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Luftfahrt Fluggesellschaften stecken im Corona-Dilemma

Die Epidemie zwingt die Airlines zu harten Sparmaßnahmen. Gleichzeitig müssen sie investieren, denn nach der Thomas-Cook-Pleite wird der Markt neu verteilt.
02.03.2020 - 16:37 Uhr Kommentieren

Frankfurt ei

Ab November startet der Ferienflieger auch auf der touristischen Langstrecke. Quelle: dpa
Tuifly-Jet in Hannover

Ab November startet der Ferienflieger auch auf der touristischen Langstrecke.

(Foto: dpa)

Eine Branche im Ausnahmezustand: Kaum ein Tag vergeht, ohne dass eine Fluggesellschaft wegen des Coronavirus neue Sparmaßnahmen verkündet. Allein die Lufthansa hat die Kapazität von 23 Langstreckenflugzeugen aus dem Markt genommen. Der Konzern fährt sein Flugangebot auf den Strecken nach Italien und Asien deutlich zurück. Es wird sogar über Kurzarbeit nachgedacht.

Gleichzeitig arbeitet die Konzernspitze eifrig an ehrgeizigen Wachstumsplänen für Touristikstrecken. „Wir werden uns hier noch breiter aufstellen“, sagte Lufthansa-Vorstand Harry Hohmeister vor wenigen Tagen dem Handelsblatt: „Mit unserer globalen Vertriebspower und unserem dichten Netz bieten wir Menschen weltweit Urlaubsflüge – nicht nur aus Deutschland heraus, sondern zum Beispiel auch aus den USA oder Asien nach Europa.“

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    Das sind zwei Entwicklungen, die auf den ersten Blick so gar nicht zueinander passen wollen. Gerade wurde die Touristikmesse ITB in Berlin abgesagt. Das Jahr 2020 dürfte für die Reisebranche desaströs werden. Das Coronavirus hat die Reiselust vieler Menschen regelrecht erstickt.

    Das Angebot an Ferienflügen wird im Sommer nach einer am Montag veröffentlichten Berechnung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) um ein Prozent schrumpfen. Und in diesen im Februar ausgewerteten Flugplandaten sind Folgen der Corona-Krise noch nicht einmal komplett berücksichtigt.

    Die Reiseunternehmen versuchen zu retten, was zu retten ist. Tui etwa bietet Kunden, die ihre Reise aufgrund des Coronavirus nicht antreten wollen, bis zum 30. April eine kostenlose Umbuchung oder Stornierung an.

    „Die Reiseentscheidung können wir unseren Urlaubern nicht abnehmen. Wir können ihnen jedoch die Gewissheit eines hochprofessionellen Krisenmanagements und ab sofort auch die Sicherheit beim Buchen geben“, sagt Marek Andryszak, Vorsitzender der Geschäftsführung Tui Deutschland.

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    Auch der Reiseveranstalter Alltours reagiert auf die schwierige Situation. Alle Flugreisen ab dem 29. Februar für den Reisezeitraum 15. März bis 31. Oktober können bis 14 Tage vor Abreise kostenlos storniert oder umgebucht werden. Das Angebot gilt für Buchungen, die bis zum 30. April vorgenommen werden.

    Doch klar ist: Erst wenn die neuartige Lungenkrankheit nachweisbar eingedämmt ist, werden viele Menschen auch wieder Lust haben, zu Fernzielen aufzubrechen.

    Ehrgeizige Zukunftspläne

    Dennoch müssen die Airline-Manager schon für die Zeit nach Corona planen. Denn der Druck ist groß. Die Insolvenz des britischen Reiseriesen Thomas Cook ist gerade einmal sechs Monate her. Der Markt ist immer noch dabei, sich neu zu sortieren.

    Wer sich ein Stück von dem frei gewordenen Markt sichern, seinen Marktanteil verteidigen oder vielleicht sogar ausbauen will, muss jetzt entscheiden und jetzt investieren. Denn Flugzeuge werden nicht wie Autos kurz nach der Bestellung geliefert.

    Bislang halten die Unternehmen an ihren Zukunftsplänen fest. Und die sind überaus ehrgeizig. Der Kampf um die Touristen von morgen hat eine Art Wettrüsten ausgelöst. Nicht nur die frühere Thomas-Cook-Airline Condor will nach der Übernahme durch PGL, die Mutter der polnischen Fluggesellschaft Lot, deutlich expandieren. Mit Tuifly startet ab November auch ein neuer Anbieter aus Deutschland auf der touristischen Langstrecke. Gleichzeitig hat Lufthansa große Ambitionen in diesem Markt.

    Die Hoffnung der Anbieter: Viele ihrer Investitionsentscheidungen werden erst ab dem kommenden Winter erste Wirkung zeigen. Dann, so hoffen alle, wird sich die Touristik vom Coronavirus erholt haben. Tuifly etwa möchte im November die ersten beiden Boeing 787 für die Langstrecke in Betrieb nehmen. Ein Jahr später sollen zwei weitere folgen.

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    Condor-Chef Ralf Teckentrup prüft derzeit, ob die Airline nach der Übernahme durch die PGL im kommenden Winter eine Verbindung von München nach Asien startet. „Eine zweistellige Wachstumszahl werden wir im kommenden Winter sicher hinbekommen“, gibt sich Teckentrup selbstbewusst

    Doch keiner weiß, wie lange Corona die Reiselust noch beeinträchtigen wird. Dauert die Krise bis in den Winter hinein, wird es für die Branche eng. Experten warnen vor einem Preiskrieg, selbst wenn das Virus rasch in den Griff zu kriegen sein sollte. Denn schon so drohen Überkapazitäten. „Ich bin mir sicher, dass der deutliche Angebotsausbau zu einem Preiswettbewerb führen wird“, sagt Gerald Wissel vom Beratungsunternehmen Airborne Consulting in Hamburg: „Auf der touristischen Mittelstrecke haben wir diesen schon, auf der Langstrecke wird er kommen.“

    Tui vertraut auf die Konzernschwestern

    Die Anbieter dagegen sehen diese Gefahr noch nicht oder glauben sich gut gerüstet. Lufthansa-Vorstand Hohmeister etwa verweist auf den eigenen Ansatz, mit dem man stärker in das Geschäft mit den „Freizeitkunden“ expandieren will.

    So setzt die nach Umsatz größte europäische Fluggesellschaft darauf, dass viele ihrer Geschäftsreisenden auch im Urlaub bereit sind, für Premiumqualität zu bezahlen: „Mit unserem Konzept sind wir diejenigen, die sich am wenigsten auf einen Preiskampf einlassen. Wir stehen nicht für einen Discount-Wahnsinn.“

    Tuifly geht davon aus, sich gar nicht groß um externe Kunden bemühen zu müssen. „Tui ist mit seinen Hotels und den Kreuzfahrtschiffen heute so groß, dass man eine eigene Flugzeugflotte zwingend benötigt und diese auch ohne Probleme auslasten kann“, sagt Andreas Barczewski, Arbeitnehmervertreter, Flugkapitän und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von Tuifly, dem Handelsblatt. Auch im Vorstand von Tui wisse man, dass man als Reiseveranstalter ein hochwertiges Produkt auch im Fliegen brauche. „Wir müssen unabhängig von anderen werden“, so Barczweski.

    Condor-Chef Teckentrup wiederum setzt auf die große Unterstützung der Reiseveranstalter wie DER Touristik, Schauinsland oder FTI. Sie hätten mit ihren Buchungen schon kräftig dabei geholfen, die Zukunft von Condor nach der Pleite von Thomas Cook zu sichern.

    Und sie würden die Airline wohl auch künftig unterstützen. „Wir sind nach wie vor in der Lage, alles das, was durch Thomas Cook weggefallen ist, durch Einzelplatzverkauf oder andere Veranstalter zu ersetzen“, sagt Teckentrup.

    Reisemanager glauben an langfristigen Trend

    Die Übernahme durch die polnische LOT dürfte ganz neue Kräfte freisetzen. Quelle: AP
    Condor-Flugzeug in Frankfurt

    Die Übernahme durch die polnische LOT dürfte ganz neue Kräfte freisetzen.

    (Foto: AP)

    Die Euphorie der drei Rivalen speist sich zum einen aus der Marktlücke, die die Insolvenz von Thomas Cook gerissen hat. Sie wurde recht zügig von anderen Veranstaltern geschlossen. Viele davon unterhalten allerdings keine eigene Flugzeugflotte, müssen deshalb Kontingente bei Airlines zukaufen. Der Kampf um diese Kontingente läuft gerade hoch.

    Gleichzeitig verweisen die Manager auf den generellen Boom bei Fernreisen. An diesem mittelfristigen Trend werde das Coronavirus nichts ändern, maximal werde es zu einer temporären Delle führen, hofft man.

    Tatsächlich belegen Studien, dass die Deutschen immer häufiger auf Fernreisen gehen und dafür auch mehr Geld ausgeben. So befragte die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag der BAT-Stiftung kürzlich 3000 Personen zu ihrem Reiseverhalten im Jahr 2019. Ein Ergebnis: Im vergangenen Jahr verbrachten 17 Prozent ihre Urlaubstage außerhalb von Europa, 2009 waren es noch 10,9 Prozent.

    Gleichzeitig gaben sie im vergangenen Jahr im Durchschnitt 1208 Euro pro Person für ihre Reise aus. Das sind 20 Prozent mehr als noch 2009.

    „Der Touristikmarkt ist attraktiv. Er wächst nicht nur. Auch die Durchschnittserlöse sind gut, weil die Menschen mehr Geld haben und bereit sind, in den Urlaub zu investieren“, sagt Berater Gerald Wissel. Es gebe eine gewisse Spaltung im Markt. Einerseits sei Urlaub in der Heimat wieder angesagt, andererseits seien es Reisen in die Ferne. „Insofern sind die Langstreckenpläne der Anbieter nachvollziehbar.“

    Doch am wachsenden Preiswettbewerb wird das wenig ändern. Reiseveranstalter etwa kaufen ihre Sitzplatzkontingente bei den Airlines mit großem zeitlichem Vorlauf. Im Gegenzug erwarten sie günstige Preise. Hinzu kommt: Auch wenn alle Anbieter darauf verweisen, sie hätten Vorsorge getroffen, um ihre Kapazitäten auszulasten – am Ende kämpfen alle um die gleichen Urlauber. Die können ihr jährliches Reisebudget aber nur einmal ausgeben.

    Condor-Übernahme setzt neue Kräfte frei

    Getrieben wird der Wettbewerb auch von Besonderheiten der Kombination aus Lot und Condor. Hinter der Fluggesellschaft steht der polnische Staat. Und der hat große Ambitionen. Warschau soll zu einem internationalen Drehkreuz ausgebaut und die nationale Airline eine bedeutende Größe im europäischen Markt werden. Entsprechend viel Geld steckt das Land in die Luftfahrt.

    Auch die Übernahme von Condor wird unter anderem mit der Unterstützung des Staates finanziert. Nachdem Condor über viele Jahre durch die Finanznot der bisherigen Mutter Thomas Cook eingeschränkt war, könnte die Airline nun durch die Übernahme ganz neue Kräfte freisetzen. „Die entscheidende Frage ist, wie viel Geld der Staat bereit ist zu geben, um etwa den Investitionsstau bei Condor aufzulösen“, sagt ein Airline-Manager.

    Schon jetzt zeichnet sich ab, dass sich die drei Rivalen im Wettstreit um die Urlauber wenig schenken werden. Lufthansa-Vorstand Hohmeister etwa stellt das bisherige Abkommen mit Condor infrage. Bisher lieferte Lufthansa der Ferienfluggesellschaft Passagiere für die Langstreckenjets in Frankfurt zu. Doch das wird wohl nicht so bleiben. „Wenn Verträge auslaufen, dann laufen sie aus“, sagte der Manager.

    Coronavirus: „Schließen von Grenzen wäre keine angemessene Entscheidung“

    Beim Thema Kundenbindung, also der Zusammenarbeit bei Miles & More, werde man ebenfalls genau hinschauen, „denn natürlich ist es in unserem Interesse, dass unsere Kunden ihre Meilen vermehrt für Flüge in unserem wachsenden touristischen Angebot einsetzen“, so Hohmeister.

    Tuifly-Aufsichtsrat Barczewski wiederum wettert gegen Condor, die sich im Zuge des Schutzschirmverfahrens von Lasten befreien konnte: „Mich ärgert es als Arbeitnehmervertreter, dass bei Condor Kosten wie die Pensionsverpflichtungen auf den Pensionssicherungsverein übertragen, also sozialisiert wurden, während wir hart mit dem Management um wettbewerbsfähige Tarifverträge ringen mussten.“

    Dennoch sei ihm nicht bange vor dem Wettbewerb: „Wir haben heute wettbewerbsfähige Strukturen.“ Auch habe man mit dem Dreamliner ein Flugzeug, das 25 Prozent weniger Treibstoff verbrauche und zudem etwa in die Karibik bis zu zwei Stunden weniger benötige als die Jets einiger Rivalen.

    Duell in Düsseldorf

    Vor allem in Düsseldorf dürfte sich das Trio im Ferienfluggeschäft demnächst einen Wettkampf liefern. Die Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen ist für Eurowings und deren Langstrecke bereits ein wichtiger Standort. Auch Tuifly wird die ersten beiden Dreamliner hier stationieren. Vielleicht werden daraus sogar drei. Über die Stationierung der anderen zwei 787, die im Winter 2021 zur Flotte dazustoßen, wurde noch nicht entschieden.

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    Condor hat Düsseldorf ebenso auf dem Radar. Die Region sei ein attraktiver Markt, auch Condor beschäftige sich damit, erklärte Teckentrup. Wenn andere Airlines dort Geld verdienen könnten, könne es Condor mit seinen schlanken Kostenstrukturen erst recht. Noch sei aber nichts entschieden.

    Vielleicht wird aber aus all den ehrgeizigen Plänen am Ende so schnell nichts, und Covid-19 – so der Fachbegriff für die vom Coronavirus ausgelöste Erkrankung – zwingt die Fluggesellschaften dazu, den geplanten Wettstreit um Marktanteile zu vertagen.

    Mehr: Wie Fluglotsen vor dem Coronavirus geschützt werden sollen

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