Rocket-Internet-Gründung Online-Plattform Jumia erobert den afrikanischen Markt

Jumia hat das geschafft, wovon große Konkurrenten noch träumen: Die Plattform wächst auf dem afrikanischen Markt. Das Geld kam auch aus Deutschland.
1 Kommentar
Medien spekulieren über einen Börsengang der Online-Plattform. Quelle: Nichole Sobecki / VII / Redux / laif
Jumia

Medien spekulieren über einen Börsengang der Online-Plattform.

(Foto: Nichole Sobecki / VII / Redux / laif)

Berlin, KapstadtFrüher einmal, als die Menschen noch per Schiff zu unbekannten Küsten aufbrachen, da waren die Weltkarten voller weißer Flecken. Heute in Zeiten von Navigationssystemen und Satellitenbildern sind diese unerforschten Landstriche ganz verschwunden. Aber auf der Karte, mit der die großen Tech-Konzerne des Silicon Valley die Welt vermessen und unter sich aufteilen, gibt es sie noch.

In China zum Beispiel, wo unter dem Schutzschirm der Kommunistischen Partei Alibaba aufgestiegen ist, ohne störende Konkurrenz. Auch der afrikanische Kontinent ist für viele Onlinegiganten noch nahezu Terra incognita.

Von Ägypten bis zum Kap der guten Hoffnung will sich nämlich ein anderer Konzern breitmachen: Jumia – 2012 als Africa Internet Group gestartet – erreicht heute rund fünf Millionen Kunden. Die Plattform ist nicht nur Marktplatz, sondern bietet zum Beispiel auch Hotelbuchungen, Vergleichsportale oder einen eigenen Zahlungsdienst.

An das Konzept glauben nicht nur Investoren wie Axa, Orange oder Goldman Sachs. Schon ganz zu Beginn half auch die deutsche Start-up-Schmiede Rocket Internet bei der Gründung. Seitdem sammelte das Unternehmen bereits 400 Millionen US-Dollar an Kapital ein.

Und die Zeichen stehen weiter auf Wachstum: Im ersten Quartal 2018 stieg der über die Plattform generierte Umsatz auf 151 Millionen Euro, was einem Anstieg von 70,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entsprach. Viele Experten sind sich sicher, dass es damit weitergehen dürfte. So könnte „Afrikas Amazon“ auch ein interessanter Börsenkandidat werden, wie Medien zuletzt Anfang des Jahres spekulierten. Doch das ist nicht die einzige Option, mit der Investoren wie Rocket Internet Kasse machen könnten.

Riesiger Markt für Onlinehandel

Afrika, das ist auch eine wirtschaftliche Verheißung: Seit Jahrzehnten orakeln Experten darüber, wann der Kontinent den Aufbruch schafft. Chancen gäbe es genug, weiß Christoph Kannengießer, Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft: „Es existiert eine wachsende Mittelklasse auf dem Kontinent, die heute schon circa 360 Millionen Menschen umfasst, und in Märkten, deren Potenzial für E-Commerce noch lange nicht ausgeschöpft ist, um nicht zu sagen noch kaum erschlossen ist.“

Interessant sei zudem, dass der Anteil der jungen Bevölkerung extrem hoch sei, so der Wirtschaftsexperte: „Junge Menschen nehmen neue Technologien sehr schnell an. So wird es auch die junge Generation sein, die dem E-Commerce einen Boom bescheren wird – schon heute verbreitet sich das Smartphone rasant.“ Bis 2025 werde das Marktpotenzial für den Onlinehandel in Afrika auf 75 Milliarden US Dollar geschätzt.

Jumia und Konkurrent Konga sind derzeit die beiden größten Onlinehändler in Afrika. In Nigeria, der größten Volkswirtschaft des Kontinents und zugleich Sitz von Jumia, nutzen rund drei Viertel aller Smartphonebesitzer die Plattform. „E-Commerce in Europa ist Bequemlichkeit, eine neue Art des Einkaufens“, sagte Sacha Poignonnec, Mitgründer und Co-Chef von Jumia, dem Handelsblatt.

„In Afrika ist E-Commerce eine Lösung.“ Lange Zeit hätten Kunden in Afrika keine Wahl gehabt. Es habe nur eine Hand voll von zum Teil sehr teuren Geschäften gegeben, so der Mitgründer: „Wir haben einen neuen Weg geschaffen“ – immerhin in 14 Ländern des Kontinents.

Doch trotz aller Aufbruchstimmung müssen Onlinehändler in vielen Ländern des Kontinents noch zahlreiche Hürden überwinden. So existieren kaum Datenbanken mit Privatadressen und so gut wie keine Logistikinfrastruktur. Auch wurden in der Vergangenheit viele Pakete, etwa nach Südafrika, gestohlen.

Rivale Amazon sah deshalb vor einigen Jahren keinen anderen Weg mehr, als alle Lieferungen in das Land am Kap zumindest zeitweise zu stoppen. Auch Afrikaexperte Kannengießer meint: „Die in vielen Ländern noch unzureichend ausgebaute Infrastruktur stellt die E-Commerce-Branche ebenfalls vor Herausforderungen. Transportwege im Hinterland sind oft wenig ausgebaut und machen Transporte teuer.“ In den urbanen Zentren sei der Verkehr oft so dicht, dass mit Motorrädern ausgeliefert werden muss, was die Effizienz mindere.

Dass Afrika am Ende tatsächlich Erfolgsgeschichten schreibt, beweisen die von Optimisten genannten Ausnahmestaaten Mauritius und Botswana, die dank einer erfolgreichen Freihandelszone beziehungsweise einer sinnvollen Verwendung der Einnahmen aus dem Rohstoffexport wachsen. Repräsentativ für den Kontinent sind sie jedoch nicht: Nur 0,3 Prozent der heute rund 1,25 Milliarden Afrikaner leben hier.

Doch selbst viele der aktuellen Wachstumsgeschichten wirken auf den zweiten Blick übertrieben: Wer sich zum Beispiel in den afrikanischen Metropolen etwas abseits der Stadtzentren mit ihren neuen Bürogebäuden umschaut, erkennt oft kaum Unterschiede zur Lage von zehn oder auch zwanzig Jahren.

Zwar verfügt inzwischen fast die Hälfte der Afrikaner über ein Handy, doch befindet sich die übrige Infrastruktur meist noch immer in einem desaströsen Zustand, was auch der Expansion von Jumia Grenzen setzen könnte. Die International Telecommunication Union (ITU) schätzt, dass rund drei Viertel aller Afrikaner noch kein Internet nutzen.

Schlechte Infrastruktur als Hemmnis

Bis heute gibt es zudem weder eine geteerte Straße noch eine Bahnlinie, die Afrika von Nord nach Süd verbindet. Auch fehlt fast überall eine auch nur leidlich intakte Energieversorgung, die aber für jede moderne Volkswirtschaft wichtig ist.

Entsprechend klein ist auch noch die Mittelklasse in der Bevölkerung, selbst im neuen Wachstumswunderland Äthiopien. Obwohl sich der Anteil der Bürgerinnen und Bürger, die von mehr als zehn US-Dollar am Tag leben, von 2005 bis 2015 verzehnfacht hat, zählen nach einer Studie der Standard Bank noch immer weniger als drei Prozent der Gesamtbevölkerung zur Mittelschicht. Über drei Viertel müssen sogar mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen, schreibt Simon Freemantle, Afrikaspezialist bei der Standard Bank.

Jumia versucht, sich anzupassen. Schon bei der Bezahlung herrschen andere Verhältnisse als in Europa oder Nordamerika. So ist ein Bankkonto keine Selbstverständlichkeit. „Wir haben die Option Barzahlung-bei-Lieferung eingeführt, weil viele Menschen keinen Zugang zu Banken haben“, sagt Poignonnec. Zusätzlich bietet das Unternehmen einen eigenen Zahlungsdienst.

 Doch wie schließlich das Paket den Weg zum Besteller findet, ist gar nicht so einfach: Nicht jede Straße oder Siedlung hat einen Namen, und private Zulieferer sind häufig unzuverlässig. Letzteres versucht Jumia zu umgehen. „Wir haben eine Plattform, auf der wir mit Hunderten von Lieferpartnern interagieren können. Zudem haben wir auch einen eigenen Lieferdienst entwickelt“, sagt Poignonnec.

Steigender Umsatz, keine Profite

Lucas Boventer, Analyst bei Warburg Research, glaubt: „Das Wachstum ist solide. Jumia setzt aktuell noch mehr auf rasante Expansion als auf Profitabilität.“ Das sei das klassische Rocket-Modell, meint Boventer. Auch Börsengänger wie Zalando oder Delivery Hero überzeugten die Anleger bisher durch ihre Wachstumszahlen, aber nicht durch ihre Gewinne.

Zuletzt machten Medienberichte die Runde, dass Jumia einen Börsengang anstrebe. Grund dafür könnte sein, dass es inzwischen weniger große Namen im einst vollgestopften Rocket-Portfolio gibt. Nach Delivery Hero, Hello Fresh zog es Mitte Juni zuletzt den Möbelhändler Home24 an die Börse. Der Samwer-Konzern hält immerhin rund 28 Prozent an der afrikanischen Plattform.

Poignonnec wiegelt ab: „Ein Börsengang ist nur eine Option, die wir uns anschauen – wir prüfen auch andere Finanzierungen oder einen neuen Teilhaber.“ Analyst Boventer glaubt aktuell noch nicht an den Gang aufs Börsenparkett: „Es ist viel wahrscheinlicher, dass Jumia eine neue Finanzierungsrunde eröffnet – die Aussichten auf Erfolg stünden gut, schließlich sind die Zahlen überzeugend.“

Auch Afrikaexperte Kannengießer glaubt an den langfristigen Erfolg: „Früher oder später werden gut ausgearbeitete und an den Markt angepasste E-Commerce-Modelle auch auf afrikanischen Märkten profitabel sein.“ Aktuell werde der Markt von Pionieren wie Jumia oder konga.com erschlossen, meint Kannengießer. „Jumia wird gegenüber später eintretenden Unternehmen den sogenannten First-Mover-Vorteil haben.“

Doch je stärker der E-Commerce-Markt wächst, desto verlockender könnte es auch für die Konkurrenz werden, es auf dem Kontinent zu probieren. Jumia-Mitgründer Poignonnec fürchtet sich aber nicht vor Amazon und Co. „E-Commerce kombiniert zahlreiche Bereiche von der Logistik bis zum Marketing. Dafür muss man eine Region verstehen und funktionierende Infrastruktur erschaffen, um erfolgreich zu sein“, sagt er. Für Amazon würde es sehr schwer, das zu kopieren, glaubt er.

Doch Kannengießer vom Afrika-Verein sieht noch eine andere Option: Ein Gigant wie Amazon könnte abwarten, bis sich lokale E-Commerce-Webseiten weiterentwickelt haben, und diese dann kaufen. Dem stimmt Boventer zu: „Nicht nur für Amazon könnte Jumia ein interessanter Kandidat sein, sondern auch für Alibaba, die so das ganze Know-how und die Infrastruktur abgreifen könnten.“

Alibaba und Jumia-Investor Rocket Internet haben bereits eine Vertrauensbasis: 2017 verkaufte die Berliner Firmenfabrik die verbliebenen Anteile am südostasiatischen E-Commerce-Shop Lazara für 276 Millionen US-Dollar. Im April 2016 hatten die Chinesen bereits die Mehrheit übernommen. Anfang Mai dieses Jahres verkaufte Rocket Internet die pakistanische Plattform Daraz an Alibaba.

Chef und Gründer Oliver Samwer kann eine beachtliche Erfolgsbilanz vorweisen – seine Strategie, früh in unterentwickelte Märkte einzusteigen, zahle sich aus, meint Analyst Boventer: „Jumia könnte ein spannender Übernahmekandidat werden. Wenngleich ein ziemlich teurer.“

Startseite

Mehr zu: Rocket-Internet-Gründung - Online-Plattform Jumia erobert den afrikanischen Markt

1 Kommentar zu "Rocket-Internet-Gründung: Online-Plattform Jumia erobert den afrikanischen Markt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Spannender Bericht der hoffentlich einmal eine Erfolgsstory Afrikas beschreibt. Leider verpaßt auch dieser Bericht die Ursache für den marginalen Wohlstandsgewinn Afrikas darzulegen: die Bevölkerungsexplosion !!! So lange die Bevölkerung derart wächst, gibt es keine Chance, dass das pro Kopf Einkommen bzw. Lebensqualität steigt. Die 2 (1-2%+Rest), 3 (1-2%, 2-5%, Rest) Klassengesellschaft wird immer extremer, mit dramatischen Folgen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%