Gerry Weber

Die Familien-Eigentümer verlassen das Modeunternehmen.

(Foto: dpa)

Modeunternehmen Eigentümer-Familie verlässt Gerry Weber – Aktie schießt 30 Prozent ins Plus

Gerhard Weber und sein Sohn Ralf räumen bei Gerry Weber ihre Posten. Eine Erfolgsstory endet glanzlos. Die Aktionäre bejubeln den Abschied.
Update: 04.10.2018 - 14:18 Uhr Kommentieren

Hamburg, Düsseldorf, FrankfurtNur wer Gerhard Weber auf dem Zenit seines Schaffens kennt, kann ermessen, was die Meldung von Dienstag für einen Einschnitt bedeutet: Das Modeunternehmen Gerry Weber teilte in einer Pflichtmitteilung mit, dass Hauptaktionär Gerhard Weber mit 77 Jahren den Aufsichtsrat verlässt.

Seine Wunschlösung für die Nachfolge ist mit den nüchternen Zeilen ebenfalls passé: Mit „großem Bedauern“ habe der Aufsichtsrat das Ausscheiden von Ralf Weber aufgenommen, teilte das Unternehmen mit. Der Sohn gibt den Vorstandsvorsitz ab und rettet sich auf einen Aufsichtsratsposten. Wirklich freiwillig ist der doppelte Abschied nicht. Webers stolzes Lebenswerk ist im freien Fall. Ob es den Aufprall überlebt, ist offen.

An der Börse wurde der Abschied der beiden Familienmitglieder jedoch mit großer Freude aufgenommen: Die Aktie schoss am Donnerstag zeitweise bis zu 30 Prozent ins Plus.

Doch das jetzige Kursplus zeigt nur, wie angeschlagen das einstige Vorzeigeunternehmen aus Halle in Westfalen ist. Denn Ralf Weber ist es in den vergangenen rund dreieinhalb Jahren nicht gelungen, den Modekonzern auf einen nachhaltig profitablen Kurs zu bringen und nachdem bekannt geworden war, dass Gerry Weber ein Sanierungsgutachten beauftragt hat, hatte sich der Kursverfall des Papiers beschleunigt. Seitdem – also innerhalb von sieben Handelstagen – sank der Aktienkurs noch einmal um ein Drittel auf 2,69 Euro. So billig war das Papier seit 2003 nicht mehr. Der Börsenwert ist seit dem Rekordhoch der Aktie von fast 40 Euro im Sommer 2014 um mehr als 90 Prozent auf zuletzt nur noch 123 Millionen Euro gefallen.

Als Vertrauensvorschuss für das neue Management werten Analysten den Kurssprung der Aktie nicht. „Die Umstrukturierung ist ein positiver Schritt, aber die Probleme bleiben“, meint Christian Salys, Analyst bei der Privatbank Hauck & Aufhäuser. Positiv sei es, dass die enge Verbindung zwischen den Familienmitgliedern und der täglichen Unternehmensführung gelockert werde. Entsprechend könnte der neue Gerry-Weber-Chef Johannes Ehling in der Lage sein, der „Organisation neues Leben einzuhauchen“. Das ändere aber wenig daran, dass die Kernmarken des Konzerns nicht wettbewerbsfähig seien und das Unternehmen neue Fremdfinanzierung benötige.

Salys bestätigte am Donnerstag seine Verkaufsempfehlung für die Aktie und sieht auf Zwölf-Monatssicht ein Kursziel von 1,80 Euro. Das entspräche einem Kursverlust von mehr als 45 Prozent. Der Hauck & Aufhäuser-Mann ist zwar mit Blick auf den Kurs besonders pessimistisch, liegt aber im Trend: Von den laut Nachrichtenagentur Bloomberg neun Analysten, die die Aktie beobachten, raten acht zum Verkauf. Lediglich MM Warburg rät zum Halten der Aktie, bei einem Kursziel von 4,20 Euro.

Händler erklärten den Kurssprung vom Donnerstag vor allem mit Eindeckungen von Leerverkäufern Aktie. Bei den sogenannten Short Sales verkaufen Investoren eine Aktie, die sie gar nicht besitzen. Liefern müssen sie die Aktie erst nach einigen Tagen. Die Leerverkäufer spekulieren darauf, dass die bis dahin fällt und sie sich an der Börse dann günstiger besorgen können. Diese Wette ging bei Gerry Weber nicht auf – ist aber eben kein Zeichen für eine nachhaltige Erholung der Aktie.

Die Banken und die Anleger hatten wohl nur noch wenig Vertrauen, dass Ralf Weber, der Anfang 2015 den CEO-Posten übernahm, die dringend notwendige Wende gelingen würde. Den Sturz abfedern sollen andere. Ralf Webers Chefposten übernimmt Vertriebsvorstand Johannes Ehling.

Der studierte Betriebswirt Ehling war unter anderem bei der Sportmodefirma Bogner für den internationalen Vertrieb zuständig. Zu den weiteren Stationen zählen die Luxusmarke Escada Sport sowie zuletzt die deutsche Textilkette Ernsting’s Family, wo er für das Filialgeschäft, den E-Commerce und die Warensteuerung verantwortlich war.

Chefrestrukturierer wird – befristet bis Ende 2019 – Florian Frank. Er ist Partner der Unternehmensberatung Wieselhuber. Ein neuer Produktchef werde noch gesucht, teilte das Unternehmen mit.

Der Niedergang wurde mit Gerhard Webers Ausscheiden vor vier Jahren offenbar. Der Gründer gab damals den Skeptikern nach, die einen Generationswechsel anmahnten. Dabei hatte Weber eine schier nicht enden wollende Wachstumsgeschichte hingelegt.

Vom Analysten-Liebling zum Spekulationsobjekt

Die überbordende Energie von Gerhard Weber kann eigentlich nur derjenige hoch genug einschätzen, der den Gründer der Modemarke Gerry Weber einmal in der Firmenzentrale im westfälischen Halle beobachten durfte. Noch mit Anfang 70 wirbelte der Senior im modisch engen Anzug durch die von ihm mitgeplanten gläsernen Büros. Im Vorbeihasten beurteilte er neue Stoffmuster, sortierte dieses aus, lobte jenes, stürzte weiter, eilte die Treppe hoch zum Controlling.

Kenntnis bis ins tiefste Detail, ein mehr als selbstsicheres Auftreten und rascher Entscheidungswille verliehen ihm natürliche Autorität. Dazu kam sein Lebenswerk: Aus dem Nichts gründete der gelernte Industriekaufmann und Inhaber eine Boutique 1973 seine Modemarke, mit der er es bis zu seinem Abschied als Vorstandschef im Jahr 2014 auf 778 Läden, 852 Millionen Euro Umsatz und zu einem Platz als Analysten-Liebling im prestigeträchtigen Aktienindex MDax brachte.

Nebenbei hatte er zusammen mit seinem Sohn Ralf die Heimatstadt Halle mit dem Gerry-Weber-Sportpark zu einem Zentrum der Tenniswelt und Düsseldorf mit einem Showroom-Zentrum wieder zur Modestadt gemacht. Zwar schwächelte der deutsche Modehandel, doch immer neue Filialen machten Rückgänge im Großhandel mehr als wett.

Analysten merkten zwar pflichtgemäß an, das neue Geschäftsmodell steigere die Risiken: Eigene Läden bringen langfristige Kosten für Miete und Personal. Sollte es einmal nicht mehr so gut laufen für die auf ältere Kundinnen fokussierte Marke, würden die Umsätze sinken, die Kosten aber bleiben. Doch bis 2014 blieben die Analysten und Anleger optimistisch, das Unternehmen selbst plante die rasche Eroberung des US-Markts.

Exakt mit Gerhard Webers Ausscheiden aus dem Vorstand kamen aber die ersten negativen Meldungen auf, das Umsatzziel werde verfehlt. Ralf Weber, erst einige Monate nach dem Ausscheiden des Vaters zum Vorstandssprecher gekürt, sprach zunächst von temporären Effekten: schwaches Russlandgeschäft, mieses Wetter, sparsame Kundinnen.

Doch schnell zeichnete sich ab: Die Krise ist schärfer. Ein erstes Sparpaket verpuffte. Auch der zweite Anlauf, mit einem weiteren Sanierungsprogramm das Unternehmen wieder auf Vordermann zu bringen, überzeugte weder die Anleger noch die Banken. Sie übten massiven Druck aus. Die Aktie stürzte ab. Gerry Weber flog erst aus dem MDax, dann aus dem SDax. Hunderte Läden mussten schließen, in der Zentrale fielen 150 Stellen weg, das neue, auf Zuwachs geplante Logistikzentrum steht halb leer.

So tritt die Abwärtsspirale ein, vor der die Analysten lange abstrakt warnten: Der Umsatz fällt schneller als die Kosten, das ergibt neuen Sparzwang. Gerhard Webers einst gerühmte Methode, die Kollektion mit eigener Intuition festzulegen, gilt nunmehr als altmodische Schrulle.

Marktforschung soll nun helfen, die Kundinnen zurückzugewinnen, die zu modischeren oder online-affineren Marken gewechselt sind. Dabei ist Gerry Weber mit seinen Problemen nicht allein: Auch Tom Tailor steht vor ähnlichen Problemen. Kurz nach der Übernahme der ältlichen Marke Bonita wurde auch hier deutlich, dass das Ladennetz viel zu groß geworden ist.

Doch in Halle ist der Druck größer. Ende September kündigte Ralf Weber an, dass ein Sanierungsgutachten klären soll, ob das Unternehmen langfristig überlebensfähig ist – zumal im November 31 Millionen Euro Darlehen fällig werden, zusätzlich zu den Sanierungskosten.

Und Gerry Weber droht neues Ungemach: Die Finanzaufsicht Bafin prüft laut einer Meldung der „Wirtschaftswoche“ pflichtgemäß, ob das Unternehmen die Meldung zum Sanierungsgutachten zu spät herausgegeben hat. Stunden vor der Ad-hoc-Mitteilung habe es auffällige Aktienverkäufe gegeben.

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