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Lebensmittelverschwendung Die neue App der Metro soll das Haltbarkeitsdatum überflüssig machen

Viele Kunden vertrauen auf das Mindesthaltbarkeitsdatum – obwohl Lebensmittel oftmals länger haltbar sind. Metro testet darum ein System mit flexiblen Fristen.
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Eine neue App informiert über die Haltbarkeit von Lebensmitteln. Quelle: Tenso
FreshIndex

Eine neue App informiert über die Haltbarkeit von Lebensmitteln.

(Foto: Tenso)

Düsseldorf Mehr als vier Millionen Tonnen. Das ist die Menge an Lebensmitteln, die jährlich in deutschen Haushalten in den Müll wandert. Gräten, Knochen und Schalen lassen sich meist nicht mehr verwenden. Dass sie in der Tonne landen, ist also unvermeidbar. Aber: Knapp die Hälfte der Abfälle ließe sich verhindern. Das zeigt die jüngste Erhebung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) aus dem Jahr 2017.

Ein Grund für das Wegwerfverhalten ist das Mindesthaltbarkeitsdatum. Auf fast allen Produkten muss aufgedruckt werden, bis zu welchem Zeitpunkt es unbedenklich ist, sie zu essen. Das schreibt die Lebensmittel-Informationsverordnung der Europäischen Union vor. Die Hersteller gehen dabei stets auf Nummer sicher, das Datum ist fast immer nur eine absolute Untergrenze.

Milchprodukte, Fleisch und Eier können meistens noch Tage oder sogar Wochen nach Ablauf der Frist verbraucht werden, wie mehrere Untersuchungen von deutschen Verbraucherzentralen zeigen. Doch gerade bei abgepackten Lebensmitteln stellen Verbraucher sich oftmals die Frage: Wie lange genau?

Das interessiert auch die Metro – und ihre Kunden im Großmarkt in Sankt Augustin. Hier läuft ein Test für den „FreshIndex“, ein System, das die Haltbarkeit von Lebensmitteln anhand von Hunderten Daten exakt berechnet.

Konkret heißt das: Ein Kunde scannt mit seinem Smartphone beispielsweise den Barcode eines Pakets mit Schweinefleisch. Daran wird die Anwendung derzeit getestet. Außerdem gibt der Kunde an, wie lange der Transport bis zum nächsten Kühlschrank dauert und bei welcher Temperatur das Fleisch dort gelagert wird. Die App berechnet dann anhand dieser Eingaben ein dynamisches Haltbarkeitsdatum, das oft weit hinter dem aufgedruckten Verbrauchsdatum liegt.

In der Testphase geht es vor allem um Schweinefleisch. „Weil das ein Massenprodukt und gut erforscht ist“, erklärt Stephanie Vonholdt, Mitarbeiterin der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Um prognostizieren zu können, wann etwa ein Schnitzel schlecht wird, greift die App auf Untersuchungen der Universität Bonn zurück.

Dort haben Wissenschaftler genau untersucht, was bei verschiedenen Temperaturen mit dem Fleisch passiert. Laut Vonholdt sind die Werte äußerst verlässlich, die Versuchsreihen werden regelmäßig wiederholt. Eine hundertprozentige Garantie zur Haltbarkeit gebe es zwar nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass Lebensmittel schlecht sind, sei aber äußerst gering.

Informationen zum Haltbarkeitsdatum liefert die App nur, wenn zu den Produkten alle wichtigen Daten vorliegen. So müssen Hersteller und Transportunternehmen regelmäßig Informationen zu Hygiene und Kühltemperatur in eine Cloud einspeisen. Diese Daten müssen laut Gesetz ohnehin festgehalten werden, bei vielen Unternehmen geschieht das inzwischen digital.

„Die Daten werden quasi nur wiederverwendet“, sagt Gunnar Stevens, Professor für Verbraucherinformatik an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Mit zwei Kolleginnen lässt er Kunden die App im Markt testen und befragt sie dazu. Insgesamt testen die Entwickler ihr System an fünf Standorten: Neben Sankt Augustin sind auch Düsseldorf, Berlin, Stuttgart und Wiesbaden unter den Test-Märkten.

Bis Ende 2019 soll eine vollständige Auswertung der Testdaten vorliegen, doch bereits jetzt zeigt sich: Die Verbraucher reagieren offen auf die App, wünschen sich aber Informationen, die über die Haltbarkeit hinausgehen. Im nächsten Schritt sollen deshalb Daten zu Nährwerten und Herstellung dazukommen, zum Beispiel zur Aufzucht und Haltung von Tieren.

Hinter der App steckt mit dem Start-up Tsenso quasi ein Eigengewächs der Metro. Im „Accelerator“, einer Art Gründungswettbewerb für Unternehmen, setzte sich die Idee im Jahr 2016 durch. Seitdem begleitet der Großhändler die Entwicklung. Unterstützung kommt dabei auch vom Bund, das Forschungsministerium hat die Gründer mit einer Million Euro bezuschusst.

Für den Konzern geht es bei der Unterstützung auch um die selbstgesteckten Ziele. Bis 2025 soll die Menge der weggeworfenen Lebensmittel in den Märkten im Vergleich zum Jahr 2016 um 50 Prozent reduziert werden.

Außerdem geht es für Metro darum, die Kosten, die durch verdorbene Ware entstehen, zu verringern. Zwar wisse man, welche Produkte wann gekauft werden, wie Metro-Sprecher Benedikt Hartmer erklärt. Trotzdem bleibe einiges in den Truhen und Regalen liegen.

Fleisch und Fisch werde in der Regel zwei Tage vor dem Verbrauchsdatum entsorgt, trockene Lebensmittel wie Reis und Nudeln teilweise Wochen vorher. „Der Kunde muss ja noch Zeit haben, das Produkt zu verbrauchen“, sagt Hartmer.

Genaue Zahlen zu entsorgten Lebensmitteln veröffentlicht kein Händler, doch Schätzungen der Universität Stuttgart gehen für deutsche Supermärkte von einem Warenwert aus, der in die Millionen geht.

Keine Entsorgungspflicht

Zum Wegwerfen verpflichtet ist übrigens kein Supermarkt. Allerdings müssten Produkte, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, in den Regalen gesondert ausgewiesen werden. Weil kaum ein Unternehmen dafür garantieren will, dass abgelaufene Ware problemlos essbar ist, bleibt die Entsorgung üblich. Gleiches gilt für Kantinen und Restaurants.

Die App ist nur eine von vielen Ideen, die Lebensmittelverschwendung verhindern sollen. Mit der Kampagne „Zu gut für die Tonne“ hat sich die Bundesregierung dem Kampf gegen das Wegwerfen verschrieben. Ein Gesetz, das Supermärkte in Frankreich oder Tschechien zur kostenlosen Abgabe von abgelaufenen Lebensmitteln etwa an die Tafeln verpflichtet, ist zwar nicht geplant. Aber um das Ziel der Bundesregierung zu erreichen, die Menge der weggeworfenen Lebensmittel zu halbieren, unterstützt die Politik private Initiativen. So empfiehlt das Landwirtschaftsministerium ausdrücklich Apps und Programme, von denen inzwischen immer mehr auf den Markt kommen.

Bekannt geworden ist etwa „Too Good to Go“, eine dänische App, in der Restaurants übriggebliebene Speisen zu günstigen Preisen anbieten können. Die Gastronomen geben an, wie viele Portionen sie anbieten möchten und die Nutzer wählen ein passendes Angebot aus. Über 27.000 Betriebe sind angemeldet, das Unternehmen spricht von mehr als 18 Millionen vermittelten Mahlzeiten. Ein kleiner Prozentsatz des Verkaufspreises geht als Provision an die Betreiber.

Neben Großkunden wie Bäckereien und Restaurants gibt Metro überschüssige Waren auch an die Firma Sirplus ab. Sie betreibt einen eigenen Onlineshop, in dem Kunden aussortierte Lebensmittel bestellen können. Diese stammen laut Unternehmen von Großhändlern, Produzenten und Landwirten.

Zahlen muss das Unternehmen für die Ware der Metro nichts. Einige Waren werden mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum verkauft, der Shop weist in den Produktbeschreibungen darauf hin. In Berlin betreibt das Start-up bereits stationäre Läden, ein bundesweites Franchisesystem soll folgen.

Informatiker Stevens denkt unterdessen an eine große Lösung. Eine Multifunktions-App, in der vom Einkaufszettel über Rechnungen und Nährwerte bis zur Haltbarkeit alle Schritte von Lebensmitteleinkauf und -konsum zusammenkommen. „In Zukunft ist das durchaus denkbar“, sagt er.

Der „FreshIndex“ könnte frühestens 2020 auf den Markt kommen, und auch nur, wenn die Metro-Kunden genug Interesse zeigen. Bis es also eine App gibt, in der alle Informationen gebündelt werden, dürfte es noch einige Jahre dauern.

Mehr: Die Lebensmittelbranche will das Mindesthaltbarkeitsdatum abschaffen. Warum sich die Politik dagegen sträubt.

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