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Produktpiraterie Die Fälschermafia richtet Milliardenschäden an

Durch gefälschte Produkte entgehen Firmen und Staaten Milliardenumsätze, Millionen Jobs werden vernichtet. Das Geschäft ist lukrativer als Drogenhandel, zeigt ein neuer Bericht.
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In der spanischen Metropole werden ganz offen gefälschte Markenprodukte verkauft. Quelle: Corbis News/Getty Images
Gefälschte Schuhe in Madrid

In der spanischen Metropole werden ganz offen gefälschte Markenprodukte verkauft.

(Foto: Corbis News/Getty Images)

Düsseldorf Seit 1925 baut die Firma Bruder Spielwaren aus Fürth erfolgreich Miniaturversionen von Baggern und Lastern. So erfolgreich, dass Produktpiraten die Bruder-Fahrzeuge immer wieder fälschen. Eine Warenhauskette bot kürzlich einen gelben Radlader an, der aussah wie von Bruder, nur in einer Miniausgabe.

Wer genauer hinschaute, bemerkte das billige Material und die schlechte Verarbeitung mit losen Teilen – gefährlich für Kleinkinder. Hersteller der dreisten Kopie war die Hengheng Toys Factory aus China, ausgezeichnet mit dem Schmähpreis „Plagiarius 2019“.

Firmenchef Paul Heinz Bruder ärgert das, zumal seine Firma nur in Deutschland fertigt: „Wer Produkte fälscht, vernichtet Arbeitsplätze, raubt kreative und unternehmerische Leistungen – und gefährdet nicht zuletzt oft die Gesundheit von Menschen.“

Produktpiraterie gilt als Kavaliersdelikt. Am Hafen von Barcelona bieten an die hundert afrikanischstämmige Händler Fälschungen bekannter Marken feil: von Adidas-Schuhen, FC-Bayern-Shirts, Rolex-Uhren bis zu Gucci-Taschen für zehn Euro aufwärts. Seelenruhig feilschen sie mit Touristen um den Preis. Die Polizei steht am Rand und schaut weg.

Der finanzielle Schaden, den Marken- und Produktfälscher anrichten, ist beträchtlich: Allein in der EU entgehen den elf Branchen Kleidung, Kosmetik, Spiele, Arzneimittel, Smartphones, Alkoholika, Musikaufnahmen, Uhren und Schmuck, Taschen, Sportartikel und Pestizide jährlich Einnahmen bis zu 60 Milliarden Euro.

Das entspricht 7,4 Prozent des Umsatzes dieser Industrien. Dies ermittelte das EU-Amt für geistiges Eigentum (EUIPO) im Statusbericht zur Verletzung geistigen Eigentums 2019, der dem Handelsblatt vorliegt. Durch Fälschungen gehen mehr als 467.800 Arbeitsplätze in der EU direkt verloren.

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Den EU-Staaten entgehen im Jahr 16,3 Milliarden Euro an Steuern und Sozialabgaben. „Marken- und Produktpiraterie gefährden Wachstum und Arbeitsplätze“, bringt es Christian Archambeau, Exekutivdirektor des EUIPO, auf den Punkt.

In Deutschland büßen die elf Branchen Einnahmen in Höhe von 7,2 Milliarden Euro ein, das sind 5,4 Prozent vom Umsatz. Mehr als 64.100 Arbeitsplätze gehen dadurch verloren. Besonders hart trifft es die Branchen Bekleidung (vier Milliarden Euro Umsatzverlust), Kosmetika (eine Milliarde Euro), Arzneimittel (709 Millionen Euro), Smartphones (564 Millionen Euro) und Spiele (221 Millionen Euro).

Krisensicheres Geschäft

Aber auch andere Industrien sind stark betroffen. Der Luxusarmaturenhersteller Dornbracht aus Iserlohn etwa wird häufig Opfer von Fälschern. „Wir könnten bestimmt 100 Leute mehr einstellen, gäbe es die Kopien nicht“, sagen die Firmenchefs Andreas und Matthias Dornbracht, die rund 1.000 Mitarbeiter beschäftigen.

„Europa wird mehr und mehr von Fälschungen überschwemmt“, sorgt sich Volker Bartels, Vorsitzender des Aktionskreises gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM), eines Bündnisses von betroffenen Unternehmen. Schließlich erweise sich das Geschäft mit Fälschungen als „krisenfest“. Laut EUIPO und OECD wurden 2016 weltweit Kopien im Wert von 509 Milliarden Dollar gehandelt. Das entspricht 3,3 Prozent des Welthandels, 2013 waren es erst 2,5 Prozent.

Produktpiraterie ist eng mit dem organisierten Verbrechen verwoben, das auch in Menschenhandel und Steuerhinterziehung verwickelt ist, konstatiert die EUIPO-Studie. Das Geschäft der Fälschermafia ist extrem attraktiv. Die Gewinnspannen sind sehr lukrativ und können deutlich höher sein als beim Drogenhandel.

So bringt die Menge Heroin, die sich für 1.000 Dollar herstellen lässt, einen Gewinn von etwa 20.000 Dollar ein, ermittelte das International Institute of Research against Counterfeit Medicines (IRACM) einmal. Wer zu gleichen Produktionskosten Zigaretten fälscht, kann bis zu 43.000 Dollar Gewinn einstreichen – und bei gefälschten Medikamenten sogar bis zu einer halben Million Dollar.

Den lukrativen Margen stehen relativ niedrige Risiken gegenüber. Sind doch die Haftstrafen und Geldbußen für die Verletzung geistigen Eigentums deutlich niedriger als etwa für Drogenhandel, moniert das EUIPO. Zudem konzentrierten sich Polizei und Strafverfolger eher auf Terroristen, Waffen- und Menschenhändler als auf Produktfälscher.

So könnten diese relativ ungestört arbeiten, Dokumente fälschen oder Zwischenhändler bestechen. Oft würden gefälschte Markenembleme und Verpackungen separat zum Produkt geschmuggelt und erst in der EU zusammengesetzt.

Das sind die dreistesten Fälschungen des Jahres
Der „Plagiarius“
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Im Februar wurde auf der Frankfurter Konsumgütermesse „Ambiente“ zum 43. Mal der „Plagiarius“ verliehen. Der Preis „adelt“ die besonders dreisten Unternehmen, die sich mit Plagiaten eine goldene Nase verdienen (daher auch die goldene Nase beim Zwerg). Die Aktion Plagiarius e.V. will mit dem Schmähpreis Produktpiraten an den Pranger stellen und unseriöse Geschäftspraktiken ins öffentliche Bewusstsein rücken.

(Foto: Aktion Plagiarius)
Platz eins: Schrägsitzventil „Typ 2000“
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Der Nachahmer hat ein ganzes Produktprogramm kopiert. Er verletzt die international registrierte Bildmarke (vier Streifen) und das unter anderem in China eingetragene Design. Bei der 1:1-Kopie des Ventils wurden alle Bürkert-typischen Designelemente übernommen, so dass Verwechslungsgefahr besteht.

Links Original: Bürkert Werke GmbH & Co. KG, Ingelfingen, Deutschland
Rechts Plagiat: Ningbo ACME Industrial Automation Co., Ltd., Ningbo, China

(Foto: Aktion Plagiarius)
Platz zwei: Spielzeugbagger „Liebherr Radlader“
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Das Plagiat ist kleiner als das Original – Design, Technik und Proportionen wurden aber 1:1 übernommen. Die billigen Materialen (Gehäuse, Räder…) und die schlechte Verarbeitung (instabil, lose Kleinteile) spiegeln die minderwertige Qualität wider.

Links Original: Bruder Spielwaren GmbH + Co. KG, Fürth, Deutschland
Rechts Plagiat: Hersteller: Hengheng Toys Factory, Shantou, China

(Foto: Aktion Plagiarius)
Platz drei: Gusseisenbräter „Staub Cocotte“
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Der Nachahmer hat alle charakteristischen Gestaltungsmerkmale des Originals 1:1 übernommen. Allerdings besteht das Plagiat nicht aus hochwertigem Gusseisen, sondern aus billigem Aluminium. Es kostet auch nur ein Zehntel des Originals.

Links Original: Zwilling J.A. Henckels AG, Solingen, Deutschland
Rechts Plagiat: Hersteller: Zhejiang Keland Electric Appliance Co., Ltd., Zhejiang, China

(Foto: Aktion Plagiarius)
Präsenzmelder KNX
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Design und Funktion wurden 1:1 kopiert, allerdings ist das Plagiat leistungsschwächer und hat einen kleineren Erfassungsbereich.

Links Original: Busch-Jaeger Elektro GmbH, Lüdenscheid, Deutschland
Rechts Plagiat: Hefei Ecolite Software Co., Ltd., Hefei, China

(Foto: Aktion Plagiarius)
Handbrause „Croma Select S Multi“
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Beide Nachahmer verletzen Designrechte von Hansgrohe in China. Für die Fälschung (Mitte) wird sogar „hansgrohe“ in chinesischen Schriftzeichen verwendet, wofür Markenrechte bestehen. Das Plagiat (rechts) wird über WeChat angeboten. Die Kopien kosten umgerechnet 0,85 bzw. 0,89 Euro und sind entsprechend minderwertig in Material und Produktqualität.

Links Original: Hansgrohe SE, Schiltach, Deutschland
Mitte Fälschung: Cixi City Changhe Ainuohua Sanitary Ware Factory, Zhejiang, China
Rechts Plagiat: Cixi City Changhe Yihao Sanitary Factory, Zhejiang, China

(Foto: Aktion Plagiarius)
Elektrische Kühlmittelpumpe „CWA 200“
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Rheinmetall Automotive, zu der auch der Ersatzteilspezialist Motorservice gehört, hat den Plagiator in Deutschland erfolgreich wegen Patentverletzung und sklavischer Nachahmung verklagt. Untersuchungen haben ergeben, dass das Plagiat leistungsschwach und die Elektronik mangelhaft ist. Fällt die Pumpe aus, so überhitzt der Motor und es kann zu schwerwiegenden Folgeschäden kommen.

Links Original: MS Motorservice International GmbH, Neuenstadt, Deutschland
Rechts Plagiat: Zhejiang Hongchen Auto Parts Co Manufacturing Co., Ltd., Zhejiang, China

(Foto: Aktion Plagiarius)

Vor allem aber missbrauchen Fälscher die Anonymität des Internets. Das Gros der Fälschungen wird über Web-Shops und Onlinemarktplätze verkauft. Die löschen zwar ominöse Einträge, kommen damit aber kaum nach. „Die Betreiber von Internethandelsplattformen, die selbst am Verkauf der Fälschungen verdienen, lehnen immer noch viel zu häufig jede Verantwortung ab“, moniert der APM.

Fake Shops wiederum nutzen überwiegend etablierte Internetdomains, die neu vergeben werden. „Das Problem ist die Masse dieser Angebote und die Tendenz, dass sie nach dem Entfernen kurze Zeit später an anderer Stelle wiederauftauchen – eine wahre Sisyphusarbeit“, so Bartels vom APM. Gerade für Mittelständler ist der finanzielle Aufwand, die Täter juristisch zu verfolgen, oft zu hoch.

Auf der Shoppingplattform Wish etwa sind regelmäßig Imitate der deutschen Uhrenmarke Nomos ab zwei Euro im Angebot. Ein Original kostet mehr als 1.000 Euro. „Die meisten Kopien kommen unseres Wissens aus China, werden im Internet vertrieben“, sagt Steffen Sturm, Produktmanager bei Nomos Glashütte.

Die Fälschungen erinnern oft nur sehr entfernt an das Original, zerkratzen schnell, ticken nicht richtig, sind billig verblendet. „Wer eine Nomos-Uhr gut fälscht, dem entstehen so hohe Kosten, dass sich dieses ‚Handwerk‘ nicht lohnt“, glaubt Sturm.

Trotzdem erwerben viele Verbraucher bewusst Imitate. Jeder zehnte EU-Bürger gibt zu, in den letzten zwölf Monaten gefälschte Marken gekauft zu haben. 27 Prozent halten laut EUIPO den Kauf für akzeptabel, wenn der Preis des Originalprodukts zu hoch sei. Von den Jüngeren zwischen 15 und 24 Jahren haben 41 Prozent keine Skrupel.

Die Fälscher können jedoch nur so günstig verkaufen, weil sie sich neben hochwertigem Material die Ausgaben für Forschung und Entwicklung und die Markenpflege sparen. Haben sich Fälscher früher auf Luxusgüter und Markenprodukte fokussiert, so sind längst Alltagswaren von Autoteilen bis Lebensmittel betroffen.

Im nordhessischen Northeim wurden im April zwei Männer festgenommen. Sie stehen im Verdacht, über Jahre im Internet und in mehreren Geschäften gefälschte Smartphone-Teile im Wert von 7,8 Millionen Euro verkauft zu haben. „Jedes Produkt mit einer Marke kann Opfer von Fälschern werden“, so die Studie.

Freihandelszonen sind Biotope für Fälscher

Die meisten Fälschungen stammen aus China, Indien, der Türkei, Thailand, Malaysia und Pakistan. Sie kommen über Hongkong, die Vereinigten Arabischen Emirate, Singapur, Marokko und Albanien in die EU. Im chinesischen Shenzhen hob die Polizei im April einen Fälscherring aus, der Lego produzierte. An Fließbändern wurden 90 Produktserien gefertigt. Die Beamten beschlagnahmten Fälschungen im Wert von 26,6 Millionen Euro.

Oft sind Freihandelszonen Biotope für Fälscher, haben OECD und EUIPO jüngst ermittelt. Steuerfreiheit, einfache Formalitäten und die zollfreie Einfuhr von Rohstoffen und Teilen macht diese Zonen für Produktpiraten attraktiv und sicher.

Weltweit gibt es rund 3500 Freihandelszonen, allein rund 80 davon in der EU. Die Studie zeigt: Jede zusätzliche Freihandelszone in einem Wirtschaftsraum erhöht den Anteil gefälschter Exporte um fast sechs Prozent. Traditionell gelangten Fälschungen in großen Schiffscontainern in die EU.

Doch die Transportwege verlagern sich immer mehr auf den Postweg. Sechs von zehn beschlagnahmten Produktfälschungen werden heute in kleinen Postsendungen gefunden. Wie die China-Imitate des Spielzeug-Radladers von Bruder ins Land gelangten, ist unbekannt.

Die Warenhauskette unterschrieb eine Unterlassungserklärung und leistete Schadensersatz. Doch das kann Firmenchef Bruder nicht trösten: „Solch eine Fälschung sorgt für Ärger, kostet viel Zeit und Energie. Und was das Schlimmste ist: Sie täuscht unsere treuen Kunden.“

Mehr: Der Geschäftsführer der Stecker-Firma Mennekes erkennt in Fälschungen ein größer werdendes Problem. Er hat es aufgegeben, dagegen vorzugehen. Lesen Sie hier das Interview.

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