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Luftfahrtgipfel Der Notfallplan – So soll das Chaos im Luftverkehr bekämpft werden

Am Freitag werden Politik und Luftfahrtbranche ein großes Paket verkünden, um die Krise in der Luftfahrt zu beenden. Die wichtigste Botschaft für die Industrie: Auch die Politik will einiges besser machen.
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Damit können Passagiere nach dem Luftfahrtgipfel rechnen

Frankfurt Ein Minister im Gipfelfieber. Noch wird über die Ergebnisse des Diesel-Treffens diskutiert, da eilt Andreas Scheuer (CSU) zum nächsten Krisengespräch. Am Freitag kommt der Bundesverkehrsminister im Hamburger Rathaus mit Landesministern und Topmanagern der Luftverkehrsindustrie zusammen, um Auswege aus dem Verkehrschaos am Himmel zu finden.

Um zehn Uhr soll es losgehen, bis zwölf Uhr ist das Meeting angesetzt. Danach wollen die Herren vor die Presse treten – Verkehrsminister Scheuer, Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), Klaus-Dieter Scheurle, Chef der Deutschen Flugsicherung, Lufthansa-CEO Carsten Spohr und Stefan Schulte, der Chef des Flughafenbetreibers Fraport. So jedenfalls der Plan.

Was die sechs dann als Kompromiss verkünden werden, wurde auf Arbeitsebene schon weitgehend festgezurrt. Nach Informationen des Handelsblatts werden Spohr und Schulte zusagen, die teils sehr straffen Zeitpläne bei Flügen und der Abfertigung der Jets zu entzerren und zusätzliches Personal zu stellen. Die Politik verspricht, die seit Jahren stiefmütterlich behandelten Themen wie Flugsicherung und Sicherheits- und Grenzkontrollen an den Flughäfen endlich anzugehen – auch auf europäischer Ebene. Entsprechende Informationen bestätigten Industrie- und politische Kreise.

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Das für die Industrie wichtigste Ergebnis: Die Lösung des Dilemmas im Luftverkehr wird nicht allein den Unternehmen aufgeladen. Diese Sorge hatte es gegeben, auch weil Scheuer mit anderen Themen wie dem Diesel-Gipfel beschäftigt war.

Offiziell will sich keiner zu den Inhalten der gemeinsamen Erklärung äußern. Doch für den Branchenverband ist klar, dass die Unternehmen allein die Probleme nicht lösen können. „Neben den Themen, bei denen unsere Unternehmen handeln müssen und dies auch tun, gibt es eine Reihe von strukturellen Gründen für die Unregelmäßigkeiten im Luftverkehr, die wir nur gemeinsam mit der Politik lösen können“, sagt Matthias von Randow, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL). 

Europäische Einigung nötig

Tatsächlich scheint diese Botschaft mittlerweile in der Politik angekommen zu sein. So hat man auf Arbeitsebene konkrete Vorschläge erarbeitet, wie zum Beispiel der Engpass bei der Steuerung der Flüge am Himmel in den Griff zu bekommen ist. Dazu zählt neben mehr Personal auf Lotsenseite etwa der Vorschlag, den Planungszeitraum für Budget und Personal der Flugsicherungen zu verkürzen.

Bislang gibt die EU den Ländern hier Werte für einen Zeitraum von fünf Jahren vor. Steigt der Luftverkehr aber wie zuletzt stärker als erwartet an, fehlt die Flexibilität. Die Bundesregierung will nun in Brüssel Änderungen durchsetzen.

Ein weiterer Vorschlag von Scheuer wird sein, die Fluglotsen künftig auch grenzüberschreitend einsetzen zu können. Bisher haben Lotsen eine Zulassung für einen bestimmten Luftraum, schon innerhalb eines Landes können sie nicht kurzfristig wechseln, erst recht nicht über die Landesgrenzen hinweg.

In Zukunft soll sich der Einsatz der Lotsen weniger an einem fest definierten Überwachungsraum orientieren, sondern mehr an der eingesetzten Technologie. Wird die auch woanders genutzt, könnte der Lotse leichter kurzfristig einspringen. Zudem will die Politik bei der Luftraum-Überwachung stärker die Automatisierung nutzen.

Das Problem: Alle diese Punkte können nur auf europäischer Ebene gelöst werden. Das wird dauern. Um kurzfristig für Entspannung zu sorgen, setzt man auf freiwillige Überstunden der Lotsen. Für Überflüge soll häufiger der untere Luftraum genutzt werden. In niedrigeren Höhen verbrauchen die Jets zwar mehr Kerosin, aber dieser Luftraum ist nicht so überlastet wie der für Überflüge üblicherweise genutzte obere Luftraum ab 8000 Meter Höhe.

Auch am Boden verspricht die Politik Besserung. So will man die Passagierkontrollen an den Flughäfen effizienter und schneller gestalten. Dabei soll moderne Technik etwa zum „Screenen“ von Fluggästen zum Einsatz kommen. Bisher gab es zwar Pilotversuche wie am Flughafen Köln-Bonn, in denen neue Abläufe getestet wurden. Doch die Aufarbeitung der Erkenntnisse dauert viel zu lange. In anderen EU-Ländern – etwa in den Niederlanden – sind die Behörden deutlich schneller und weiter. Auch das Kontrollpersonal soll aufgestockt werden.

Schwierige Kompromiss-Suche

Einfach war der Weg zu diesem Kompromiss nicht. Bis zuletzt hätten die Teilnehmer auf Arbeitsebene darauf geachtet, nicht zu viel von der eigenen Position hergeben zu müssen, heißt es im Umfeld der Teilnehmer. Zwar haben Fluggesellschaften und Flughäfen in der Vorbereitung des Gipfels intensiv aufgezeigt, was sie bereits tun. „Unsere Unternehmen wenden enorme Ressourcen auf, um die Situation zu verbessern und auf eine möglichst reibungslose Abwicklung des Flugbetriebs hinzuwirken“, sagt Verbandschef von Randow.

Doch am Ende werden auch sie einige Kröten schlucken müssen. So wird Scheuer wohl ankündigen, die Entgeltverordnungen der Flughäfen zu ändern: Jets, die an den Randzeiten – also vor allem in der Nacht – zu spät den Flughafen erreichen, werden finanziell bestraft. Sie sollen nicht mehr länger von Vergünstigungen für leiseres und spritsparendes Gerät profitieren, die viele Airports üblicherweise gewähren.

Generell sollen zudem verspätete Flüge noch genauer hinsichtlich der Ursachen analysiert werden. Die Airlines müssen versprechen, gegebenenfalls ihre Flugzeugrotationen anzupassen, bei zu engen Flugplänen also zusätzliches Gerät einzusetzen.

Auch soll geprüft werden, ob wirklich in jedem Fall Gepäck, dessen Besitzer nicht zum Boarding erschienen ist, wirklich wieder ausgeladen werden muss. Auch wird den Airlines bei Verspätungen und Ausfällen eine bessere Kommunikation auferlegt. Und sie sollen es den Passagieren etwa durch den Einsatz von Apps leichter machen, Entschädigungen einzufordern und durchzusetzen.

Im Gegenzug will sich die Politik in Brüssel dafür einsetzen, dass die Reform der sogenannten EU-Fluggastrechte-Verordnung endlich umgesetzt wird. Die bisherigen Regelungen sind nicht nur komplex, sie wurden durch zahlreiche Gerichtsurteile auch stetig ausgeweitet. Unter anderem die hohen Kosten für Kompensation haben in den letzten Wochen bereits erste kleine Airlines in den Konkurs getrieben, etwa die deutsche Small Planet GmbH.

Flughäfen lehnen Lufthansa-Vorschläge ab

Nur ein Streitthema wurde ausgeklammert: die Kapazitätsbeschränkungen (Eckwerte) an Flughäfen. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat das für vier deutsche Airports beim Bundesverkehrsministerium beantragt – zum Schrecken der Airport-Chefs, die um lukrative Geschäfte mit Passagieren und ihr weiteres Wachstum fürchten.

Konkret verlangt das Unternehmen die Slots – die Zahl der Start- und Landefenster – für 24 Monate zu reduzieren. In Frankfurt und München sollen pro Stunde zwei Slots wegfallen, auf dann 102 beziehungsweise 88 Bewegungen. In Düsseldorf und Berlin-Tegel soll die Gesamtzahl der Slots pro Tag beschränkt werden – auf 690 und 590.

Weil das Thema so heikel ist, hätten sich die Unternehmen im Vorfeld des Gipfels geeinigt, es außen vorzulassen, heißt es in Industriekreisen. Das Ministerium – so ist in Berlin zu hören – hat seinerseits zugesagt, erst nach dem Gipfel über den Antrag der „Hansa“ zu entscheiden.

Doch der Streit spitzt sich noch vor dem Gipfel weiter zu. In einem Brief an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer haben die Chefs der vier betroffenen Flughäfen mit klaren Worten die Ablehnung des Lufthansa-Anliegens gefordert. „Der Vorschlag der Lufthansa, erstmals in der deutschen Luftverkehrsgeschichte Tageseckwerte für einzelne Flughafenstandorte einzuführen, entbehrt jeglicher Grundlage“, heißt es in dem Schreiben vom 28. September, das dem Handelsblatt vorliegt.

Eindringlich warnen Stefan Schulte (Flughafen Frankfurt), Engelbert Lütke Daldrup (Berlin), Thomas Schnalke (Düsseldorf) und Michael Kerkloh (München) zudem vor den Folgen für künftige Ausbauprojekte. Die Bereitstellung von bedarfsgerechten Kapazitäten stelle eine Zukunftsaufgabe dar. Dazu bedürfe es der Unterstützung der Politik. „Interessengeleitete Forderungen einzelner Akteure dürfen diese mittel- bis langfristig angelegte Aufgabe nicht beeinträchtigen.“

Der Handelsblatt Expertencall
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1 Kommentar zu "Luftfahrtgipfel: Der Notfallplan – So soll das Chaos im Luftverkehr bekämpft werden"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Den deutschen Luftverkehrsunternehmen wurden massiv Steuern auferlegt - ohne Gegenleistung des Staates.
    Es wird interessant, ob die Politik WIRKLICH etwas besser machen will.
    Und wie sieht es mit den Arbeitsrechtsthemen bei Ryanair aus?