Nescafé wird 80 Der Siegeszug des Instantkaffees

Nescafé wird 80: Ein kauziger Chemiker hat das Pulver einst am Küchentisch erfunden - und Nestlé einen Milliardenbringer beschert.
Kommentieren
Das Granulat ist derzeit besonders in Asien gefragt. Quelle: dpa
Kaffeepulver

Das Granulat ist derzeit besonders in Asien gefragt.

(Foto: dpa)

Vevey Kaffeetrinken im Dienste der Wissenschaft – kein schlechter Job, den der Chemiker Max Morgenthaler bei der Schweizer Firma Nestlé im Jahr 1929 an Land zog. Er sollte Kaffeepulver herstellen, mit dem vollen Geschmack der Kaffeebohne, aber haltbar und jederzeit einfach mit heißem Wasser anzurühren.

Wie viele Tassen der kauzige Einzelgänger bei seinen Tüfteleien probieren musste, ist unklar. Aber das Produkt, das dabei entstand, ist heute weltbekannt: In jeder Sekunde werden auf der Welt mehr als 5500 Tassen Nescafé getrunken, sagt Nestlé, also 330.000 pro Minute und 19,8 Millionen pro Stunde. Vor 80 Jahren, am 1. April 1938, führte die Firma das neue Produkt auf dem Schweizer Markt ein.

Ein Riesenerfolg: Für das Unternehmen war es „eines der hübschesten Babys, die Nestlé auf die Welt gebracht hat“, wie die Direktion bald frohlockte. Das gilt bis heute. Nestlé nennt selbst den Umsatz nicht, aber der Branchendienst Interbrand schätzt den Wert der Marke auf mehr als 12,5 Milliarden Franken (10,7 Milliarden Euro) im Jahr. Insgesamt macht Nestlé, einer der größten Lebensmittelkonzerne der Welt, knapp 90 Milliarden Franken Erlös im Jahr.

Brandenburg – eine Hochburg des Filterkaffees
Die größten Erzeugerländer
1 von 10

Seit vielen Jahrzehnten ist Brasilien der größte Kaffeeproduzent der Welt. Gut 35 Produzent der weltweiten Rohkaffeeproduktion stammten im Jahr 2014 aus dem fünftgrößten Staat der Erde. Aber die reine Erntefläche nimmt im südamerikanischen Land seit einigen Jahren ab. Während Brasilien 1990 noch über eine Fläche von rund drei Millionen Hektar verfügte, sind es 2014 „nur“ noch knapp unter zwei Millionen Hektar. Damit steht Brasilien weiterhin deutlich an der Spitze: Nur Indonesien (1,23 Millionen Hektar) kann bei der Fläche ansatzweise mithalten. Auf den Plätzen drei, vier und fünf folgen die Elfenbeinküste (883.890), Kolumbien (795.563) und Mexiko (699.307).

Die Gewachsenen – und die Geschrumpften
2 von 10

Bei einem Blick auf die historischen Zahlen der Ernteflächen fallen die Veränderungen bei einigen südostasiatische Ländern auf: So haben die Anbaugebiete bis zum Jahr 2014 in Thailand seit 1964 um 4075, in Vietnam seit 1984 um 4879 und in China seit 2004 um 282 Prozent zugelegt. Aber es gibt auch das krasse Gegenteil: Paraguay hat sich seit 1984 beispielsweise im Grunde komplett aus dem Kaffeegeschäft verabschiedet. Dort sind bis 2014 die Flächen um 99 Prozent geschrumpft. Ein jüngeres Beispiel ist Ghana: In nur zehn Jahren (2004 bis 2014) wurden 93 Prozent der Anbaugebiete stillgelegt.

Fairtrade
3 von 10

Unter den Fairtrade-Produkten ist die Kaffeebohne der Renner. Während die Anbauflächen für beispielsweise fair gehandelte Baumwolle oder fair gehandelten Kakao zurückgehen, sind die „fairen“ Kaffee-Anbauflächen dank kontinuierlicher Steigerung inzwischen auf mehr als eine Million Hektar angewachsen.

Kleiner Anteil, große Wirkung
4 von 10

Aufgrund der schieren Größe des Landes nehmen die riesigen Ernteflächen in Brasilien nur rund 0,2 Prozent der insgesamt zur Verfügung stehenden Landfläche ein. Anders sieht es in El Salvador (Foto) aus: Zwar spielt der zentralamerikanische Staat in den internationalen Top-Listen eher eine geringere Rolle, die Landesfläche war 2014 allerdings zu fast sieben Prozent mit Kaffeepflanzen bewachsen. Im Jahr 1980 waren es sogar an die neun Prozent.

Heiß geliebt
5 von 10

Kein Getränk wird in Deutschland häufiger konsumiert als der Kaffee. Im Schnitt trinkt der Deutsche rund 162 Liter pro Jahr. Unter den Konsumenten greifen mehr als 57 Prozent mehrmals täglich zum Kaffee. Bei den Tschechen sind es 60,4 Prozent, bei den Schweizern sogar 60,8 Prozent. In Polen scheint eine andere Mentalität vorzuherrschen: Dort begnügen sich 33,9 Prozent mit nur einer Tasse am Tag (zum Vergleich: in Deutschland sind es 24,6 Prozent).

Frisch gebrüht
6 von 10

Ebenfalls regionale Unterschiede werden beim Blick auf die Zubereitung des schwarzen Getränks deutlich. In den neuen Bundesländern ist die klassische Filterkaffeemaschine weit verbreitet. So sind 84 Prozent der Haushalte in Brandenburg mit dem auch bundesweit beliebtesten Gerät ausgestattet. In Sachsen sind es 81,6 Prozent. Anders sieht es in Baden-Württemberg aus: Dort bereiten „nur“ 59 Prozent der Haushalte ihren Kaffee mit dem Klassiker zu. Vielmehr sind dort 24,6 Prozent mit einem Vollautomaten ausgestattet – bundesweiter Spitzenwert. Die Pad-Maschinen sind im Westen am beliebtesten (Saarland: 52 Prozent, NRW: 42,9 Prozent), die Zubereitung mit Kapseln ist im Norden stark verbreitet (Hamburg: 23,6 Prozent, Schleswig-Holstein: 22,4 Prozent).

Verkehrte Welt
7 von 10

Beim grenzüberschreitenden Vergleich der verwendeten Kaffeearten findet sich ein weiteres Kuriosum: Während 65,7 Prozent der deutschen Kaffeetrinker, die regelmäßig zum Heißgetränk greifen, auf Filterkaffee setzen, bevorzugen 16,4 Prozent den Instant-Kaffee. In Tschechien ist das Gegenteil der Fall. Weniger als 20 Prozent greifen zum Filter und 61,3 Prozent nehmen mit der Instant-Variante vorlieb.

Die Anfänge waren mühsam. Nestlé stellte in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts Kondensmilch, auch mit Kaffeegeschmack und Kindernahrungspulver, her. Die Firma wollte schauen, wofür sich der Stolz des Labors, der Pulverisierungsapparat „Egron“, noch eignete, wie Unternehmenshistoriker Albert Pfiffner in einer Firmenchronik schreibt. Vielleicht Wein, Bier oder Apfelsaft in Pulverform? Experimentieren war „in“. Die Chemiker testeten auch, ob Kaffee nicht auch in Würfel- oder Tablettenform angeboten werden könnte.

Dann kamen die Brasilianer, die auf riesigen Kaffeebergen saßen. Ob Nestlé nicht helfen könne, den Kaffeekonsum anzukurbeln, etwa mit der Entwicklung eines Kaffees, der ohne lästiges Bohnenmalen und Aufbrühen einfach mit Wasser aufgegossen werden könnte? Es gab schon seit Jahrzehnten löslichen Kaffee, etwa in den USA, aber an den echten Bohnenkaffeegeschmack kam niemand heran. Das Problem: Man konnte die flüchtigen Kaffeearomen nicht konservieren.

Morgenthaler tüftelte und trank - aber weder ihm, noch seinen Chefs schmeckte das Resultat. Nestlé stoppte das Projekt, doch Morgenthaler machte am heimischen Küchentisch weiter. Bis er darauf kam, dass Kohlehydrate Aroma binden. Er entwickelte ein geruchloses Pulver aus Maltodextrin und Glucose, das das Aroma erst beim Aufgießen mit Wasser freigab und fügte es seinem Kaffee-Extrakt hinzu. Endlich hatte er den echten Kaffeegeschmack. Monatelang trank er sein Gebräu, um zu testen, ob das Aroma sich wirklich hält. Es hielt.

Nestlé pries sein neues Produkt als „Blitzkaffee“ an und wurde vom Erfolg überrascht. Innerhalb von zwei Monaten sei die geplante Jahresproduktion verkauft gewesen, sagt Pfiffner. US-Soldaten hatten den Kaffee im 2. Weltkrieg im Gepäck, er kam in die CARE-Pakete, mit denen Amerikaner nach Kriegsende notleidende Europäer versorgten.

Das ist das Marken-Imperium von Nestlé
Die Gründung
1 von 16

1866 gründete Henri Nestlé, ein Schweizer Apotheker deutscher Herkunft, die Farine Lactée Henri Nestlé lk.A.. Als Logo wählte er sein eigenes Familienwappen, den Vogel bei der Brutpflege – Nestlé bedeutet im Schwäbischen „kleines Nest“. Unternehmensname und -logo blieben in der gesamten Firmengeschichte, über alle Fusionen und Zukäufe hinweg, unverändert.

Säuglingsnahrung
2 von 16

1867 erfand Nestlé ein Verfahren, um ein lösliches Milchpulver herzustellen, welches als Muttermilchersatz verwendet werden konnte. Der Vertrieb als „Nestle's Kindermehl“ lief an. Dem Geschäft mit Säuglingsnahrung bleibt der Konzern bis heute treu: 2007 übernahm Nestlé für 5,5 Milliarden US-Dollar den US-amerikanischen Kindernahrungshersteller Gerber vom Pharmakonzern Novartis. Damit stieg Nestlé im Bereich Säuglingsnahrung vom Marktführer in den USA auch zur weltweiten Nummer eins auf.

Milchprodukte
3 von 16

Auch das Geschäft mit Milchprodukten begleitet Nestlé bis heute. Die erste Übernahme war 1898 ein Milchpulverwerk in Norwegen, 1905 fusionierte Nestlé mit der Anglo-Swiss Condensed Milk Company. Zum Jahresende 2006 begann Nestlé ein Joint Venture mit dem französischen Milchkonzern Lactatis, Hersteller von Marken wie Le Président. Nestlé behauptete sich durch diesen Schachzug als Nummer eins der weltweiten Milchindustrie.

Kaffee und andere Getränke
4 von 16

Ein weiterer Durchbruch gelang Nestlé 1938: Das Unternehmen erfand ein Verfahren zur industriellen Herstellung löslichen Kaffees und begann diesen unter der Marke Nescafé zu vertreiben. Der Vertrieb der seit 2010 boomenden Kaffeekapseln und Kapselmaschinen fällt dem innerhalb des Nestlé-Konzerns eigenständig agierenden Unternehmen Nespresso zu. Das Geschäft mit „Getränken in flüssiger und Pulverform“ macht heute den größten Anteil am Unternehmensumsatz Nestlés aus. Das Gemeinschaftsunternehmen Beverage Partners Worldwide (BPW) mit Coca-Cola ist für den Vertrieb von Tee-Getränken mit Fokus auf Europa und Kanada zuständig.

Kritik an Nespresso
5 von 16

Die NGO Solidar Suisse kritisierte Nespresso 2011 dafür, als größter Kaffeehändler der Welt keinen fair gehandelten Kaffee anzubieten und parodierte die populären Werbevideos mit George Clooney. Nespresso wies die Vorwürfe zurück.

Cerealien
6 von 16

Mit dem US-Lebensmittelhersteller General Mills gründete Nestlé in den 1990er-Jahren das 50/50-Joint-Venture Cereal Partners Worldwide (CPW). Das Gemeinschaftsunternehmen bedient den Markt für Frühstücksgetreideprodukte außerhalb der USA.

Fertigprodukte
7 von 16

1947 fusionierte Nestlé mit der Maggi AG. Neben Brühwürfeln und Flüssigwürze werden unter dem Namen Maggi bis heute vor allem Instantsuppen- und Gerichte vertrieben. Andere bekannte Nestlé-Marken der Fertigsparte sind beispielsweise der Nudelproduzent Buitoni und die Öl- und Soßenmarke Thomy.

Auch die Konkurrenz war im Geschäft, neue Verfahren wurden entwickelt und der Kohlehydrat-Zusatz wurde bald überflüssig. Morgenthaler war zuerst am Umsatz beteiligt, doch endete das mit neuen Herstellungsverfahren. Er trennte sich im Streit von Nestlé.

Selbsternannte Kaffee-Feinschmecker tun heute das Granulat gern abfällig als Campingbegleiter am kulinarischen Abgrund ab, aber dem Siegeszug des löslichen Kaffees tut das keinen Abbruch. Gerade in Asien zieht das Geschäft mächtig an. Im Kaffeereport 2017 von Tchibo bekennen sich auch die Tschechen als Instant-Liebhaber: 61,3 Prozent sagen, löslicher Kaffee sei ihnen die liebsten Kaffeevariante.

In Deutschland steht hingegen an erster Stelle mit 65,7 Prozent Filterkaffee - Instant-Sorten kommen mit gut 16 Prozent nur auf einen hinteren Platz.

  • dpa
Startseite

Mehr zu: Nescafé wird 80 - Der Siegeszug des Instantkaffees

0 Kommentare zu "Nescafé wird 80: Der Siegeszug des Instantkaffees"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%