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RobotikOtto-Group setzt auf Roboter von Boston Dynamics

Das Hamburger Versandhaus wird zum größten Kunden des amerikanischen Technologiepioniers. Der Hunde-Roboter „Spot“ soll Logistikzentren inspizieren und „Stretch“ soll Pakete aus Containern herausholen.Katharina Kort 12.09.2023 - 14:49 Uhr Artikel anhören

Die Maschinen von Boston Dynamics setzt Otto künftig in seinen Logistikzentren ein.

Foto: dpa

Boston. Zur Feier des Tages lassen der Vorstand der deutschen Otto Group Kay Schiebur und der CEO des Robotik-Pioniers Boston Dynamics den Roboterhund „Spot“ eine Parcours-Runde laufen: Spot hat die Größe eines kleinen Schäferhundes und rennt problemlos über Steine, Treppen rauf und runter und öffnet eine Tür, um sich zum Abschluss vor dem Publikum zu verbeugen.

Für den Besuch aus Deutschland steht auf dem hellblauen Roboter-Körper in weißen Lettern „Hermes“ – der Name der Logistiktochter der Otto Group. Schließlich sind Otto und Boston Dynamics ein neuartiges, strategisches Abkommen eingegangen.

In den nächsten zwei Jahren wird Otto nicht nur in mehr als zehn Logistikzentren den bekannten Roboterhund Spot für Inspektionen einsetzen. Auch der neuere Riesenarm mit Saugnäpfen mit dem Namen „Stretch“ soll demnächst in mehr als 20 Zentren der Otto-Gruppe zum Einsatz kommen, um etwa Pakete aus Containern zu holen. Außerdem wollen die beiden Unternehmen in der Forschung zusammenarbeiten, um die Roboter weiterzuentwickeln.

Otto ist der größte Kunde von Boston Dynamics

„Roboter und Künstliche Intelligenz sind die Gamechanger in der Logistikindustrie“, sagte Otto-Vorstand Schiebur dem Handelsblatt. „Und wir sind überzeugt, dass es in der Zukunft noch viele weitere Anwendungen für Spot und Stretch geben wird.“ Die Investition im Rahmen dieser Kooperation liegt im zweistelligen Millionenbereich.

Für Boston Dynamics ist Otto nicht nur der größte Kunde. „Es ist auch das erste Mal, dass wir eine Flotte mit verschiedenen Robotern liefern“, erklärte der Vorstandsvorsitzende Robert Playter. „Und wir sind sehr selektiv bei der Auswahl unserer Kunden“, betonte Playter. Mehr als 700 Unternehmen hätten Interesse bekundet.

Boston-Dynamics-CEO: Hunde-Roboter könnte Sprachmodelle integrieren

„Wir wollen die führende Position von Otto nutzen, um zu verstehen, was andere Anwendungen für unsere Roboter sein könnten“, so der Amerikaner. Anders als bei anderen Kunden wie GAP, H&M oder DHL, liefere Boston Dynamics bei Otto nicht nur ein paar Roboter aus, sondern eine ganze Flotte mit Stretchs und Spots in verschiedenen Varianten – mal zum Gas schnüffeln, mal zum Ablesen der Messgeräte oder um die Lagerregale zu kontrollieren.

Der Onlinehändler automatisiert seine Logistikzentren.

Foto: Otto

Aus der Kombination der Roboter mit Künstlicher Intelligenz (KI) werden sich nach Ansicht des Boston-Dynamics-Chefs zudem noch ganz andere Möglichkeiten ergeben: „Wir benutzen ja schon heute gerade bei der visuellen Erkennung von Objekten KI“, unterstrich Playter. „Aber mit der Verstärkung durch Sprachmodelle wie ChatGPT könnte Spot zum Beispiel eine Tür nicht nur erkennen, sondern auch fragen, ob er sie öffnen soll.“ Neue Funktionen könnten ohne große Probleme auch aus der Ferne aufgespielt werden, weil die Roboter vernetzt sind.

Playter ist schon seit den Anfangsjahren dabei, als Boston Dynamics noch ein reines Forschungs- und Entwicklungsprojekt der US-Innovationsbehörde Darpa war. Er hat miterlebt, wie Google 2013 die einstige Forschungsstätte übernommen und diese schließlich 2017 an Softbank weiterverkauft hat, bevor die Hyundai Motor Group eingestiegen ist und heute 80 Prozent der Anteile hält.

„Als wir angefangen haben, hatten wir keine Ahnung, wofür unsere Roboter gut sein könnten“, erinnert er sich. Der Wendepunkt sei 2016 mit Spot gekommen: „Da haben wir begonnen, daran zu glauben, dass wir unsere Produkte verkaufen und nicht nur Klicks auf Youtube bekommen können.“

Roboter: Atlas kann Purzelbäume und Saltos schlagen

Seitdem ist die Zahl der Mitarbeiter von 250 auf 800 gestiegen. In der Bostoner Zentrale laufen heute Dutzende Spots (einige mit Cowboyhut und Weihnachtsmütze ) rund um die Uhr im Testlauf Treppen auf und ab oder auf rutschigem Boden hin und her, während sich die Stretch-Arme (drei davon mit Hühnerköpfen) im steten Rhythmus hoch und runter bewegen oder im Wärmeraum auf ihre Hitzeresistenz getestet werden.

In einer Art Turnhalle trainiert außerdem einer der insgesamt nur vier existenten „Atlas“-Roboter. Der Zweibeiner sieht den Menschen am ähnlichsten und kann bereits Purzelbäume und einen Salto schlagen, was den ehemaligen Kunstturner Playter sicher freut. Ob dieser Roboter irgendwann – etwa beim Möbeltragen – auch in der Otto-Kooperation in den Einsatz kommt, ist noch nicht klar.

Für Otto ist Boston Dynamics bereits die zweite Roboter-Partnerschaft innerhalb weniger Monate. Erst im Mai ist Otto eine Kooperation mit dem US-Start-up Covariant eingegangen. „Die Roboter von Covariant sind vor allem auf das Heraussuchen und Greifen einzelner Produkte spezialisiert“, erklärt Schiebur. Stretch dagegen soll die schwere Arbeit übernehmen, ganze Container auszuräumen und die Pakete aufs Laufband zu packen – während Spot durch die Gänge läuft und aufpasst, dass die Temperatur stimmt, dass kein Gas ausstritt oder dass alle Feuerlöscher am richtigen Ort stehen.

Otto-Vorstand: Keine Jobs in Gefahr

„Wir brauchen die Roboter auch, weil der Arbeitsmarkt leer gefegt ist“, sagt Schiebur. „Diese Jobs will keiner mehr machen“, erklärte der Otto-Manager. Aber es würden neue Arbeitsplätze entstehen, etwa für jene, die die Roboter steuern und koordinieren müssen. „Wir haben keine Pläne, die Zahl der Mitarbeiter in unseren Lagerhäusern zu reduzieren“, stellt Schiebur klar.  

Die Tatsache, dass letztendlich auch andere Kunden von Boston Dynamics von den Weiterentwicklungen profitieren könnten, sieht der Otto-Vorstand gelassen: „Wir haben keine Angst davor. Je früher wir uns nach vorn bewegen, umso besser sind wir positioniert, wenn die anderen nachziehen“, sagte er.

Tatsächlich beschäftigt das Thema Robotik den Onlinehandel schon lange. Immer wieder haben verschiedene Anbieter damit experimentiert. Amazon etwa hat schon vor elf Jahren den Lagerroboter-Hersteller Kiva gekauft. Nach Unternehmensangaben sind heute insgesamt 750.000 mobile Roboter im Einsatz.

Bei vielen Anbietern fahren zwar Roboter große Paletten durch die Lager. Vielerorts komme auch ein Mix aus Vorsortieren per Roboter und Endverpackung per Mensch zum Einsatz, erklärt Marc Rousset von der Unternehmensberatung Oliver Wyman. „Aber die Ideallösung mit Robotern, die sich auch wirtschaftlich rechnet, die hat noch keiner wirklich gefunden“, meint Rousset. „Bisher gibt es noch keinen klaren Gewinner.“

Noch können Menschen besser Pakete packen

„Roboter sind bisher vor allem gut darin, Produkte herauszunehmen. Mitarbeiter sind besser darin, sie einzupacken“, meint auch John Harmon, Analyst bei der auf Einzelhandel und Technologie spezialisierten Beratung Coresight. „Aber dank der Möglichkeiten von KI und besserer visueller Erkennung könnte es in zehn Jahren komplett automatisierte Lager der Onlinehändler geben, die sich auch rechnen.“

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Auf dem Weg dahin arbeiten Einzelhandelsketten und Onlinehändler an immer neuen Lösungen. Das zeigt auch das große Interesse am Stretch-Roboter von Boston Dynamics, wie CEO Playter betont: „Wir sprechen mit vielen, und definitiv auch mit Amazon.“

Erstpublikation: 10.09.2023, 19:00 Uhr.

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