Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Luftfahrt Boeing bereitet Wiederzulassung der 737 Max vor – trotz FBI-Ermittlungen

Die US-Luftfahrtbehörde FAA hat ein Software-Update wohl vorerst genehmigt. Doch wie schnell der Jet wieder abheben darf, bleibt offen. Besonders in Europa.
Update: 25.03.2019 - 17:51 Uhr Kommentieren
Boeing bereitet Wiederzulassung der 737 Max 8 vor Quelle: AFP
Boeing 737 Max

Der Flugzeugbauer will mit einem Software-Update die Probleme der 737 Max beseitigen.

(Foto: AFP)

Frankfurt, New York Der US-Luftfahrtkonzern Boeing drückt aufs Tempo beim Neustart seines Kurz- und Mittelstreckenflugzeugs 737 Max. Das schon länger geplante Softwareupdate für die Steuerung des Jets ist offensichtlich grundsätzlich fertig. Dafür gibt es mehrere Hinweise.

Zum einen hat der Konzern Techniker, Regulierer aber auch gut 200 Piloten für diesen Mittwoch in das 737-Werk in Renton nahe Seattle eingeladen. Zum anderen sickern erste Informationen durch, dass die US-Luftfahrtaufsicht FAA das Update grundsätzlich genehmigt hat.

Offensichtlich plant Boeing einen Neustart des Flugzeugs noch im April – zumindest in den USA. Dort fliegen die meisten der bislang rund 370 ausgelieferten „Max“-Modelle. Entsprechend einschneidend sind die Folgen des behördlich verordneten „Groundings“.

American Airlines etwa hat vorerst bis zum 24. April täglich 90 Flüge wegen des fehlenden Flugzeugmodells abgesagt. Ob der rasche Neustart in Boeings Heimat gelingt, bleibt allerdings offen. Mehrere Behörden – darunter auch das FBI – haben sich das Zulassungsverfahren für die 737 Max vorgenommen.

Denn die Behörden haben Zweifel, dass es bei der Zulassung der Maschine mit rechten Dingen zugegangen ist. Boeing habe nicht alle Details und Daten offengelegt, lautet ein Verdacht. Auch deshalb dürfte die FAA dieses Mal sehr genau hinschauen. Zudem muss das Update diverse Tests bestehen, bevor die Flugaufsicht die neue Software freigibt. Erst dann können sich die ersten Piloten mit dem modifizierten System vertraut machen.

Sowohl für Boeing als auch für die Luftfahrtbehörde FAA steht viel auf dem Spiel. Binnen fünf Monaten sind zwei fabrikneue 737 Max kurz nach dem Start abgestürzt. Fast 350 Menschen fanden dabei den Tod. Während Boeing und die FAA auch nach dem zweiten Absturz die Maschine zunächst für flugtauglich erklärten, zweifelten europäische und chinesische Behörden diesen Befund an und belegten die 737 Max mit Startverbot.

Als sich auch in den USA mehr und mehr Besatzungen weigerten, mit der Maschine zu fliegen, wurde der Druck zu groß. Mittlerweile sind nicht nur die bereits ausgelieferten Maschinen am Boden, auch die gesamte Auslieferung der 737 Max ist vorerst gestoppt. Boeing drohen nun Schadensersatzzahlungen von Airlines, die auf den neuen Flieger warten. Derzeit stehen noch über 4 500 Maschinen in den Auftragsbüchern.

Erhebliche Änderung der Flugeigenschaften

Sicher ist: Boeing hat die 737 Max ohnehin an der Grenze des Machbaren konstruiert. Um das über 50 Jahre alte Modell im Konkurrenzkampf mit der wesentlich jüngeren A320 von Airbus im Geschäft zu halten, verordneten die Techniker der Maschine neue, spritsparende Triebwerke. Die sind aber größer und schwerer als die Vorgängermodelle.

Die Folge ist eine erhebliche Änderung der Flugeigenschaften. Die Maschine neigt nun dazu, zu schnell und zu steil aufzusteigen. Das hätte einen Strömungsabriss und einen Absturz zur Folge. Um gegenzusteuern, misst ein Sensor den Anstellwinkel des Jets. Ist der zu steil, drückt die Software das Flugzeug automatisch nach unten.

Erste Daten der beiden abgestürzten Flugzeuge lassen vermuten, dass das System aufgrund falscher Sensordaten die Nase des Jets nach unten neigte. Je mehr die Piloten gegensteuerten, desto mehr wurde das Flugzeug offensichtlich gen Boden gedrückt. Am Ende verloren die Flugzeugführer die Kontrolle.

Offensichtlich war das System auch beim Ethiopian-Jet eingeschaltet, als er zu Boden ging. Das deutete Tewolde Gebre Mariam, CEO der afrikanischen Airline, am Montag an. Die Information ist insofern interessant, da die Piloten der Unglücksmaschine dezidiert auf die Eigenarten der Max geschult worden waren.

Sie erhielten nicht nur die entsprechende Handlungsanweisung von Boeing, wie das System im Fall aller Fälle abgeschaltet werden kann. Boeing hatte ein entsprechendes Bulletin nach dem ersten Absturz Ende vergangenen Oktober an alle Max-Kunden verteilt. Gebre Mariam wies auch darauf hin, dass Ethiopian einen eigenen Simulator für die Max besitze und das Flugpersonal darauf schule.

Warum die Crew das System in ihrer Not dennoch nicht abschaltete, ist bislang nicht bekannt. Die Auswertung des Flugdatenschreibers und des Stimmenrekorders läuft noch.

In der Branche wird nicht ausgeschlossen, dass die Piloten Sorge hatten, die Maschine ohne IT-Unterstützung gar nicht mehr fliegen zu können. Auch wenn Ethiopian als gute Airline gilt, so haben zumindest die Kapitäne in vielen westlichen Ländern in der Regel mehr Flugerfahrung.

„Je mehr man fliegt, desto besser versteht man die Reaktion eines Flugzeugs. Viele Piloten wissen heute nicht mehr, was in ihrem Flugzeug passiert“, beklagt ein Flugzeugführer einer deutschen Airline. Auffällig sei jedenfalls, dass weder US-Airlines noch die skandinavische Norwegian vergleichbare Probleme mit der Max gemeldet hätten. Dort werden die größten Max-Flotten betrieben.

Boeing will nun die Steuerung nach ersten durchgesickerten Informationen an mehreren Stellen verändern. Zum einen soll der Spielraum des Systems beim automatischen Ruderausschlag eingeschränkt werden. Spricht die Software also an, kann sie das Flugzeug nicht mehr so stark wie bisher nach unten drücken. Dann sollen die Sensordaten auf mögliche Fehler überprüft werden.

Ein Vorwurf an Boeing lautet, dass das System bisher nur an einem Sensor hängt. Flugkritische Installationen in einem Flugzeug müssen aber stets redundant ausgelegt sein. Nur so können etwa mögliche Sensorprobleme von den Flugzeugführern identifiziert werden. Schließlich soll es einfacher für die Piloten werden, das System zu „überstimmen“. Stellt die Software fest, dass die Crew immer wieder gegensteuert, soll sie nachgeben.

Europa will den Jet selbst prüfen

Selbst wenn es Boeing nun gelingen sollte, in den USA eine Wiederzulassung zu bekommen, kann es noch einige Zeit dauern, bis der Jet auch weltweit wieder fliegen wird. Die Aufsicht in Kanada hat erklärt, man werde sich die Nachbesserungen selbst genau anschauen.

Auch bei der europäischen EASA deutete sich zuletzt eine von der FAA gelöste Überprüfung an. Bisher haben sich die Aufsichtsbehörden in großen Teilen der Welt etwa bei der Zulassung neuer Flugzeuge weitgehend abgestimmt. Doch die Unglücke der 737 Max und die Ermittlungen in den USA gegen das dortige Zulassungsverfahren haben die Situation verändert.

So verweist die EASA in einem Statement ausdrücklich auf bestimmte Ausnahmen, in denen die Vorgaben aus den USA Grenzen haben. In diesen Fällen müssen dann Teile des Jets separat autorisiert werden. Einer von vier Punkten lautet: „Sensible Themen, die üblicherweise in Verbindung mit Unfall oder einem Vorfall bei einem Produkt mit einem vergleichbaren Design stehen.“

In Airline-Kreisen in Europa jedenfalls rechnet man vorerst mit einem noch längeren Ausfall der 737 Max, wie zu hören ist. Auch die chinesischen Luftfahrtbehörden zeigten sich in der Causa 737 skeptisch gegenüber den Aussagen ihrer amerikanischen Kollegen. China entwickelt mittlerweile eigene Jets.

Und auch in den USA ist längst noch nicht ausgemacht, wann das Grounding wieder aufgehoben wird. Denn der Fall Boeing ist längst auch ein politischer. Im Mittelpunkt der Debatte steht vor allem die umstrittene Praxis, dass die FAA die Zulassung von neuen Modellen zum Teil an Boeing-Mitarbeiter ausgelagert hat, weil sie selbst nicht die nötige Expertise hat.

Dieses Programm habe „den Fuchs den Hühnerstall überwachen lassen“, wettert der Senator Richard Blumenthal aus Connecticut in einem Brief an die FAA-Spitze. Hinter dem Verbalangriff dürfte allerdings auch eine Art Flucht nach vorne stehen. Denn Vertreter beider Parteien haben diese Praxis per Gesetz erlaubt, nachdem sie über Jahre Millionen an Spenden von Boeing erhalten haben.

Startseite

Mehr zu: Luftfahrt - Boeing bereitet Wiederzulassung der 737 Max vor – trotz FBI-Ermittlungen

0 Kommentare zu "Luftfahrt: Boeing bereitet Wiederzulassung der 737 Max vor – trotz FBI-Ermittlungen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote