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Alitalia

Luftfahrt Bei der Airline-Rettung herrscht in Europa die Unvernunft

Für die insolvente Alitalia wird wieder wohl eine neue Staatshilfe gebraucht. Die Politik bremst so erneut die notwendige Konsolidierung der Branche.
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Frankfurt, Rom Bei Alitalia wird dieser Tage nicht saniert, sondern gestreikt: 200 Flüge wurden am Mittwoch gestrichen. Piloten und Kabinenpersonal der drei größten Luftfahrtgewerkschaften drücken ihren Protest darüber aus, dass es nach Monaten noch immer keine Lösung für die insolvente Airline gibt.

70 Prozent der Passagiere wollte die Airline nach eigenen Angaben dennoch befördern – mit größeren Maschinen. Aber die Aktion schadet dem eh schon ramponierten Image. Und sie zeigt auf eine Entwicklung, die für die Branche zunehmend zu einem Problem wird: Beim Thema Fliegen herrscht in Europa schiere Unvernunft. Die Politik bremst die notwendige Konsolidierung.

Gestreikt wird bei Alitalia, kurz bevor die Frist abläuft, bis zu der Investoren ein verbindliches Angebot abgeben sollen. Bis zum 15. Oktober sollen sich die Teilnehmer des neuen Konsortiums festlegen, mit welcher Quote sie einsteigen. Allerdings wurden solche Fristen in den vergangenen zwei Jahren fünfmal verschoben.

Nun könnte Runde sechs folgen, eine erneute Verschiebung zeichnet sich ab. In Rom geht man sogar davon aus, dass der Staat wieder aushilft und einen neuen Überbrückungskredit genehmigt, was die EU-Kommission auf den Plan rufen würde. Die Rede ist von 350 Millionen Euro.

Alitalia wurde 2017 insolvent, nach der Trennung von Etihad und nachdem die Angestellten gegen einen Sanierungsplan gestimmt hatten. Seitdem wird das Unternehmen von drei durch die Regierung eingesetzte Kommissare verwaltet. Mittlerweile gibt es die zweite Regierung in Rom, die Probleme aber sind die alten.

Zwar geht der Flugverkehr ungestört weiter. Doch die Kasse leert sich. Erst hatte der Staat 2017 einen Brückenkredite in Höhe von 600 Millionen Euro gewährt, dann kamen 2018 noch einmal 300 Millionen dazu.

„Ende August hatten wir neben den Einlagen mehr als 360 Millionen an Liquidität“, sagte Stefano Paleari, einer der Alitalia-Kommissare, im September bei einem Treffen mit Gewerkschaftern. Im Monat davor waren es noch 413 Millionen, zu Beginn des Jahres 509 Millionen. „Wir brauchen so schnell wie möglich einen Industrieplan auf lange Sicht“, sagte Paleari. Eine Lösung drängt. Zu Jahresende soll das Geld aufgebraucht sein.

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Die staatliche Dauerstütze für Alitalia ist der wohl stichhaltigste Beleg für eine Fehlentwicklung. Regierungen in vielen Ländern tun sich nach wie vor schwer damit, Fluggesellschaften, deren Geschäftsmodell erwiesenermaßen in der bestehenden Form nicht mehr tragfähig ist, in eine geregelte Abwicklung gehen zu lassen.

Das gilt vor allem für jene Airlines mit einem klingenden Namen. So wurde in Deutschland Air Berlin mithilfe des Staats eine Zeit lang in der Luft gehalten. Derzeit kämpft der Ferienflieger Condor mit der Zusage eines Überbrückungskredits im Rücken um die Zukunftssicherung. Er ist unverschuldet durch die Insolvenz der Mutter Thomas Cook in Schwierigkeiten geraten.

Hoffnung auf Jobsicherung

Hinter den staatlichen Eingriffen steht vor allem eine Hoffnung: die Sicherung der Jobs und bestenfalls der gesamten Airline. Das ist aber ein Trugschluss, wie die Erfahrung lehrt. Air Berlin wurde am Ende zerschlagen. Ebenso ist es bei Condor alles andere als sicher, dass die Airline als Ganzes „überleben“ wird.

Auch in Italien wird immer deutlicher, dass die erhoffte Rettung der Fluggesellschaft in ihrer bisherigen Form kaum möglich sein wird. Dennoch wird über notwendige Einschnitte etwa bei den Fernverbindungsrouten und über Entlassungen von bis zu 2 500 der gut 10 000 Alitalia-Angestellten gestritten.
Die meisten der Betroffenen wohnen in der Gegend um Rom, weil Fiumicino das Alitalia-Drehkreuz ist. Wohl auch deshalb tut sich die Politik in Rom mit dem Thema Jobabbau bei Alitalia so schwer. Schon haben die Gewerkschaften ausgerechnet, dass für Arbeitslosenmaßnahmen weitere 500 Millionen Euro an Staatshilfe nötig wären – eine mächtige Drohkulisse.

Hinzu kommen „politische“ Themen. So hakt es zwischen den künftigen Partnern des Rettungskonsortiums aus der italienischen Staatsbahn Ferrovie dello Stato (FS), Atlantia, Delta Airlines und dem Wirtschafts- und Finanzministerium. Atlantia, die Vermögensverwaltung der Unternehmerfamilie Benetton und der Wunschpartner der FS, hat vor ein paar Tagen mitgeteilt, dass man sich aus dem Konsortium zurückziehen werde, wenn man keine Sicherheiten bekomme über das Weiterbestehen der Konzession für Autostrade per l‘Italia, im Besitz von Atlantia.

Der Hintergrund ist das Brückenunglück von Genua im August 2018. Atlantia ist der Betreiber des betroffenen Autobahnstücks. Die damalige Populistenregierung wollte Atlantia die Schuld geben. Bewiesen ist nichts, Gerichtsverfahren laufen. Die Verlängerung der Konzession für Autostrade hängt seitdem. „Inakzeptabel“ findet Premier Giuseppe Conte die Vermischung der beiden Themen Autostrade und Alitalia.

Die Gewerkschaften sind genervt. „Wir erwarten, dass die Regierung sofort handelt, die Hindernisse für eine Lösung beseitigt und dafür sorgt, dass die Verwaltung durch Kommissare, die keine Ressourcen mehr hat, endet“, heißt es im Streikaufruf. „Die Kommissare haben zu viel Zeit verloren und sind zu gut bezahlt worden“, meint auch Ugo Arrigo, Ökonom an der Mailänder Universität Bicocca.

Starke Fragmentierung in Europa
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