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Miguel Müllenbach im Interview Karstadt Kaufhof droht Gewerkschaft mit Schadenersatzforderungen wegen Streiks

Personalchef Miguel Müllenbach warnt Verdi davor, den Konzern weiter mit Streiks zu belasten. Karstadt könnte die Gewerkschaft finanziell in Regress nehmen.
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Der Eigentümer Signa hat Karstadt und Kaufhof fusioniert und führt sie seit März unter dem gemeinsamen Namen Galeria Karstadt Kaufhof. Quelle: picture alliance/dpa
Kaufhof in Köln

Der Eigentümer Signa hat Karstadt und Kaufhof fusioniert und führt sie seit März unter dem gemeinsamen Namen Galeria Karstadt Kaufhof.

(Foto: picture alliance/dpa)

Düsseldorf Miguel Müllenbach, Personal- und Finanzchef von Galeria Karstadt Kaufhof, hat die Gewerkschaft Verdi davor gewarnt, das Unternehmen weiter mit Streiks zu belasten. In diesem Jahr hätten sich die Ausstände bei Kaufhof, Karstadt und Karstadt Sports bereits auf mehr als 400 Streiktage summiert, sagte er im Interview „Sie sind Gift für ein Unternehmen, das sich wie Kaufhof gerade in der Sanierung befindet und zusammen mit Karstadt gerade mit hohem werblichem Aufwand eine gemeinsame Marke positioniert“, betonte er.

Am Freitag hatte auf Antrag des Unternehmens das Arbeitsgericht Berlin der Gewerkschaft Verdi mit einer einstweiligen Verfügung untersagt, in den Karstadt-Warenhäusern Streiks im Rahmen der Tarifauseinandersetzung im Einzelhandel durchzuführen.

Karstadt prüft nun, die Gewerkschaft finanziell in Regress zu nehmen. „Wir müssen in diesem Zusammenhang auch über Schadensersatzforderungen nachdenken“, sagte Müllenbach. Das Unternehmen respektiere natürlich grundsätzlich das Streikrecht. „Aber wenn es aus unserer Sicht missbraucht wird, nutzen auch wir unsere Rechte und lassen das gerichtlich prüfen“, so Müllenbach.

„Verdi sollte endlich das schädliche Säbelrasseln unterlassen und an den Verhandlungstisch kommen“, sagte der Karstadt-Kaufhof-Manager. „Das wirtschaftliche Fortbestehen unserer Unternehmen und damit auch der Arbeitsplätze hat für uns als Management die oberste Priorität“, ergänzt er. Und dazu sei eine Einigung bei den Personalkosten „zwingend notwendig“.

Ziel des Unternehmens ist ein gemeinsamer Tarifvertrag für Karstadt und Kaufhof. Verdi dagegen besteht bisher auf separaten Tarifkommissionen für die beiden Unternehmensteile. Nach früheren Aussagen von Galeria-Karstadt-Kaufhof-Chef Stephan Fanderl soll die neue gemeinsame Struktur bis Ende September stehen. „Bis dahin ist nicht mehr viel Zeit“, mahnt Müllenbach.

Lesen Sie hier das komplette Interview mit Miguel Müllenbach

Herr Müllenbach, können Sie überhaupt noch zählen, an wie vielen Tagen Sie in diesem Jahr schon bestreikt wurden?
Selbstverständlich, das zählen wir sehr genau, weil uns das in der Sanierung des Unternehmens massiv schadet. In Summe hatten wir bis heute über 330 Streiktage für die Warenhäuser und, wenn wir Karstadt Sports dazurechnen, kommen wir auf über 400, also mehr als ein komplettes Jahr.

Haben Sie durch die Streiks finanzielle Einbußen?
Wir konnten bisher zwar alle Filialen offen halten. Aber natürlich spüren wir die Auswirkungen eines so extremen Streiks finanziell erheblich. Sie sind Gift für ein Unternehmen, das sich wie Kaufhof gerade in der Sanierung befindet und zusammen mit Karstadt gerade mit hohem werblichem Aufwand eine gemeinsame Marke positioniert.

Aber das Recht auf Streik ist doch in Deutschland ein Grundrecht.
Natürlich respektieren wir das Streikrecht in Deutschland. Aber wenn es aus unserer Sicht missbraucht wird, nutzen auch wir unsere Rechte und lassen das gerichtlich prüfen. Wir sind der Meinung, dass bei Karstadt Streiks im Rahmen des Flächentarifvertrags nicht zulässig sind, weil für Karstadt ein mit Verdi abgeschlossener Sanierungstarifvertrag gilt. Das hat uns das Arbeitsgericht Berlin jetzt bestätigt. Wir müssen in diesem Zusammenhang auch über Schadensersatzforderungen nachdenken.

Im Sanierungstarifvertrag für Karstadt haben die Mitarbeiter deutliche Einschnitte akzeptieren müssen. Sehen Sie diesen Vertrag als Vorbild für Kaufhof?
Wir haben im Moment ein unterschiedliches Entlohnungsniveau bei Karstadt und Kaufhof. Das müssen wir ändern. Schauen Sie sich beispielsweise die Häuser in Düsseldorf Schadowstraße beziehungsweise Wehrhahn an. Da liegen 25 Meter zwischen Karstadt und Kaufhof. Und da bekommen die Mitarbeiter für die gleiche Tätigkeit unterschiedlichen Lohn.

Wie wollen Sie das ändern?
Am liebsten durch eine Verhandlung mit Verdi und nicht durch einseitige Maßnahmen wie etwa durch die gesellschaftsrechtliche Zusammenführung von Kaufhof und Karstadt. Dann würde der Sanierungstarifvertrag sofort auch für Kaufhof als dann Teil von Karstadt gelten.

Warum tun Sie das nicht?
Entgelt sollte eine Verhandlungslösung sein. Uns wird immer vorgeworfen, wir würden die Leute nicht beteiligen, aber genau das möchten wir tun. Aber wir haben auch Zeitpläne, die wir eng halten müssen. Das wirtschaftliche Fortbestehen unserer Unternehmen und damit auch der Arbeitsplätze hat für uns als Management die oberste Priorität. Und dazu ist eine Einigung bei den Personalkosten zwingend notwendig.

Was erwarten Sie von Verdi?
Verdi sollte endlich das schädliche Säbelrasseln unterlassen und an den Verhandlungstisch kommen. Und ich erwarte eine realistischere Einschätzung der wirtschaftlichen Lage und der damit möglichen Leistungsfähigkeit unserer Unternehmen. Darüber hinaus es ist auch absolut irreführend, wenn man von Verdi zum Thema Warenhaustarifvertrag immer den Vorwurf von dauerhaften Entgeltkürzungen hört. Wir haben in Deutschland 176 Standorte und ich muss deshalb 16 verschiedene Manteltarifverträge beachten. Wenn wir das vereinheitlichen, könnten wir sehr viel effizienter arbeiten und würden Verwaltungskosten sparen, ohne dass ich nur ein einziges Gehalt angepasst habe.

Die Fusion von Karstadt und Kaufhof war vor einem halben Jahr. Woran liegt es, dass es immer noch keine Gespräche darüber gibt?
Wir haben im Dezember schon angeboten, dass wir eine gemeinsame Verhandlungsgruppe bilden für Karstadt und Kaufhof, um eine einheitliche Lösung zu finden. Verdi hat es bisher noch nicht geschafft, unser Gesprächsangebot in einen konkreten Termin umzumünzen. Die Gewerkschaft hat nach wie vor noch separate Bundestarifkommissionen für Karstadt, Karstadt Sports und Kaufhof eingerichtet. Eine einheitliche Verhandlungskommission besteht bis heute nicht. Das hat in der heutigen Situation absolut keinen Sinn mehr.

Aber bei Karstadt haben Sie doch schon einen Tarifvertrag.
Eben. Bei Karstadt müsste ich eigentlich nicht verhandeln. Was Verdi macht, ist absolut kontraproduktiv. Die Gewerkschaft hat mit uns bei Karstadt einen Vertrag geschlossen, bei dem Lohnsteigerungen auf der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Unternehmens basieren. Und jetzt werden wir extrem bestreikt – und damit die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit reduziert. Das ist paradox. Nach vorne brauchen wir nicht drei individuelle Verträge mit unterschiedlichen Bedingungen und Laufzeiten, sondern für ein zusammenwachsendes Unternehmen einen.

Was unterscheidet Ihre Position von der von Verdi?
Verdi will das Fell des sprichwörtlichen Bären verteilen, bevor er erlegt ist. Wir sagen, wir verteilen sofort, wenn wir in der neuen Struktur unsere Ziele erreicht haben. Unser Mehrheitseigentümer Signa hat zugesagt, dass er – wie bislang bei Karstadt – im Zuge der Zusammenführung auf jegliche Entnahmen verzichtet und zusätzlich zu den bereits geleisteten Zahlungen weitere Gelder für die Neuausrichtung zur Verfügung stellen wird. Die ersten, die davon partizipieren, wenn es uns wirtschaftlich besser geht, sind die Mitarbeiter – und zwar auf gleiche Weise.

Müssen nicht die Karstadt-Mitarbeiter aber auch Sorgen haben, dass sie für die Sanierung von Kaufhof mitbezahlen müssen und deshalb weniger zurückbekommen?
Nein, denn durch den Zusammenschluss besteht die einmalige Chance, dass es beiden Unternehmen gemeinsam schneller wieder wirtschaftlich besser geht als es alleine möglich wäre. Damit kann dann auch schneller der Entgeltunterschied zum Flächentarif überwunden werden. Wir haben künftig nur noch eine Zentrale, vereinheitlichen die Systeme, haben eine gemeinsame Beschaffung, damit können wir viel Geld sparen und unsere Größenvorteile ausspielen. Davon werden die Karstadt-Mitarbeiter wie die Kaufhof-Mitarbeiter profitieren.

Seit der Fusion der Warenhausunternehmen ist der Karstadt-Personalchef auch für Kaufhof zuständig. Quelle: Imago
Miguel Müllenbach

Seit der Fusion der Warenhausunternehmen ist der Karstadt-Personalchef auch für Kaufhof zuständig.

(Foto: Imago)

Verdi sagt, Ihnen fehlt eine klare Zukunftsstrategie für das Warenhaus.
Das ist Unsinn. Wir haben einerseits eine kurzfristige Sanierung, um das wirtschaftliche Überleben von Kaufhof zu sichern und erhebliche Synergien und Größenvorteile nutzen zu können. Wir bauen andererseits unser Drittkundengeschäft erheblich aus, beispielsweise mit Dienstleistungen aus den Bereichen Logistik, Facility Management oder Finanzdienstleistungen. Und wir haben das Konzept des vernetzten Marktplatz in der Innenstadt mit Partnern aus dem Online- und dem stationären Bereich wie beispielsweise Zalando oder Amazon. Das ist Verdi unter anderem aus Aufsichtsräten, in denen sie Sitz und Stimme haben, alles bekannt. 

Aber wenn Kunden ihre Amazon-Päckchen bei Kaufhof abholen, landet der Umsatz doch bei Amazon.
Erstens bekommen wir damit ganz neue Kundengruppen in die Filialen und wir können das zudem für Zusatzverkäufe nutzen. Denn mehr als die Hälfte der Pakete wird bereits in der Filiale ausgepackt. Warum sollte man da nicht passend zu der neuen Hose noch eine Bluse oder ein paar Schuhe kaufen?

Ein Problem sind die großen Flächen, die Sie haben. Wie wollen Sie die besser nutzen?
Da haben wir aus der Not eine Tugend gemacht. Wir haben Lager, Rampen zur Anlieferung und sitzen deutschlandweit zentral in den 1a-Innenstadtlagen. Dadurch können wir unsere Filialen zu zentralen Verteilzentren für viele Online- und stationäre Partner entwickeln. Wir nennen das City-Hub und erproben das gerade erfolgreich in mehreren Metropolen. Auch können wir reinen Onlinehändlern Pop-up-Flächen im Verkaufsraum bieten, wo sie alle paar Wochen zeigen können, was sie Neues im Sortiment haben. Die Kunden sehen dann: Bei Galeria Karstadt Kaufhof ist immer etwas los.

Wann zahlt sich das aus, wann machen Sie wieder Gewinn?
Wir haben ja 2017 bei Karstadt schon einen Gewinn gemacht…

… einen kleinen dank Sonderfaktoren…
… aber haben den dann auch an die Mitarbeiter ausgeschüttet. Damit haben wir bewusst ein Signal gesendet.

Sie hatten angekündigt, 2021 schon gemeinsam mit Kaufhof schwarze Zahlen zu schreiben. Sind Sie da auf einem guten Weg?
Wir werden eine signifikante Ergebnisverbesserung im nächsten Jahr zeigen. Ob das unter dem Strich dann eine schwarze Zahl ist, ist heute noch zu früh zu sagen. Wie gesagt, die Streiks schaden uns in unserer wirtschaftlichen Substanz ganz erheblich. Da geht es ja nicht nur um den Umsatz. Wir schicken ja von überall Menschen quer durch die Republik, um in den bestreikten Häusern den Betrieb aufrecht zu erhalten. Und die stehen dann für für ihre eigentlichen Aufgaben nicht zur Verfügung. Das wird nicht den kompletten Sanierungserfolg in Frage stellen. Aber es hemmt uns und kostet uns enorm Zeit, die wir lieber nutzen würden, um unser Geschäft neu auszurichten.

Wie soll es weiter gehen?
Verdi muss jetzt endlich Farbe bekennen und die Gesprächsangebote annehmen, denn auch die Mitarbeiter erwarten, dass es bald eine Lösung gibt. Es ist ja keine Raketenwissenschaft, über die wir hier sprechen. Die Instrumente sind alle bekannt.

Wie ist der Zeitplan?
Unser CEO Stephan Fanderl hat gesagt, dass wir bis Ende des Geschäftsjahres in der neuen Struktur stehen wollen, also bis Ende September. Bis dahin ist nicht mehr viel Zeit.

Glauben Sie, dass es dann irgendwann die Schlagzeile „Warenhäuser kämpfen gegen die Krise“ nicht mehr gibt?
Davon bin ich absolut überzeugt. Sonst brauchten wir das Ganze hier doch nicht zu machen.

Herr Müllenbach, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Der Österreicher René Benko hat bei Kaufhof künftig das alleinige Sagen. Der Milliardär will nun beweisen, dass das deutsche Warenhaus doch noch eine Zukunft hat.

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