Milchbauern suchen Exportchance Melken unter Rabbi-Aufsicht

Deutsche Milchbauern produzieren mehr Milch, als hierzulande konsumiert wird. Deshalb werden stets neue Wege für den Export gesucht. Ein Exportschlager könnte jetzt koschere Milch werden – abgefüllt unter Rabbi-Aufsicht.
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Rabbiner Jehuda Lowinger aus Jerusalem kontrolliert kritisch den Melkvorgang auf dem Hof von Landwirt Stefan Kühne in Thüringen. Quelle: dpa
Koschere Kuhmilch

Rabbiner Jehuda Lowinger aus Jerusalem kontrolliert kritisch den Melkvorgang auf dem Hof von Landwirt Stefan Kühne in Thüringen.

(Foto: dpa)

RothenackerWenn sich das Melkkarussell für knapp 1000 Kühe dreht, dann haben nicht nur die Tierwirte alle Hände voll zu tun. Auch Rabbiner Jehuda Lowinger hat sich einen Kittel übergezogen. Mit Schläfenlocken, Bart und Kippa steht er am Melkstand der Güterverwaltung Rothenacker in Ostthüringen. Lowinger prüft, ob der Tank vorschriftsgemäß gereinigt ist, und begutachtet mit kritischem Blick die Kühe. Lowinger steht dafür ein, dass die hier gemolkene Milch koscher ist – also den jüdischen Speisevorschriften entspricht.

Besonders in Zeiten niedriger Erlöse für Milchbauern wird immer wieder die Forderung nach einer Stärkung des Exports laut. Eine Variante dabei ist koschere Milch etwa für Israel und den US-Markt. „Deutschland als Gunststandort produziert mehr Milch, als wir konsumieren können“, erklärt der Außenhandelsexperte des Milchindustrie-Verbandes, Björn Börgermann. „Wir sind auf Ausfuhren angewiesen.“

Wie hoch der Anteil an koscher produzierter Milch hierzulande ist, vermag Börgermann nicht zu sagen. Das werde statistisch nicht erfasst. Doch die Nachfrage ist dem Verband zufolge da. Insgesamt bleibt das Geschäft eine Nische – aber Landwirte in Deutschland haben in den letzten Jahren wegen niedriger Preise viele neue Möglichkeiten gesucht. Die Export-Union für Milchprodukte listet im Internet 18 Molkereien in Deutschland, die koschere Milch verarbeiten.

Dazu gehört die Käserei Champignon mit Standorten in Bayern und Sachsen. Sie veredelt auch die Milch aus Rothenacker. Von einer „Kampagnenproduktion“ spricht Geschäftsführer Dirk Streiber. Dabei schwanke die Menge, die angeliefert und verarbeitet werde, stark. Der Großteil der Milch werde zu Milchpulver verarbeitet und dann in der Lebensmittelindustrie zur Herstellung von Schokolade, Babynahrung oder Eis verwendet, erklärt Streiber. Doch was unterscheidet koschere Milch von herkömmlicher Milch?

Womit Bauern ihr Geld verdienen
Pflanzen
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Von Brotweizen über Wein, Kartoffeln und Möhren bis Zuckerrüben: Was 2016 auf deutschen Äckern wuchs, hat einen Wert von 23,9 Milliarden Euro, knapp drei Prozent weniger als im Vorjahr. Das ergibt sich aus Daten der Agrarmarkt-Informationsgesellschaft (AMI). Wichtigste Posten sind Getreide und Futterpflanze.

Vieh
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Ebenso wichtig ist, was die Bauern im Stall herstellen: Fleisch, Milch und Eier. Im vergangenen Jahr lag der Produktionswert laut AMI bei 23,5 Milliarden Euro, vier Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Das lag vor allem am gesunkenen Milchpreis. Aber auch das Fleisch von Rindern, Schweinen und Geflügel sowie Eier wurden günstiger. Tausende Betriebe bieten auch Pferde-Stellplätze, viele sind Reiterhöfe.

Strom
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Gülle, Mist und Mais werden zu Biogas vergoren, auf dem Scheunendach glänzen Solarzellen und überm Acker drehen sich Windräder: Viele Bauern erzeugen Energie, insgesamt waren es im vorletzten Jahr 8.200 Megawatt – die Leistung von etwa vier Atomkraftwerken. „Von Landwirt zum Energiewirt“, war lange ein Schlagwort. Knapp 5,7 Milliarden Euro setzten die Bauern mit Strom um, wie der Bauernverband schätzt.

Urlaub
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Natur und Tiere, frische Lebensmittel und manchmal Mithilfe im Stall – das ist Urlaub auf dem Bauernhof. Rund 10.000 der etwa 280.000 Höfe in Deutschland haben Feriengäste. Die Ferienwohnungen und Gästezimmer werden immer besser gebucht. Besonders im Sommer bleibt auf dem Hof kaum noch ein Bett frei, wie aus Daten der Bundesarbeitsgemeinschaft Urlaub auf dem Bauernhof hervorgeht. Die Umsatzgrenze von einer Milliarde Euro wurde nach einer Studie des Agrarministeriums schon 2011 überschritten. Manche Betriebe mausern sich zu Erlebnisbauernhöfen – mit Kutschfahrten und Maislabyrinth.

Wald
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Knapp die Hälfte des deutschen Waldes ist Privatbesitz, jeder zehnte Hektar gehört nach der Agrarstrukturerhebung einem Landwirt. Die Preise für Holz sind zwar in den vergangenen beiden Jahren leicht gesunken, liegen aber immer noch bis zur Hälfte höher als etwa vor einem Jahrzehnt.

Hofläden
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Sie sind für viele ein wichtiger Nebenverdienst. Die Käufer sind oft Stammkunden und bereit, auf dem Hof mehr zu bezahlen als im Discounter – und im Gegenzug den Erzeuger zu kennen und genauer zu wissen, woher ihre Lebensmittel kommen. 1,3 Milliarden Euro nahmen die Bauern 2015 über Direktvermarktung ein, wie eine Untersuchung der AMI ergab. Doch vom neuen Regional-Trend profitieren die Hofläden nicht. Denn auch Supermärkte setzen auf örtliche Marken.

Andere Berufe
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Für die Hälfte der Bauern ist der Hof nur ein Nebenerwerb – die Haupteinnahmequelle ist eine andere: Viele sind Facharbeiter, Arbeiter und Angestellte. Geackert und gefüttert wird vor der Arbeit und nach Feierabend, an Wochenenden und im Urlaub.

In Rothenacker fängt das bei den Tieren an. „Alle operierten Tiere haben ein Jahr Milch-Sperre“, erklärt Vorstandschef Stefan Kühne. „Die Milch von Kühen, die am Labmagen operiert wurden, darf gar nicht mehr verwendet werden.“ Deswegen würden solche Tiere separat gemolken. Außerdem dürfen in der Nähe keine Tiere gehalten werden, die nach jüdischer Sitte unrein sind wie etwa Schweine.

Damit nicht doch eine Vermischung mit anderer Milch vorkommt, werden die Tanks stets gereinigt und versiegelt – und das Ganze von Rabbi Lowinger oder einem Kollegen überwacht. Wenn sie beim Melken nicht dabei sind, etwa am Sabbat, dann ist die Milch nicht koscher und geht in die herkömmliche Verarbeitung.

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