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Luftfahrt Beengter Sitzplatz – Gibt es bald wieder mehr Beinfreiheit im Flugzeug?

Kein Platz auf dem Sitz, kein Platz auf dem Klo. Airlines quetschen immer mehr Passagiere in ihre Jets. Künftig noch enger. Doch das Limit scheint bald erreicht.
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Mit diesen Extras nehmen Fluggesellschaften Milliarden ein Quelle: picture alliance / NurPhoto
An Bord bei Ryanair

Die irische Billigairline versucht immer mehr Passagiere in ihren Flugzeugen unterzubringen.

(Foto: picture alliance / NurPhoto)

FrankfurtDie Bilder auf der Plattform Instagram gingen um die Welt, wurden zigtausendfach angeschaut. Menschen, die sich wie Schlangen in die Bordtoiletten einer nagelneuen Boeing 737 Max quetschen. Um angeblich 18 Zentimeter hat der US-Kabinenausstatter Rockwell Collins das „stille Örtchen“ geschrumpft, um Platz für zusätzliche Sitze zu schaffen.

Vielen Passagieren reicht es. In den sozialen Medien verschaffen sie seit Monaten ihrem Ärger Luft – Fluggäste von American Airlines, Norwegian oder auch der Icelandair, des ersten Abnehmers des aufgefrischten Erfolgsmodells von Boeing.

Wer dachte, es kann über den Wolken nicht mehr enger werden, hat sich getäuscht. In den kommenden Jahren wird es in der Kabine noch gedrängter werden – vor allem auf er Kurz- und Mittelstrecke. Ein Grund: Airbus und Boeing steigern die Effizienz ihrer überarbeiteten A320- und der 737-Familie nicht nur über neue und spritsparende Motoren.

Sie bieten den Airlines die Möglichkeit, auch mehr Sitze in die Aluröhre zu packen als bei den bisherigen Versionen. Dazu werden unter anderem die Bordküchen und die Toiletten zum Teil deutlich verkleinert, aber auch der Sitzabstand schrumpft. Auch für die Airbus A320-Familie gibt es geschrumpfte WCs von den Kabinenausstattern wie Zodiac oder Diehl – eingesetzt etwa bei der Lufthansa-Tochter Swiss.

Der Kampf um jeden Zentimeter ist vor allem ein Kampf um jeden Cent Marge. Jedes zusätzlich verkaufte Ticket macht die Airlines robuster für Zeiten mit wieder steigenden Treibstoffkosten. Und eines ist auch klar: Trotz der Kritik, viele Passagiere wollen auch künftig billig fliegen.

Doch angesichts des wachsenden Unmuts der Passagiere glauben Experten, dass der Trend zu einer immer engeren Bestuhlung allmählich doch seine Grenze erreicht hat. „Die Airlines tendieren dazu, immer ein wenig über das Ziel hinauszuschießen, Entwicklungen zu weit zu treiben. Beim Sitzabstand sehe ich definitiv das Limit erreicht“, sagt Luftfahrtexperte Gerald Wissel vom Beratungsunternehmen Airborne Consulting in Hamburg.

Gemessen wird der Abstand heute zwischen den Sitzschienen (Seatrail) zweier Sitze am Boden. 28 Zoll, nur gut 71 Zentimeter – das ist aktuell die untere Grenze, die einige Airlines wie etwa der US-Billiganbieter Spirit mittlerweile in der Eco-Klasse erreicht haben. Zum Vergleich: Die Deutsche Bahn gibt den Abstand für die zweite Klasse in ihren ICEs mit mindestens 82 Zentimetern an, spricht hier aber von „Beinfreiheit“.

Möglichkeiten scheinen ausgereizt

Möglich ist ein solch kleiner Abstand in der Flugzeugröhre nicht zuletzt durch anders konstruierte Sitze. Die besitzen heute deutlich dünnere Lehnen und anders geformte Sitzflächen. Das sorgt bestenfalls dafür, dass der Fluggast trotz niedrigem Sitzabstand noch über eine ausreichende Beinfreiheit verfügt – gemessen als Abstand zwischen der Vorderkante der Sitzfläche und der Lehne des Vordersitzes.

Doch langsam zeigt sich – die Möglichkeiten sind ausgereizt. Denn während es in den Röhren immer enger zugeht, werden die Menschen immer größer und häufig auch schwerer. Nicht nur bei den Fluggästen ist die Enge in der Kabine deshalb zu einem Thema geworden. Auch einige US-Kongressabgeordnete haben es entdeckt. Sie fordern in dem sogenannten Safe Egress in Air Travel (SEAT Act) die US-Luftfahrtaufsicht FAA auf, eine Mindestgröße für den Sitz und den Sitzabstand festzulegen.

Der durchschnittliche Abstand sei von 35 Inches (88,9 Zentimeter) in den 1970er-Jahren auf 31 Inches (78,74 Zentimeter) gesunken, beklagen sie. Gleichzeitig sei die durchschnittliche Breite des Sitzes von 45,72 auf 41,91 Zentimeter geschrumpft. Unterstützung kommt von der US-Verbraucherorganisation Flyers Rights.

Eines der Hauptargumente für eine Regulierung des Sitzabstandes lautet: Bei immer engeren Sitzen und gleichzeitig kräftiger werdenden Passagieren sei eine Evakuierung des Jets in der vorgeschriebenen Zeit von 90 Sekunden nicht mehr möglich.

Bislang ist die Forderung nach Mindestgrößen und -abständen bei der US-Flugaufsicht FAA auf taube Ohren gestoßen. Zwar verpflichtete ein US-Gericht die Luftfahrtbehörde, ihre Ablehnung einer solchen Abstandsregelung besser zu begründen. Doch an der Einstellung der FAA änderte das nichts.

Im vergangenen Sommer bekräftigte die FAA, dass es keine Belege dafür gebe, dass ein schrumpfender Sitzabstand die Räumung eines Flugzeugs im Notfall verzögere. Entscheidend für die dafür erforderliche Zeit seien andere Faktoren, etwa die Vorbereitungen der Kabinenbesatzung für eine Evakuierung. Das würde den Passagieren auch bei einer engen Bestuhlung ausreichend Zeit geben, ihren Platz zu räumen.

Und so werden wohl von einigen Airlines weiterhin alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um noch mehr Tickets pro Jet verkaufen zu können. Der irische Billig-Anbieter Ryanair etwa hat seine neue Boeing 737 Max 8 einen „Gamechanger“ getauft, mit dem Fliegen künftig noch günstiger werde. Die irische Airline war es, die Boeing davon überzeugte, eine spezielle Version der 737 Max 8 zu entwickeln – eine sogenannte High-Capacity-Variante für Billigairlines. In die passen statt maximal 180 Sitze nun bis zu 200 Plätze. Bei den von Ryanair bestellten 100 Jets werden es exakt 197 Sitze sein.

Passagiere erleben Nachteile

Möglich ist das durch einige Kniffe: Die geschrumpfte Bordtoilette wanderte nach hinten und muss sich den vorhandenen Platz mit der ebenfalls geschrumpften Bordküche teilen. Das bringt Platz für sechs zusätzliche Sitze. Die Bordküche vorne wurde ebenfalls verkleinert – das schafft Platz für noch mal drei Sitze.

Weil die 737 Max 8 zudem etwas größer als die alte 737-8 ist, konnte gleichzeitig eine Sitzreihe zwischen den Flügeln und dem Heck entfernt werden, um so Platz für zwei zusätzliche Notausgänge zu schaffen. So soll sichergestellt werden, dass der Jet trotz der vielen Passagiere in der vorgeschriebenen Zeit geräumt werden kann.

Nachteil für die Passagiere: Der Sitzabstand sinkt von 30 Zoll in den bisherigen 737-Modellen auf 28 Zoll. Dennoch betont Ryanair, dass die neu konstruierten Sitze des französischen Herstellers Zodiak mehr Bein- und Kniefreiheit bieten als bisher. Anders geht die Ferienfluggesellschaft Tuifly mit ihren brandneuen 737 Max 8 vor.

Hier werden wie schon bei den bisherigen 737-8 -Flugzeugen 189 Sitze eingebaut. Der Sitzabstand beträgt 29 Zoll, also 73,66 Zentimeter. Den zusätzlichen Platz, den die neue 737 bietet, nutzt Tuifly, um zum einen mehr Comfort-Sitze mit einem Sitzabstand von 81,28 Zentimetern und zum anderen an den Notausgängen zusätzliche XL-Sitze (Abstand 96,52 Zentimeter) einzubauen. Aber auch auf den normalen Sitzen hätten die Passagiere wegen der neuen Sitzergonomie mehr Komfort, verspricht ein Sprecher.

Damit folgt Tuifly der Strategie vieler anderer Airlines: Wem es auf den „normalen“ Plätzen zu eng zugeht, kann sich gegen eine Extragebühr mehr Platz kaufen. Ryanair zum Beispiel gibt auf seiner Internetseite Reisenden sieben Tipps für die Reservierung des Platzes, etwa für den, der gerne während des Fluges Fotos machen will oder auch den, der mehr Platz möchte. Eurowings wiederum wirbt für Sitze mit einer um zehn Zentimeter größeren Beinfreiheit.

Das Konzept scheint aufzugehen, viele Kunden sind offensichtlich bereit, für etwas mehr Komfort extra zu zahlen. Die Golf-Airline Etihad stattet deshalb gerade ihre Langstrecken-Jets der Typen A380, Boeing 777 und Boeing 787 mit deutlich mehr großzügigeren Sitzen aus. „Das Angebot an Premium-Economy-Sitzen wird weiter stark ausgebaut werden“, sagt Berater Wissel: „Ich bin davon überzeugt, dass wir in Zukunft auf einem Großteil der Strecken wieder eine Drei-Klassen-Teilung in der Kabine haben werden. Die Business-Class wird die neue First, die Premium-Economy die neue Business, die Geschäftsflieger auch ohne Probleme mit ihrer Firmenpolicy buchen können“. Und hinten gebe es die Klasse „No Frills“ mit eigenem Branding, engeren Sitzen und kleineren Toiletten für all jene Passagiere, die nicht bereit seien, mehr zu zahlen.

Am Ende wächst so durch die Hintertür der durchschnittliche Sitzabstand also doch wieder – allerdings gegen „Cash“.

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