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Nicolas Bos im Interview „Ich denke wirklich nicht nur in Kategorien wie Umsatz, Gewinn, Cashflow“

Der Chef des Pariser Juwelierhauses Van Cleef & Arpels spricht über die Situation in Hongkong, Nachhaltigkeit und Arbeitsbedingungen in Minen.
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Nicolas Bos, Chef des berühmten Pariser Juwelierhauses Van Cleef & Arpels, warnt vor künstlichen Edelsteinen aus dem Labor. Quelle: © Van Cleef & Arpels
Nicolas Bos

Nicolas Bos, Chef des berühmten Pariser Juwelierhauses Van Cleef & Arpels, warnt vor künstlichen Edelsteinen aus dem Labor.

(Foto: © Van Cleef & Arpels )

Düsseldorf Nicolas Bos, Chef des berühmten Pariser Juwelierhauses Van Cleef & Arpels, warnt vor künstlichen Edelsteinen aus dem Labor: „All das Gerede über die vermeintliche Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit dieser Steine ist ein schlechter Scherz“, sagte der 48-Jährige im Interview mit dem Handelsblatt. Sein eigenes Unternehmen werde solche Labor-Diamanten „niemals“ verwenden. Sie hätten letztlich „keinen Wert“.

Bos weiter: „Es hilft dem Planeten in keiner Weise, Diamanten im Labor herzustellen, braucht aber selbst jede Menge Energie und ist am Ende immer etwas Künstliches, kein natürlich und über viele, viele tausend Jahre entstandener Schatz.“

Nicolas Bos ist nicht nur CEO und Kreativdirektor von Van Cleef & Arpels, sondern sitzt auch im Board des übergeordneten Luxuskonzerns Richemont aus Genf: „Für uns bei Richemont ist die Frage der Nachhaltigkeit heute eine absolut zentrale. Alles ist da wichtig: von den Arbeitsbedingungen über Umweltgesichtspunkte bis zu Verpackungsmaterialien“, so Bos, der die Erwartungen an die Branche aber auch nicht zu hoch schrauben will: „Es ist schwierig, wenn nicht sogar gefährlich, allzu viele Versprechen abzugeben, wenn doch noch viele alte Strukturen gerade erst umgebaut werden.“

Die Haute Joaillerie war zuletzt ins Gerede geraten, weil die Arbeitsbedingungen in vielen Minen noch immer als skandalös gelten. Schmuck-Unternehmen wie Chopard oder Tiffany’s haben daraufhin erste Initiativen zu mehr Nachhaltigkeit und Transparenz gestartet.

Sorgen macht sich Bos um die Entwicklung in Hongkong: Die Metropole sei „ein unglaublich bedeutendes Drehkreuz und wurde als solches zu einer Schlüsselmetropole – für Van Cleef & Arpels, für Richemont, aber auch für die ganze Luxusgüterindustrie. Wenn dort der Verkehr um 40, 50 Prozent einbricht, hat das natürlich direkte Auswirkungen auf Handel und Wirtschaft“. Wie sich das Geschäft dort weiter entwickle, könne aktuell „niemand sagen. Meine subjektive Prognose: Hongkong wird und muss eine zentrale Plattform für den Handel mit ganz Asien bleiben. Aber es kann natürlich sein, dass sich da ein neues Gleichgewicht bildet mit anderen Metropolen in Asien“, so Bos gegenüber dem Handelsblatt.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Monsieur Bos, Sie sind nicht nur Geschäftsführer, sondern auch Kreativdirektor von Van Cleef & Arpels. Vermeiden Sie auf diese Weise die anderswo typischen Diskussionen zwischen den beiden Topposten von Luxusfirmen – hier der kostenbewusste Manager, dort der verschwenderische Designer?
Einerseits ist das schon praktisch, weil es tatsächlich Debatten erspart, die ich so ja allenfalls mit mir selbst führen muss. Auf der anderen Seite habe ich niemanden, den ich beschimpfen kann, wenn was schiefgeht. Die Kreativen beschweren sich natürlich gern mal über die zahlengetriebenen Betriebswirte – ebenso wie die Manager über die Forderungen der Künstler.

Schlagen da zwei Seelen in Ihrer Brust? „Was können wir uns leisten?“ versus „Was müssen wir unbedingt investieren?“
Ich verteidige es immer sehr, dass Firmen wie unsere nun mal auf dem Terrain der angewandten Künste agieren. Da geht es viel um höchstes Handwerk, aber eben auch um Kunst – von der Malerei bis zur Bildhauerei. Und weil da eben nicht nur ein einzelner Künstler seine Visionen ausdrückt, sondern ein großes Team, gibt es immer zugleich eine geschäftliche Dimension. Wir alle hier wollen zusammen eine Geschichte erzählen, die lange vor uns begonnen hat und von unseren Nachfolgern noch lange fortgesetzt werden soll. Man hat also immer eine große Verantwortung, dass das, was man da tut, auch nachhaltig ist. Wenn unsere Kreationen nicht beeindrucken, scheitert das Unternehmen. Wenn das Management nicht funktioniert, scheitert das Unternehmen ebenso.

Das globale Schmuckgeschäft wird beherrscht von Größen wie Tiffany’s und Cartier, das wie Van Cleef & Arpels zum Genfer Luxuskonzern Richemont gehört. Wo sortieren Sie da Ihre eigene Marke ein?
Cartier, Tiffany’s, Bulgari, wir selbst – es mag Felder geben, wo die Marken sich überlappen. Aber alle spielen letztlich doch in völlig verschiedenen Regionen, was den Stil, aber auch die Kunden oder Preissegmente angeht. Tiffany‘s zum Beispiel ist eine tolle Firma, die sehr stark von Geschenkideen rund um amerikanisch geprägten Silberschmuck profitiert. Mir fallen keine zwei Schmuckunternehmen ein, die wirklich das gleiche Spielfeld hätten.

Warum ist Van Cleef & Arpels in Deutschland noch so wenig bekannt?
Es fehlte schlicht Vertriebskraft. Als wir vor einiger Zeit mit unserer ersten Boutique in München starteten, war ich immerhin angenehm überrascht, dass unser Name bekannter ist, als ich selbst erwartet hatte.
In München dürften Sie zudem vor allem von ausländischen Touristen profitieren. Es ist ein Mix. Das gilt für unsere ganze Branche: Man kann heute nur dann als globale Marke erfolgreich sein, wenn man überall auf der Welt diese Mischung erreicht zwischen lokalen und internationalen Kunden. Das galt übrigens schon für das erste Geschäft von Van Cleef & Arpels am Place Vendôme.

Was sind Ihre konkreten Ziele für das Unternehmen?
Mir ist natürlich klar, dass das Handelsblatt nach Zahlen fragt – die Richemont für seine Einzelmarken indes nicht liefert. Und es mag ein bisschen seltsam klingen, aber ich denke wirklich nicht nur in Kategorien wie Umsatz, Gewinn, Cashflow. Eine Marke wie unsere zu positionieren ist eine sehr langfristige Aufgabe, auch wenn wir natürlich durchaus Raum für weiteres Wachstum sehen, was einzelne Länder, Kundengruppen oder Kollektionen angeht. Aber Wachstum ist kein Ziel an sich. Wichtiger ist uns immer der Respekt vor der Identität des Hauses. Die würden wir für finanzielle Ziele niemals aufs Spiel setzen.

Sie sagten mal, als Manager sähen Sie das Glas meist halb leer statt halb voll. Sie suchen also offenbar nach den Schwachstellen. Was sind die Herausforderungen für Van Cleef & Arpels?
Am wichtigsten wird tatsächlich sein, die Integrität und Bedeutung unseres Hauses zu bewahren und noch auszubauen. Alle anderen Probleme sind lösbar, etwa die Suche nach geeigneten Rohstoffen oder guten Handwerkern. Wichtig ist es, dass auch wir uns der sich schnell wandelnden Welt stellen. Schauen Sie sich Hermès an, das als Manufaktur für Sättel und Utensilien rund um den Reitsport begann. Dann wurden Pferd und Droschke vom Auto abgelöst. Hermès antwortete mit Reisegepäck und ledernen Sitzbezügen. Heute ist es ein großartig geführtes Haus für Luxus aller Art. Ähnliche Brüche hat ja auch die Uhrenbranche schon erlebt. Und auch wenn die Schmuckindustrie nun seit Jahrtausenden von der Magie ihrer Grundstoffe lebt – sie muss sich diese Relevanz und Aufmerksamkeit immer neu erarbeiten.

Jetzt, im 21. Jahrhundert, verändern sich viele Aspekte modernen Lifestyles doch drastisch. Warum soll das nicht auch das Geschäft mit Diamanten, Brillanten und Rubinen treffen?
Ich bin mir gar nicht sicher, ob die Menschen sich im Grunde ihres Herzens so sehr verändert haben. Klar sind Frauen heute weit unabhängiger als vor 50 Jahren. Aber sonst …

Was bedeutet zum Beispiel Digitalisierung für die Richemont-Marken?
Die Technologie durchdringt heute natürlich alles. Aber ich bin auch nicht besessen von der Digitalisierung.

Sondern?
E-Commerce wird den stationären Handel vielfach ersetzen irgendwann. Aber solche Zyklen sind sehr lang. Und für unser Geschäft bin ich fest davon überzeugt, dass das Erlebnis in unseren Geschäften ein zentraler Bestandteil unseres Erfolgs bleiben wird. Der persönliche Kontakt zu unseren Fachleuten, das haptische Erleben unseres Schmucks … all diese Dinge. Für wichtiger halte ich die Kommunikationsmöglichkeiten via Internet. Noch vor 20 Jahren konnten wir unsere Produkte ja allenfalls in unseren Boutiquen, Ausstellungen oder Katalogen erklären. Heute können wir über die unterschiedlichsten Kanäle Abermillionen von Menschen erreichen.

Ist Onlinehandel für Van Cleef & Arpels relevant?
Er ist noch begrenzt, wächst aber.

Sie meinen, auch die teuerste Haute Joaillerie ließe sich mit zwei Klicks verkaufen?
Warum nicht? Auch bei Luxusmode funktioniert das ja bis zu einem gewissen Maße, wie man an Plattformen wie Net-à-porter sehen kann. Wichtiger fast als der Verkauf: Ich kann ganz besondere Einzelstücke, die ich sonst allenfalls in weltweit nur ein Schaufenster stellen kann, einer großen Zahl von Interessenten zugänglich machen. Das gilt für Luxus‧immobilien wie für Kunst oder Juwelen. So findet das Produkt via Netz sein Publikum.

Apropos Globalisierung: Wie wichtig, wie gefährlich sind die aktuellen Proteste in Hongkong für Richemont?
Das Einzige, was wir bisher sagen können: Der Verkehr von und nach Hongkong hat durch die Ausschreitungen stark gelitten. Und Hongkong ist nun mal ein unglaublich bedeutendes Drehkreuz und wurde als solches zu einer Schlüsselmetropole – für Van Cleef & Arpels, für Richemont, aber auch für die ganze Luxusgüterindustrie. Wenn dort der Verkehr um 40, 50 Prozent einbricht, hat das natürlich direkte Auswirkungen auf Handel und Wirtschaft.

Wie geht es in Hongkong weiter?
Das kann uns derzeit niemand sagen. Meine subjektive Prognose: Hongkong wird und muss eine zentrale Plattform für den Handel mit ganz Asien bleiben. Aber es kann natürlich sein, dass sich da ein neues Gleichgewicht bildet mit anderen Metropolen in Asien.

Wie gehen Sie mit dem Thema künstliche Diamanten um? Werden die Steine aus dem Labor Ihre Branche revolutionieren?
Ich denke nicht. Vor allem werden sie nicht die Art beeinflussen, wie wir selbst unser Geschäft betreiben.

Van Cleef & Arpels würde nie Labor-Diamanten verwenden?
Auf keinen Fall, niemals. Diese Produkte haben letztlich keinen Wert. All das Gerede über die vermeintliche Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit dieser Steine ist ein schlechter Scherz. Es hilft dem Planeten in keiner Weise, Diamanten im Labor herzustellen, braucht aber selbst jede Menge Energie und ist am Ende immer etwas Künstliches, kein natürlich und über viele, viele tausend Jahre entstandener Schatz. Das erst macht ja die Magie von Edelsteinen aus. Echte Diamanten haben immer zwei Dinge gemeinsam: Sie sind selten – und auch deshalb wertvoll.

Im vergangenen Jahr kündigte Chopard an, nur noch ethisch produziertes Gold zu verwenden. Tiffany versprach, die Wertschöpfung seiner Diamanten hundertprozentig transparent zu machen. Zugleich wurde da vielen Kunden erst klar, unter welchen menschenunwürdigen Bedingungen die Rohstoffe in vielen Minen bis heute geschürft werden.
Für uns bei Richemont ist die Frage der Nachhaltigkeit heute eine absolut zentrale. Alles ist da wichtig: von den Arbeitsbedingungen über Umweltgesichtspunkte bis zu Verpackungsmaterialien. Es ist allerdings auch schwierig, wenn nicht sogar gefährlich, allzu viele Versprechen abzugeben, wenn doch noch viele alte Strukturen gerade erst umgebaut werden.

Was bedeutet es eigentlich, wie Van Cleef & Arpels Teil eines viele Marken umfassenden Luxuskonglomerats wie Richemont zu sein?
Gar nicht so viel, wie Sie vielleicht denken. Die Struktur unserer Genfer Richemont-Zentrale ist ziemlich simpel: Alles, was mit einer Marke selbst zu tun hat, wird von dieser auch gesteuert. Aber wenn es um logistische, technische, finanzielle Steuerungsfragen geht, ist Genf als Anlaufstelle für alle sehr hilfreich – auch für uns. Wenn wir etwa in einem Land neu starten wollen, wo wir bislang vielleicht gar nicht vertreten sind, unterstützt uns dieses Backoffice sehr. Da geht es nicht um Kollektionen, sondern zum Beispiel um Steuerfragen, Zölle, Standortmieten, Versicherungen. All diese Dinge kann uns Richemont abnehmen.

Sie spielen auch bei Richemont eine Sonderrolle, weil Sie als aktiver Geschäftsführer dort zugleich im Board sitzen.
Das hat zunächst mal den Vorteil, dass ich die Informationen aus erster Hand bekomme. Aber im Ernst: Meine Aufgabe ist es sicher auch, dort eine spezielle und individuelle Sicht aufs Geschäft einzubringen. Da sitzen übrigens sehr unterschiedliche Perspektiven am Tisch. Das hilft.
Vergleicht man die Richemont-Aktie mit der von anderen Luxus-Konzernen wie LVMH oder Hermès, erlebte Ihre Aktie schon etliche Aufs und Abs. Woran liegt das?

Das kann ich zwar ohnehin nicht kommentieren. Aber ich weiß es auch nicht. Aus dem Kurs lassen sich jedenfalls keine Strategien für die Zukunft ableiten, was ja viel wertvoller wäre. Im operativen Geschäft kann es natürlich mitunter frustrierend sein, wenn man sieht, wie sich der Kurs vielleicht gerade ganz anders entwickelt als das eigene Geschäft. Am Ende ist indes entscheidend, welche Vision unser Chairman Johann Rupert und das ganze Board verfolgen.

Sie erleben Richemont jedenfalls trotz Börsennotierung noch als Familienunternehmen, oder?
Herr Rupert hat auf jeden Fall den Vorsitz über die gesamte Gruppe, und das hilft sehr: Einer entscheidet.
Vielen Dank für das Interview, Monsieur Bos.

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