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Reisebranche Wie Airlines und Flughäfen den Passagieren die neue Angst vorm Fliegen nehmen wollen

Kontaktloses Einchecken, kulante Umbuchungsmöglichkeiten oder Bargeldprämien – die Branche kämpft um das Vertrauen der Kunden. Das kostet viel Geld.
16.06.2020 - 09:13 Uhr 3 Kommentare
Mitarbeiter des Flughafens Paris-Charles-de-Gaulle rüsten sich mit Schutzmaßnahmen für den Neustart des Luftverkehrs. Quelle: dpa
Sicherheitskontrolle in Frankreich

Mitarbeiter des Flughafens Paris-Charles-de-Gaulle rüsten sich mit Schutzmaßnahmen für den Neustart des Luftverkehrs.

(Foto: dpa)

Frankfurt Zuweilen hilft Bares. Wer beim Reisekonzern Tui aktuell einen Urlaub bucht, kann bei bestimmten Angeboten 250 Euro sparen. Bis zum 22. Juni gewährt das Unternehmen einen entsprechenden Bonus. Er ist Teil der „Welcome-back-Kampagne“, mit der Tui nach dem wochenlangen Lockdown wegen der Corona-Pandemie und den sich nun wieder öffnenden Grenzen in Europa versucht, das Geschäft mit Reisen in Schwung zu bringen.

Die Aktion ist eine von vielen. Fast täglich werden ähnliche Kampagnen gestartet. Die Luftfahrt- und Reiseindustrie versucht mit allen Mitteln, ihre Flugzeuge und Hotels zu füllen. Sie muss es versuchen, denn für viele Anbieter in der Branche geht es mittlerweile ums nackte Überleben. Noch mehrere Monate Stillstand werden nur die wenigsten durchhalten können.

Und so wird um den Kunden geworben wie selten zuvor. Fast schon Standard sind mittlerweile kulante Umbuchungsregeln bei den Airlines. Bei Tuifly kann der Passagier Flüge, die bis Ende Juni gebucht werden, noch bis zu zwei Wochen vor dem Abflug kostenlos stornieren. Bei der Lufthansa-Tochter Eurowings wiederum kann der Kunde bis zu zwei Wochen vor dem geplanten Start beliebig oft und kostenlos umbuchen, auch auf andere Reiseziele.

Der irische Billiganbieter Ryanair verzichtet für Flüge, die für Juli und August gekauft werden, auf die sonst übliche Umbuchungsgebühr. Lufthansa-Chef Carsten Spohr wiederum hat versprochen, dass jeder Kunde, der am Ziel abgewiesen wird, etwa weil sich dort die Situation wegen Covid-19 – so der Name der neuartigen Lungenkrankheit – kurzfristig verändert hat, wieder zurückgeholt wird. Unerwähnt bleibt dabei, dass Airlines sowieso schon immer verpflichtet sind, abgewiesene Fluggäste zurück zu transportieren.

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    Doch die Maßnahmen und Versprechen sind eine Wette mit vielen Risiken. Die Vorstellung schreckt viele, in einem europäischen Nachbarland in einem Hotelzimmer zu sitzen und kaum etwas machen zu können, weil vieles geschlossen ist oder es massive Zugangsbeschränkungen gibt.

    Auch der Gedanke, mit Mund-Nasen-Maske eine längere Zeit in einer eng bestuhlten Flugzeugkabine zubringen zu müssen, überzeugt nicht gerade. Und so weiß kein Airline- und Reisemanager, wie groß die Nachfrage tatsächlich sein wird.

    Hochfahren des Betriebs kostet

    Dennoch müssen die Unternehmen in das Hochfahren des Betriebs investieren, um überhaupt was anbieten zu können. Personal muss vorgehalten werden, unabhängig davon, wie viele Kunden am Ende tatsächlich kommen werden. Und die Sicherheitsmaßnahmen gibt es auch nicht umsonst.

    Denn ob am Flughafen oder im Flugzeug: Überall muss in Schutzmaßnahmen investiert werden. Die Agentur der Europäischen Union für Flugsicherheit (EASA) hat kürzlich die Richtlinien der EU-Kommission in konkrete Empfehlungen übertragen. Das Tragen eines Mundschutzes während der Reise und auch am Flughafen ist mittlerweile fast schon selbstverständlich. Das Abstandhalten, soweit möglich, ebenso. Und der sehr eingeschränkte Bordservice ist vielerorts auch schon geübte Routine.

    Recht neu ist, dass diese Präventivmaßnahmen auch mit aller Gewalt durchgesetzt werden. Wer sich nicht daran hält, dem soll nach der Vorstellung der EASA der Zugang zum Terminal oder auch zum Flugzeug verweigert werden. Wer nicht gehen will, soll sogar mithilfe der Polizei dazu gezwungen werden.

    Das ist durchaus ernst gemeint, wie ein Vorfall in Amsterdam zeigt. Dort wurde ein Fluggast von der Behörde in Empfang genommen, der sich geweigert hatte, den Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Er muss nun 300 Euro Strafe zahlen.

    Tuifly schickt erste deutsche Testurlauber nach Mallorca

    Daneben gilt: Die Prozesse sollen so gestaltet werden, dass die Passagiere nicht länger als 30 Minuten ohne die Belüftung an Bord eines Flugzeugs bleiben, die angeblich für eine so saubere Luft sorgt, wie es sie sonst im OP-Saal gibt. Die Wartezeiten am Boden müssen also kurz gehalten werden, in denen die Triebwerke, die für den wesentlichen Teil der Frischluft sorgen, abgeschaltet sind.

    Auch am Boden, im Flughafen geschieht viel. Etwa am Sicherheitscheck, wo es normalerweise ohne engen Kontakt kaum geht. Eine einfache Maßnahme ist die Installation von Plexiglas-Schutzwänden, wie sie jeder mittlerweile auch aus den Supermärkten kennt.

    „Damit kann verhindert werden, dass Passagiere, die gleichzeitig ihre Kleidung ablegen oder ihr Handgepäck auspacken, sich gegenseitig etwa über Aerosole anstecken. Auch das Personal wird geschützt“, sagt Harald Jentsch, Head of Airports & Baggage Screening bei dem auf Checkpoint-Technologie spezialisierten Anbieter Smith Detection in Wiesbaden.

    Gerade an so kritischen Punkten wie dem Sicherheitscheck könnte das Coronavirus zudem dazu führen, dass mittlerweile in die Jahre gekommene Anlagen schneller als geplant durch moderne abgelöst werden. „Viele Technologien, die dabei helfen können, das Infektionsrisiko zu reduzieren, gibt es bereits. Denn das Thema kontaktlose Sicherheitskontrollen war schon deutlich vor dem Beginn der Corona-Pandemie aktuell“, sagt Alexander Rund, Kollege von Jentsch und bei Smith Detection Director Sales North & East Europe.

    Remote-Screening kann Ansteckungsgefahr reduzieren

    Ein solches Beispiel sind Screening-Geräte mit einer Technologie, wie man sie aus der Computertomografie in der Medizin kennt. Mittlerweile setzen immer mehr Flughäfen diese Anlagen ein, in Deutschland läuft zum Beispiel ein Test in München.

    Laut Jentsch von Smith Detection hat sie in Coronazeiten einige Vorteile: „Denn Flüssigkeiten und elektronische Geräte können im Handgepäck bleiben. Je weniger aber ausgepackt und angefasst wird, desto geringer ist auch die Ansteckungsgefahr für Fluggäste und Personal.“ Außerdem gebe es weniger Fehlalarme und damit weniger händische Nachprüfungen.

    Auch das Remote-Screening kann die Ansteckungsgefahr reduzieren. Dabei sitzt das Sicherheitspersonal etwas entfernt von der Kontrolllinie sicher und gut geschützt. Dadurch ergeben sich nicht nur weniger Kontaktpunkte mit den Passagieren. Auch können mehr Passagiere abgefertigt werden, da das System die Aufgaben automatisch auf freie Mitarbeiter verteilt.

    „Vor Corona war das zentrale Thema, den Durchsatz und die Effizienz beim Checkpoint zu erhöhen. Das hilft in der aktuellen Krise. Da geht es darum, die Infektionsgefahr einzudämmen, dabei aber nicht die Prozesse zu verlangsamen“, sagt Rund von Smith Detection. Schließlich würden die Passagierzahlen irgendwann auch wieder deutlich steigen. Das Problem: Dazu müssen die Kontrolllinien umgebaut werden.

    Die stark vom Tourismus abhängigen Balearen testen bis Ende Juni mit knapp 11.000 Touristen aus Deutschland, wie Urlaub in Coronazeiten funktioniert. Quelle: dpa
    Urlaubsparadies Mallorca

    Die stark vom Tourismus abhängigen Balearen testen bis Ende Juni mit knapp 11.000 Touristen aus Deutschland, wie Urlaub in Coronazeiten funktioniert.

    (Foto: dpa)

    Einfacher ist es, ein System von Smith Detection zu installieren, das mithilfe von UV-C-Strahlen die Gepäckwannen am Sicherheitscheck beim Rücklauf, also nach der Nutzung desinfiziert.

    „Unsere Messungen haben ergeben, dass 99,9 Prozent der Viren eliminiert werden können. Das System kann so in einen Checkpoint integriert werden, dass der Durchfluss an Passagieren nicht behindert wird“, sagt Jentsch. Die neuen Anlagen würden bereits in Neuseeland und Großbritannien getestet, ergänzt sein Kollege Rund: „Auch in Deutschland sind Tests geplant, etwa am Flughafen Köln-Bonn. Die könnten im Juli starten.“

    Jetzt gelte es, den Passagieren die Angst zu nehmen, so Rund. Ob das gelingt, wird sich zeigen. Vertreter einiger Airlines wie etwa Eurowings sprechen zwar von einer „sprunghaft steigenden Nachfrage“. Deshalb sollen im Sommer 80 Prozent der vor Corona geplanten Reiseziele wieder angeflogen werden. Auch bei Tui heißt es, man merke eine signifikante Nachfrage nach Urlauben.

    Hoffnung auf Mundpropaganda

    Doch in der Branche werden solche Aussagen auch als Teil der Überzeugungsarbeit gewertet. „Wenn die ersten Bilder von am Strand sitzenden Urlaubern durch das Netz gehen oder im Fernsehen zu sehen sein werden, wird das viele dazu bewegen, auch zu buchen“, beschreibt ein Airline-Manager das Kalkül. Der mittlerweile viel beschriebene Testlauf auf Mallorca mit 6000 Touristen passt der Branche deshalb perfekt ins Konzept.

    Doch auch, wenn die Nachfrage nach Reisen jetzt wieder deutlich steigen wird, bleibt es für viele Anbieter in der Branche schwierig. Denn zu dem höheren Aufwand für den Coronaschutz gesellt sich wahrscheinlich ein Preiskampf.

    Das zeigt der Blick nach China, wo das Virus als Erstes ausbrach: Dort geht es nach Analysen der Weltairline-Organisation IATA bei den Inlandsflügen seit Februar aufwärts.

    Allerdings: Die Fluggesellschaften haben die Ticketpreise zum Teil um bis zu 40 Prozent gesenkt. Laut IATA lagen die Ticketpreise in China im Schnitt um 23 Prozent unterhalb denen des Vorjahres. In Europa sei Ähnliches zu erwarten, prognostizieren die IATA-Experten.

    Mehr: Warum die Erstattung der Ticketpreise so lange dauert.

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    3 Kommentare zu "Reisebranche: Wie Airlines und Flughäfen den Passagieren die neue Angst vorm Fliegen nehmen wollen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Das muss jeder selbst wissen, wie wichtig ihm der Flug ist und welches Risiko er dazu bereit ist, einzugen. Wir haben gerade 17 h in einem Flugzeug unter der Maske verbracht, zuzüglich lange Stunden für An- und Abreise zum Flughafen. Wir haben das überlebt.

    • Um es auch für die Politiker, die auf "neue Normalität" machen wollen, glasklar zu betonen:
      Ich werde nie, nie, nie, nie freiwillig mehrere Stunden mit einer Maske im Flugzeug sitzen und freiwilig dadurch unter erschwerter Atmung leiden. Soweit ich es aus der Physiologie noch in Erinnerung habe, kann es auch zu einer respiratorischen Azidose kommen, weil durch längeres Tragen der Atemmaske die Abatmung von Kohlendioxid gestört ist. Das sind also bewusst krankmachende Bedingungen.
      Zum Glück muss ich nicht beruflich fliegen, und ich muss nicht unbedingt dort Urlaub machen, wo man nur mit dem Flugzeug hinkommt.
      Haben die Fluggesellschaften eben Pech gehabt, wenn sie sich mit ihren Lobbies nicht gegen diese Horror-Flugbedingungen wehren können...

    • Solange die Fluggesellschaften die Maschinen zu 100% auslasten wollen, werden viele Kunden sich das gut überlegen, ob sie das Corona-Risiko eingehen wollen.
      Es wäre wirklich angebracht, zumindest den Mittelplatz frei zu lassen, auch wenn dann die Tickets etwas teurer werden müssten.
      Die Bilder von den ersten Mallorca-Flügen waren nicht wirklich hilfreich.
      So will ich derzeit wirklich nicht fliegen ...

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