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Manfred Grieger Deutsche Unternehmen in der NS-Zeit: Dieser Mann soll bei der Aufarbeitung helfen

Unternehmer wie Roland Berger tun sich oft schwer damit, sich ihrer Geschichte im Dritten Reich zu stellen. Manfred Grieger will bei Bahlsen herausfinden, woran das liegt.
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Wer Historiker Grieger Nachforschungen anstellen lässt, so sagen es seine Kollegen, muss dringend ein Zeichen setzen. Quelle: Heidrich
Manfred Grieger

Wer Historiker Grieger Nachforschungen anstellen lässt, so sagen es seine Kollegen, muss dringend ein Zeichen setzen.

(Foto: Heidrich)

Hannover Manfred Grieger beginnt den Arbeitstag mit einem Knall. Als er die Aktenordner auf den Tisch fallen lässt, schnellen im Nebenraum die Köpfe hoch. Der 59-Jährige nimmt die strengen Blicke nicht wahr, seine Aufmerksamkeit gilt den Dokumenten. Grieger hält eines gegen das Licht, fährt dann mit dem Finger über eine Prägung, die das Schreiben ziert: ein Reichsadler mit Hakenkreuz.

Es ist voll im niedersächsischen Landesarchiv. Grieger sitzt deshalb im Vorraum des Lesesaals, der eigentlich ein Pausenraum ist. Als er die Dokumente auf dem Tisch ausbreitet, eilt eine Mitarbeiterin herbei. Nicht, dass irgendwelche Essensreste Flecken hinterlassen, sagt sie und schiebt hinterher: „Aber Ihnen muss ich das ja nicht sagen.“

Grieger ist in letzter Zeit oft in dem Archiv, arbeitet stundenlang Dokumente durch. Der Historiker sucht nach Namen, Daten oder Logos, die auf einen Zusammenhang mit seinem Auftraggeber deuten könnten: Den Kekshersteller Bahlsen. Grieger soll die NS-Geschichte des Unternehmens aufarbeiten.

Der Historiker ist ein Fachmann, hat unter anderem die Geschichte der Zwangsarbeiter bei Volkswagen erforscht. Unter Kollegen gilt er zwar als weniger laut, aber mindestens genauso kritisch wie sein Doktorvater Hans Mommsen. Einer, der unbequem werden kann, wenn nötig. Dass Bahlsen ausgerechnet ihn beauftragt hat, überraschte in der Branche niemanden: Wer Grieger holt, so sagen es seine Kollegen, muss ein Zeichen setzen.

Ein Zeichen setzen musste jüngst auch Unternehmensberater Roland Berger. Der hatte seinen Vater stets als Gegner und Opfer der Nazis dargestellt. Handelsblatt-Recherchen zeigen jedoch, dass der Senior schon früh der NSDAP beigetreten war. Nun sollen zwei Historiker reinen Tisch machen – so wie es Grieger seit Juli bei Bahlsen versucht.

Beide Fälle eint eine für Deutschland typische Frage, dessen Beantwortung den Historiker besonders reizt: Wie kommen Familienerzählungen zustande, die nicht der historischen Wahrscheit entsprechen?

Aufarbeitung als lästige Pflichtaufgabe

Dass es überhaupt dazu kommt, kann Grieger nicht verstehen. Unternehmen geben seiner Meinung nach viel zu selten aus eigenem Antrieb historische Studien in Auftrag, begreifen die Aufarbeitung zu oft als lästige Pflichtaufgabe. Das rächt sich. Immer wieder müssen Industriellenfamilien oder Traditionsunternehmen ihre Geschichtsschreibung revidieren.

Dabei könnten sie laut Grieger vorbeugen: „Meistens sind sie schon in kommunikativer Bedrängnis, wenn sie Historiker ins Haus holen. Sie wollen dann schnelle Ergebnisse, obwohl die Aufarbeitung Jahre dauern kann.“

Bei Bahlsen hat Grieger vier Jahre Zeit. Das Budget will er nicht nennen. Der Historiker hat ein Team zusammengestellt, das ihn beispielsweise aus Kiew und Amsterdam unterstützt. Es hilft ihm, Zwangsarbeiter und andere Zeitzeugen zu interviewen und ausländische Akten zu analysieren.

Kürzlich hat er einen Hinweis darauf gefunden, dass Bahlsen sich um die kommissarische Betreuung einer niederländischen Backfabrik beworben haben könnte. In den Ordnern, die vor ihm liegen, vermutet er die entsprechenden Belege: „Womöglich verraten sie etwas darüber, wer von wem profitiert hat: Die Nationalsozialsten von Bahlsen oder Bahlsen von den Nationalsozialisten.“

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Im Landesarchiv ist inzwischen Mittagszeit. Hobbyhistoriker treten an die Spinde im Pausenraum, packen Käsestullen und Bulletten aus. Grieger öffnet gerade den dritten Ordner, versucht Unterschriften zu entziffern und vergleicht Listen: Wer ist wann der SS beigetreten, wessen Einkommen hat zu Kriegszeiten einen Sprung nach oben gemacht? Popo-Arbeit nennt der Historiker das.

Trotzdem bleibt er immer wieder auch an Dokumenten hängen, die nichts mit dem Fall Bahlsen zu tun haben. Er freut sich über Postkarten, die alte Stadtansichten zeigen. Und über die steifen Formulierungen der Generäle, wenn sie eine Frau in einem Brief zum Essen einladen.

Am Nebentisch klappt ein Mann seine Tupperdose zu und beugt sich herüber: Entschuldigung, ob er wirklich Herr Grieger sei. Er wolle sich kurz vorstellen, Friedrich sein Name, auch er sei Historiker. Im Grunde genommen führe er derzeit eine Forschungsarbeit Griegers weiter. Grieger hat im vergangenen Jahr ein Buch über das Leid der Juden in Gifhorn veröffentlicht, Friedrich erzählt, dass er die Spur einer Person aufgenommen habe, die darin vorkommt.

Bevor der Mann zurück in den Lesesaal geht, fragt er, wie es im Fall Bahlsen läuft. Und was Grieger von der Firmenerbin Verena hält. Sie hatte in einem Interview gesagt, dass Bahlsen seine Zwangsarbeiter „gut behandelt“ habe und damit die Diskussion um die NS-Vergangenheit der Firma ausgelöst. Friedrich schüttelt den Kopf: „Das war einfach nur dämlich. Damit hat sie sich als künftige Chefin disqualifiziert.“

Inzwischen ist klar, dass Bahlsens Umgang mit den Zwangsarbeitern alles andere als „gut“ war. Friedrichs Meinung teilt Grieger trotzdem nicht. Die Äußerungen der Erbin seien zwar „bedenklich unbedacht“, aber nicht ihre alleinige Schuld. Im Gegensatz zu Unternehmensberater Berger sei sie nie mit einer falschen Wahrheit hausieren gegangen.

Hinzu kommt: Verena Bahlsen war damals 26 Jahre alt und hat sich mit einer einzigen Äußerung verhoben, Berger Junior ist heute 81 und erzählt seit fast zwei Dekaden, dass sein Vater Opfer der Nationalsozialisten gewesen sei. „Da wird schon eine gewisse Leidenschaft dafür erkennbar, die Vaterfigur aus einer Nichtkenntnis heraus zu gestalten“, sagt Grieger.

Hasstiraden von Rechtsaußen

Dass Vergangenheitsbewältigung ein schwieriges Thema in Deutschland ist, hat Grieger schon öfter erlebt. Ein AfD-Politiker beschimpfte ihn wegen seiner Arbeit in Gifhorn als „linksradikalen Schuldprediger“, im Netz fragen Nutzer, warum Grieger im Fall Bahlsen „70 Jahre alte Kamellen“ aufwärmen will.

Und bei VW fiel er nach 18 Jahren als Chefhistoriker in Ungnade, weil er die Aufarbeitung der NS-Geschichte bei der Konzerntochter Audi kritisierte – ohne sich mit dem Vorstand abzustimmen. Kurz darauf musste Grieger das Unternehmen verlassen.

Bahlsen lässt dem Historiker bislang freie Hand. „Er soll alles aufdecken, auch die dunklen Seiten“, hat Auftraggeber Werner M. Bahlsen in einem Interview gesagt. Wie ernst es ihm damit ist, wird sich womöglich schon bald zeigen. Denn im letzten Ordner findet Grieger an diesem Tag endlich das, wonach er gesucht hat: Ein Brief des ersten Gestapo-Chefs Rudolf Diels, der als engagierter Lobbyist für die heimische Industrie galt.

Im Juni 1940, zwei Wochen nach der Kapitulation der Niederlande, schrieb Diels an den General der Infanterie, Wolfang Muff: „In der Anlage übersende ich Ihnen, Herr General, einen Brief der Firma Bahlsen, in dem sie sich um die kommissarische Betreuung niederländischer Backwarenindustrien bewirbt.“

Muff solle den Reichsstatthalter darauf hinweisen, dass für diese Betreuung nur die Firma Bahlsen in Frage komme. „So würden sie diesem Zweig der hannoverschen Industrie eine große Forderung erweisen.“

Grieger lehnt sich mit dem Brief in den Händen zurück. Die Worte des Gestapo-Chefs und späteren Regierungspräsidenten Hannovers seien ein Hinweis, aber kein Beleg für eine Firmenübernahme. „In der Geschichte gibt es kein Müssen“, sagt er.

Der Historiker mag damit meinen, dass sich die These über das niederländische Werk nicht bewahrheiten muss. Der Satz könnte aber auch eine Lehre sein, die Grieger aus dem Eklat bei VW gezogen hat. Von Bahlsen hat er sich zusichern lassen, dass er selbst entscheiden kann, wann, was und wie er veröffentlicht.

Nächste Woche will er der Spur aus den Niederlanden weiter nachgehen. Die entsprechenden Akten hat Grieger schon beim Pförtner bestellt.

Mehr: Der Selbstbetrug – Roland Berger, sein Nazivater und die Schuld der deutschen Wirtschaft

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1 Kommentar zu "Manfred Grieger: Deutsche Unternehmen in der NS-Zeit: Dieser Mann soll bei der Aufarbeitung helfen"

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  • Mich wundert als Historiker etwas die Selbstgerechtigkeit des Handelsblattes, mit der beständig das Thema Roland Berger und NS-Aufarbeitung von Unternehmen bespielt wird. Das Handelsblatt gehört zu Holtzbrinck und das hat auch ein Georg gegründet, nämlich Georg von Holtzbrinck. Der ist bereits 1931 in den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) eingetreten ist und dann in die NSDAP (1933 oder 35). Seinen ökonomischen Aufstieg im Dritten Reich verdankt er u,a, einem Onkel bei der SS und dessen Kontakten. Heute wird noch der Georg von Holtzbrinck-Preis vergeben. Diesen hat 2011 der Autor der Berger-Enthüllungsstory Sönke Iwersen bekommen. Vor diesem Hintergrund wirkt es etwas merkwürdig, mit Empörungsgeste auf andere zu zeigen.