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Onlinehändler Attacke auf Amazon – Bundeskartellamt leitet Missbrauchsverfahren ein

Nutzt der Konzern seine Dominanz zu Lasten der auf dem Marktplatz tätigen Händler aus? Dem Verdacht gehen nun Deutschlands oberste Kartellwächter nach.
Update: 29.11.2018 - 17:45 Uhr Kommentieren
Amazon: Bundeskartellamt leitet Missbrauchsverfahren ein Quelle: Reuters
Amazon

Das Bundeskartellamt leitet ein Verfahren gegen den US-Konzern ein.

(Foto: Reuters)

Berlin Der Händler war verzweifelt. Amazon hatte ihm ohne Vorwarnung sein Verkäuferkonto auf dem Marketplace gesperrt. Die Begründung: Er habe gebrauchte Artikel als Neuware verkauft. „Dabei wird dieses Problem nachweislich von Amazon verursacht“, schrieb er im Händlerforum. Denn er lässt alle Artikel von Amazon aus deren Lager verschicken. Auch die Retouren landen dort. Also muss Amazon selbst ein retourniertes Produkt erneut verschickt haben – über das sich dann anschließend ein Kunde beschwerte.

Es folgte das übliche Prozedere: Alle Kommunikation lief nur per Mail, der Händler sollte einen Maßnahmenplan einreichen, wie das Problem zu lösen sei, dann wartete er tagelang vergeblich auf Antwort von Amazon. Die Antworten aus dem Forum waren gleichzeitig entmutigend.

„Wir haben das leider schon mehrfach hinter uns“, schrieb einer. Es dauerte zwei Wochen bis das Konto wieder freigeschaltet war. Zwei Wochen, in denen der Händler über Amazon nicht verkaufen konnte.

Das ist kein Einzelfall. Immer wieder erleben Onlinehändler, dass sie von Amazon ohne einen für sie erkennbaren Grund gesperrt werden, dass Zahlungen einbehalten werden oder dass Haftungsregeln zu ihren Ungunsten ausgelegt werden. Kaum einer redet offen darüber, weil viele Händler von Amazon abhängig sind. Doch etliche Händler haben sich beim Bundeskartellamt gemeldet – und das will jetzt durchgreifen.

„Aufgrund der vielen uns vorliegenden Beschwerden werden wir prüfen, ob Amazon seine Marktposition zulasten der auf dem Marktplatz tätigen Händler ausnutzt“, erklärt Kartellamtschef Andreas Mundt. Das Amt hat jetzt ein offizielles Missbrauchsverfahren gegen Amazon eingeleitet. „Die Geschäftsbedingungen und Verhaltensweisen von Amazon gegenüber den Händlern werden damit umfassend auf den Prüfstand gestellt.“

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Was die Behörde besonders kritisch sieht: Viele deutsche Händler und Hersteller sind auf Amazon als Verkaufsplattform angewiesen. Rund 2,1 Milliarden Euro haben sie im vergangenen Jahr über den Marketplace umgesetzt. Zugleich aber ist Amazon als größter deutscher Onlinehändler ihr direkter Konkurrent. „Das birgt das Potenzial für Behinderungen von anderen Händlern auf der Plattform“, warnt der Kartellamtspräsident.

Amazon will keinen Kommentar dazu abgeben, weil es sich um ein laufendes Verfahren handele. „Wir werden jedoch vollumfänglich mit dem Bundeskartellamt kooperieren und weiterhin daran arbeiten, kleine und mittlere Unternehmen in ihrem Wachstum zu unterstützen“, ergänzte ein Amazon-Sprecher.

Verfahren kommt nicht überraschend

Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) hat die Einleitung des Missbrauchsverfahrens begrüßt. „Die großen Internetplattformen prägen nicht nur unseren Alltag, sondern haben auch eine erhebliche Marktmacht erlangt. Diese dominierende Stellung dürfen sie gegenüber kleinen Händlern nicht missbrauchen“, sagte Barley dem Handelsblatt. Deshalb sei es richtig, dass sich das Kartellamt die Geschäftsbedingungen und Verhaltensweisen von Amazon gegenüber Händlern auf seinem deutschen Online-Marktplatz genau anschaue. „Erforderlichenfalls müssen dann auch die entsprechenden Maßnahmen ergriffen werden“, so Barley.

Für den Wettbewerbsexperten Justus Haucap kommt das Verfahren nicht überraschend. „Konsequenzen könnten neben einer Geldbuße auch Auflagen sein, bestimmte Praktiken gegenüber den Marketplace-Händlern zu beenden“, sagte der ehemalige Chef der Monopolkommission und Direktor des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerbsökonomik dem Handelsblatt. „Diese wiederum könnten in einem solchen Fall auch private Schadensersatzforderungen gegen Amazon geltend machen.“

„Das Verfahren ist nicht nur berechtigt, sondern fast schon überfällig“, sagt Mark Steier, Herausgeber des Fachdienstes Wortfilter.de und einer der renommiertesten deutschen Plattformexperten. „Kleine und mittlere Händler leiden stark unter dem Verhalten von Amazon.“ Zentrales Problem ist die sogenannte „Buybox“, der prominenteste Platz bei der Anzeige von Produkten. „Amazon sperrt sie, sodass nur sie selbst die Produkte erfolgreich verkaufen. Und das, obwohl die Marketplace-Händler die Artikel teilweise wesentlich günstiger anbieten“, beobachtet Steier.

Auch gehe Amazon nahezu jede Preisreduzierung der Händler mit. „Mir sind Fälle bekannt, in denen Hersteller berichten, dass Amazon die Ware unter dem Einkaufspreis anbietet“, sagt Steier. Die größte Herausforderung der Händler sei die „Gutsherrenart“, mit der Amazon die Partnerschaft pflegt. „Auch wenn viele Suspendierungen einen guten Grund haben, so gibt es aber auch oft Fälle, in denen Händler grundlos vom Handel ausgeschlossen werden“, sagt der Plattformexperte. „Mir ist erst kürzlich ein Fall bekannt geworden, in dem ein Händler 15 seiner Mitarbeiter wegen einer Sperrung des Accounts kündigen musste.“

Bußgelder stehen nicht im Vordergrund

Auch das Kartellamt listet in seiner Mitteilung Ansatzpunkte auf, bei denen der weltgrößte Onlinehändler seine Macht ausgenutzt haben könnte. Ein Missbrauch könne unter anderem bei Haftungsregeln zulasten der Händler liegen, bei Regeln zu Produktrezensionen, intransparenten Kündigungen und Sperrungen von Händlerkonten oder beim Einbehalt von Zahlungen.

Das schärfste Schwert, das das Bundeskartellamt hat, ist die Möglichkeit, Unternehmen zur Aufgabe von gewissen Praktiken zu zwingen. Bußgelder stehen weniger im Vordergrund. Die Verfahren dauern oft mehrere Jahre, weil alles sehr genau und gerichtsfest geprüft werden muss. Auch die EU prüft zurzeit, ob Amazon seine Macht gegenüber Händlern missbraucht, konzentriert sich dabei aber auf die Frage, wie es die Daten der Händler nutzt.

Die Kartellamtsermittlungen kommen zu einer Zeit, in der deutsche Konkurrenten Amazon im Marktplatz-Geschäft angreifen wollen. Otto etwa wirbt um Partner, veranstaltete im Sommer einen Partner-Tag in einem umgestalteten ehemaligen Versandlager auf seinem Hamburger Firmengelände.

Otto-Vorstand Marc Oppelt hat gerade angekündigt, in fünf Jahren 50.000 Partner auf der neu aufgesetzten Plattform haben zu wollen, bislang seien es erst 500. Voraussetzung für den Start des Marktplatzes waren hohe Investitionen in die Modernisierung der Software. Mit dabei sind bereits große Markenhersteller wie Adidas. Inzwischen gebe es stapelweise Anfragen von Interessenten, sagte ein Sprecher am Donnerstag.

Auch der Amazon-Konkurrent Real.de beobachtet das Verfahren des Kartellamts aufmerksam. „Das Vorgehen des Bundeskartellamtes zeigt aus unserer Sicht, dass es für Händler auf Online-Marktplätzen enorm wichtig ist, nicht nur auf einem, sondern auf möglichst vielen Plattformen präsent zu sein“, sagt Real-Chef Henning Gieseke. Real hat vor zwei Jahren den Marktplatz Hitmeister übernommen und baut seitdem seinen Web-Shop zu einer Plattform aus, auf der mittlerweile 5 000 Händler mit zusammen 15 Millionen Produkten handeln.

Doch Experte Steier glaubt nicht, dass das kurzfristig die Macht von Amazon eingrenzen kann: „Die Marktplätze Otto und Real.de sind aufgrund ihrer geringen Relevanz für die Händler kaum von Bedeutung.“

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