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Container im Hamburger Hafen

Die Furcht vor einer Rückkehr zum Nationalismus hat in den Beschaffungsabteilungen die Angst vor Naturkatastrophen oder strengeren Umweltauflagen längst überholt.

(Foto: dpa)

Logistik Der neue Nationalismus bringt die Lieferketten in Gefahr

Firmeneinkäufer fürchten Protektionismus und Brexit-Folgen mehr als Tsunamis oder Vulkanausbrüche. Dabei sind viele Konzerne schlecht vorbereitet.
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DüsseldorfWie eigentlich, fragte Post-Chef Frank Appel vor sieben Jahren führende Wissenschaftler, könnte das Liefergeschäft im Jahre 2050 aussehen? Die fünf Antworten, formuliert von Michael ten Hompel (Fraunhofer), Thomas Straubhaar (HWWI) und Ex-Umweltminister Klaus Töpfer, klangen damals wie aus einer anderen Welt.

Die Globalisierung könnte wieder rückgängig gemacht werden, schilderten sie in „Szenario 4“, und zwar „im Zuge eines ausgeprägten Nationalismus und Protektionismus“. Dass man zur Präsentation den Science-Fiction-Autor Frank Schätzing („Der Schwarm“) verpflichtet hatte, machte die düstere Zukunftsvision damals kaum glaubwürdiger.

Nun müssen die Mahner nicht einmal mehr bis zur Mitte dieses Jahrhunderts warten. Was während der Ergebnispräsentation im Februar 2012 noch so wahrscheinlich klang wie eine Stadtgründung auf dem Mars, bestimmt längst die Planung weltweit operierender Hersteller und Händler.

Der kürzlich veröffentlichte „Global Research Report“ des IT-Dienstleisters Llamasoft liefert dazu erste Zahlen. „Wirtschaftsnationalismus gilt in den Beschaffungsabteilungen der Unternehmen inzwischen als zweitgrößte Gefahr“, heißt es dort. 46 Prozent aller Einkäufer sorgen sich um die Fortsetzung des freien Welthandels.

Nur das eng mit der Marktabschottung verbundene Thema Zölle und Steuern, das 50 Prozent der Befragten als kritische Herausforderung auflisteten, spiele für sie eine noch wichtigere Rolle.

Bis vor kurzem schien all dies für die Lieferketten nahezu bedeutungslos, Bedrohungen sahen die meisten Einkäufer ganz woanders. 2010 hatte der isländische Vulkan Eyjafjallajökull mit seiner Aschewolke wochenlang den Warenaustausch behindert, 2011 folgte die Kraftwerkskatastrophe in Fukushima, die zahlreiche japanische Zulieferer ausfallen ließ.

Zwei Jahre darauf stürzte eine Textilfabrik in Bangladesch mit mehr als 1000 Todesopfern ein, wodurch sich multinationale Modeketten gezwungen sahen, ihre Lieferketten neu zu ordnen.

Von Gefahren wie diesen ist in dem aktuellen Risikoreport kaum noch die Rede. Die Furcht vor einer Rückkehr zum Nationalismus hat in den Beschaffungsabteilungen die Angst vor Naturkatastrophen oder strengeren Umweltauflagen längst überholt. Und das nicht ohne Grund.

Brexit gefährdet Just-in-Time-Lieferungen

Die protektionistischen Maßnahmen, mit denen US-Präsident Donald Trump die heimische Wirtschaft zu schützen glaubt, strapazieren schon jetzt die Lieferkette in den meisten übrigen Industrienationen – insbesondere durch die angedrohten Zölle und Kontingente.

Mindestens ähnlich schlimm könnte es Ende März 2019 werden, wenn das Vereinigte Königreich aus der Europäischen Union austritt. So gilt als sicher, dass es zu Verzögerungen im Grenzverkehr kommen wird – und das selbst im Fall einer noch auszuhandelnden Zollunion. Weil ab dann Lieferungen einer Kontrolle unterzogen werden, werden sie den Ärmelkanal künftig nicht mehr in gewohnter Geschwindigkeit passieren.

Eine Just-in-Time-Belieferung, wie sie die Automobilindustrie seit Jahren verlangt, wird damit aussichtslos. Firmen wie BMW, Jaguar oder Ford überprüfen daher den Teilrückzug aus Großbritannien, Zulieferer Schaeffler gab neulich bekannt, zwei Werke auf der Insel schließen zu wollen.

Unwägbarkeiten erwarten Experten zudem für die Kostenkalkulation. Im Falle eines No Deals, glauben die Ratingexperten von Euler Hermes, könnte das Pfund bis zum Jahresende 2019 auf 0,88 Euro absacken, allein eine Last-Minute-Vereinbarung könnte die britische Währung wohl bei einem Kurs von 1,14 Euro stabilisieren.

So verwundert es nicht, dass britische Unternehmer mit der Furcht vor einem aufflammenden Wirtschaftsnationalismus weltweit an der Spitze liegen. 64 Prozent von ihnen sehen ihn laut der Llamasoft-Studie als Bedrohung, deutsche Einkäufer teilen diese Furcht zu 43 Prozent. Entspannter zeigten sich allein die Franzosen. Nationale Abschottung spielt dort als Gefahr nur bei 35 Prozent der Unternehmen eine wichtige Rolle.

Immerhin: Falls es zu weiteren protektionistische Maßnahmen kommt, planen zwei Drittel aller weltweit befragten Unternehmen, ihre Lieferketten umzubauen. Darauf vorbereitet aber sind längst nicht alle. Nur die Hälfte der Unternehmen bemüht sich eigenen Angaben zufolge aktiv um alternative Lieferanten.

Die meisten anderen lassen die Entscheidungen auf sich zukommen. 39 Prozent der weltweit befragten Einkäufer erklärten, ihre Firma werde erst dann reagieren, wenn es Probleme in der Beschaffung gebe. Schlusslicht sind hier die Franzosen mit einer Quote von 67 Prozent.

Große Skepsis in Europa

Am selbstbewusstesten treten Unternehmen in Südamerika auf. Dort glauben 76 Prozent der Einkäufer, ausreichend Vorsorge getroffen zu haben, um bei Störungen in der Lieferkette – sei es durch Protektionismus, schärfere Umweltgesetze oder Naturkatastrophen – schnellen Ersatz zu finden. Auch im Land von Donald Trump zeigen sich, so die Llamasoft-Studie, 69 Prozent dieser Meinung.

In Europa ist man da weitaus skeptischer. In Frankreich und Deutschland teilt nur noch jedes zweite Unternehmen diese Gewissheit, im Brexit-gefährdeten Großbritannien gerade einmal jedes vierte.

Und das zurecht, wie Klaus Wiesen glaubt. Zusammen mit vier weiteren Daten- und Umweltspezialisten hat er in Köln die Beratungsfirma Sustainabill gegründet, die im Auftrag etwa von Textilherstellern zuverlässige und nachhaltige Lieferketten ausfindig macht.

„Oft glauben sich Hersteller in Sicherheit, weil sie auf mehrere Zulieferer gleichzeitig setzen“, sagt Wiesen. „Nur was passiert, wenn diese wiederum alle auf denselben Rohstoff- oder Schlüssellieferanten vertrauen, der plötzlich in Not gerät?“

Helfen können da nur schwer zu recherchierende Datenbanken, an denen sich Anbieter wie Sustainabill abmühen. Auch mächtige Softwarehäuser werben zunehmend damit, Notfallpläne für den Fall zu entwickeln, dass die Lieferkette reißt.

Llamasoft etwa arbeitet für Nestlé, Henkel und Nike, der US-Wettbewerber JDA für deutsche Handelshäuser wie Otto, dm oder Ernsting‘s Family. Auch kleinere Technologiefirmen wie Logility, Jonova oder Kinaxis mischen inzwischen mit.

Doch während in den Beschaffungsabteilungen der Unternehmen die Sorgenfalten wachsen, scheinen die Verwerfungen im Freihandel den Anbietern aus der Logistikbranche kaum zu schaden. Ihr Umsatz stieg 2017 weiter um drei Prozent auf 267 Milliarden Euro, wie das Fraunhofer-Institut jetzt ermittelte. 51 Prozent des Marktes entfielen dabei auf externe Logistikdienstleister wie Deutsche Post/DHL, DB Schenker oder Dachser.

Die Deutsche Post könne vom Brexit sogar profitieren, erläuterte deren Vorstandschef Frank Appel kürzlich vor Analysten. „Für uns könnte sich dadurch eine Gelegenheit bieten, unseren Kunden bei der Bewältigung der komplexer werdenden Beschaffung zu helfen“, sagte er.

Das düstere „Szenario 4“, das ihm die Wissenschaftler 2012 als mögliche Zukunftsvision malten, hofft Appel somit in eine Geldquelle ummünzen zu können.

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