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Macrons Reformkurs Warum Air France ein Sinnbild für Frankreichs Probleme ist

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Eliten: Selbstbeschau statt Weltoffenheit

Merkel empfängt Macron: „Wir brauchen ein starkes Frankreich“

Vieles davon findet sich im heutigen Air-France-Konzern in der Person von Konzernchef Jean-Marc Janaillac wieder. Zu besichtigen ist das etwa beim Treffen der Luftfahrtindustrie in Brüssel im vergangenen Februar. Während die Chefs von Lufthansa, Easyjet oder British Airways angesichts wieder guter Zahlen eine perfekte Show abliefern, hat Janaillac so gar keine Rolle. Gewerkschaften und Management stemmen sich bei ihm gemeinsam gegen den Wandel, bremsen den Ausbau der Billigtochter Transavia und blockieren den Boost genannten Langstecken-Discounter.

So wirkt Janaillac, dessen Vorgänger einst Anführer in diesem erlauchten Kreis waren, als würde er nur noch der Höflichkeit halber aufs Podium gebeten. Die meisten Anwesenden jedenfalls nutzen seinen altbekannten Vortrag – zu hohe Flughafengebühren, zu wenig staatliche Hilfe – für einen Blick aufs Smartphone. Dass der 64-Jährige seinen Bericht mit leiser Stimme in stark akzentgefärbtem Englisch vorträgt, tut das Übrige.

Tatsächlich sind die mangelnden Fremdsprachenkenntnisse Janaillacs keine Ausnahme. In einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr gaben nur 35 Prozent der französischen Führungskräfte an, verhandlungssicher Englisch zu sprechen. Auf vielen Eliteuniversitäten des Landes wird noch immer vorwiegend in Französisch unterrichtet. Der Sprachfetisch geht so weit, dass, wer Englisch korrekt und womöglich auch noch fließend spricht, sich im Zweifel eines mangelnden Patriotismus verdächtig macht. Neupräsident Macron etwa musste, als er kürzlich einen Vortrag an der Berliner Humboldt-Universität auf Englisch hielt, zuvor beim Botschafter Abbitte leisten – um daheim dafür doch angegriffen zu werden.

Was wie Komödie klingt, hat bittere Folgen. Zu oft endet der Horizont vieler Franzosen an der Landesgrenze. Stattdessen betrieben sie „ständige Nabelschau“, wie es ein Beobachter ausdrückt. Wie die funktioniert, lässt sich bei einem Treffen am Airport Paris-Charles-de-Gaulle erfahren, Abflugebene. In einem kleinen Café empfängt ein Manager, der bei Air France bis vor einigen Monaten zu den Topleuten gehörte. Enttäuscht ist er dann geflohen. Nun gibt er einen Bericht aus dem Innenleben des maroden Konzerns. Verkrustet sei er, ein Komplex aus den Achtzigerjahren, vor allem aber: immer nur mit dem Blick nach innen.

Noch vor ein paar Jahren zählte die Airline, die einst stolz die Concorde in drei Stunden zwischen Paris und New York fliegen ließ, zu den Branchenvorreitern beim Service, führte als eine der ersten Betten in der First Class ein, machte später die Premium-Economy-Kabine populär. Seither aber tut sich wenig. „Niemand in Frankreich ist bereit, sich mit Wettbewerbern von außen zu vergleichen. Der Blick geht immer nur auf das eigene Unternehmen, das eigene Land“, sagt der Manager.

In Pariser Amtsstuben ein ähnliches Bild. Selbst in höchsten politischen Kreisen wird die angeblich „wilde Globalisierung“ oft als Grund für den wirtschaftlichen Abstieg der vergangenen Jahre genannt. In Wirklichkeit liege die Ursache für Arbeitslosigkeit und sozialen Rutsch „nicht beim internationalen Handel, sondern in der Unfähigkeit Frankreichs, sich darauf einzustellen“, kritisiert der Ökonom Sylvain Fontan. Während die direkten Nachbarn Deutschland und Spanien ihre Arbeitsmärkte flexibilisierten, das Rentenalter erhöhten und die Lohnstückkosten senkten, glaubte Frankreich an 35-Stunden-Woche, hohe Sozialabgaben und Ruhestand mit 62. Macron will das nun ändern. Die große Frage aber wird sein: Wie will er die Franzosen dabei mitnehmen? Die pflegen eher die scharfe Konfrontation zwischen verschiedenen Interessengruppen als einen echten Diskurs.

Spannungen zwischen den Piloten und dem Management gehören in der Flugbranche zum Alltag. Doch bei keiner Linie in Europa sind sie derzeit größer als bei Air France. „Auch wenn es in Frankreich zuletzt weniger Streiks gab als bei Lufthansa, ist die Lage in Frankreich schlimmer“, sagt ein hochrangiges Mitglied der deutschen Pilotenvereinigung Cockpit. „Bei uns mögen die beiden Seiten oft aneinander vorbeireden. Dort reden sie fast gar nicht miteinander.“

Es ist ein Befund, den Guy Maugis teilt. Der Mann ist als Berater von Bosch in Frankreich, vor allem aber Präsident der Deutsch-Französischen Handelskammer.

Die Franzosen mögen keine Reformen, aber sie lieben Revolutionen
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