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Lagerhalle statt Apothekerschrank

Der Onlineversand von Medikamenten in Deutschland wächst.

(Foto: LAIF)

Pharmabranche Deutsche Onlineapotheken fallen hinter die Konkurrenz zurück

Der Versandhandel mit Arzneimitteln ist ein Milliardenmarkt. Heimische Anbieter haben jedoch einen schweren Stand – und auch Amazon bringt sich in Position.
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Berlin, FrankfurtVor etwa zwei Jahrzehnten suchte Christian Buse nach Wachstumsmöglichkeiten für die elterliche Apotheke in der Kleinstadt Wittenberg in Sachsen-Anhalt. Die Antwort fand er im Internet. Gemeinsam mit seinem Bruder gründete er 2001 einen Onlinehandel für Gesundheitsprodukte.

Als die damalige rot-grüne Bundesregierung drei Jahre später den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten erlaubte, war Buses Unternehmen Mycare einer der ersten Anbieter in Deutschland. Mittlerweile ist die Firma mit mehr als 40 Millionen Euro Umsatz im Jahr eine der großen deutschen Onlineapotheken – und liegt dennoch meilenweit hinter der Konkurrenz aus dem Ausland.

Und der Abstand dürfte noch größer werden. Buse sieht die Zukunft der deutschen Arzneimittelversender jedenfalls pessimistisch: „Es besteht die Gefahr, dass deutsche Anbieter aus dem Markt ausscheiden“, sagt der Mycare-Chef, der auch dem Bundesverband Deutscher Versandapotheken (BVDVA) vorsitzt.

Die Entwicklung der vergangenen Jahre sei „sehr unerfreulich“ gewesen. Buse kritisiert, dass die starren Regeln für deutsche Apotheken die heimischen Onlineanbieter hemmen. Anders als die EU-Konkurrenz dürfen sie bei verschreibungspflichtigen Medikamenten keine Rabatte geben, und sie dürfen keine Finanzinvestoren aufnehmen.

Die ausländischen Versandapotheken eilen unterdessen mit zweistelligen Wachstumsraten davon. Die beiden größten Konkurrenten für die deutschen Medikamentenversender sitzen in den Niederlanden: DocMorris, das zum Schweizer Konzern Zur Rose gehört, und die Shop Apotheke Europe.

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Beide kurbeln mit hohen Marketingausgaben den Kundenzustrom an, gezielte Akquisitionen sorgen für zusätzlichen Schub. Laut einer dem Handelsblatt vorliegenden Analyse der Managementberatung Dr. Kaske haben die niederländischen Anbieter den deutschen Onlineapotheken alleine vergangenes Jahr knapp 200.000 Kunden abgejagt. Dazu kamen noch einmal fast 500.000 deutsche Neukunden für DocMorris & Co.

Die DocMorris-Mutter Zur Rose wuchs im Geschäftsjahr 2017 insgesamt um knapp zwölf Prozent auf 983 Millionen Schweizer Franken, in Deutschland betrug das Plus 16 Prozent. Im ersten Halbjahr 2018 beschleunigte sich das Wachstum der Zur Rose Group auf 30 Prozent, in Deutschland stieg der Umsatz bis zur Jahresmitte um 38 Prozent auf 291 Millionen Euro – auch dank der Übernahmen der Versandapotheken Eurapon und Vitalsana.

Shop Apotheke legt in Deutschland um 120 Prozent zu

In diesem Jahr schlagen weitere Übernahmen wie Aporot und Medpex zu Buche. Für 2019 erwartet Zur Rose bei einem Wachstum von mehr als 30 Prozent einen Umsatz von mindestens 1,6 Milliarden Schweizer Franken, mehr als die Hälfte davon dürfte aus Deutschland kommen.

Shop Apotheke Europe, die Ende 2017 die Europa Apotheek Venlo übernahm, wiederum meldet für die ersten neun Monate 2018 ein Wachstum von 104 Prozent auf 389 Millionen Euro und erwartet für das Gesamtjahr 2018 bis zu 570 Millionen Euro Umsatz.

In Deutschland legte das Unternehmen sogar um 120 Prozent auf 102 Millionen Euro zu. Insgesamt wuchs der deutsche Medikamentenversand nach aktuellen Zahlen des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens IQvia in den ersten elf Monaten 2018 lediglich um sechs Prozent auf 2,1 Milliarden Euro – inklusive der Umsätze der niederländischen Anbieter.

DocMorris und Shop Apotheke Europe wachsen also viel schneller als die deutschen Konkurrenten und sind ihnen schon uneinholbar enteilt. Die beiden größten unabhängigen Versandapotheken in Deutschland – Medikamente per Klick und Apotal – kommen nach Berechnungen von Dr. Kaske auf Jahresumsätze zwischen 90 und 100 Millionen Euro.

Und während die inhabergeführten deutschen Apotheken nur begrenzte Expansionsmittel haben, konnten sich Shop Apotheke Europe und die DocMorris-Mutter Zur Rose durch Börsengang, Kapitalerhöhungen und Anleihen dreistellige Millionenbeträge besorgen.

Rufe nach Verbot des Onlinehandels bleiben unerhört

Neben dem deutschen Fremd- und Mehrbesitzverbot, das die Aufnahme von Investoren unterbindet, sieht Buse die heimischen Versandapotheken auch durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom Oktober 2016 benachteiligt. Die Luxemburger Richter entschieden damals, dass Onlineapotheken aus dem EU-Ausland beim Versand rezeptpflichtiger Arzneimittel nach Deutschland Rabatte geben dürfen.

Damit sollten Nachteile beim Marktzugang in der Bundesrepublik ausgeglichen werden. Deutsche Onlineapotheken müssen sich dagegen an die deutsche Preisbindung für Medikamente auf Rezept halten. „Es müssen die gleichen Rahmenbedingungen für alle gelten“, fordert Buse.

Doch die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) sperrt sich gegen Rabatte. Als Reaktion auf das Urteil versuchte die Lobby der Vor-Ort-Apotheken, sogar ein Komplettverbot des Onlinehandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zu erreichen, bislang aber ohne Erfolg.

Stichwort

20

Prozent

des Umsatzes der in Deutschland tätigen Onlineapotheken entfallen auf verschreibungspflichtige Medikamente. Quelle: IQVia

Im Dezember eröffnete Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) der ABDA, dass auch er wegen europarechtlicher Unwägbarkeiten kein Versandhandelsverbot plane – obwohl der Punkt im Koalitionsvertrag steht.

Stattdessen bot er ein Paket mit zusätzlichen Vergütungen für Vor-Ort-Apotheken in Höhe von 375 Millionen Euro an. Spahns Eckpunkte sehen auch vor, den Marktanteil ausländischer Onlineapotheken bei verschreibungspflichtigen Medikamenten zu begrenzen und die Rabatte bei 2,50 Euro pro Packung zu deckeln. Am Donnerstag will die ABDA entscheiden, wie sie sich zu dem Angebot positioniert.

Deutschen Händlern drohen weitere Nachteile

Die Sorgen der deutschen Onlineapotheken hat der Minister dagegen bislang nicht berücksichtigt, sie werden wohl auch weiter keine Rabatte bei rezeptpflichtigen Arzneimitteln geben dürfen. „Das ist Wirtschaftsförderung für den Standort Holland“, empört sich Buse mit Blick auf die Konkurrenz aus dem Nachbarland. „Wenn Spahn die Benachteiligung von inländischen Versandapotheken nun per Gesetz festschreibt, müssen wir im Sinne unserer Unternehmen verfassungsrechtlich dagegen vorgehen.“

Der BVDVA-Vorsitzende befürchtet, dass die Lage der deutschen Onlineapotheken noch schwieriger wird, wenn Patienten künftig die ärztlich verordneten Medikamente per elektronischem Rezept einlösen können. Das Gesundheitsministerium legt dafür gerade die gesetzlichen Grundlagen.

„Das E-Rezept kann wie ein Beschleuniger wirken, wenn die Ungleichbehandlung nicht beendet wird“, sagt Buse. „Denn wenn Kunden ihr Rezept einfach elektronisch einlösen können, werden sie das eher dort tun, wo sie Rabatte bekommen.“

Es besteht die Gefahr, dass deutsche Anbieter aus dem Markt ausscheiden. Christian Buse, Bundesverband Deutscher Versandapotheken

Die Branchenriesen aus dem EU-Ausland unterstützen die Forderung des BVDVA, die Preisbindung bei verschreibungspflichtigen Medikamenten für alle Marktteilnehmer in Deutschland zu lockern. Arzneimittel auf Rezept machen im deutschen Versandhandel insgesamt nur rund 20 Prozent des Umsatzes aus, wie Zahlen des Marktforschungsinstituts IQVia belegen. Den größten Anteil daran haben die ausländischen Anbieter, die deutschen Versandapotheken verkaufen vor allem rezeptfreie Produkte.

„Die große Bedrohung für die inländischen Versandapotheken ist nicht, dass ihnen Geschäft mit verschreibungspflichtigen Medikamenten abgenommen wird“, sagt daher Tobias Brodtkorb, Managing Partner der Unternehmensberatung Sempora. Denn der allergrößte Teil des Geschäftes im Versandapothekenmarkt werde mit freiverkäuflichen Medikamenten und Apothekenkosmetik gemacht.

Deutschen Apotheken fehlen „schlicht die Mittel“

Die ausländischen Apothekenkonzerne könnten gerade in diesem Bereich dank ihrer Kapitalkraft mit großen Werbeaktionen, besserem Marketing und höheren Rabatten neue Kunden gewinnen, erklärt Brodtkorb. „Um hier konkurrieren zu können, fehlen den inländischen Versandapotheken, die ja stationäre Apotheken mit einem angeschlossenen Medikamentenversand sind, schlicht die Mittel.“

Die Luft für die inländischen Medikamentenversender wird immer dünner. Doch auch DocMorris und Shop Apotheke Europe können nicht gänzlich sorgenfrei in die Zukunft blicken. „Amazon ist für den gesamten deutschen Apothekenmarkt der Schrecken am Horizont“, sagt Brodtkorb.

Der US-Internetriese könnte durch seine Größe und Marktmacht auch den Versandapotheken aus dem EU-Ausland das Leben schwer machen. Es sei nur eine Frage der Zeit, dass Amazon in den deutschen Apothekenmarkt eintrete, glaubt Brodtkorb.

Schon jetzt seien Apotheken auf dem Amazon Marketplace aktiv. „Die Möglichkeit, dass Amazon Wege findet, direkt zumindest freiverkäufliche Medikamente und Apothekenkosmetik zu verkaufen, halte ich für sehr wahrscheinlich.“

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