Großbritanniens Hauptstadt London

Europas Logistiker planen mit einem harten Brexit.

(Foto: Photo by Joao Barbosa on Unsplash)

Logistik Konzerne sichern Lieferketten gegen den Brexit – mit künstlicher Intelligenz

Europas Großunternehmen wollen beim Brexit nichts dem Zufall überlassen. Im Ernstfall sollen Algorithmen Ersatzlösungen für die Logistik finden.
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BerlinIn der Londoner Zentrale von Astra-Zeneca, einem britisch-schwedischen Pharmariesen mit 22,5 Milliarden Dollar Jahresumsatz, herrscht in diesen Wochen hektische Betriebsamkeit. Auf beiden Seiten des Ärmelkanals baut der Medikamentenhersteller gewaltige Lager auf, in denen er Pillen, Zäpfchen und Impfstoffe hortet. Mindestens für sechs Wochen sollen die Vorräte reichen, falls der nötige Nachschub ausbleibt.

Der Grund für das Horten: Arzneimittel, deren Wirksamkeit allein britische Behörden kontrollieren, verlieren nach einem harten Brexit ihre Zulassung auf dem europäischen Kontinent. Zwar versucht Astra-Zeneca mit Hochdruck, ersatzweise Qualitätskontrollen in Schweden aufzubauen. Doch bis zum 29. März 2019, dem offiziell verkündeten Austrittstermin Großbritanniens aus der EU, werden die Lösungen nicht lückenlos einsatzbereit sein.

Entscheidungen wie diese hat Astra-Zeneca penibel vorbereiten lassen, und zwar mithilfe komplizierter Algorithmen. So steckt hinter den Notfallplänen des 57.500 Mitarbeiter zählenden Pharmakonzerns ein Rechendienstleister, der bislang nur Insidern bekannt war: Llamasoft, ein vor zwölf Jahren bei Detroit gegründeter Lieferketten-Spezialist mit geschätzten 56 Millionen Dollar Jahresumsatz.

„Astra-Zeneca zählt zu unseren Kunden“, bestätigt Michael Wallraven dem Handelsblatt. Der 53-Jährige ist in München Deutschlandchef von Llamasoft. Ebenso auf der Kundenliste: Konsumgüterriesen wie Nestlé, Henkel und Nike, aber auch der Chemiekonzern BASF und die schwedische Möbelkette Ikea.

Die Beispiele zeigen, dass sich die großen Konzerne auf einen harten Brexit vorbereiten und nichts dem dem Zufall überlassen wollen. Königsdisziplin von Llamasoft, einer Beteiligung des Finanzinvestors TPG Capital, sind Was-wäre-wenn-Szenarien – solche wie diese: Was etwa passiert, wenn wichtige Lieferanten wegbrechen? Wenn Transportwege ausfallen? Oder sich Absatzmärkte wandeln? Und welche Alternativen stehen – zu welchen Zusatzkosten – bereit?

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Der Technologieanbieter aus Michigan erstellt dazu ein digitales Abbild der Wertschöpfungskette, wie er sie beim Auftraggeber vorfindet. Wirbeln politische Umwälzungen dessen Betrieb durcheinander, suchen Algorithmen im Rechner nach Ersatzlösungen – etwa neuen Lieferanten, Transportwegen oder sogar neuen Kunden.

Im Falle eines harten Brexits, der die britische Insel vollständig aus dem EU-Binnenmarkt löst, bekämen die Algorithmen allerhand zu tun. Nicht nur Zölle gäbe es dann im Handel zwischen Großbritannien und der EU zu berücksichtigen – mehr noch kämen die Wechselkurse zwischen Pfund und Euro übermäßig ins Rutschen. An Just-in-time-Belieferung, ein nahezu religiöses Dogma der Automobilindustrie, wäre kaum noch zu denken. Lkw-Wartezeiten von ein bis zwei Tagen in der Verzollung würden üblich, beim Transport sensibler Pharmapräparate ließe sich die dringend erforderliche Kühlkette wohl nicht aufrechterhalten.

Dass dies realistische Szenarien der Unternehmen sind , zeigen aktuelle Untersuchungen. „Wir sehen zunehmend Hamsterkäufe – wie nach einer Sturmwarnung“, berichtet Ron van het Hof, Deutschlandchef des Kreditversicherers Euler Hermes, aus den Unternehmen.

Um mögliche Zölle, Verzögerungen oder Unterbrechungen der Lieferkette zu vermeiden, horteten britische Hersteller immer mehr Importwaren, die sie für ihre Produktion zwingend benötigen.

Auch auf deutscher Seite schaffen die Unternehmen Fakten. „Unter unseren Kunden gibt es Firmen, die erste Weichen gestellt haben, um ihre Produktion von der Insel abzuziehen“, berichtet Llamasoft-Deutschlandchef Wallraven. Die meisten von ihnen seien Automobilzulieferer.

Großkonzerne wie Airbus, BMW oder Jaguar Land Rover haben ihre Investitionspläne in Großbritannien auf Eis gelegt – und zum Teil Entlassungen angekündigt. Ihre Sorgen wachsen keinesfalls grundlos. Ein „No Deal“-Szenario werde im Zuge der aktuellen politischen Diskussion „deutlich wahrscheinlicher“, glauben Analysten von Euler Hermes.

Sie beziffern dessen Wahrscheinlichkeit in einer soeben vorgelegten Studie auf 25 Prozent – nachdem ihre Volkswirte bisher nur zu fünf Prozent mit dem Worst-Case-Szenario gerechnet haben. „Das würde bedeuten“, heißt es in der Studie konkret, „dass die Regeln der World Trade Organisation (WTO) greifen und somit etwa vier bis fünf Prozent Zölle auf beiden Seiten anfallen.“

Blind Date für Konzerne

Doch auch eine Einigung in letzter Minute würde die meisten Unternehmen vor die Herausforderung stellen, in ungewöhnlicher Eile reagieren zu müssen. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent geht Euler Hermes davon aus, dass es im Januar kurzfristig doch noch zu einer Einigung über die Trennungsmodalitäten kommt – möglicherweise nach dem Vorbild von Norwegen oder der Schweiz. „Für Unternehmen ist das wie ein Blind Date“, glaubt Ludovic Subran, Chefvolkswirt des Kreditversicherers, „denn sie wissen nicht, was auf sie zukommt.“

Im Detail könne dies positive wie böse Überraschungen bringen. Das Unberechenbare für die Wirtschaft: Die Verwerfungen durch den Brexit dürften je nach Scheidungsvertrag höchst unterschiedlich ausfallen. Im Falle eines No Deals, glaubt Euler Hermes, könnte das Pfund bis zum Jahresende 2019 auf 0,88 Euro absacken, eine Last-Minute-Vereinbarung dagegen würde die britische Währung wohl bei einem Kurs von 1,14 Euro stabilisieren.

Nach der britischen Exportwirtschaft, die einen Umsatzeinbruch von jährlich 30 Milliarden Euro durch einen harten Brexit zu verschmerzen hätte, würden deutsche Exporteure zum zweitgrößten Verlierer. Hier stünden acht Milliarden Euro zur Disposition, glaubt der Kreditversicherer, gefolgt von den Niederländern mit vier Milliarden. Auch Frankreich und Belgien wären mit jeweils drei Milliarden Euro Exportvolumen stark betroffen.

Entsprechend brummt der Markt für Technologiefirmen wie Llamasoft, die angesichts des nahenden Brexits erst im vergangenen Jahr über den Atlantik nach Deutschland kam. Auch der mächtige US-Rivale JDA Software sorgt sich um die Lieferketten deutscher Handelshäuser wie Otto, dm oder Ernsting‘s Family. Hinzu kommen kleinere US-Technologieanbieter wie Logility und Jonova oder Kinaxis aus dem kanadischen Ottawa. Sie alle erhoffen sich Zusatzumsatz durch die dringend benötigten Notfallpläne.

Planung mit hartem Brexit

„Diese Technologieanbieter sind absolut hilfreich“, lobt Lieferkettenexperte Michael Dittrich von Accenture die Algorithmus-Akrobaten. Nicht nur dort, auch bei Beratungsfirmen wie Miebach oder KPMG stehen die Experten für Künstliche Intelligenz längst auf der Payroll.

Welche Grundannahmen Llamasoft und Co. seit Wochen in ihre Rechner einzugeben haben, daraus macht Dittrich kein Geheimnis. „Alle stellen sich auf einen harten Brexit ein“, verrät er. Wer sich alle Optionen bis heute offenhalte, dem bleibe nicht mehr genügend Vorlaufzeit, seine Lieferkette im Notfall umzukrempeln.

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, sieht das ebenso. Selbst eine Verlängerung der Übergangsfrist bis 2020 würde an dem Dilemma nichts ändern, glaubt er. „Die Unternehmen müssen schon jetzt ihre Konsequenzen aus dem drohenden Brexit ziehen“, sagte der Wirtschaftsprofessor neulich auf dem Kongress der Bundesvereinigung Logistik (BVL) in Berlin. „Bei dem hohen Risiko, das ihnen andernfalls droht, bleibt den Firmen nichts anderes übrig.“

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