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Night of Light „Die Lage ist katastrophal“: Eventbranche mit holprigem Neustart nach der Corona-Pause

Endlich beginnen Theater und Festivals wieder. Doch mit weniger Gästen rentieren sich viele Events nicht. Und manche Fachkraft ist abgewandert.
22.06.2021 - 13:49 Uhr 1 Kommentar
Die Veranstaltungsbranche macht mit roten Lichtinstallationen auf ihre Not aufmerksam. Quelle: imago images/Michael Matthey
Illuminiertes Neues Rathaus in Hannover

Die Veranstaltungsbranche macht mit roten Lichtinstallationen auf ihre Not aufmerksam.

(Foto: imago images/Michael Matthey)

Düsseldorf Vom Theater bis zum Tanzklub: Dienstagnacht ab 22 Uhr werden tausende bekannte Gebäude und Veranstaltungsorte rot illuminiert. Die Eventbranche will mit der „Night of Light“ auf ihre Not in der Pandemie aufmerksam machen.

„Die Lage ist auch nach Ende des Lockdowns katastrophal“, sagt Sandra Beckmann, Geschäftsführerin Event-Kombinat und Mitinitiatorin der Brancheninitiative Alarmstufe Rot, die die „Night of Light“ zum zweiten Mal organisiert.

Vor einem Jahr wurden bundesweit fast 9000 Gebäude rot angestrahlt. Seitdem hat sich an der prekären Lage der Veranstaltungsbranche wenig gebessert. Seit 16 Monaten machen Konzertveranstalter, Schausteller, DJs, Musiker oder Bühnentechniker und Messebauer so gut wie kein Geschäft. In anderen Jahren setzt der sechstgrößte Wirtschaftszweig mit fast 1,5 Millionen Beschäftigten dagegen rund 130 Milliarden Euro um.

Auch das Event-Kombinat aus Castrop-Rauxel steht seit April 2020 ohne Einnahmen da. Sonst veranstaltet Beckmann im Jahr etwa 120 Events. Sie organisiert für Konzerte, Kongresse oder Modeschauen die verschiedenen Gewerke mit – von Bühnenbau über Tontechnik bis Catering.

Vom Staat gab es neben Sofort- und Neustarthilfe für Selbstständige die November- und Dezemberhilfen. Die Unternehmerin lebt als Alleinerziehende mit drei Kindern derzeit vom Arbeitslosengeld II. Ihre Auftragsbücher sind weiterhin leer.

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Jede Veranstaltung ist ein Verlustgeschäft

Denn der lang ersehnte Neustart der Veranstaltungsbranche gestaltet sich schwierig. „Viele Events, die etwa auf 10.000 Leute ausgelegt sind, rechnen sich nicht, wenn nur 500 Personen kommen dürfen“, erklärt Beckmann.

Viele Großevents und Volksfeste von Oktoberfest in München bis Rheinkirmes in Düsseldorf sind abgesagt. Der Hamburger Sommerdom indes soll Ende Juli etwas kleiner starten – mit nur 10.000 Besuchern gleichzeitig und Nachweis über Impfung, Genesung oder Negativtest.

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Die Berliner Komödie kann seit Anfang Juni immerhin wieder spielen. Das Privattheater – 1924 von Max Reinhardt gegründet – darf allerdings höchstens 570 Leute versetzt im Saal platzieren. Sonst passen mehr als 1000 Besucher ins Theater. „Vom normalen Spielbetrieb sind wir weit entfernt“, sagt Martin Woelffer, Theaterchef in dritter Generation.

Der Kartenverkauf läuft verhalten. „Das liegt vielleicht am guten Wetter und der EM“, mutmaßt Woelffer. So verkauft die Komödie derzeit nur etwas die Hälfte der möglichen Tickets. „Das ist ein Verlustgeschäft für uns“, sagt der Intendant und betont: „Wichtig ist für uns im Augenblick, dass Theater überhaupt wieder möglich ist und dass wir den freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern wieder einen Job geben können.“

Vor Corona war das Privattheater profitabel. 150.000 bis 200.000 Zuschauer kommen jedes Jahr. Eine Million Euro an Kultursubventionen erhält das Theater jährlich.

Für den Theaterchef in dritter Generation ist derzeit jede Aufführung der Berliner Komödie ein Verlustgeschäft. Quelle: Michael Petersohn
Theaterintendant Martin Woelffer

Für den Theaterchef in dritter Generation ist derzeit jede Aufführung der Berliner Komödie ein Verlustgeschäft.

(Foto: Michael Petersohn)

So viel kostete allein die Produktion des Stücks „Orientexpress“. Die Komödie bekam 1,4 Millionen Euro Corona-Hilfen aus verschiedenen Töpfen. Die 50 Festangestellten waren bisher in Kurzarbeit. „Wir sind für die staatlichen Gelder sehr dankbar“, sagt Woelffer. „Denn ohne diese Hilfen hätten wir als Privattheater nicht überlebt.“

Der Theaterchef hofft nun auf den Sonderfonds Neustart Kultur, der Mindereinnahmen kompensieren soll. Die Bundesregierung stellt dafür 2,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Hilfen bekommen ab Juli Veranstaltungen mit bis zu 500 Personen und ab August solche mit bis zu 2000 Gästen. Gibt es pandemiebedingt mindestens 20 Prozent weniger Besucher, erhalten Veranstalter den Preis für jedes verkaufte Ticket nochmals als Zuschuss. Der Betrag ist bei 100.000 Euro pro Event gedeckelt.

Hinzu kommt eine öffentliche Ausfallabsicherung für größere Kulturveranstaltungen, die ab September geplant werden. Denn private Versicherungen wollen Pandemieschäden nicht mehr abdecken. Konzerte und Festivals für mehr als 2000 Besucher erhalten bei Absage 80 Prozent der Vorlaufkosten. Kleinere Kulturevents bekommen die Hälfte ihrer Kosten ersetzt.

Beckmann begrüßt den staatlichen Sonderfonds für Kultur. „Aber Kunst und Kultur machen nur zwölf Prozent der Veranstaltungswirtschaft aus. Alle anderen sind nicht abgedeckt“, kritisiert sie. „Zum Neustart brauchen wir für alle Events – auch die wirtschaftsbezogenen – eine staatliche Ausfallversicherung.“

In Wacken feiern wieder Metal-Fans

Den lautstarken Ruf nach dem Staat in der Pandemie kann Thomas Jensen verstehen. Er ist Mitgründer und Geschäftsführer des Wacken Open-Air-Festivals. „Aber letztlich hilft der Kultur viel mehr, wenn die Menschen wieder Karten für Klubs und Konzerte kaufen“, sagt er.

Jensen blickt erwartungsvoll auf Mitte September. Dann findet in Wacken mit „Bullhead City“ das erste größere Musikfestival in Deutschland seit der Pandemie statt.

„Wenn in Wacken wieder etwas losgeht, ist das ein wichtiges Signal für die ganze Branche“, sagt Jensen. Das große Wacken Festival dagegen wurde zum zweiten Mal verschoben – nun auf 2022. Im 30. Jahr des Bestehens kamen 2019 etwa 75.000 Heavy-Metal-Fans aus aller Welt auf die Äcker des schleswig-holsteinischen Dorfs.

Für das dreitägige „Bullhead City“-Festival fangen die Veranstalter an, mit 20.000 Besuchern pro Tag zu planen, alle müssen genesen, geimpft oder getestet sein. „Es können gern mehr werden. Schließlich sind die Fans Teil des Events“, so Jensen. „Wir wollen die gleiche Emotionalität schaffen, die sie gewohnt sind.“

„Wenn in Wacken wieder etwas  losgeht, ist das ein wichtiges Signal für die ganze Branche“, sagt Geschäftsführer Thomas Jensen (links), neben Kollege Holger Hübner. Quelle: ICS Festival Service GmbH
Gründer von Wacken Open Air

„Wenn in Wacken wieder etwas losgeht, ist das ein wichtiges Signal für die ganze Branche“, sagt Geschäftsführer Thomas Jensen (links), neben Kollege Holger Hübner.

(Foto: ICS Festival Service GmbH)

Einiges wird aber anders sein: Einlass erhalten nur Getestete, Geimpfte und Genesene. Diesmal gibt es auch Tagestickets. Mehr als 30 Millionen Euro setzt das Wacken Open Air normalerweise um. Hinzu kommen die Umsätze für Tankstellen, Gastwirte und Geschäfte in der Region. „Unser Festival ist zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden“, so Jensen.

Die 40 Festangestellten sind überwiegend in Kurzarbeit. „Wir sind ganz gut durch die Krise gekommen, auch weil fast alle treuen Fans ihre Tickets behalten und uns mit dem Kauf von Wacken-T-Shirts unterstützt haben.“ Auch diverse Hilfen hat der Veranstalter beantragt.

Von den Dienstleistern sind zwar so manche in andere Jobs abgewandert. „Doch die meisten kommen zurück, das sind schließlich Überzeugungstäter. Denen liegt ein Nine to Five-Job weniger“, ist Jensen sicher.

Rund ein Viertel der Erwerbstätigen in der Veranstaltungsbranche ist laut Alarmstufe Rot selbstständig. Viele waren in der Krise gezwungen, sich branchenfremde Tätigkeiten zu suchen. Messebauer arbeiten nun als Küchenbauer, Bühnenbauer als Industriekletterer.

„Denn die Hilfen der Regierung für Selbstständige sind völlig unzureichend“, kritisiert Beckmann. Sie geht davon aus, dass 40 Prozent der abgewanderten Selbstständigen dauerhaft nicht oder nur sehr verzögert wiederkommen. Viele fragten sich, wie zukunftssicher das Geschäft sei.

Die Initiative Alarmstufe Rot hält eine Verlängerung der Überbrückungshilfen und Kurzarbeit bis mindestens Jahresende statt Ende September für überlebensnotwendig. Sonst könnten viele Firmen Mitarbeiter nicht mehr halten. „Dann kann die Eventbranche keine Aufträge mehr planen oder umsetzen, weil Fachkräfte endgültig fehlen.“ Auch Azubis sähen nur wenig Perspektiven. Die Veranstaltungsbranche steuere in fünf bis sechs Jahren auf einen erheblichen Nachwuchsmangel hin, fürchtet sie.

Mehr: Veranstaltungsbranche fordert Ausfallfonds für Business-Events

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  • In der Corona-Zeit hat man realisiert was man am wenigsten vermisst? Ganz oben auf der Liste: EVENTS.

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