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Lieferketten Coronavirus-Krise trifft den Seehandel mit voller Härte

Die Nachfrage nach Schiffstransporten zwischen Asien und Europa bricht aufgrund der Epidemie ein. Nun wittern Luftfrachtanbieter ihre Chance.
19.02.2020 - 10:23 Uhr Kommentieren
Coronavirus-Krise erfasst den Seehandel mit voller Härte Quelle: Bloomberg
Schiffe im Hamburger Hafen

33 Containerschiffabfahrten aus Asien nach Nordeuropa mussten Reedereien wie Hapag-Lloyd, Maersk oder CMA CGM in den vergangenen vier Wochen stornieren – was laut der Pariser Beratungsfirma Alphaliner einer Quote von 46 Prozent entspricht.

(Foto: Bloomberg)

Frankfurt, Düsseldorf Ein auf 811 Millionen Euro nahezu verdoppelter Betriebsgewinn, deutlich gestiegene Frachtraten und ein Umsatzplus von neun Prozent – die vorläufigen Ergebnisse, die Hapag-Lloyd am Mittwochmorgen für das zurückliegende Geschäftsjahr vorlegte, können sich sehen lassen. Einziger Schönheitsfehler: Prognosen für 2020 blieb Deutschlands größte Reederei schuldig.

Sie will Konzernchef Rolf Habben Jansen erst mit der Veröffentlichung der endgültigen Geschäftszahlen Mitte März nachreichen. Nur: Ob Hapag-Lloyd den Erfolg des Vorjahres 2020 wiederholen wird, ist derzeit alles andere als sicher.

„Die Transportmengen werden in nächster Zeit auf jeden Fall schrumpfen“, ist sich Michael Wallraven, Deutschlandchef der Logistikberatung Llamasoft, nach Gesprächen mit seinen Kunden sicher. Schuld ist das Coronavirus, der in China inzwischen zu mehr als 74.000 Infektionen geführt hat – und dort die Produktion bei zahlreichen Herstellerfirmen lahmlegt.

Den Seehandel hat die Krise bereits jetzt mit voller Härte erreicht. 33 Containerschiffabfahrten aus Asien nach Nordeuropa mussten Reedereien wie Hapag-Lloyd, Maersk oder CMA CGM in den vergangenen vier Wochen stornieren – was laut der Pariser Beratungsfirma Alphaliner einer Quote von 46 Prozent entspricht.

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    Nur noch knapp über 200.000 Seecontainer verschifften die Reedereien vergangene Woche auf dieser Route – nach fast 300.000 Containern im Jahr zuvor. Gleichzeitig schnellte die Anzahl unbeschäftigter Frachter auf 299 nach oben.

    Nicht minder trübe sieht es bei den Schüttgut- und Tankschiffen aus. Weil die Nachfrage nach Transportleistungen drastisch gefallen ist, liegen ihre Raten laut „Baltic Dry Index“ und „Capital Link Tanker Index“ aktuell rund ein Drittel unter Vorjahr.

    Auch bei der deutschen Hapag-Lloyd spürt man die verhaltene Nachfrage, wie ein Konzernmanager durchblicken lässt. Es sei aber unklar, welchen Anteil das Coronavirus an der Flaute trage.

    Puffer ist offenbar aufgebraucht

    Ob die Epidemie der internationalen Transportbranche dieses Jahr das Ergebnis verhagelt, ist allerdings noch nicht ausgemacht. „Sollte sich die Krise auf drei bis vier Monate begrenzen lassen, kann der temporäre Rückgang bis zum Jahresende wieder aufgeholt werden“, erklärt Max Johns, Seefahrtexperte und Professor an der Hamburg School of Business Administration. Dauert sie länger, bestehe die Gefahr, dass sich ein Brancheneinbruch wie 2008/09 wiederholt.

    Doch für viele Transportkunden wird es schon jetzt schwierig. „Wir erwarten Engpässe bei Textilherstellern und vielen anderen Konsumgütern, die aus Asien geliefert werden“, sagt Llamasoft-Logistikexperte Wallraven. Für stark betroffen hält er auch die Pharmaindustrie, die einen Großteil ihrer Grundstoffe in China ordert.

    Schwierigkeiten im besonderen Ausmaß prophezeit er zudem der Automobilindustrie. Sie kämpft in China nicht nur mit einem ihrer wichtigsten Exportmärkte. Viele Zulieferteile kommen ausgerechnet aus der Provinz rund um Wuhan, wo das Coronavirus seinen Ursprung nahm.

    Zunächst hatte die Infektionskrankheit in der Logistikbranche nur für geringe Unruhe gesorgt. Ihr Ausbruch fiel an den Beginn der zweiwöchigen Neujahrsfeierlichkeiten, was viele für einen relativen Glücksfall hielten. Weil Firmenkunden üblicherweise in dieser Zeit mit einem zweiwöchigen Lieferstopp aus China rechnen, hatten sie sich vorab zusätzliche Ware aufs Lager gelegt.

    Grafik

    Doch der Puffer scheint zunehmend aufgebraucht. „In der Automobilindustrie, die traditionell auf Just-in-Time-Belieferung setzt, reichen die Vorräte nur zwischen zwei und zwölf Wochen“, berichtet Llamasoft-CEO Razat Gaurav. Damit dürften die Autohersteller bald in ernstzunehmende Schwierigkeiten geraten.

    Weil die meisten Pkw-Hersteller ihre Produktion in den vergangenen fünf bis acht Jahren regionalisiert haben – mit Knotenpunkten in Mexiko (für Nordamerika), Osteuropa (Polen, Tschechien, Slowakei und Rumänien), Marokko und eben China, trifft die Coronavirus-Krise zunächst im Schwerpunkt die asiatischen Werke in Chinas Nachbarschaft.

    Als einer der ersten verkündete Hyundai, eigene Werke in Südkorea zu schließen, wo auch Renault plant, die Bänder still stehen zu lassen. Doch für die rund 30.000 Zulieferteile je Pkw drohen inzwischen selbst in Europa Engpässe, wie Fiat Chrysler warnt.

    Noch schwerer getroffen sehen Experten den US-Autobauer General Motors (GM). Der Konzern hat seine Lieferkette nicht nur stark auf China ausgerichtet, die Detroiter verkaufen dort außerdem mehr Autos als in der eigenen Heimat.

    Lufthansa Cargo fliegt häufiger

    Auch die Luftfracht-Branche leidet unter den Folgen des Virus. Lufthansa Cargo fliegt seit Ende Januar nach einem Sonderflugplan in Richtung China. Die Zahl der Verbindungen wurde um rund ein Drittel reduziert. Allerdings hat die Lufthansa-Tochter diesen Flugplan nach Angaben einer Sprecherin in dieser Woche wieder um eine „Frequenz“ aufgestockt.

    Die auf den ersten Blick überraschende Entscheidung, wieder häufiger zu fliegen, hat mehrere Gründe. Zum einen gibt es laut Lufthansa Cargo in China nach wie vor eine Nachfrage nach Frachtkapazitäten. Zum anderen hat Lufthansa alle Passagierverbindungen auf das chinesische Festland bis Ende März gestrichen. Damit entfallen signifikante Ladekapazitäten für Fracht in den Bäuchen der Passagier-Jets. So lohnt es sich für LH Cargo, weiter mit Frachtern China anzusteuern.

    Nicht zuletzt wird Luftfracht benötigt, um schnell Hilfsgüter in die betroffene Region zu bringen. So befinden sich an Bord der Lufthansa-Frachter zurzeit häufig medizinische Ausrüstung wie etwa Schutzanzüge, Masken oder Desinfektionsmittel.

    Hinzu kommt: Die Erfahrung aus vergangenen Krisen zeigt, dass insbesondere die Nachfrage nach Luftfracht mit der Abschwächung einer Krise schnell und kurzfristig wieder anzieht. Lufthansa Cargo will für diese Situation gerüstet sein.

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    Für die Crews gibt es Sonderregelungen, um sie vor einer Ansteckung zu schützen. Neben den Schutzmasken und Desinfektionsmitteln für die Piloten gehört auch eine zusätzliche Landung in Nowosibirsk in Sibirien dazu. Dort wird die Crew getauscht.

    Damit entfallen die vorgeschriebenen Ruhezeiten für die Piloten in China, ihr Aufenthalt dort wird auf ein Minimum begrenzt. Zudem ist der Einsatz auf den Strecken nach China freiwillig, kein Flugzeugführer wird ungefragt auf diese Verbindung gesetzt.

    Was dieser Aufwand kostet, dazu gibt es von Lufthansa Cargo noch keine Aussage. Die Gesamtrechnung könne erst nach Ende der Krise erstellt werden, heißt es. Aber man verweist darauf, dass gerade die Luftfracht-Industrie den Umgang mit einer hohen Nachfrage-Volatilität gewohnt sei.

    Unterdessen bekommen deutsche Verbraucher erste Auswirkungen der Epidemie zu spüren. So warnt der Anzuganbieter Suit Supply Kunden davor, dass seine Maßanfertigung nun mehrere Monate in Anspruch nehmen könnten. Gefertigt werden die Jacketts und Hosen zwar nach individuellem Maß, das in den Läden genommen wird. Genäht aber wird in China.

    Mehr: Der Nachrichtenüberblick zum Coronavirus und den Folgen für die Wirtschaft.

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