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Reisen Airlines und Reiseanbietern droht die nächste Krise – Branche setzt auf den Fluchtreflex

Tui, Lufthansa und Condor kalkulieren mit einer hohen Nachfrage in den kommenden Monaten. Doch die Sorge vor neuen Reisebeschränkungen wächst, die Situation ist fragil.
22.11.2021 - 17:00 Uhr Kommentieren
TUI, Lufthansa & Condor: Coronalage belastet Aktienkurse Quelle: dpa
Buchungen für den Sommerurlaub nehmen zu

Tui erwartet ein weitgehend normales Sommergeschäft 2022.

(Foto: dpa)

Frankfurt, Düsseldorf Stefan Baumert blickt zuversichtlich auf das Jahresende. „Die Reiselust der Deutschen ist ungebrochen“, sagte der Vorsitzende der Geschäftsführung von Tui Deutschland am Montagmittag. Fast alle Ziele seien wieder verfügbar. „Auf den Malediven haben wir sogar höhere Buchungszahlen als vor der Krise.“

Tui kalkuliert mit dem Fluchtreflex. Während die Inzidenz in Deutschland von einem Negativrekord zum nächsten eilt, wollen immer mehr Bürger endlich mal wieder dem Alltag entkommen. Die Airlines der Lufthansa-Gruppe bieten rund um Weihnachten und Neujahr 440 zusätzliche Flüge mit 80.000 Sitzplätzen an.

„Die Nachfrage ist weiterhin hoch, gerade in Richtung USA. Nur in Österreich sehen wir aktuell einige Stornierungen wegen des Lockdowns“, sagte ein Sprecher. Auch Condor berichtet von einer weiterhin starken Buchungslage.

Doch mit jedem Tag wächst das Risiko, dass die Anbieter auf Teilen ihres Angebots sitzenbleiben. Die ersten Alarmzeichen sind schon da: Aktuell verzeichne die Tourismusbranche wieder vermehrte Stornierungen und eine große Buchungszurückhaltung, klagte vor wenigen Tagen Norbert Kunz, Geschäftsführer des Deutschen Tourismusverbands (DTV).

Die Situation ist fragil. Gerald Wissel von der auf Luftfahrt spezialisierten Beratung Airborne Consulting kann aktuell zwar noch keine Blase erkennen. Der Nachholbedarf sei groß, angesichts dessen seien die Kapazitätsplanungen von Airlines und Reiseveranstaltern eher noch verhalten. „Das Risiko ist allerdings, dass einige Länder ihrerseits neue Einreisebeschränkungen beschließen, also etwa 2G oder 2G plus Negativtest. Das könnte Kunden abschrecken“, warnt Wissel.

Bei den Airlines und Reiseanbietern weiß man um diese Gefahr. „Wir müssen das sehr genau beobachten“, heißt es bei Lufthansa.

Tatsächlich häufen sich die Negativmeldungen. Vor wenigen Tagen erteilte das Auswärtige Amt den Rat, besser auf Kreuzfahrten zu verzichten. Für das Buchungsgeschäft der Tui-Reedereien Tui Cruises, Hapag-Lloyd Cruises und Marbella, das in den Sommermonaten gerade wieder anlief, ist das erneut eine schwere Belastung.

Die Börse straft Lufthansa und Tui vorsorglich ab

Am vergangenen Freitag erklärte das Robert Koch-Institut (RKI) dann Griechenland, Holland, Belgien und Irland zu Hochrisikogebieten. Für Tschechien und Österreich, das in der Wintersaison rund 50 Prozent aller europäischen Urlaubsreiseziele stellt, gilt diese Einstufung schon seit dem 14. November.

Für geimpfte und genesene Urlauber ändert sich dadurch zwar nichts. Ungeimpfte aber müssen nach ihrer Rückreise in Deutschland für mindestens fünf Tage in Quarantäne. Das gilt auch für Kinder, die noch nicht geimpft werden konnten. Vielen Urlaubswilligen könnte das die bisherigen Pläne durchkreuzen.

Tui-Manager Baumert bleibt dennoch gelassen. Nilkreuzfahrten würden wie geplant in diesem Winter stattfinden. „Auf Mein Schiff gibt es bis auf wenige Ausnahmen bereits die 2G-Regel.“ Und wenn Länder wie Costa Rica ab dem kommenden Jahr auf 1G umstellen würden, könne man auch das umsetzen. Die Kunden hätten sich an die neue Normalität des Reisens gewöhnt, bei der sich registrieren oder testen zu lassen oder den Impfnachweis vorzuzeigen genauso zum Alltag gehörten, wie sich rechtzeitig über Einreisebestimmungen zu informieren.

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Natürlich könnten die Hotels in Österreich wegen des aktuellen Lockdowns nicht öffnen, so Baumert. Aber die Skisaison beginne erst in einigen Wochen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Österreich-Beispiel flächendeckend Schule machen wird“, sagt der Tui-Manager: „Ich bin zuversichtlich, dass die Skisaison trotzdem stattfinden kann.“ Einige Hotels in Österreich hätten sogar eine Warteliste für die Zeit nach den Feiertagen.

Doch nicht alle teilen diese Zuversicht. Die eskalierende Coronalage belastet die Aktienkurse von Airlines und Reiseanbietern, Investoren sind zurückhaltend. Die Lufthansa-Aktie verlor seit Anfang November rund 13 Prozent an Wert. Das Tui-Papier büßte seit Anfang Oktober, nachdem sich der Konzern über eine Kapitalerhöhung etwas mehr als eine Milliarde Euro gesichert hatte, sogar ein Viertel ein.

Zwar begrüßen Analysten die erfolgreiche Kapitalerhöhung, die Tui Puffer bis ins kommende Jahr gebe. Auch stufte das US-Analysehaus Bernstein Research den Konzern von „Underperform“ auf „Market-Perform“ hoch. Doch beim Kursziel blieben die Experten vorsichtig, die Aktie habe basierend auf dem aktuellen Kursniveau noch ein Abwärtspotenzial von rund zehn Prozent, hieß es vor einigen Wochen.

Stabiles Kerngeschäft

Das zeigt: Für den Reisekonzern aus Hannover ist die kurzfristige Erholung, die sich Anfang Oktober auch am Aktienmarkt widerspiegelte, schon wieder verpufft. Dabei hatte sich ein zarter Turnaround angedeutet. Nach der erfolgreichen Kapitalerhöhung hatte die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) die Bonität auf „B–“ angehoben. Statt als „substanzielles Risiko“ werteten die Analysten Tuis Schulden damit nur noch als „hochspekulativ“.

Für den erheblich verschuldeten Konzern, den der Staat in der Coronakrise mit 4,3 Milliarden Euro an Bürgschaften, Krediten und Beteiligungen stützte, habe sich die Lage gebessert, verkündete S&P. Tui könne nun durch die erfolgreiche Ausgabe neuer Aktien die drückenden Verbindlichkeiten abbauen.

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Doch dafür braucht der Konzern ein stabiles und gutes Kerngeschäft. 60 und 80 Prozent des üblichen Programms für den Winter 2021/22 hat das Unternehmen laut Baumert bei Hotels und Fluggesellschaften geordert. Nun ist die Frage, ob er das alles auch absetzen kann. Schon die Buchungszahlen für den Oktober hatten gezeigt, dass sich der Reisemarkt nicht so rasch erholen würde.

Nach dem in der Branche stark beachteten „Reisebürospiegel“ des Touristikdienstleisters Travel Agency Technologies & Services (Tats) blieb der fakturierte Gesamtumsatz von Reisebüros, Vermittlern und Agenturen im vergangenen Monat um 49,6 Prozent unter dem Geschäft im Oktober 2019. Zwar stiegen die Buchungen in den zehn Monaten von Januar bis Oktober gegenüber 2020 um sechs Prozent. Verglichen mit demselben Zeitraum 2019 aber lagen sie 74,2 Prozent darunter.

Wie der Deutsche Reiseverband (DRV) Mitte Oktober in einer Befragung von 550 Touristikunternehmen ermittelte, rechnen 60 Prozent der Firmen erst für 2023 wieder mit einem Umsatz auf Vorkrisenniveau. Ein Drittel hält dies sogar erst 2024 für denkbar. Tui-Manager Baumert will dagegen schon im kommenden Jahr wieder Buchungszahlen wie 2019, also vor der Krise, erreichen.

Kunden buchen sehr kurzfristig

Dabei ist es für die Branche fast unmöglich, Prognosen zu machen, die über mehrere Monate gehen. Es wird so kurzfristig gebucht wie nie zuvor, was den Veranstaltern einen Strich durch die Planbarkeit macht. In den Hauptferienmonaten Juli und August, ermittelte Travel Data + Analytics (TDA), wurden 55 bis 61 Prozent aller Reisen weniger als vier Wochen vor der Abreise klargemacht.

Zwar traf die Krise alle Reiseveranstalter. Der Münchener Tui-Rivale FTI musste den Staat ebenso zu Hilfe rufen wie der Reiseanbieter Trendtours aus Kriftel bei Frankfurt. Tui-Verfolger DER Touristik profitierte zwar von seiner finanzstarken Konzernmutter Rewe, ohne Stellenabbau und Kurzarbeit kam aber auch der Kölner Reiseanbieter mit Marken wie Meiers Weltreisen, Jahnreisen und ITS nicht über die Runden.

Doch Tui wurde am heftigsten gebeutelt. Mitten in der sommerlichen Hauptsaison 2021 hatte der Konzern sein komplettes Eigenkapital aufgebraucht. Ende Juni 2021 klaffte in der Bilanz eine Lücke von 525 Millionen Euro, während dort drei Monate zuvor noch 193 Millionen Euro gestanden hatten. Grund war ein Quartalsverlust von 940 Millionen Euro nach 1,5 Milliarden Euro im entsprechenden Quartal des Vorjahrs.

Erst die im Oktober abgeschlossene Kapitalerhöhung entschärfte die Situation wieder. „Es gibt keinen Grund, sich um die Tui Sorgen zu machen“, sagte ein Sprecher am Montag mit Blick auf die Liquidität und die Schuldenlast.

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