt das gut an: Die Aktie entging dem Einbruch des Index Eurostoxx, die Analysten empfehlen sie überwiegend zum Kauf. Polmans am Donnerstag für das Jahresende angekündigter Abschied dürfte den Umbruch beschleunigen – auch wenn sein Nachfolger Jope ebenfalls seit Jahren im Konzern ist, zuletzt als Chef der Kosmetiksparte. Jope führte die Sparte zu einer Marge deutlich über dem Konzernschnitt.

Arbeitnehmervertreter Soggeberg warnt dennoch vor überzogenen Erwartungen: Selbst der Sportwagen-Hersteller Porsche sei weniger profitabel als Unilever. Tatsächlich hat der Konzern die angepeilte Marge von 20 Prozent in den vergangenen Jahrzehnten nie erreicht. Sie wäre deutlich mehr als doppelt so hoch wie in den 1990er-Jahren üblich.

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Manager Gritzuhn hielt dagegen: Der Vergleich mit anderen Branche führe nicht weiter: „Es ist irrelevant, ob Volkswagen solch eine Marge gerne hätte oder Bayer deshalb Albträume hat.“ Tatsächlich liegen die Gewinnerwartungen von Unilever nur leicht über dem Branchenniveau etwa von L’Oréal und Nestlé. Die Schweizer peilen bis 2020 eine Marge von bis zu 18,5 Prozent an – und streichen derzeit ebenfalls Stellen in Deutschland.

Klar ist: Unilever ist bereit zu tiefen Einschnitten, um das Versprechen an die Börse zu erfüllen. Bis 2020 will der Konzern weltweit sechs Milliarden Euro einsparen. Das kostet Arbeitsplätze. Auch in Deutschland. Der Konzern hat im vergangenen Jahr bereits die renditeschwache Margarine-Sparte für 6,8 Milliarden Euro an den Finanzinvestor KKR verkauft, der die Marken wie Rama und Becel in das neue Unternehmen Upfield ausgegliedert hat.

Rund 50 Unilever-Mitarbeiter in der Hamburger Unilever-Zentrale arbeiten nun für Upfield. Weitere sind in den Werken in Kleve und Wittenberg beschäftigt. Der Verkauf sei eine „Zäsur“, sagte Gritzuhn. Er will diesen Umbruch nutzen, um die Zentrale neu aufzustellen. Dabei sollen bis Ende 2020 rund 150 Arbeitsplätze wegfallen. Der bisherige Fortschritt sei „gut“, die meisten Trennungen im kommenden Jahr nach angemessener Frist zu erwarten.

Auch in den deutschen Fabriken könnten Arbeitsplätze ohne betriebsbedingte Kündigungen wegfallen. Eine genaue Zahl dafür wollte der Manager nicht nennen. Den nach dem Gespräch mit dem Handelsblatt bekanntgegebenen Führungswechsel wollte er auf erneute Anfrage nicht kommentieren.

„Menschen müssen vor Marge gehen“

Für Betriebsratschef Soggeberg ist der Job-Abbau ein Fehler: „Wir bezweifeln, dass das langfristig nachhaltig ist.“ Er warnte vor unerwünschten Folgen durch Sparmaßnahmen. So habe das Unternehmen auch an deutschen Produktionsstandorten in den vergangenen Monaten bei Instandhaltungsarbeiten eingespart und so Probleme bei der Zuverlässigkeit in Kauf genommen.

Zudem drohe Unilever bei der Digitalisierung ins Hintertreffen zu geraten. Soggebergs Forderung: Statt Gewinne und Verkaufserlöse an die Aktionäre auszuschütten, sollte das Geld in die IT-Infrastruktur und die Qualifizierung der Mitarbeiter für die Digitalisierung gesteckt werden. „Generell müssen Menschen vor Marge gehen“, sagte Soggeberg. In Zeiten von Fachkräftemangel müsse Unilever als attraktiver Arbeitgeber auch für Bewerber dastehen. Stattdessen gebe Unilever viel Geld für den Personalabbau aus: „Durch hohe Abfindungen läuft der Personalabbau relativ reibungslos. Aber ein bitterer Nachgeschmack bleibt, wenn Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren.“

Manager Gritzuhn verteidigte hingegen den laufenden Umbau. „Einsparungen in unseren Fabriken sind im Wettbewerbsumfeld angebracht“, meinte er. So müsse etwa mehr automatisiert werden – und die Produktionslinien zugleich flexibler werden.

Ziel sei, schneller auf Markttrends zu reagieren – etwa den Trend zu Snacks und zum aufwändigeren Kochen. Dazu habe Unilever auch in Hamburg zahlreiche „Start-up-Trainings“ für Mitarbeiter veranstaltet. „In der Vergangenheit haben wir zu lange gebraucht, um auf Markttrends zu reagieren und hatten vor Ort zu wenig Kompetenzen, eigene Produkte zu entwickeln. Das hat sich komplett geändert“, sagte Gritzuhn. Er nutzt das etwa, um für den deutschsprachigen Markt Würzmischungen für Hobby-Köche und Suppen im Glas unter der Marke Knorr herauszubringen. Neu sind in Deutschland zudem die Weichspüler-Marke Comfort und die niederländische Erdnussbutter Calvé. Für Eis erprobt Unilever in Deutschland und Frankreich eine Kooperation mit Ferreros Marke „Kinder“.

„Unsere Idee ist, aus den existierenden Marken heraus relevantere Produkt-Portfolios zu entwickeln und die Marken so wieder präsenter zu machen“, sagte er. Weitere Verkäufe – vor der Margarine-Sparte hatte Unilever in den vergangenen Jahren bereits die Geschäfte um Iglo-Tiefkühlkost und Bifi-Minisalami verkauft – seien nicht geplant.

Obwohl die Gewerkschaft NGG angekündigt hat, dass sich die Betriebsräte von Unilever und dem Konkurrenten Nestlé, der ebenfalls seine Finanzziele angehoben hat, gemeinsam gegen aus ihrer Sicht überzogene Renditeerwartungen in der Branche stemmen wollen, sieht Gritzuhn kein grundsätzliches Problem mit den Arbeitnehmervertretern: „Wir haben kein zerrüttetes Verhältnis zum Betriebsrat, nur weil es zur Marge verschiedene Meinungen gibt – im Gegenteil.“

Und tatsächlich: Im seit sechs Monaten mit allen Bandagen geführten Streit mit Kaufland erhält er Rückendeckung von Gewerkschafter Soggeberg: „Der Preiskampf im Handel gefährdet Arbeitsplätze. Unilever sollte sich klar positionieren und überzogenen Forderungen nicht nachgeben.“

Dabei versucht Kaufland eigentlich, Profit aus dem internen Streit bei Unilever zu schlagen. In dem Streit um Preiserhöhungen setzte Kaufland öffentlich zum Tiefschlag an: Unilever wolle „aufgrund seiner aktuellen Situation am Aktienmarkt seine Rendite überproportional erhöhen.“

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