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Möbelkonzern Bilanzskandal und Schulden in Milliardenhöhe: Steinhoff kämpft ums Überleben

Jahrelang war der Möbelkonzern erfolgreich, nun ist er existenziell bedroht. Der neue Vorstand räumt auf, doch eine Klagewelle von Anlegern gefährdet die Zukunft.
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Das Unternehmen ist eine Tochter des Möbelkonzerns Steinhoff. Quelle: Ian HANNING/REA/laif
Ausverkauf bei Conforama

Das Unternehmen ist eine Tochter des Möbelkonzerns Steinhoff.

(Foto: Ian HANNING/REA/laif)

Düsseldorf Angesichts einer internationalen Klagewelle von Aktionären sieht Louis du Preez, Chef des angeschlagenen Handelskonzerns Steinhoff, sein Unternehmen in einer bedrohlichen Situation. „Die ausstehenden Klagen sind eines der größten Risiken für die Zukunft des Unternehmens“, sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Wir sind in intensiven Gesprächen, um mit den Klägern außergerichtliche Lösungen zu finden“, erklärte er. Das sei „ein Schlüssel für die weitere Entwicklung“.

Der südafrikanische Konzern mit deutschen Wurzeln kämpft um sein Überleben. Seit anderthalb Jahren versucht der neue Vorstand, eine Übersicht über die Bilanzen und Strukturen zu bekommen und das hochverschuldete Unternehmen zu stabilisieren. Doch du Preez betont: „Bevor wir keine Lösung für die Rechtsstreitigkeiten gefunden haben, werden wir niemanden dazu bringen können, an unseren geschäftlichen Erfolg in der Zukunft zu glauben.“

Die Bombe platzte am 6. Dezember 2017. Statt wie geplant die Bilanz für das Geschäftsjahr 2016/17 zu präsentieren, veröffentlichte das Unternehmen eine knappe Ad-hoc-Mitteilung. Darin hieß es, dass Bilanzunregelmäßigkeiten festgestellt wurden, die einer weiteren Untersuchung bedürften. Außerdem gab das Unternehmen den Rücktritt des Vorstandschefs Markus Jooste bekannt.

Praktisch über Nacht wurde aus einem scheinbar gesunden Konzern ein Pleitekandidat. Die Untersuchungen förderten Bilanzmanipulationen in Höhe von mehreren Milliarden Euro zutage. Heute zeigt sich, dass das Unternehmen trotz zahlreicher Notverkäufe – darunter der Anteil an der Möbelkette Poco – auf einem Schuldenberg von 9,1 Milliarden Euro sitzt.

Zugleich macht es operativ deutliche Verluste. Im ersten Halbjahr 2019 meldete Steinhoff einen Fehlbetrag von 571 Millionen Euro bei einem Umsatz von 6,8 Milliarden Euro. „Die Bilanzunregelmäßigkeiten hatten eine schwache Performance einiger Geschäftsbereiche über Jahre verdeckt“, räumt Konzernchef du Preez heute ein. Es brauche etwas Zeit, bis sich das Geschäft auf operationaler Ebene wieder normalisiert habe.

Der Aktienkurs des in Frankfurt notierten Unternehmens hatte bereits im November 2017 wegen Spekulationen über Unregelmäßigkeiten deutlich nachgegeben. Doch nach dem öffentlichen Eingeständnis des Unternehmens Anfang Dezember gab es kein Halten mehr: Hatte der Kurs Mitte des Jahres noch bei rund fünf Euro gelegen, stürzte er in der Folge auf 30 Cent ab. Heute liegt er bei gerade noch sieben Cent.

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Das Unternehmen selbst hat eine Untersuchung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC in Auftrag gegeben, die im Frühjahr dieses Jahres fertig wurde. Den 3000 Seiten starken Bericht hält das Unternehmen unter Verschluss, aber so viel wurde schon bekannt: Eine Gruppe von Topmanagern hat im großen Stil Scheingeschäfte getätigt, die die Bilanz aufblähten. Offenbar wurden Gewinne und Vermögensposten von 6,5 Milliarden Euro künstlich kreiert.

Parallel ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Oldenburg gegen mehrere Ex-Manager. Das Brisante: Diese Untersuchungen laufen schon seit Herbst 2015. Trotzdem leugnete die Firma lange Zeit die Unregelmäßigkeiten. Erst als die Prüfer sich weigerten, die Bilanzen zu testieren, ging sie im Dezember 2017 in die Offensive.

Deshalb bringen sich nun, angeführt von bekannten Klägeranwälten, die Aktionäre in Stellung, die sich vom Unternehmen über die wahre finanzielle Situation getäuscht fühlen. Sowohl in Deutschland wie in Südafrika, wo die Aktie an der Börse notiert ist, als auch in den Niederlanden, wo die Holding aus steuerlichen Gründen registriert ist, sind zahlreiche Klagen auf den Weg gebracht worden.

Vor dem Oberlandesgericht Frankfurt wird es jetzt ernst. In der vergangenen Woche hat das Gericht einen Musterkläger bestimmt. Das Verfahren soll am 18. Dezember beginnen.

Es ist als Musterverfahren nach dem Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) angelegt. Weitere Investoren können jetzt ihre Ansprüche zum Musterverfahren anmelden. Der Kläger, der sich von der bekannten Kanzlei Tilp vertreten lässt, wirft dem Unternehmen vor, die Anleger nicht ausreichend über die Bilanzmanipulationen informiert zu haben.

„Wir sind in intensiven Gesprächen, um mit den Klägern außergerichtliche Lösungen zu finden.“ Quelle: Bloomberg
Louis du Preez

„Wir sind in intensiven Gesprächen, um mit den Klägern außergerichtliche Lösungen zu finden.“

(Foto: Bloomberg)

Während beim deutschen KapMuG-Verfahren hauptsächlich Privatanleger beteiligt sind, haben zahlreiche institutionelle Investoren in Südafrika eine Sammelklage angestrengt. Sie fordern umgerechnet rund zwölf Milliarden Euro als Kompensation für Kursverluste. In den Niederlanden hat die Aktionärsvereinigung VEB eine Feststellungsklage eingereicht.

Wie sehr die Anleger das Vertrauen in Steinhoff verloren haben, zeigte sich wieder diese Woche. Das Unternehmen hatte zum ersten Mal seit dem Bekanntwerden des Bilanzskandals einen Kapitalmarkttag veranstaltet. Das komplette Management inklusive Supervisory Board wurde aufgeboten.

Es wurde über die Aufarbeitung der Krise gesprochen und die künftige Strategie. Doch dem Aktienkurs gab diese Veranstaltung keine Impulse.

Einigung mit Gläubigern

Einen „wesentlichen Meilenstein“, wie Steinhoff-Chef du Preez sagt, hat er jetzt erreicht. Das Unternehmen hat sich am Mittwoch dieser Woche mit Gläubigern auf die Ausgabe von neuen Schuldtiteln geeinigt. Dabei geht es um 5,8 Milliarden Euro für die Steinhoff Europe und um 2,9 Milliarden Euro für die Steinhoff Finance Holding. Auf die neuen Schuldtitel, die bis Ende 2021 laufen, muss das Unternehmen keine laufenden Zinsen zahlen. Doch damit hat sich das Unternehmen nur eine Atempause erkauft.

Entscheidend ist die künftige Strategie, aber die ist nur in groben Ansätzen zu erkennen. Auf jeden Fall wird sich die Struktur der Gruppe noch mal deutlich ändern. „Um zu überleben, muss Steinhoff zu einer reinen Investment Holding werden mit dem Schwerpunkt auf den Handelsaktivitäten“, sagt du Preez. Damit ist klar, dass das Autozuliefergeschäft der Gruppe zum Verkauf steht.

Geprüft wird wohl auch ein Börsengang der Tochter Pepkor Europe, dazu gibt es aber noch keine Entscheidung. Kern von Pepkor Europe sind Ketten von Billigläden in Osteuropa unter der Marke Pepco und in Großbritannien unter der Marke Poundland.

Trennen wird sich Steinhoff von diesen Aktivitäten jedoch wohl nicht. Immerhin bezeichnet Konzernchef du Preez im Gespräch mit dem Handelsblatt Aktivitäten in Osteuropa neben dem Kerngeschäft Südafrika als wichtigen Zukunftsmarkt für Steinhoff.

Schwierig dagegen läuft es bei der französischen Tochter Conforama. Um die Schuldensituation zu entschärfen, hat Steinhoff 50 Prozent der Anteile der Möbel- und Einrichtungskette an die Gläubiger abgegeben. Außerdem soll eine vierstellige Zahl an Arbeitsplätzen gestrichen und sollen zahlreiche Läden geschlossen werden.

Doch letztlich hängt alles an der Bewältigung des Bilanzskandals und den rechtlichen Folgen. Eine der Fragen, die ihm am häufigsten von Aktionären gestellt würden, so du Preez, sei: Wann kommt der Ex-Chef Markus Jooste in den Knast?

Die strafrechtliche Verfolgung von Jooste sei nicht die Aufgabe des heutigen Managements, so du Preez. Aber zivilrechtlich hätten sie schon erste Schritte unternommen – und es würden noch weitere folgen.

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