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Lesara-Gründer Roman Kirsch Das „Wunderkind des E-Commerce“ muss überraschend Insolvenz anmelden

Der Gründer des Online-Modehändlers Lesara, Roman Kirsch, hat gerade erst Millionen eingesammelt. Nun ist dem Unternehmen das Geld ausgegangen.
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Der Lesara-Gründer musste Insolvenz anmelden. Offenbar waren Investoren nicht bereit, dem Start-ups eine Brückenfinanzierung zu gewähren. Quelle: Lesara AG
Roman Kirsch

Der Lesara-Gründer musste Insolvenz anmelden. Offenbar waren Investoren nicht bereit, dem Start-ups eine Brückenfinanzierung zu gewähren.

(Foto: Lesara AG)

Düsseldorf Im August war der Optimismus noch groß. Da eröffnete Roman Kirsch zusammen mit Erfurts Wirtschaftsbeigeordnetem Steffen Linnert das neue Logistikzentrum von Lesara in der thüringischen Landeshauptstadt. Rund 200 Arbeitsplätze sollten bald hier geschaffen sein, versprach Kirsch. Das 60.000-Quadratmeter-Lager, in nur zehn Monaten errichtet, bietet Platz für 100.000 Artikel. Das Mode-Start-up aus Berlin schien fünf Jahre nach der Gründung erwachsen zu werden.

Jetzt ist Lesara auf dem Boden der Tatsachen zurück. Am vergangenen Freitag hat Kirsch für das Unternehmen Lesara AG und die Logistiktochter Lesara Logistics SE beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Zuerst hatte Gründerszene darüber berichtet. Alle größeren Ausgaben und Entscheidungen muss sich der erfolgsverwöhnte Gründer jetzt von dem Potsdamer Rechtsanwalt Christian Graf Brockdorff absegnen lassen, dem vom Gericht eingesetzten Sachwalter.

Dem Modehändler ist das Geld ausgegangen. Offenbar waren die bisherigen Investoren, darunter namhafte Adressen wie Northzone, Mangrove Capital Partners und Vorwerk Ventures, bisher nicht bereit, eine Brückenfinanzierung zu bewilligen. Die Lücke kommt durchaus überraschend: Erst im Juli dieses Jahres hatte Kirsch stolz den Abschluss einer weiteren Finanzierungsrunde in Höhe von 30 Millionen Euro verkündet. Mehr als 90 Millionen Euro haben die Geldgeber insgesamt bisher in das Start-up investiert.

Für den als Wunderkind des E-Commerce gefeierten Gründer Kirsch ist das ein erster empfindlicher Rückschlag. Bisher war dem Sohn kasachischer Einwanderer alles geglückt, was er angefasst hatte. Schon in der Schule übersprang er zwei Klassen. Mit 23 Jahren gründete er den Shoppingklub Casacanda und verkaufte ihn nach nur einem Jahr für mehrere Millionen Euro an das US-Vorbild Fab.

„Ich will die Art des Handels verändern“, tönte der ehrgeizige 30-Jährige. Weggefährten attestierten ihm den unbedingten Willen, stets der Beste zu sein. Mit genau dieser Überzeugungskraft begeisterte er auch die Investoren für sein nächstes Projekt, den Onlinehändler Lesara. Scheinbar mühelos sammelte er eine Finanzierungsrunde nach der anderen ein.

Lesara hat das Prinzip des sogenannten Fast Fashion von Unternehmen wie H&M, Zara oder Primark ins Internet übertragen – also den raschen Kollektionswechsel mehrmals im Jahr. Doch er hat ihn noch einmal beschleunigt. Mithilfe einer intensiven Datenanalyse und dem Feedback der eigenen Kunden spürt Lesara praktisch in Echtzeit aktuelle Klamottentrends auf. Diese gibt es bei Zulieferern in Asien in Auftrag und kann so innerhalb von zehn Tagen nach Erkennen des Trends die entsprechende Ware im Shop anbieten.

Lesara galt als eines der gefragtesten Start-ups Europas

Außerdem setzt Lesara konsequent auf extrem niedrige Preise. Der Shop führt fast nur Eigenmarken, die er durch den direkten Einkauf in China entsprechend günstig anbieten kann. Um das noch zu betonen, wird stets ein durchgestrichener „Normalpreis“ angegeben und daneben der tatsächliche Preis – farblich unterlegt dazu die angebliche Ersparnis. Mit diesem Prinzip ist das Unternehmen rasch in 24 europäische Länder expandiert.

Das Magazin „Forbes“ nahm Kirsch, einen Absolventen der London School of Economics, 2016 in seine Liste „30 unter 30 Europa“ auf. Noch vor einem Monat fand sich Lesara auf der Liste der gefragtesten Start-ups des Business-Netzwerks Linked‧In wieder. Mehrfach wurde der Onlinehändler für seine rasanten Wachstumsraten ausgezeichnet. Im Juli gewann er einen von Union Investment ausgeschriebenen Start-up-Wettbewerb und durfte als Belohnung einen Pop-up-Store im Berliner Einkaufszentrum Alexa eröffnen.

Ich will die Art des Handels verändern. Roman Kirsch, Firmengründer von Lesara

„In der Branche ist viel im Umbruch, da wollen wir Geld ins Wachstum stecken“, hatte Kirsch noch vor wenigen Monaten stolz im Gespräch mit dem Handelsblatt gesagt. Doch genau dieses hohe Tempo scheint dem Unternehmen jetzt zum Verhängnis zu werden. Eine „stockende Finanzierung des starken Wachstums” nannte das Unternehmen als Begründung für den Insolvenzantrag.

Das Dilemma: Sein Wachstum erkauft sich das Unternehmen mit teurem Onlinemarketing. Und wenn die Kunden nicht lang genug dabeibleiben, ist das ein Zuschussgeschäft. Denn der Wert des durchschnittlichen Warenkorbs ist bei Lesara deutlich niedriger als bei Konkurrenten wie Zalando. Deshalb ist das Start-up auch noch weit von der Profitabilität entfernt. Die letzten verfügbaren Zahlen weisen für 2016 einen von elf auf 14 Millionen Euro gestiegenen Verlust aus.

Die 350 Mitarbeiter informierte Kirsch am Freitagnachmittag über die Situation. Noch müssen die meisten von ihnen wohl nicht um ihre Arbeitsplätze fürchten. Der Geschäftsbetrieb soll vorläufig unverändert weitergehen.

Doch es zeigen sich schon erste Auflösungserscheinungen. So hatte das Unternehmen erst im vergangenen Jahr eine spanische Seite gestartet und selbstbewusst betont, dass es den Konkurrenten Zara im eigenen Land angreift. Jetzt ist die Seite nicht mehr erreichbar, sie wird auf ein englischsprachiges Angebot umgeleitet. Nach Informationen des „Manager-Magazins“ soll sich Lesara auch aus Schweden zurückgezogen haben. Auf entsprechende Anfragen war sowohl vom Unternehmen als auch von Roman Kirsch keine Antwort zu bekommen.

Schwierigkeiten gab es auch beim Anlauf des neuen Logistikzentrums in Erfurt, das nach Angaben des Unternehmens 45 Millionen Euro gekostet hat und für das es zehn Millionen Euro Förderung vom Land Thüringen bekommen hat. Schon im Vorfeld der Eröffnung hatte eine Unternehmenssprecherin geklagt, dass es nicht einfach sei, gutes Fachpersonal zu bekommen.

Verzögerungen bei der Auslieferung

Offenbar kommt es im neuen Lager zu massiven Verzögerungen. Im Internet häufen sich mittlerweile die Kundenbeschwerden über lange Lieferzeiten und ausbleibende Lieferungen. Die Lieferung wird als „ein einziges Desaster“ beschrieben. Auch den Kundendienst bezeichnen viele Kunden als „problematisch“ und „blamabel“. Auch dazu war keine Stellungnahme des Unternehmens zu bekommen.

Viele Modehändler haben zurzeit Probleme mit den Lieferzeiten. So war zuletzt H&M von Kunden kritisiert worden, weil die Ware im Schnitt sieben bis acht Tage brauchte, bis sie angekommen war. Bei Lesara jedoch warteten die Kunden zuletzt zum Teil zwei Monate auf die Artikel – und das bei einem Unternehmen, das Geschwindigkeit zum Geschäftsprinzip erklärt hat.

Vor einigen Monaten hatte es bereits Vorwürfe gegen Lesara gegeben, das Unternehmen würde seine Zahlen schönen. Der Händler hatte seinen Umsatz mit 150 Millionen Euro angegeben, aber damit den Wert vor Abzug der Retouren gemeint – ohne das explizit zu erklären. Der tatsächliche Umsatz lag nur bei rund 70 Millionen Euro. „Das war kein böser Wille, aber wir haben daraus gelernt, dass wir klarer kommunizieren müssen“, hatte Kirsch damals im Gespräch mit dem Handelsblatt etwas zerknirscht eingeräumt.

Nun ist erst recht klare Kommunikation gefragt, wenn Kirsch sein Unternehmen noch retten will. Als Erstes mit den Investoren. Denn auch wenn mit dem Antrag auf Insolvenz erst einmal ein bisschen Druck aus dem Kessel genommen ist – es fehlen wohl rund zehn Millionen Euro für eine Zwischenfinanzierung.

Und ob angesichts der schlechten Nachrichten die optimistische Vision des Gründers weiter so verfängt wie in der Vergangenheit, ist fraglich.

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