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Plünderung im Zweiten Weltkrieg Raubzug in Kiew – schwere Vorwürfe gegen Bahlsen

Ein neu aufgetauchtes Dokument zeigt: Bahlsen soll 1943 in Kiew eine Fabrik ausgeplündert und nach Deutschland verfrachtet haben. Heute gehört sie Ukraines Ex-Präsident Poroschenko.
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Der Kekshersteller Bahlsen soll im Zweiten Weltkrieg ein Werk in der Ukraine geplündert haben. Quelle: Christian Burkert für Handelsblatt
Umstrittene Historie

Der Kekshersteller Bahlsen soll im Zweiten Weltkrieg ein Werk in der Ukraine geplündert haben.

(Foto: Christian Burkert für Handelsblatt)

HamburgDer Süßwarenhersteller Roshen gehört zu den Vorzeige-Unternehmen in der gebeutelten Ukraine. Mit 800 Millionen Dollar Jahresumsatz liegt der Markenproduzent, der dem gerade abgewählten Ex-Präsidenten Petro Poroschenko gehört, im weltweiten Branchen-Ranking noch vor dem deutschen Keks-Erfinder Bahlsen.

Dabei verbindet beide Unternehmen eine unheilvolle historische Episode, die im Mittelpunkt der aktuellen Diskussion um NS-Zwangsarbeit bei Bahlsen steht: Roshen ist der Nachfolger jener 1886 gegründeten Großbäckerei, die während der Besetzung Kiews im Zweiten Weltkrieg unter der Verwaltung von Bahlsen stand. Das zeigt eine Chronik, die dem Handelsblatt in Auszügen vorliegt.

Der damalige, 1985 verstorbene Firmenchef Werner Bahlsen wählte in der Fabrik in den Jahren 1942 und 1943 nicht nur eine dreistellige Zahl von Zwangsarbeitern zum Transport nach Hannover aus. Offenbar ließ er vor der absehbaren Niederlage der Wehrmacht in der Schlacht um Kiew Ende 1943 auch die Produktionsanlagen abtransportieren. Die Chronik aus dem Roshen-Firmenarchiv aus dem Jahr 1978 beschuldigt das Unternehmen direkt eines Raubzugs: „Bei der Flucht aus Kiew brachte die Firma Bahlsen sämtliche Ausstattung der Fabrik, Rohstoffe und andere Materialien nach Deutschland“, heißt es in dem Dokument.

Während der deutschen Besatzung soll das Unternehmen zweimal ausgeräumt worden sein. Die Rohstoffe aus dem damaligen Kombinat „Karl Marx Süßwaren“ seien bereits in den ersten Monaten der Besatzung – also Ende 1941 – erstmals geplündert worden, bevor das Unternehmen an Bahlsen übergeben worden sei, schildert die Chronik. Danach lief die Fabrikation unter Werner Bahlsens Leitung mit 1500 Mitarbeitern wieder an.

Werner Bahlsen äußerte in einem auf August 1942 datierten Schreiben an die SS über die Ankunft von ukrainischen Arbeiterinnen in Hannover die Hoffnung, diese Menschen zu einem späteren Zeitpunkt – also offenbar nach einem „Endsieg“ – beim Aufbau in Kiew einsetzen zu können. Offenbar plante er die Eingliederung des Werks in sein Unternehmen.

Fabrik in Kiew wurde teilweise zerstört

Vor dem Eindruck der deutschen Niederlagen ab Ende 1942 änderte Bahlsen seine Strategie. Bahlsen habe die Fabrik teils verwertet, teils zerstört, heißt es in der Chronik, die unter dem Titel „Die Geschichte der Arbeit und des militärischen Ruhms der K. Marx-Süßwarenfabrik Kiew“ erstellt worden ist. Das Unternehmen habe nicht nur die Maschinen zerlegt, sondern auch die Gebäude, um Baumaterial und Brennstoff zu erhalten.

Den Gesamtschaden beziffern die Chronisten auf 247 Millionen Rubel in Preisen von 1944. Umgerechnet wären das nach heutigen Preise etwa 600 Millionen Euro. Ein Bahlsen-Sprecher erklärte auf Anfrage, der angekündigte Forschungsauftrag an den Historiker Manfred Grieger umfasse die gesamte Firmengeschichte, solle also auch die Vorgänge in Kiew aufklären.

Der 70-jährige Miteigner Werner M. Bahlsen, der Sohn des verstorbenen Werner Bahlsen, hatte die historische Untersuchung nach heftiger Kritik an Äußerungen seiner Tochter Verena Bahlsen angekündigt. Die 26-Jährige hatte frühere Darstellungen des Unternehmens wiederholt, Bahlsen habe die Zwangsarbeiter stets „gut behandelt“ und sich nichts zuschulden kommen lassen. Sie hat sich für die Äußerungen inzwischen entschuldigt.

Die historischen Vorgänge in der Kiewer Keksfabrik sind Teil einer groß angelegten Ausplünderung des Landes durch deutsche Truppen und Unternehmen. Nach dem Abzug der Deutschen aus Kiew befand sich nur noch ein Fünftel der ursprünglichen Bevölkerung in der Stadt, etwa 1.000 Fabriken waren geplündert oder zerstört worden. Insgesamt wurden in der Ukraine 2,3 Millionen Zwangsarbeiter angeworben oder verschleppt, die nach der deutschen Niederlage in der Sowjetunion oftmals als angebliche Kollaborateure Verfolgung und Lagerhaft ausgesetzt waren. 

Nach dem Krieg baute die Sowjetunion die Fabrik, in der 1940 rund 32.800 Tonnen Jahresproduktion möglich waren, wieder auf. Schon im Kriegsjahr 1944 wurde fast wieder das Vorkriegsniveau erreicht. Heute stellen am Standort Kiew, einer von acht Fabriken der Roshen-Gruppe, 800 Mitarbeiter täglich bis zu 100 Tonnen Kuchen und Mozartkugeln her.

Mehr: Archivdokumente belasten das Keksunternehmen. Werner Bahlsen beschreibt in einem Brief von 1942 die Behandlung von Zwangsarbeitern – und die Zusammenarbeit mit der SS. Sein Brief widerlegt Aussagen seiner Enkelin Verena

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1 Kommentar zu "Plünderung im Zweiten Weltkrieg: Raubzug in Kiew – schwere Vorwürfe gegen Bahlsen"

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  • Verena Bahlsen ist ein schönes Beispiel für die Selbstüberschätzung dieser Generation. Diese Kinder, schwätzen präpotent drauflos und ziehen daraus folgende Konsequenzen nicht einmal in Erwägung. Eine Generation von Naivlingen hat offenbar noch nicht begriffen, daß es vor einer Aussage vieles zu bedenken gilt. Dies ist einer der Hauptgründe für die Tatsache, daß eine gewisse Reife erforderlich ist, um in eine verantwortungsvolle Position berufen zu werden. Das Unternehmen und die Mitarbeiter müßen nun die Unreife von Fräulein Bahlsen ausbaden. Einer der vielen Nachteile der digitalen Revolution ist die Aufmerklsamkeit, die den unausgegorenen Ansichten junger Leute, heute zuteil wird.

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