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Lufthansa „Die UFO kann den Flugverkehr über Deutschland lahmlegen“

Wegen eines Streits an der UFO-Spitze zweifelt Lufthansa an der Handlungsfähigkeit der Kabinen-Gewerkschaft. Der Tarifkonflikt könnte nun eskalieren.
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Der UFO-Chef will offensichtlich mit aller Macht zeigen, dass die Gewerkschaft handlungsfähig ist. Quelle: Getty Images
Nicoley Baublies im November 2015

Der UFO-Chef will offensichtlich mit aller Macht zeigen, dass die Gewerkschaft handlungsfähig ist.

(Foto: Getty Images)

Frankfurt Lufthansa-Chef Carsten Spohr steht bei seinen Kunden im Wort. „Unser nächstes großes Ziel ist, im nächsten Sommer sehr real dafür zu sorgen, dass Flieger wieder pünktlicher und verlässlicher wird“, kündigte er nach der Präsentation der Bilanz für 2018 an.

Die war aus Sicht vieler Kunden katastrophal ausgefallen. Im Sommer vergangenen Jahres waren Hunderte Flüge ausgefallen – der Stillstand am Himmel war so prekär, dass sich die Bundesregierung eingeschaltet hatte.

Die Airlines versprechen Abhilfe, zumindest soweit sie dies können. Neben Wetterkapriolen und Engpässen bei der Abfertigung und am Himmel hielten eben auch Streiks die Flugzeuge am Boden. Die drohen nun erneut – ungeachtet der Zusagen von Spohr.

Grund dafür ist auf den ersten Blick ein Konflikt mit dem Kabinenpersonal der Lufthansa um Tarifverträge. Im Hintergrund geht es aber um die Macht bei der Spartengewerkschaft UFO, der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation.

Sie vertritt die Interessen der Kabinenbesatzung – nicht nur bei der Lufthansa, sondern auch bei anderen Fluggesellschaften. Gerade einmal gut 30.000 Mitglieder zählt die UFO, aber die haben einen gewaltigen Einfluss. Kein Flieger kann ohne eine vollständige Crew abheben. „Die UFO kann den Flugverkehr über Deutschland lahmlegen“, sagt ein Gewerkschaftler voller Selbstbewusstsein.

Wer also bei der UFO das Sagen hat, der vertritt eine machtvolle Position. Um die tobt seit Monaten ein Streit, der aktuell an Brisanz zugelegt hat. Auf der einen Seite findet sich Nicoley Baublies, Langzeit-Chef der Gewerkschaft und das öffentliche Gesicht der UFO. Auf der anderen stehen Ex-Chef Alexander Behrens und Thomas Klappert. Beide Fraktionen haben ihre Unterstützer. Es wird mit harten Bandagen gekämpft.

Am vergangenen Wochenende etwa hatte Baublies kurzfristig den Vorstand der UFO zusammengerufen, um letztlich seine Gegenspieler von ihren Posten zu verdrängen. Auch Vorstand Christoph Drescher, der bei Tuifly arbeitet, wurde gekündigt. Begründet wird dies damit, dass die Vorstandsverträge nicht rechtens abgeschlossen worden sein sollen.

Belegt ist dieser Vorwurf nicht. Der Anwalt von Behrens wies die Vorwürfe als unbegründet zurück. Es werde geprüft, ob gegen diese vorgegangen werde, sagte Samy Hammad, der ihn juristisch vertritt. Auch Drescher will rechtliche Schritte prüfen. Er habe stets zum Guten und im Sinne der UFO gehandelt, erklärte er.

Klappert äußerte sich nicht. Letztlich sind die drei Männer weiter im Vorstand, bekommen aber kein Geld mehr. Abberufen werden können sie nur von den UFO-Mitgliedern.

Chaos an der Führungsspitze

Fraglich ist nun, wer der Vorstandsvorsitzende der Gewerkschaft ist. Klappert war zwar zum gleichberechtigten Chef neben Baublies berufen worden. Offenbar aber zu Unrecht, wie kürzlich ein Gericht festgestellt hatte. Im Register eingetragen ist noch Behrens. Das aber bestreitet Baublies. Er sei nach der Gerichtsentscheidung aktuell der einzige Vorsitzende der UFO, erklärt er gegenüber dem Handelsblatt. Das sei wegen der strittigen Berufung von Klappert nur noch nicht eingetragen.

Doch die ungeklärte Führungsfrage könnte für die UFO nun zu einem ernsten Problem werden. Denn Lufthansa hat erhebliche Zweifel, ob die strittigen Tarifverträge überhaupt rechtmäßig gekündigt wurden. Im sogenannten Crewforum forderte die „Hansa“ die UFO am Freitagabend auf, die Unklarheiten bezüglich der Führung zu klären. Solange das nicht erfolgt sei, bedeute das, dass die Kündigungen der Tarifverträge unwirksam seien.

Zudem könnten weitere Gespräche erst wieder aufgenommen werden, „wenn Klarheit über die ordnungsgemäße Vertretung der Gewerkschaft besteht“. „Wir hoffen sehr und gehen davon aus, dass die Unklarheiten innerhalb der UFO schnell ausgeräumt werden und wir uns wieder gemeinsam den wichtigen Themen zuwenden können, um hier tragfähige Lösungen im Sinne aller unserer Kabinenkolleginnen und Kollegen zu finden.“

Es ist der vorläufige Höhepunkt eines Tohuwabohus an der UFO-Spitze, das bei den Mitgliedern für wachsenden Unmut sorgt. Denn die Lufthansa drückt auf die Kosten – und hat dazu einige Privilegien gestrichen. Möglich wurde dies durch die sogenannte Platzeck-Schlichtung, eine unter Moderation des früheren brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck entstandene Tarifeinigung, die nach monatelangen Streikwellen ausgehandelt wurde.

Der Vertrag sieht vor, dass der Konzernvorstand weitere Sparmaßnahmen einleiten kann, sollten die Personalkosten nicht auf anderen Wegen um zehn Prozent gekürzt werden. Diesen Hebel nutzt die Lufthansa nun. So fällt die zweite Übernachtung der Crewmitglieder bei Flügen nach Japan und Südkorea weg.

Außerdem soll die Gewinnbeteiligung reduziert werden. Für das Jahr 2016 habe das Monitoring eine erhebliche Verfehlung des Einsparziels ergeben, heißt es bei Lufthansa zur Begründung.

Die Maßnahmen sorgen in der Kabine der Lufthansa-Jets für mächtig Aufregung und Frust. Das zeigte sich auf einer Betriebsversammlung. „Unsäglich ist der Umgang mit uns – von der UFO und dem Konzern“, berichtete eine Flugbegleiterin im Anschluss.

Ein UFO-Mitglied ergänzte: „Wie man dem Tarifpartner ein solches Instrument in die Hand geben konnte, ohne selbst gegensteuern zu können, ist ein Rätsel“. Tatsächlich ist die Vereinbarung wohl eine Folge ständiger Machtkämpfe an der UFO-Spitze.

Entsprechend demütig gab die sich Anfang Februar in einem Schreiben an die Crews. „Wir, die in der UFO Verantwortlichen, möchten uns in aller Form bei Euch entschuldigen, denn JA – wir haben diesen Fehler gemacht, für den Ihr uns zu Recht kritisiert – und unter dessen Folgen Ihr jetzt leidet“, heißt es in einem Schreiben. Was folgt, ist ein Versprechen: „Wir möchten aber nicht nur in der Vergangenheit verharren, denn aus Fehlern müssen wir alle lernen!“

Mehrere Tarifverträge gekündigt

Lernen – das bedeutet offensichtlich vor allem neue Konflikte mit der „Hansa“, um die eigene Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Vor einigen Wochen wurden gleich mehrere Tarifverträge gekündigt. Damit, so heißt es in dem erwähnten Brief an die Mitglieder, „können wir uns wieder wehren, sodass wir spätestens zum Sommer in der Lage sind, in enger Zusammenarbeit zwischen der neuen Tarifkommission und den Hauptamtlichen, mit Streikankündigungen, echten Verhandlungen und möglichen späteren Streiks Eure Ziele durchzusetzen.“

Das Problem: Es ist offen, ob sich die UFO in der aktuellen Verfassung einen Streik finanziell leisten kann. Neben den Machtkämpfen gab es in der UFO auch über Jahre eine erhebliche Misswirtschaft. Ein wirksames Controlling fehlte, Ausgaben wurden vorgenommen, ohne dass sie begründet wurden.

Die Folge: 2017 betrug das Minus laut Unterlagen, die dem Handelsblatt vorliegen, gut 570.000 Euro, für 2018 wird sich der Fehlbetrag wohl sogar auf 700.000 Euro summieren.

Baublies widerspricht. Ein Streik führe erst ab dem vierten Tag zur Zahlung von Streikgeldern. Der längste Streik der UFO habe zu Streikgeldzahlungen für vier Tage geführt. „Pro Mitglied übrigens nur im Bereich von etwa 15 bis 30 Euro je Tag. Und diese Zahlungen beziehen sich nur auf die Kollegen, die am jeweiligen Tag originär Dienst haben.“

Die Situation bleibt heikel

Was Baublies nicht erwähnt: In früheren Streiks zahlte Lufthansa das fliegende Personal weiter – zumindest das Grundgehalt. Das hatte operative Gründe. Um die Passagiere besser auf die Ausnahmesituation vorzubereiten, bastelte man vorbeugend einen Notfallflugplan, sagte also viele Verbindungen ab. Da der Konzern aber nicht vorher weiß, wer streikt und wer nicht, zahlte man pauschal alle weiter.

Doch im Zuge eines Streits mit der UFO und einzelnen Gewerkschaftsmitgliedern um die ordnungsgemäße Anmeldung von Freistellungen für Gewerkschaftsaufgaben kam die zumindest ungewöhnliche Weiterbezahlung bei einem Arbeitskampf an die Öffentlichkeit. Zwar hat sich Lufthansa mittlerweile rechtlich bestätigen lassen, dass es sich nicht um eine Gegnerfinanzierung handelt. Die wäre nämlich verboten.

Aber ein Geschmäckle hat das Ganze. Die Frage ist also, ob Lufthansa bei einem Streik erneut das Grundgehalt zahlen wird. Viele bei der UFO fürchten, dass sie genau das nicht mehr tun wird.

Für den Konzern ist die Situation heikel. Eine erneute Weiterbezahlung bei einem Arbeitskampf wäre schwer zu vermitteln – weder der Öffentlichkeit noch intern anderen Mitarbeitern. Zahlt sie nicht, setzt sie sich dem Vorwurf aus, sie wolle eine Gewerkschaft vernichten, zumindest aber deren unliebsame Spitze loswerden.

Das wiederum könnte das Kabinenpersonal erst recht provozieren. Und schon ein Streikaufruf alleine reicht, um Chaos zu verbreiten. Entsprechend vage fällt die Antwort des Unternehmens auf die Frage aus, was sie denn bei einem Streik tun werde.

Bislang stelle sich die Frage nicht, erklärt ein Sprecher des Konzerns. Tatsächlich muss nun wohl zuerst geklärt werden, ob die Kündigung der Tarifverträge rechtlich gültig war. Zudem gilt bis Ende Juni sowieso Friedenspflicht. Und so schnell könne es selbst dann nicht zu einem Streik kommen, so der Sprecher. Denn in der Platzeck-Schlichtung sei auch vereinbart worden, dass bei einem Tarifkonflikt vor einem Streik eine Schlichtung versucht werden müsse.

„Maximal kurze Warnstreiks im definierten Umfang sind zulässig“, sagt ein Sprecher. Eines sei aber klar: „Lufthansa ist an einer handlungsfähigen Gewerkschaft UFO interessiert.“

Genau das bezweifelt Baublies. Doch sein Konfrontationskurs ist riskant. Denn ein Arbeitskampf ist innerhalb der UFO durchaus umstritten. Einige Gewerkschaftler fürchten, dass der Streik als Ablenkungsmanöver einiger Funktionäre genutzt werden könnte und sich der Dauerstreit nur noch länger ziehen wird.

„Hier kämpfen gerade einige um ihr eigenes wirtschaftliches Überleben. Aber das tut auch die Gewerkschaft“, sagt ein UFO-Mitarbeiter: „Was wir brauchen, ist ein Neuanfang.“

Den wünschen sich auch viele der Kabinenmitarbeiter. „Wir wollen endlich wieder eine starke Gewerkschaft mit einer starken Führung“, bringt eine Kabinenchefin den Wunsch in der Belegschaft auf den Punkt.

Der Hebel für einen solchen Neubeginn könnten die Ermittlungen sein, die die Staatsanwaltschaft Frankfurt vor einigen Wochen gegen Führungskräfte der UFO wegen des Verdachts der Untreue aufgenommen hat. Von Teilen der UFO werden diese ausdrücklich begrüßt.

„Intern ist der Streit kaum zu lösen. Da würden nur ständig neue Gutachten erstellt, die parteilich sind und viel Geld kosten, das wir nicht mehr haben“, sagt ein hochrangiger Mitarbeiter der Gewerkschaft. Die Staatsanwaltschaft sei eine neutrale Instanz, an die sich alle zu halten hätten. „Das könnte der Startpunkt für einen Neuanfang sein.“

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