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Luftfahrt Das Coronavirus forciert die Auslese unter Europas Airlines

Einige Fluggesellschaften sind für die Folgen des Virus schlecht gerüstet. Andere könnten dagegen gestärkt aus der Krise hervorgehen – darunter auch Lufthansa.
08.03.2020 - 18:45 Uhr Kommentieren
Lufthansa & Co.: Coronavirus forciert Auslese unter Europas Airlines Quelle: AP
Lufthansa-Jet in Frankfurt

Die Airline will die Hälfte ihrer Flüge in den nächsten Wochen streichen.

(Foto: AP)

Frankfurt Carsten Spohr hat schon viele Krisen gemeistert. Der Lufthansa-Chef hat dabei immer eine gute Balance zwischen Realismus und Zuversicht gefunden. Das gilt auch für die aktuelle Krise, ausgelöst durch die neuartige Lungenkrankheit Covid-19, die für die Luftfahrt gravierende Folgen hat. Lange hat die Branche nicht mehr solch einen Gegenwind verspürt, macht Spohr klar.

„Seitdem ich Sie vor einer Woche informiert habe, hat sich die Situation für unsere Industrie dramatisch verschlechtert“, erklärt der Diplom-Wirtschaftsingenieur und Pilot der Lufthansa-Belegschaft in einer am vergangenen Freitag um 16.30 Uhr verbreiteten internen Videobotschaft. So habe man am Donnerstag beispielsweise so viele Stornierungen gehabt wie neu verkaufte Tickets.

Bis zu 50 Prozent des Flugangebots müsse man deshalb in den kommenden Wochen aus dem Programm nehmen, konstatiert Spohr. Auch überlege man, alle A380-Jets vorerst am Boden zu lassen. „Unser primäres Ziel ist es, die Verluste zu minimieren und die Liquidität des Unternehmens zu sichern“, begründet der 53-jährige Manager die harten Einschnitte. „Wir müssen annehmen, dass es Monate dauern wird, bis wir wieder Zeichen der Stabilisierung erkennen können.“

Gleichzeitig macht der Lufthansa-Chef seinen Mitarbeitern aber Mut. „Ich bin mir sicher, dass wir mit unserem guten Team diese Krise besser überstehen werden als unsere Konkurrenten.“ Lufthansa werde am Ende stärker sein als jemals zuvor.

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    Diese Zuversicht ist wichtig für die Mitarbeiter, die sich angesichts leerer Jets Sorgen um ihre Zukunft machen. Man rede mit den Arbeitnehmervertretern und den Behörden über Maßnahmen zur Sicherung der Jobs, Kündigungen wolle man vermeiden, bekundet Spohr.

    Tatsächlich spricht einiges dafür, dass der Lufthansa-CEO mit seiner Zuversicht richtig liegen dürfte. Das Virus trifft auf eine Branche, in der viele Anbieter bilanziell nicht oder nur mäßig für die Folgen von Covid-19 gerüstet sind. Das zeigt die Pleite der britischen Regional-Airline Flybe. Das zeigen aber vor allem wichtige Bilanzkennzahlen der größten Fluggesellschaften, die das Handelsblatt durchleuchtet hat.

    Britische Regionalfluggesellschaft Flybe meldet Insolvenz an

    Zwar haben noch nicht alle Airlines ihre Zahlen für 2019 publiziert. Lufthansa legt die Bilanz erst in wenigen Tagen vor. Hier wurden die Neunmonatsdaten genommen. Diese sind zwar nur begrenzt aussagekräftig, doch Tendenzen sind gleichwohl erkennbar.

    Unter den großen drei etablierten Netzwerk-Airlines – diese steuern ihren Flugplan anders als die Billiganbieter über große Drehkreuze, an denen sie die Langstreckenjets mit Zubringerflügen füttern –, stehen Lufthansa und die britisch-spanische IAG bilanziell am besten da.

    Lufthansa schneidet zwar bei der Cashflow-Marge – also dem operativen Mittelzufluss in Relation zum Umsatz – mit 13,5 Prozent schlechter ab als etwa IAG und auch Air France-KLM. Aber auf Jahresbasis könnte sich dieser Wert bei der „Hansa“ noch verbessern. Die Cashflow-Marge drückt unter anderem die finanzielle Stärke des Geschäfts eines Unternehmens aus.

    Grafik

    Bei der Verschuldung ist die deutsche Airline dagegen vorn – und das mit Abstand. Das sogenannte Gearing – also die Nettofinanzschulden im Verhältnis zum Eigenkapital – betrug bei Lufthansa zuletzt 96,7 Prozent. Anders ausgedrückt: Die Nettofinanzschulden übersteigen nicht den Wert des Eigenkapitals. „Unsere finanziell solide Struktur hat es uns ermöglicht, in den letzten Tagen zusätzliche Liquidität aufzubauen“, betont Spohr in seiner Videobotschaft.

    Bei IAG und Air France-KLM sieht diese Bilanzposition dagegen schlechter aus. Beide Unternehmen erreichen beim Gearing Werte von beinahe 150 Prozent. Lufthansa hat also relativ gesehen die kleinste Schuldenlast. Das schafft Spielraum und Sicherheit für die Finanzierung in der aktuellen Coronakrise.

    Die mit Abstand stärkste Bilanz unter den europäischen Fluggesellschaften hat aber erwartungsgemäß der irische Billiganbieter Ryanair. Die vom umtriebigen Airline-Manager Michael O‘Leary maßgeblich geprägte und bis heute geführte Fluggesellschaft hat keine Nettofinanzschulden. Im letzten kompletten Fiskaljahr hatte das Unternehmen also mehr Barmittel als Finanzverbindlichkeiten. Gleichzeitig holt Ryanair mit Abstand am meisten Geld aus dem Geschäft. Die Cashflow-Marge liegt bei stolzen 23,9 Prozent.

    Deutlich schlechter, aber immer noch mit grundsoliden Werten folgt der Erzrivale Easyjet. Mit 45 Millionen Euro sind die Finanzschulden mehr oder weniger zu vernachlässigen. Bei der Cashflow-Marge ist die Airline dagegen im letzten Fiskaljahr abgefallen. Mit 11,91 Prozent liegt sie niedriger als die der drei großen Netzwerk-Airlines.

    Norwegian hat schwer zu kämpfen

    Desaströs sind die Werte von Norwegian. Die Nettofinanzschulden übersteigen das Eigenkapital um den Faktor 14. Die Cashflow-Marge liegt bei mageren knapp sieben Prozent. Damit ist der skandinavische Billiganbieter eine jener Airlines, die das Virus zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt trifft. Norwegian hat sich mit einem rasanten Expansionskurs verhoben. Die Airline will beweisen, dass Billigangebote auch auf der Langstrecke funktionieren. Doch bislang gelingt das nicht.

    Hinzu kommt der Ausfall des Kurz- und Mittelstreckenjets Boeing 737 Max. Nach zwei Abstürzen mit fast 350 Opfern müssen Flugzeuge dieses Typs seit einem Jahr am Boden bleiben, weil die Steuerung erhebliche Mängel hat. Und immer noch werden neue Fehler bekannt. So entdeckte die US-Aufsicht FAA nun, dass nicht zertifizierte Sensoren verbaut wurden, die zum Teil nicht mit dem Rest des Systems kompatibel sind. Boeing muss deshalb ein Bußgeld von 19,7 Millionen Dollar zahlen.

    Der Lufthansa-Chef wendete sich per Videobotschaft an die besorgten Mitarbeiter. Quelle: Reuters
    Carsten Spohr

    Der Lufthansa-Chef wendete sich per Videobotschaft an die besorgten Mitarbeiter.

    (Foto: Reuters)

    Trotz all dieser Probleme hatte Norwegian mit einem harten Sparkurs und dank der Unterstützung von externen Investoren gerade damit begonnen, sich langsam aus dem Dilemma zu befreien. Das Coronavirus wirft die Fluggesellschaft nun deutlich zurück.
    Das Management versucht mit drastischen Maßnahmen, den Mittelabfluss einzudämmen. So werden zwischen dem 28. März und dem 5. Mai 22 Langstreckenflüge gestrichen. Doch das ursprüngliche Ziel, nach vielen Jahren endlich wieder einen Nettogewinn zu erwirtschaften, wurde verschoben.

    Die schwierige Situation dürfte alte Verkaufsgerüchte neu beleben. Norwegian zählt wegen der schwachen Bilanz seit Längerem schon zu den Übernahmezielen in der europäischen Luftfahrt. Unter anderem wurde Lufthansa ein Interesse nachgesagt. Lufthansa-Chef Spohr hat solche Spekulationen selbst immer wieder mit der allgemeinen Aussage angeheizt, man schaue sich stets alle Optionen an.

    Alitalia ist enorm geschwächt

    Konkreter ist dagegen Lufthansas Interesse an der italienischen Alitalia. Die seit drei Jahren dauerinsolvente Fluggesellschaft trifft das Virus besonders heftig. Denn innerhalb von Europa ist Italien das Land mit den meisten Infizierten und Todesopfern infolge des Coronavirus. Alitalia publiziert wegen der Insolvenz keine Zahlen, deshalb ist es schwer abzuschätzen, wie robust die Bilanz der Airline aktuell tatsächlich ist. Doch wegen der Insolvenz ist es naheliegend, dass Alitalia kaum finanziell für derartige Ausfälle gerüstet sein dürfte, wie sie nun durch das Virus verursacht werden.

    Dafür sprechen auch Informationen italienischer Medien. So berichtete „IlSole24ore“ kürzlich, dass die Passagierzahlen an wichtigen Flughäfen der Airline um bis zu 40 Prozent eingebrochen seien. Giuseppe Leogrande, der Sonderverwalter der Fluggesellschaft, plant mit Kurzarbeit für mehrere Tausend Mitarbeiter.

    Vor allem aber deutete er dieser Tage gegenüber der Zeitung „Corriere della Sera“ an, Alitalia sei nun doch auch in Teilen zu haben. Damit könnte Lufthansa wieder ins Spiel kommen, die bisher stets betont hat, nur für eine neu ausgerichtete Alitalia als Interessent zur Verfügung zu stehen.

    Und so könnte das Corona-Desaster für Lufthansa am Ende sogar noch etwas Gutes haben. Der oberste Lufthanseat Carsten Spohr hat wieder und wieder betont, dass er noch stärker an einer Konsolidierung in der europäischen Luftfahrt teilhaben will. Diese verlaufe bisher zu langsam. Corona könnte das nun beschleunigen. Lufthansa gilt etwa als Interessent für die portugiesische TAP. Nun könnten auch Alitalia und andere zu attraktiven Zielen für die Lufthansa werden.

    Vincent Valery vom Informationsdienst Leeham ist sich jedenfalls sicher: „Der dauerhafte Absturz im Passagierverkehr wird die Finanzen einiger Anbieter über die Grenzen des Möglichen belasten. Die viel diskutierte Konsolidierungswelle scheint nur noch eine Frage nach dem Wann und nicht mehr eine nach dem Ob zu sein.“

    Mehr: Coronavirus: Das sind die Rechte von Fluggästen

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