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Luftfahrt Sorge um den fragilen Neustart am Himmel

Die Airlines setzen auf eine baldige Erholung bei der Langstrecke. Doch die wachsende Zahl an Corona-Infektionen könnte die Hoffnung zerstören.
21.07.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Die österreichische Tochtergesellschaft von Lufthansa musste ihren Flugplan, der gerade erst hochgefahren wurde, wegen steigender Infektionszahlen wieder einschränken. Quelle: Reuters
Kabinencrew von Austrian Airlines in Wien

Die österreichische Tochtergesellschaft von Lufthansa musste ihren Flugplan, der gerade erst hochgefahren wurde, wegen steigender Infektionszahlen wieder einschränken.

(Foto: Reuters)

Frankfurt Die australische Fluggesellschaft Qantas schafft eine überraschende Klarheit. Bis auf ganz wenige Ausnahmen können Kunden bis zum 28. März kommenden Jahres – dem Wechsel zum Sommerflugplan – keine interkontinentalen Flüge mehr buchen. Der Hintergrund: Unternehmenschef Alan Joyce geht davon aus, dass es erst Mitte des nächsten Jahres einen Langstreckenverkehr geben wird, dessen Volumen es rechtfertigt, die teuren Großraumjets wieder starten zu lassen.

Es ist ein ernüchterndes Signal, aber wohl eines, das einer durchaus realistischen Einschätzung entspricht. Die Hinweise verdichten sich, dass die Erholung der von den Folgen der Corona-Pandemie schwer gebeutelten Luftfahrtbranche länger dauern wird als von vielen Managern erhofft. Schuld daran ist die zuletzt deutlich steigende Zahl an Neuinfektionen weltweit.

Vor allem so wichtige Reiseziele wie die USA sind betroffen. Mehr als 60.000 Menschen infizieren sich dort Tag für Tag. Die australische Regierung wiederum hat für einen bisher nicht näher bestimmten Zeitraum die Grenze zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Bundesländern geschlossen, weil die Corona-Zahlen zuletzt wieder deutlich gestiegen waren.

Erste Rückschläge gibt es bereits. So musste die Lufthansa-Tochter AUA den gerade erst wieder „hochgefahrenen“ Flugplan erneut massiv zusammenstreichen, weil die österreichische Regierung die Liste mit Ländern, aus denen keine Flüge in Österreich landen dürfen, deutlich ausgeweitet hat. „Diese Krise könnte sehr lange Schatten werfen“, sagt Alexandre de Juniac, der Präsident des weltweiten Airline-Verbands IATA: „Die Passagiere sagen uns, dass es Zeit braucht, bis sie wieder zu ihrem alten Reiseverhalten zurückkehren werden.“

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    De Juniac verweist auf eine Umfrage der IATA, die bedrückende Ergebnisse zutage förderte. Der Verband hatte in der ersten Juniwoche rund 5000 Fluggäste, die regelmäßig fliegen, befragt. Es war die dritte Runde seit Beginn der Pandemie. Hatten in der ersten Runde im Februar noch 78 Prozent Sorgen über ihre gesundheitliche Sicherheit an Flughäfen und in Flugzeugen zu Protokoll gegeben, waren es nun im Juni 83 Prozent. Im April – bei der zweiten Befragung – hatte der Wert sogar bei 90 Prozent gelegen.

    Passagiere haben kein Vertrauen

    Die wachsenden Bedenken der Reisenden führen zu einer steigenden Zurückhaltung bei Reisen. Zwar gaben 45 Prozent der befragten Fluggäste an, innerhalb der nächsten Monate wieder reisen zu wollen – sei es, um Freunde und Familie zu sehen, oder weil es der Beruf erfordert. Doch im April hatten noch 61 Prozent eine entsprechende Absicht geäußert. Damit nicht genug: Zwei Drittel gaben sogar an, auch nach dem Ende der Coronakrise weniger reisen zu wollen.

    Die Entwicklung konterkariert die Bemühungen der Branche, die Fluggäste zurück in die Jets zu locken. „Die Branche steht vor massiven Herausforderungen, die vom fehlenden Vertrauen der Passagiere über die Aussicht auf eine sehr tiefe Rezession bis hin zu Quarantäne-Anordnungen reichen“, heißt es in einer aktuellen Studie der European Travel Commission (ETC), eines Verbands nationaler Tourismus-Organisationen in Europa.

    Grafik

    Die Fakten hinter dieser Aussage der Experten des ETC lassen kaum eine andere Deutung zu. So brach die Zahl der Buchungen für Reisen aus dem Rest der Welt nach Europa in der Zeit von Januar bis Mai dieses Jahres um 88,6 Prozent ein. „Es ist zwar schwer, diese Entwicklung für einen bestimmten Zeitraum in der Zukunft fortzuschreiben“, heißt es in der Studie: „Aber es ist ein klarer Indikator für das niedrige Reisevertrauen und keine schnelle Erholung.“

    Angesichts dessen ist die vorsichtige Wiederaufnahme von Langstreckenverbindungen etwa in die USA eine Mischung aus Hoffnung und durchaus riskanter Wette. Für Lufthansa seien die USA der mit Abstand wichtigste Markt für Langstrecken, erklärte Lufthansa-Chef Carsten Spohr die Bedeutung einer raschen Erholung dieses Geschäfts kürzlich gegenüber der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Wir hoffen, dass sich ab September der Verkehr dorthin wieder zu normalisieren beginnt.“

    Doch nun dämpfen die steigenden Infektionszahlen und Bilder von feiernden Touristen ohne Maske auf Mallorca die Hoffnung vieler Airline-Manager, dass die Bundesregierung ihre Reisewarnungen, die noch für viele Länder jenseits der EU gelten, bald aufheben könnte und damit Reisen zu so wichtigen Fernzielen wie etwa den USA wieder möglich werden. Jederzeit kann sich die Krisenlage ändern, kann eine Regierung neue Maßnahmen verkünden. Das wiederum treibt die Sorgen der Fluggäste, im Ausland zu stranden oder schon bei der Grenzkontrolle abgewiesen zu werden – ein Teufelskreis.

    Weil sich Touristen nicht an die Hygienevorgaben gehalten haben, werden Bars und Clubs nun wieder geschlossen. Quelle: dpa
    Party am „Ballermann“ auf Mallorca

    Weil sich Touristen nicht an die Hygienevorgaben gehalten haben, werden Bars und Clubs nun wieder geschlossen.

    (Foto: dpa)

    Anhand einer Grafik verdeutlichte Brian Pierce, Chefökonom der IATA, Anfang Juli, den direkten Zusammenhang zwischen steigenden Infektionszahlen und dem Buchungsverhalten. „Es gab in der zweiten Junihälfte einen Abfall der Buchungen, als die Coronazahlen stiegen.“

    Dieser Effekt war auch auf der Mittelstrecke – etwa dem Verkehr innerhalb Europas – zu beobachten. Als die griechische Regierung kürzlich unklare Anforderungen für die Einreise formulierte, schreckten viele Urlauber vor einer Reise in das Land zurück. Erst als die Regierung nachbesserte, zogen die Buchungszahlen wieder an.

    Die von der britischen Regierung zeitweise verhängte Auflage für ausländische Bürger, nach der Einreise in eine zweiwöchige Quarantäne gehen zu müssen, führte gar zum fast völligen Erliegen des Flugverkehrs aus dem restlichen Europa. Eine Quarantäneanordnung habe auf das Buchungsverhalten die gleichen Effekte wie ein kompletter Reisebann für ein Land, erklärte IATA-Chefökonom Pierce.

    Das ist auch eine Folge der völlig unterschiedlichen Vorgehensweisen einzelner Staaten – selbst innerhalb der EU. Zwar hatten die EU-Staatschefs versprochen, gemeinsam bei der sukzessiven Öffnung der Grenzen für Bürger außerhalb der EU vorgehen zu wollen. Doch die Realität sieht anders aus.

    Grafik

    Während Deutschland die Einreise aus elf der vereinbarten 15 Drittstaaten erlaubte, bleiben die Grenzen in Belgien für Passagiere aus diesen Staaten zum Beispiel geschlossen. „Infolgedessen gibt es sehr wenig Klarheit und erhebliche Unsicherheit darüber, welche Bürger wohin reisen können“, beklagten sich deshalb vor wenigen Tagen Vertreter der beiden Airlineverbände „Airlines for Europe“ und „ACI Europe“.

    Angesichts des Regelchaos überrascht es nicht, dass die Initiativen der Luftfahrtbranche, mit der sie die Fluggäste davon überzeugen wollen, dass Fliegen nicht weniger riskant für die Gesundheit ist als etwa der Besuch eines Restaurants oder Cafés, bisher kaum Wirkung zeigen. Das bestätigen die detaillierten Antworten der Passagiere in der IATA-Umfrage Anfang Juni.

    Kurzstrecke könnte sich schneller erholen

    Dort gaben 59 Prozent der Fluggäste an, Angst davor zu haben, sich auf der Fahrt zum Flughafen in einem Bus oder Zug anzustecken. 42 Prozent befürchten das beim Schlangestehen vor den Sicherheits- und Grenzkontrollen und 38 Prozent bei der Benutzung der Flughafentoilette.

    Kaum besser wird die Situation von den Fluggästen im Flugzeug beurteilt. 65 Prozent sorgen sich, neben einem Infizierten sitzen zu müssen. 42 Prozent fühlen sich unwohl beim Gedanken, auf die Bordtoilette zu gehen. Und 37 Prozent haben Bedenken, die Flugzeugluft einzuatmen. Gerade bei langen Flügen verleidet das die Lust am Fliegen.

    Also konzentrieren sich viele Airlines wie etwa Qantas vorerst darauf, wenigstens den Inlandsverkehr wieder auf das Normalmaß hochfahren zu können. Rund zwei Drittel der Gewinne habe die Airline vor Corona mit Inlandsflügen erzielt, erklärte Airline-Chef Joyce. Die würden wohl auch als Erstes wieder anspringen.

    Darauf können andere wie etwa Singapore Airlines nicht setzen. Das Unternehmen ist eine reine Langstrecken-Fluggesellschaft, mit Singapur als Drehscheibe in die Welt, etwa für Verbindungen nach Asien oder Nordamerika. Entsprechend mau sind die aktuellen Zahlen, die Peter Tomasch, der regionale PR-Manager, vor wenigen Tagen berichtete. Die aktuelle Kapazität betrage lediglich sechs Prozent der ursprünglich geplanten. Und bei diesen wenigen Flügen liege die Auslastung nur bei acht Prozent.

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    Wirtschaftlich ist das nicht. Und so hoffen auch die Manager bei Singapore Airlines, dass die Langstreckenjets bald wieder voller werden. „Wir wissen, dass viele Leute Angst haben“, so Tomasch: „Wir wollen Reiselust erzeugen. Wir wollen diejenigen, die Angst haben, überzeugen, dass Fliegen nicht unsicher ist.“

    Gleichzeitig hofft Tomasch, dass es bald wieder möglich sein wird, in Länder wie die USA einreisen zu können und auch der Stadtstaat Singapur bald seine bisher komplett geschlossenen Grenzen wieder öffnet. Die Airline könne bei der Flugplanung flexibel auf jede neue Lage reagieren, so Tomasch.

    Doch die Analysten des Fachinformationsdienstes Capa warnen wegen der steigenden Infektionszahlen vor Euphorie, was etwa den Luftverkehr in die USA und sogar innerhalb der Vereinigten Staaten angeht. Die Kapazität im Inlandsflugverkehr werde wohl bis mindestens Mitte August um 60 Prozent unterhalb des Vorjahresniveaus liegen, prognostizieren die Experten.

    Und selbst das Erreichen dieses Produktionsniveaus könne durch eine starke Ausbreitung des Virus in den USA noch verhindert werden. „Entscheidend für die Erholung der US-Luftfahrtbranche ist das, was an der Gesundheitsfront in den nächsten zwei Wochen geschehen wird“, schreibt Peter Harbison, Capa-Chairman Emeritus, in seiner Analyse.

    Mehr: Airbus und Boeing stellen sich auf eine lange Krise ein

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