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Luxusbranche Küchenikonen-Chef Eckert sieht auch Chancen in der Krise

Nach Corona wird sich die globale Luxusgüterbranche neu erfinden müssen. Der Chef des Küchenherstellers Bulthaup will schon einmal damit anfangen.
10.05.2020 - 18:31 Uhr Kommentieren
Der Bulthaup-Chef hofft sein Unternehmen nach der Krise wieder ganz nach oben zu bringen. Quelle: www.bulthaup.com, Bulthaup GmbH & Co KG, 84155 Bodenkirchen / Ju
Marc O. Eckert

Der Bulthaup-Chef hofft sein Unternehmen nach der Krise wieder ganz nach oben zu bringen.

(Foto: www.bulthaup.com, Bulthaup GmbH & Co KG, 84155 Bodenkirchen / Ju)

Düsseldorf Marc O. Eckert kann nicht sonderlich gut kochen. Zu Hause bei Kind und Lebensgefährtin reiche es allenfalls dazu, „das Wasser nicht anbrennen zu lassen“. Ausgerechnet er, der Chef der Küchenikone Bulthaup. Aber dafür kann der 49-Jährige etwas anderes, was jetzt vielleicht auch mehr hilft: Eckert kann Krise.

Als ihn sein Onkel Gerd Bulthaup im Jahr 2009 fragte, ob er nicht in die Familienfirma einsteigen wolle, ging es dem niederbayerischen Unternehmen längst nicht mehr gut: Nach der Lehman-Pleite grub die globale Finanzkrise die Weltwirtschaft um, die Bulthaup-Belegschaft hatte bald zwei Jahre Kurzarbeit hinter sich. Schnell wechselndes Management war dem Unternehmen schon nach dem Abschied von Gerd Bulthaup aus der Chefetage im Jahr 2003 nicht gut bekommen.

„Unternehmen sterben immer von innen“, hat Eckert damals beobachtet. „Den Mitarbeitern war der Glaube an die Zukunft verloren gegangen.“ Und auch wenn er eigentlich als studierter Jurist mit eigener Kanzlei in Starnberg völlig zufrieden war, folgte er dem Ruf der Familie dann doch.

Die Einschnitte waren schmerzhaft, der Turnaround kam indes schnell. Aber natürlich ist Corona jetzt noch mal eine neue Dimension von Krise. Das Virus bedroht nicht nur das Geschäftsmodell von Bulthaup. Die 14 eigenen Stores weltweit sind monatelang ebenso dicht wie die meisten der 320 Partnergeschäfte. Und selbst wenn alles wieder offen steht: Wann kehrt die alte Konsumfreude zurück? Online lässt sich eine Bulthaup-Küche zu einem Preis, der selten unter 30 000 Euro liegt, sowieso nicht verkaufen.

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Standort erkennen

    Corona hat in enormem Tempo die ganze Branche infiziert. Was macht Eckert, der auch jetzt trotz Homeoffice um ihn herum jeden Tag in sein Büro im kleinen Dörfchen Aich bei Landshut kommt? Er hofft, dass Corona auch eine Standort-Neubestimmung mit sich bringt.

    Neue Philosophie der Qualität

    Man habe doch schon vor dem Virus gespürt, „dass wir vor einer Art Zeitenwende stehen, die uns von der aktuellen Pandemie nun besonders anschaulich vor Augen geführt wird“, glaubt er. „Die Globalisierung, die Abhängigkeit von China, Reisegier, Fachmessen, auf denen wir uns alle nur noch selbst feiern, der chronische Konsum, das ganze Schneller-höher-weiter-mehr“ – Eckert war schon kurz nach dem Shutdown klar, dass die Welt bald eine andere sein würde.

    Bis Corona sei es „nur noch um Masse, Schnelligkeit, Billig- und Billigst-Angebote“ gegangen. „Das könnte nun korrigiert werden – hin zu einer neuen Philosophie der Qualität.“ Und mit Philosophien und Qualität kennen sie sich in seiner Firma aus.

    Die GmbH & Co. KG wurde 1949 von Martin Bulthaup gegründet und baute zunächst Küchenbüffets, die noch mit Pferdefuhrwerken ausgeliefert wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die deutschen Küchen so überschaubar wie die Ansprüche an ihren intellektuellen Überbau. Der ganze Bombast aus Kitchen-Kunst und Nahrungsmittel-Religion kam erst später, wurde von Bulthaup nicht erfunden, aber sicher ein Stück weit mitbefeuert.

    Luxusküchen lassen sich nur schwer über das Internet verkaufen. Quelle: Bulthaup
    Bulthaupküche

    Luxusküchen lassen sich nur schwer über das Internet verkaufen.

    (Foto: Bulthaup)

    Ende der 70er-Jahre hatte Gerd Bulthaup die Firma von seinem Vater übernommen und Otl Aicher als eine Art Berater konsultiert. Aicher war Gründer der legendären Hochschule für Gestaltung in Ulm – und als solcher ein einflussreicher Designer. Für Bulthaup reiste er in den 80ern zwei Jahre lang durch die Welt, um ordentlich Spesen zu machen und dabei in Kochtöpfe, Küchen und Kochköpfe zu schauen. Am Ende stand die Erkenntnis, dass der Ort zwischen Spüle und Backofen eben auch ein Ort der Kommunikation sei.

    Erfinder der Kücheninsel

    So befreiten die beiden die deutsche Küche von ihrem Sauerkraut-Nachkriegsmuff, setzten auf schnörkellose Bauhaus-Ergonomie und erfanden unter anderem eine Art erste Kücheninsel. Wer in der Küche kommunizieren will wie die Profis, kann ja nicht dauernd auf Wand und Hängeschrank starren. Dafür musste erst mal Platz geschaffen werden in den Wohnungen und Häusern der Wirtschaftswunder-Ära. 40 Jahre ist das her.

    Und Bulthaup entwickelte sich, aufgeladen mit so viel Spirit, Qualitäts- und Designanspruch, zu einem der weltweit führenden Hersteller von Luxusküchen – und zum Lieferanten geradezu post-sakraler Orte, die viel zu schade und teuer zum Kochen wurden.

    Schon vor Corona wollte Eckert aufräumen mit diesem Image des Statussymbols und der Unnahbarkeit. Dann kam das Virus und beschleunigte den Prozess nur noch: Das sei auch eine „Katharsis, eine Zäsur, eine Reinigung“, sagt Eckert. Zugleich wachse trotz aller Digitalisierung „das Bedürfnis nach einem tiefen analogen Erlebnis“ – und sei es nur profanes Gemüseschnippeln.

    Seien wir ehrlich: Die gesamte Luxusgüterindustrie wird sich fragen müssen, wozu sie künftig noch gebraucht wird. Die Lust, sich eine Handtasche für 10 000 Euro, eine Uhr für 100 000 oder ein Auto für eine Million Euro zu kaufen, wird nur schwer reanimierbar sein. Was also tun?

    Auch bei Bulthaup müsse das eigene Geschäftsmodell nun „von Grund auf infrage gestellt werden“, sagt Eckert. Das perfekte Produkt reiche nicht mehr aus: „Marken müssen auch menschlicher werden“, findet er. „Wir hier dürfen nicht mehr aus dem Elfenbeinturm der Bauhaus-Idee heraus Trends diktieren, sondern müssen nahbarer werden – als Teil einer Wertegemeinschaft menschlicher Überzeugungen. Erst daraus wird dann ein Produkt. Auch Bulthaup muss zugänglicher werden.“ Sein Credo: „Am Ende des Tages denkt der Mensch nicht an einen Edelstahlblock, sondern fragt sich: Wie lebe ich?“

    Fragiler Optimismus

    Der 49-Jährige spürt mittlerweile einen „unglaublich intensiven Prozess des Neuerfindens. Wir blicken in einen Spiegel, der auch ein Fenster ist und uns deshalb Vergangenheit wie Zukunft gleichermaßen zeigt.“ Wem das jetzt zu viel Küchenpsychologie ist, dem erklärt er: „Die Finanzkrise war zwar ein Schock, aber einer, dem man mit dem normalen Instrumentarium der Betriebswirtschaft beikommen konnte. Die Coronakrise wird viel tiefer gehen und Umbrüche beschleunigen, die ohnehin im Gang waren.“

    Eckerts Optimismus ist so ansteckend wie fragil. Die kleine Nische der Küchenproduzenten in Deutschland leidet nicht erst seit der Pleite der einst großen deutschen Marke Poggenpohl. Auch die gesamte europäische Möbelbranche ist wie paralysiert von Corona, nicht nur weil einige der bekanntesten Marken und Zulieferer in Norditalien zu Hause sind, wo das Virus besonders tobte.

    Das wahre Ausmaß der Krise für die Möbelbranche werde wohl „erst in den nächsten Wochen richtig deutlich“, glaubt Leo Lübke, Chef von COR und Präsident des Verbandes der deutschen Polstermöbelindustrie. Produktionseinschränkungen gebe es „entweder wegen zu geringer Auftragseingänge, Nichtannahme der Möbel durch den Handel oder durch die Unterbrechung der Lieferketten“.

    Andererseits ist Lübke überzeugt, dass die Einrichtungsbranche langfristig von der jetzigen Krise profitiert: „Den Menschen wird der Wert eines schönen häuslichen Umfelds in diesen Zeiten bewusst. Vor allem, wenn man auf sein Zuhause zurückgeworfen ist und kaum Möglichkeiten hat auszugehen, bekommt das Wohnen einen höheren Stellenwert.“

    Sebastian Boger, Luxusexperte bei der Boston Consulting Group, sieht das durchaus ähnlich: „Corona hat der Luxusgüterindustrie extrem wehgetan. Es könnte aber durchaus sein, dass gerade die Möbelbranche unter dem Einbruch weniger leidet als etwa das Mode-Business“, glaubt Boger – „einfach weil ja auch die Luxus-Konsumenten nun mehr zu Hause und die nächsten Urlaube ebenso fragwürdig geworden sind wie Einladungen zu größeren Veranstaltungen. Da kümmert man sich dann mehr um die eigenen vier Wände.“

    Die Ausgangslage ist besser als 2009

    Das könnte auch Bulthaup helfen, wo die Liquidität heute deutlich höher liegt als 2009. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben eine Eigenkapitalquote von mehr als 75 Prozent und keinerlei Bankschulden. Und Eckert setzt nicht wie damals auf Kurzarbeit, sondern baut erst mal Urlaub ab. 80 Prozent seines zuletzt knapp 140 Millionen Euro hohen Umsatzes macht er außerhalb Deutschlands, 65 Prozent noch immer in Europa. Bulthaup muss auch keine Lieferketten anpassen. Produziert werden soll künftig wie eh und je in Deutschland.

    Dass Bulthaup ausgerechnet im Freistaat Bayern zu Hause ist, wo Ministerpräsident Markus Söder zuletzt den schärfsten Shutdown-Kurs fuhr, sieht Eckert diplomatisch: „Bevölkerung, Politik und Wirtschaft kommen nur gemeinsam durch diese Krise. Den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit muss man dabei im Auge behalten“, sagt er. Die heruntergefahrene Wirtschaft macht ihm genauso Sorgen wie eine mögliche zweite Coronawelle. Bulthaup jedenfalls wird eine Familienfirma bleiben. Das ist für Eckert so sicher wie die Überschaubarkeit seines Kochtalents.

    Mehr: Der Küchenbauer Poggenpohl aus Nordrhein-Westfalen leidet in der Coronakrise unter massiven Liquiditätsproblemen. Nun muss die Firma Insolvenz anmelden.

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