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Mobilität Warum kommunale Unternehmen gegen das 365-Euro-Ticket sind

Politiker finden die günstige Jahreskarte für Busse und Bahnen großartig. Verkehrsunternehmen warnen dagegen vor hohen Verlusten durch das Ticket.
28.01.2020 - 11:43 Uhr 1 Kommentar
Warum kommunale Unternehmen gegen das 365-Euro-Ticket sind Quelle: Imago
Nahverkehr in Wien

Auch in Deutschland fordern immer mehr Politiker, das Wiener Modell des 365-Euro-Tickets einzuführen.

(Foto: Imago)

Berlin Wien gilt bei deutschen Verkehrspolitikern gerade als Mekka urbaner Mobilität. Die österreichische Hauptstadt hat vor acht Jahren das 365-Euro-Ticket zur Nutzung städtischer Verkehrsmittel, kurz „Öffi“ genannt, eingeführt. Und die Stadt ist mächtig stolz auf den Erfolg.

Seitdem ist die Zahl der Fahrgäste um 60 Millionen auf 970 Millionen jährlich gestiegen, seit 2015 gibt es mehr Jahreskartenbesitzer als angemeldete Kraftfahrzeuge in Wien. Von 1,9 Millionen Wienern haben inzwischen 822 000 ein Abonnement. Jeden Tag können sie damit für nur einen Euro mit U-Bahn, Bus und Bim (Tram) kreuz und quer durch die österreichische Metropole fahren.

In Österreich wird gerade darüber diskutiert, 365-Euro-Tickets in allen Bundesländern des Alpenstaats einzuführen. Die Wiener sehen ihren Weg als „absolut richtig“ und „europaweit vorbildlich“. Auch in Deutschland wird angesichts des Verkehrschaos und drohender Fahrverbote wegen der Luftverschmutzung der Ruf nach dem 365-Euro-Ticket lauter. Vor allem SPD-Politiker machen sich dafür stark.

Gerade erst wurde bekannt, dass sich der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), bei Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) um Fördermittel beworben hat. Seinen Senat hatte er vorher allerdings nicht gefragt.

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Standort erkennen

    Die Finanzierungsfrage aber sollten gerade Großstädte wie Berlin vorab dringend klären. Nach Berechnungen des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) fielen 270 Millionen Euro Einnahmen weg, bundesweit wären es vier Milliarden Euro. Zudem würden damit keine Autofahrer zum Umsteigen bewegt, glauben die kommunalen Verkehrsbetriebe.

    Widerstand der Kommunen

    Stattdessen erwarten sie Fahrradfahrer in den Bussen bei schlechtem Wetter und zufriedene Kartenkunden, die nunmehr nur noch 365 Euro zahlen müssten. „Aktuell würden 365-Euro-Tickets die Verkehrswende eher ausbremsen als beflügeln“, sperrt sich VDV-Präsident Ingo Wortmann, der zugleich Chef der Münchener Verkehrsgesellschaft ist.

    Würde ein komplett kostenloser Kommunalverkehr eingeführt, wie von einigen Politikern gefordert, läge das Defizit der Verkehrsunternehmen sogar bei 13,3 Milliarden Euro, hat der VDV hochgerechnet. Der Widerstand in den kommunalen Unternehmen formiert sich. Sie fürchten zudem, dass die Kommunen nach der staatlich subventionierten Einführungseuphorie auf den Kosten sitzen bleiben.

    Dabei sei nicht der Preis entscheidend, sondern das Angebot, argumentiert Wortmann. Die Vorzeigestadt Wien ist ihm Beleg dafür. „Der Preis ist das eine, aber es muss auch das Angebot passen“, heißt es. „Wir haben in den letzten Jahren viel in den Netzausbau investiert“, sagt eine Sprecherin der Wiener Linien. In den nächsten Jahren kommt auch noch eine neue U-Bahn-Linie hinzu.

    96 Prozent der Wiener Bevölkerung hätten inzwischen eine Haltestelle in Gehweite von 500 Metern, U-Bahnen seien in den Hauptverkehrszeiten im Takt von zweieinhalb bis drei Minuten unterwegs. Schon weit vor Einführung des 365-Euro-Tickets hatten die Wiener die Investitionen in ihren Stadtverkehr hochgefahren, was dazu führte, dass die Zahl an neuen Fahrgästen von 725 Millionen im Jahr 2000 auf rund 900 Millionen 2012 anzog. Seitdem wächst die Zahl der Nutzer langsamer.

    Grafik

    Mehr Wirkung durch ein erweitertes Angebot als durch ein preiswertes Jahresticket verspricht sich auch die Düsseldorfer Rheinbahn. Vor vier Jahren wurde eine neue unterirdische Stadtbahnlinie eröffnet. Die hat 850 Millionen Euro gekostet, brachte aber schon in den ersten zwei Jahren 2,2 Prozent mehr Fahrgäste. Und das bei unveränderten Tarifen.

    Die Einführung des 365-Euro-Tickets würde für die Rheinbahn dagegen „erhebliche Mindereinnahmen im zweistelligen Millionenbereich pro Jahr“ bedeuten, teilte das Unternehmen mit. Womit deutlich werde, dass „alternative Finanzierungsmechanismen in einem Gesamtkonzept mitgedacht werden müssen“. Übersetzt heißt das: Irgendwer muss die Einnahmeverluste kompensieren.

    Preisvorteil nicht immer hoch

    Bislang wird in Deutschland nur experimentiert. Fünf Modellstädte durften sich aus einem Fördertopf des Bundesverkehrsministeriums bedienen. Bonn bekommt beispielsweise 39,3 Millionen Euro Zuschuss aus Berlin und finanziert damit unter anderem ein einmaliges 365-Euro-Schnupperabo für Neueinsteiger.

    8000 solcher Tickets wurden verkauft, macht gemessen am vergleichbaren Tarif des Verkehrsverbunds von 1 046 Euro ein Einnahmedefizit von etwa 5,5 Millionen Euro pro Jahr. Gemeldete Bonner dürften nicht zu den Neukunden gehören. Ihre Abonnements werden ohnehin schon von der Stadt auf 356,40 Euro heruntersubventioniert. Auch das wäre eine Erklärung dafür, dass nicht – wie erwartet – 17 000 solcher 365-Euro-Tickets verkauft wurden. Auch in der Vorzeigestadt Wien war der Preisvorteil vor acht Jahren kein Knaller. Zuvor kostete das Jahresticket 449 Euro.

    Die Hansestadt Hamburg, etwa gleich groß wie Wien, verlangt dagegen stolze 1093,20 Euro für ein Jahresabo im gesamten Stadtbereich. Da würde sich das 365er-Ticket schon lohnen. Etwas weniger drastisch sieht das bei kleinen Kommunen aus. Die sächsische Gemeinde Görlitz verlangte früher 524,40 pro Jahresticket und ist im Herbst 2019 auf die 365-Euro-Variante umgestiegen.

    Im Klimapaket der Bundesregierung sind nun weitere zehn Modellstädte vorgesehen. 300 Millionen Euro stehen bereit, aber nicht nur für das 365-Euro-Ticket.

    Würde Berlin sich qualifizieren, bliebe für andere Projekte wie Taktverdichtung, Ausbau von Busspuren, Umrüstung auf emissionsfreie Antriebe oder grüne Welle für Busse und Bahnen kaum noch was übrig. Der Topf wäre praktisch leer.

    Eine Frage ist beim 365-Euro-Ticket ohnehin offen: Wie werden Kostensteigerungen aufgefangen? Regelmäßige Preissteigerungen sind nämlich ausgeschlossen. Da lohnt erneut ein Blick nach Österreich. Das alles geht nur, heißt es bei den Wiener Linien, „wenn es ein klares politisches Commitment gibt, die Öffis zu stärken“.

    Mehr: Jetzt oder nie: Die Bundesregierung sollte den klimapolitischen Rückenwind nutzen, um die Bahn für die neuen Aufgaben fit zu machen.

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    1 Kommentar zu "Mobilität: Warum kommunale Unternehmen gegen das 365-Euro-Ticket sind"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Ein Auto kostet über 10 Jahre betrachtet alles in allem ca. 60.000 Euro.
      Für sehr viele Haushalte bleiben für die Abo-Tickets des ÖPNV kein Geld übrig. Ich bin davon überzeugt, dass die Zahl der Benutzer des ÖPNV sich durch ein 365 Euro-Ticket gesteigert werden kann. Um wie viel, hängt allerdings auch von Angebotsumfang des ÖPNV ab. Selbst ein Euro ist zuviel für einen Stehplatz in einem überfüllten virenverseuchten Bus.

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